Es soll ja immer wieder einmal vorkommen, dass auch lange und stabil wirkende Partnerschaften dann doch eher plötzlich und irgendwie unerwartet auseinander gehen. Und für diesen Fall, also falls dieser Fall jemals eintritt, sollte man sich dann doch besser schon vorher genügend Gedanken dazu gemacht haben.

[Ewig währt am längsten. Ehe meistens kürzer]
Keine Sorge, ich werde mich jetzt sicher nicht entblöden, auch noch den Beziehungs-Erklärbär zu geben. Viel mehr möchte ich einen Gedanken anreißen, der sogar bei der netzaffinen Jugendgeneration nur selten Raum zwischen den Ohrstöpseln einnimmt – wobei diese Rahmenbedingung die Anzahl möglicher Themen schon ganz beträchtlich einschränkt. Ob die Einschränkung allerdings darin liegt, dass die jungen Netizens doch eh permanent über absolut alles tiefschürfend reflektieren, oder eher daran, dass zwischen den Stöpseln des MP3-Players gemeinhin keine für kognitive Prozesse geeignete Substanz mehr vermutet wird, sei dem persönlichen Vorurteil jedes Einzelnen überlassen.
Ich tendiere (wer hätte das gedacht?) eher zur ersten Variante. Nur alte, im Nexus des Verstaubten, Vergangenen und Vergessenen gefangene Knacker philosophieren heute noch, ob Androiden von elektrischen Schafen träumen. Die junge Generation stellt sich wesentlich konkretere und praktischere Fragen, wie:
- Was passiert mit meinem Facebook-Profil, wenn ich sterbe?
- Wer erbt meinen Warcraft-Account und meine Halo-XP?
- Gibt’s im Jenseits eine SMS-FLat?
und dergleichen mehr. Diese Fragen – beziehungsweise die Antworten darauf – sind sicherlich von erheblicher Bedeutung für unsere heutige Gesellschaft. Dennoch bin ich erschüttert, dass eine andere – mindestens ebenso bedeutende – Frage so gut wie nie gestellt wird. Und zwar diese:
- Was passiert, wenn mein Mail-Account vor mir stirbt?
Diese Frage – und damit komme ich langsam zum Thema dieses Textes – stellt sich mir in nachgerade penetranter Hartnäckigkeit, seitdem mein Kollege Thorsten unter die Domainhändler gegangen ist. Seit vielen Monaten schon kauft er nach, äh, nun ja, metaphysischen Kriterien die verschiedensten .de Domains, so bald sie frei werden, um sie später auf diversen Marktplätzen zu einem deutlich attraktiveren Preis wieder zu verkaufen. So weit, so langweilig.
Weil in Thorsten aber auch ein kleiner Hacker steckt, leitet er gewohnheitsmäßig alle Mails an alle seine rechtmäßig erworbenen Domains per Catchall an ein spezielles Mailkonto weiter. Und an genau dieser Stelle beginnt die Geschichte dann auch, etwas gruselig zu werden. Sobald man einen Blick in dieses Postfach wirft, wird einem schlagartig klar, welche brisanten Informationen da mir nichts, dir schon in den Händen eines vollkommen Fremden landen können.
Bevor ich mich weiter durch ungelenkes Schwurbeln unbeliebt mache, sollen hier ein paar (jugendfreie, SFW) Auszüge andeuten, was ich meine:

So etwas würde ich als ein recht persönliches Mail (und nebenbei ein harmloses Beispiel) bezeichnen. Will ich, dass irgendjemand Unbekannter so etwas liest?

Rechnungen von Online-Versandhändlern finden sich in Massen. Es ist ziemlich interessant, was die Leute so alles kaufen.

Die Mobilfunkrechnung ist ein Klassiker. Sie bietet schon ein sehr anständiges Spielpotenzial.

Und das ist ein Beispiel für Mail vom sozialen Netzwerk.
Jenen, denen bei diesen Beispielen noch kein leichtes Frösteln über den Rücken gelaufen ist, möchte ich mit einem kleinen Denkanstoß dazu verhelfen:
Durch die Mails kennt man schon Mailadresse, Benutzernamen und etliche Realdaten einer Person. Mit diesen Informationen ist der vollständige Identitätsdiebstahl nur mehr einen – auch für Laien beherrschbaren – Mausklick entfernt. Die meisten Seiten, die eine Anmeldung mit Passwort verlangen, bieten nämlich gleichzeitig auch die angenehme Komfortfunktion “Passwort vergessen?”, die üblicherweise binnen Sekunden ein gültiges Passwort an die registrierte Mailadresse (die, wie ich erinnern möchte, jetzt einem Fremden gehört) schickt. Wenn das nicht in die Kategorie “Hacken für Vollidioten” fällt, dann weiß ich nicht, was sonst.
Conclusio: Die Wahl einer privaten Emailadresse ist möglicherweise kritischer als man glaubt. In der Praxis hat man die Wahl zwischen zwei Übeln:
- Man wählt einen großen Mailprovider wie Google, Yahoo, Web.de, T-Online, Microsoft und dergleichen. Das minimiert das Risiko, dass die Maildomain jemals in fremde Hände gerät. Das ist aber andererseits auch nicht so wichtig, weil bei diesen Anbietern ohnehin jeder mitlesen darf, der nur laut genug danach schreit.
- Man wählt einen sehr kleinen Provider oder eine eigene private Domain. Damit erhält man ungleich mehr Freiheiten und Eingriffsmöglichkeiten – allerdings auch das Risiko, dass ein einziger Fehler zum Verlust der Domain und damit der Kontrolle über alle empfangenen Mails führt.
An dieser Stelle bin ich wieder einmal richtig froh, ein Kind der Achtziger Jahre zu sein. Ansonsten müsste ich mir jetzt nämlich noch schlaue Vorschläge einfallen lassen, wie man diesem Dilemma entkommen könnte.
In den Achtzigern hingegen hat es schon vollauf genügt, einfach Problembewusstsein geschaffen zu haben. Na dann – willkommen im Jahr 1986!








DerIgel gab am 23. Januar 2012, 23:52 folgenden Senf dazu:
Das mit den Mails ist ja mal echt bitter..
/cbx meint dazu:
Wirklich bitter ist, dass nicht einmal ich Profi-Pessimist mir dazu früher Gedanken gemacht habe. Und ganz ganz bvitter wird es, wenn der neue Besitzer der Domain nicht - wie in unserem Fall - einer von den Guten ist...