Ich trendsette...

28.01.2012 15:36 von /cbx


…normalerweise ja eher nicht. Im Gegenteil. Man könnte mich viel eher als veritablen Trendflüchter bezeichnen. Als es beispielsweise wieder fashionable wurde, sich gänzlich in schwarze Gewänder zu hüllen, wurde meine über Jahre aufgebaute umfangreiche Garderobe von schwarzen Hosen, Hemden, T-Shirts und Pullovern quasi augenblicklich zum Schrankhüten verdammt und ich musste eine substanzielle Summe aufbringen, mich mit neuen, bunten Kleidungsstücken einzudecken. Mein diesbezügliches Lebensmotto könnte durchaus heißen:

“To boldly go where all others have already left”

Hier und heute jedoch werde ich einen Trend setzen. Ganz sicher. Mehrmals schon habe ich hier ja schon durchklingen lassen, dass ich als Kind der 80er Jahre (und Besitzer eines mechanischen Gehirns) einen gewissen Faible für Single Purpose Geräte habe. Insofern hat mich die technische Entwicklung der letzten Jahre – insbesondere im Bereich der Telekommunikation – ziemlich irritiert. Aber nicht nur dort. Mit heftigem Kopfschütteln nehme ich zur Kenntnis, dass Toyota im SPIEGEL auf einer ganzen Seite für ein Auto wirbt, das man kaufen soll, weil es dem Besitzer seine SMS vorliest.

Ich glaube, dass unsere (also die “westliche”) Welt gerade tief in einer Phase des Kommunikationsrausches steckt. Kommunikation – beziehungsweise das, was wir noch dafür halten – ist fast vollständig zum Selbstzweck geworden. War Kommunikation früher primär Mittel zur sozialen Bindung und – zum kleinere Teil – zum Informationsaustausch, so wird heute kommuniziert, was das Zeug hält, ohne Rücksicht auf Verluste und – insbesondere – ohne dass dabei Informationen ausgetauscht oder soziale Bindungen gefestigt würden. Und während die einen im Internetcafé der Costa Concordia ersaufen, weil sie noch schnell ihren Facebook-Status updaten mussten “Wow! Das Schiff säuft ab. Ich glaube, wir sollten mal besser an Deck gehen!”, entblöden sich andere kein bisschen, gerade und besonders dann, wenn sie nicht denken und demzufolge nichts zu sagen haben, dies dann möglichst öffentlich zu tun. Hoppla, da wollte ich jetzt eigentlich gar nicht hin.


[Der neue Trend: Das Unsmartphone (Oui, en français)]

Das Bild zeigt es – ich wollte mal wieder über die allgegenwärtigen Nervensägen und Privatsphären-Verhinderer abranten, die wir fast alle permanent mit uns herumtragen. Zuerst wurden die Dinger immer kleiner, was in Anbetracht der Abmessungen eines (beispielsweise) Siemens S3, das ich gelegentlich als “Firmenhandy” mit mir herumschleppen durfte, keine schlechte Idee war. Irgendwann hatte ich dann ein NOKIA 8210, das für mich damals einen Meilenstein der Entwicklung darstellte. Es war so klein, dass man es mit normalen Fingern kaum mehr bedienen konnte und der Akku hielt nicht einmal fünf Tage durch. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass dies erst der Anfang einer, naja, äh, interessanten Entwicklung war. Zwischendurch gab es noch einmal ein kleines Highjlight, als ich ein NOKIA 6310i mein Eigen nannte. Dieses Ding war gerade so groß, dass man es gut bedienen und dennoch in die Hosentasche stecken konnte. Nebenbei konnte man es mit einer Akkuladung locker drei Wochen betreiben. Da ließ es sich durchaus verschmerzen, dass das Ladegerät ein recht großer, schwerer Klotz mit echtem Trafo drin war.

