Ich habe ihn adoptiert und ihm ein Mäntlein geschenkt

12.10.2011 21:56 von /cbx

Und zwar ein blaues! Wie vor längerer Zeit angedroht, möchte ich hier und jetzt streng gegen den Zeitgeist schwimmen und ganz schrecklich belangloses Zeug schreiben.

Mein kindle hat seine Probezeit bestanden und wurde von mir mit dem offiziellen Prädikat brauchbar geadelt. Verdient hat er sich dieses Prädikat hauptsächlich an unserem Wochenende in Schleswig-Holstein, als es galt, insgesamt 18 Stunden Bahnfahrt im Bukowski’schen Sinne mit Suff und Literatur totzuschlagen. In dieser Zeit habe ich drei Bücher gelesen:

  • Max Otte: “Stoppt das Euro Desaster!”
  • Dirk Müller: “Cashkurs” und
  • Christian Stöcker: “Nerd Attack!”

Inhaltlich mag das mit Literatur nicht viel zu tun haben, in einem gut gefüllten Großraumwagen sitzend ist es aber eine nachgerade ideale Lektüre. Doch über die Bücher will ich eh nix schreiben – nur über die reading experience.

Und die gestaltet sich durchweg positiv. Ich möchte einfach kurz und ohne Anspruch auf inhaltliche Stringenz ein paar Vorteile des kindle aufzählen und dann vielleicht noch ein paar Nachteile dran hängen.

Die Vorteile:

  • Der kindle ist kleiner und leichter als die meisten Taschenbücher.
  • Das E Ink Display sieht aus wie bedrucktes Papier hinter einer exzellent entspiegleten Glasscheibe. Es lässt sich bei jeder Art von Beleuchtung (allerdings nicht ohne Beleuchtung) hervorragend ablesen.
  • Die kompakte Form und das geringe Gewicht ermöglichen langes ermüdungsfreies Lesen in so gut wie jeder Position.
  • Der 3GByte Speicher fasst mehr Bücher (bei typisch unter 1MByte pro Buch) als ich in meiner verbleibenden Lebenszeit lesen werde.
  • Es ist unglaublich praktisch, jedes “Buch” jederzeit weglegen zu können und auch ohne Lesezeichen nie die aktuelle Seite zu verlieren – auch für alle Bücher gleichzeitig.
  • Der Akku hält eine gefühlte Ewigkeit.
  • Der Amazon Kindle-Store bietet aktuelle Bücher mit einer Lieferzeit von unter 60 Sekunden zu einem gerade noch erträglichen Preis an.
  • Das Project Gutenberg und andere versorgen auch den Kindle kostenlos mit Klassikern wie Rilke, Kafka, Marx oder Mann.
  • Keinesfalls zu unterschätzen ist auch der Luxus, nicht entscheiden zu müssen, welches Buch ins Reisegepäck darf und welches nicht.
  • Als ich unlängst 20 Minuten ganz hinten in den staubigen Regalen nach “Falsche Bewegung” suchte, wünschte ich mir die Möglichkeit, jedes von 3000 Büchern durch Eintippen des Titels in wenigen Millisekunden zu finden.
  • Zitate kopieren, Anmerkungen hinterlegen und Texte suchen zu können sind Komfort-Features, die man erstaunlich schnell zu schätzen lernt.
  • Man kann mit dem Gerät sonst so gut wie nichts anfangen.
  • Kurz: Der kindle ist praktisch und immer dabei.

Trotzdem gibt es natürlich auch Nachteile:

  • Das User Interface abseits des reinen Lesens ist (zumindest auf den alten Modellen) ein echtes Desaster. Die neuen Touchscreen-Modelle mögen (müssen!) dort wohl massiv aufholen.
  • Der angebotene Web-Browser ist bisher bestenfalls ein schlechter Witz.
  • Das Angebot an (insbesondere deutschen) Büchern bei Amazon ist bisher immer noch armselig.
  • Der kindle raschelt, staubt und riecht nicht wie ein Buch,
  • Man kann mit dem Gerät sonst so gut wie nichts anfangen.
  • Dafür, dass er nix kann, ist der kindle ganz schön teuer.

Ich als Kind der 80er stehe auf single purpose Geräte. Ich hatte früher einen PDA (Palm V) und ein Handy (Nokia 6310), die ihren eigentlichen Job perfekt erfüllten. Der Palm war ein kleiner, leichter und zuverlässiger Organizer, den ich überall dabei haben konnte und der notfalls wochenlang ohne Ladestation durchhielt. Genau so wie mein 6310, das drei Wochen mit einer Akkuladung lief und unter praktisch allen Bedingungen zuverlässiges Telefonieren ermöglichte. Heute besitzt fast jeder (ich nicht) ein Smartphone, das allabendlich ans Ladegerät muss, bei jedem größeren Update alle Termine und Kontakte vernichtet und mit dem man nur Sonntags im Freien bei Sonnenschein telefonieren kann.

Deshalb finde ich den kindle gut – eben weil er relativ kompromisslos um das fantastische E Ink Display herum gebaut wurde und (bisher – das wird sich mit dem kindle Fire ändern) nicht versucht, mehr als ein Lesegerät zu sein.

Wer also Bücher hauptsächlich wegen des Inhalts oder der Sprachkunst liest, der dürfte mit dem kindle ein praktisches, komfortables Werkzeug finden.

/cbx, Kategorie: Leichtes Leben -


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Eigener Senf dazu?

  1. Mine gab am 13. Oktober 2011, 14:46 folgenden Senf dazu:

    Hab seit knapp einem Jahr mein geliebstes Sony PRS-350 und möchte es nicht mehr wegdenken! Immer dabei um kurzweilig Wartezeit zu verkürzen und wenn das Buch ausgelesen ist, ist direkt das nächste da.
    Allerdings geb ich dir recht, die Buchauswahl ist immer noch bescheiden und die Bücher noch viel zu teuer.
    Hab da gestern doch noch auf SPON was gelesen: http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,791158,00.html

    PS: ein Schmartfon hab ich dennoch ;-)

    Mit Gruss

    /cbx meint dazu:

    Mit den EBooks wird es sein wie mit vielen anderen neumodernigen Gadgets. Wenn man sie erst mal hat, lernt man sie auch schätzen. Und wenn ich ein Schmartfon hätten täte, würde ich es wahrscheinlich auch nutzen und schätzen (und sei es nur wegen Angry Birds).