An dieser Stelle möchte ich mich dann auch ganz klar als Rechtsträger outen. Ich trage mein Telefon praktisch immer in der rechten Hosentasche mit mir herum. Dieser Ort hat den möglichen Alternativen (Sakko, Aktentasche, Hemdtasche) gegenüber unglaublich viele Vorteile. So pflege ich beispielsweise ziemlich genau 100% des Arbeitstages mit Hose herumzulaufen, was man von Sakko und Aktentasche (bzw. Koffer oder Rucksack) nicht behaupten kann. Und jeder, der sein Telefon einmal beim Bücken mit elegantem Schwung aus der Hemdtasche ins Klo befördert hat, weiß um das Problem damit.

Heute hingegen wird dies zunehmend schwieriger. Aktuelle Smartphones protzen – vielleicht abgesehen von Weinkeller und Mikrowelle – mit Features, die man noch vor wenigen Jahren sogar in der heimischen Wohnung in die Kategorie unnützer Luxus einsortiert hätte:

  • UMTS
  • MMS
  • 8 Megapixel-Kamera
  • HD-Filmkamera
  • MP3-Player
  • Mail Client
  • Browser
  • GPS Navigation
  • Twitter, Facebook, Bild.de Apps

undsoweiter. Die Liste lässt sich dank App Store ad nauseam fortsetzen. Bei Licht betrachtet allerdings glänzen all diese Hitech-Wunder nur halb so hell. Wer all diese Features wirklich nutzen möchte, stellt schnell fest, dass die aktuellen Kommunikations-Wunderwaffen ungefähr so praktisch und handlich sind wie dieses 600€-Taschenmesser:

Auch aktuelle “Smartphones”… Warum eigentlich smart? Was ist smart an denen? Ich werde sie fürderhin besser Bloatphones nennen. Also auch moderne Bloatphones sind so groß, dass sie sich kaum mehr sinnvoll in der Hosentasche transportieren lassen. Und dann kommt noch hinzu, dass die riesigen Displays, GPS, WLAN und UMTS derart durstig am Akku saugen, dass jedes dieser einzigartigen Kommunkationsgeräte allabendlich ein verbindliches Rendezvous mit der Steckdose verlangt. Und das wiederum bedeutet, dass man eigentlich auch noch andauernd das Ladegerät dabei haben muss. Naja, wenigstens die sind inzwischen wieder kleiner und leichter geworden.

Weil ich mir in meinem methusalischen Alter kein Gerät mehr antun möchte, das alles ein bissl aber nix g’scheit kann, das mich mit winziger Schrift, winzigen bunten Icons und grotesken Wisch-, Schiebe-, Dreh- und Spreizgesten nervt, habe ich mir ein echtes “Mobiltelefon” angeschafft. Für die unvorstellbare Summe von Zwanzig (in Ziffern: 20) Euro habe ich mir bei Amazon ein NOKIA 1616 besorgt. Schon die einmalige Optik und Haptik (Plastik-Plastik-Plastik!) lassen keinerlei Zweifel aufkommen, dass es bei diesem Produkt um die ernsthafte Konzentration auf die Essenz eines Mobiltelefons gegangen sein muss. Diese Essenz eines Mobiltelefons zeichnet sich dadurch aus, dass sie über all diese Features nicht verfügt:

  • UMTS
  • MMS
  • 8 Megapixel-Kamera
  • HD-Filmkamera
  • MP3-Player
  • Mail Client
  • Browser
  • GPS Navigation
  • Jedwede Art von Apps

dafür aber die von mir geforderten Merkmale:

  • Telefonie
  • SMS
  • Wecker

aufweist. Und nebenbei bietet das 1616 sogar noch eine LED-Taschenlampe (und ein unbrauchbares UKW-Radio). Weil sich die Technik der Li-Ion Akkus aber weitaus mehr entwickelt hat als die Features dieses Geräts muss ich es, auch wenn ich es benutze (zum Telefonieren natürlich, nicht zum Surfen, Filmen, Navigieren oder Facebookstatusupdaten) ungefähr alle zwei Wochen einmal aufladen.

Ich genieße diesen Luxus praktisch jede Minute. Wenn mich jemand anruft, vibriert es unauffällig (und ohne MP3-Gekreische) in meiner Hosentasche, wenn ich jemanden anrufen will, dann tue ich das. Darüber hinaus fällt mein 1616 dadurch auf, dass es nicht auffällt. Der einzige Moment, wo es dann doch mal auffällt, ist, wenn ich es in einer Business-Runde auf den Tisch lege. Dann zieht es mehr erstaunte Blicke auf sich als jedes iPhone-4S-GTX-IIb.

Und das gefällt mir.

/cbx, Kategorie: Leichtes Leben -


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Eigener Senf dazu?

  1. Nordlicht gab am 28. Januar 2012, 18:45 folgenden Senf dazu:

    Moin aus Hamburg!

    Das hier schön ausgebreitete Naserümpfen teile ich zu 110 %.

    Leider vertragen die Dinger das Runterfallen auf Betonböden nicht so gut und es ist nicht ganz einfach, Ersatz zu bekommen – zu sinnvollen Preisen. Wenn in meiner Umgebung so etwas ausgemustert wird, halt ich immer den Finger hoch.
    Das 1616 hat aber zwei Nachteile: Die Rückseite ist nur mühsam abzumontieren, aber dort pflege ich meinen Notgroschen in Form eines scharf gefalteten 20igers zu deponieren. Mit einem 6021 geht das erheblich besser. Und der Terminkalender für Erinnerungen ist zu sperrig.
    Interessante Alternativen gibt es auch unter der Rubrik „Rentnertelefone“. Da gibt es Geräte, die gar nicht groß sind und deren Bimmeln so laut ist, daß man sogar beim Rasenmähen noch was mitbekommt.
    Ansonsten: Wie schon richtig bemerkt, sind Telefone zu komplett albernem Spielkram verkommen. Letztens in einer Kneipe saßen am Nachbartisch 4 jüngere Leute, die ALLE ein eingeschaltetes Telefon vor sich auf dem Tisch hatten und da ständig drauf äugten. Was machen die Leute eigentlich? Na egal. Bitte weiter so – hier meine ich.

    /cbx meint dazu:

    Ich stimme vollinhaltlich zu. Robust ist das Zeug nicht - obwohl mein 1616 mehr verträgt als man ihm zutraut. Der Kalender allerdings - da stimme ich Dir ebenso zu - ist eine Referenzimplementierung dafür, was man im User Interface Design alles falsch machen kann. Aber was soll's - es ist schließlich ein Telefon und kein Onanizer. Rentnertelefone wären vielleicht eine interessante Alternative, wenn die Dinger nicht - der Zielgruppe angemessen - vollkommen absurd teuer wären.

  2. Thora gab am 29. Januar 2012, 20:06 folgenden Senf dazu:

    Ich habe für mein Handy eine praktische Handytasche, welche man am Gürtel festmacht. Somit bleibt meine rechte Hosentasche frei für den Schlüsselbund und ich habe somit auch immer alles dabei. Die Idee mit dem scharf gefaltetem Notfall 20er im Handy finde ich total genial! Leider passt dieser in mein momentanes Handy nicht rein. Aber für mein nächstes wird es zum Kill Kriterium! Ansonsten habe ich auch ein relativ einfaches Handy

    Mit gefällt ebenfalls SMS sehr gut, und daher ist es unbedingt erforderlich, dass auch alle Buchstaben funktionieren. Der Akku hält zwar nur eine Woche, aber ich bin eigentlich zum Schlafen immer zuhause und dann stört es nicht, wenn man es einstöpselt. Auch wenn ich das Handy zu 90% benutze um zu telefonieren, so finde ich es dennoch praktisch, dass ich damit notfalls online Wörter übersetzen kann oder mobil einen Domain Namen kaufen kann.

    /cbx meint dazu:

    Ach ja, die Handytasche am Gürtel. Ich glaube in de 90ern hatte man das...

  3. joggl gab am 30. Januar 2012, 09:27 folgenden Senf dazu:

    Ich habe genau dieses Handy als Firmenhandy bei Amluk. Meine Frau hat das Handy privat und als Firmenhandy der Stadt Baden-Baden. So cool biste also gar ned :P
    Du solltest deiner Frau auch ein solches 1616 kaufen, es gibt nämlich Sudoku bei den Spielen!

    /cbx meint dazu:

    Ich sehe schon, ich muss mir doch noch irgendwo ein Original S6 besorgen.

  4. joggl gab am 30. Januar 2012, 11:15 folgenden Senf dazu:

    das ist mir zu unhandlich, da bleib ich lieber bei meinem C5, das hat wenigstens nen Griff!

    /cbx meint dazu:

    C5? OK, Du hast gewonnen.

  5. Simon Voggeneder gab am 31. Januar 2012, 22:33 folgenden Senf dazu:

    So sehr ich mein Smartphone mag:

    Ich habe mich selbst schon dabei ertappt zu erkennen, dass Smartphones uns einige der schon für überwunden geglaubten Geburtswehen digitaler Kommunikation neu bescheren: Portabilitätsprobleme (Größe, Akkulaufzeit) hast du bereits erwähnt, mir ist zusätzlich in den Sinn gekommen, dass ich mit dem Smartphone das erste Mal seit Jahren wieder die Freude hatte, mich mit limitiertem Datenvolumen herumschlagen zu dürfen. Und habe – dank Tethering – doch glatt das erste Mal seit einer halben Ewigkeit wieder Gebühren für das Überschreiten desselben bezahlt.

    /cbx meint dazu:

    Ja, das ganze Leben ist ein einziger Kreislauf.

  6. ernst gab am 1. Februar 2012, 19:46 folgenden Senf dazu:

    So ganz teile ich den Jubel fürs puristische Dumbphone nicht. – Naja, super-smart ist mein Fon auch nicht, aber ich schätze den auch unterwegs stets synchronisierten Kalender in der Tasche, den Wecker und den Email-Client um zu sehen ob’s was wichtiges gibt.

    Den Rest kann man eigentlich knicken: Surfen auf der vergrößerten Briefmarke – na ja, Emails, Anhänge oder gar Office-Dokumente bearbeiten – welche Strafe, und für alles andere bin ich wohl zu altmodisch oder selber nicht smart genug.

    Als Ergänzung fürs GPS habe ich als besonders interessante App den Akku-Monitor. – Der zeigt mir dann, wie ein mit allem Schickschnack arbeitendes GPS den Ladeadapter im Auto locker in Schach hält.

    /cbx meint dazu:

    Oh ja, wenn das mit dem Kalender mal funktioniert, ist ein Smartphone schon ein bissl brauchbarer. Dafür aber reicht meine schlichte Fachkompetenz (bzw. wahlweise Geduld oder Hartnäckigkeit) offenbar nicht aus.

  7. oachkatz gab am 6. Februar 2012, 19:57 folgenden Senf dazu:

    Angeber.

    /cbx meint dazu:

    Tja, liebe Oachkatz, wer hat, der kann. Eine dicke Hose steht nicht jeden :-P

  8. Der Allgäuer gab am 20. Februar 2012, 22:06 folgenden Senf dazu:

    Ich weiß gar nicht, was an Smartphones so schlimm sein soll.

    Mein Smartphone (Nokia 7110 von 1999) kann runterfallen, ohne daß es kaputtgeht, der 13 Jahre alte Akku hält immer noch 4 Tage durch, wenn ich es auf den Tisch lege, werde ich von all den I-Phone-Lemmingen ungläubig angestarrt, und ich kann auch ins Internet damit. Das Ding hat nämlich WAP. Ich habs zwar noch nie ausprobiert, aber ich könnte…

    Und es passt in die Hosentasche…

    Also warum Gauck und nicht Gottschalk?

    /cbx meint dazu:

    Das ist natürlich noch ein Stück besser. Ein Vintage Klassiker.