Unter dem Pflaster liegt der Strand

30.01.2012 20:57 von /cbx, derzeit 1.49872 Kommentare

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“Ich danke meinem Schöpfer!”

“Sowie meinem Schneebesen und meinem Salatbesteck. “

Disclaimer: Ich gestehe noch bevor ich kostenpflichtig abgemahnt, beschimpft, und entglimpft werde: Ich habe diese Kernsätze moderner Lebensführung des 21. Jahrhunderts plagiiert. Das ursprüngliche Copyright daran besitzt mein Zentralgestirn und ich hoffe ebenso inständig wie inhärent und auch implizit, dass Sie ihre wertvollen Lebensweisheiten unter eine Creative Commons Lizenz stellt.

Wahrlich, ich danke all meinen Küchenwerkzeugen dafür, dass das unergründliche Schicksal, die unbestechliche Vorrsähung mir – wie immer, wenn es nur um belanglosen Dummfug geht – kurzfristig noch mit helfender Hand zur Seite gesprungen ist.


[Der Strand befindet sich im unteren, hier unsichtbaren Teil des Bildes.
Darüber wollen wir jetzt gemeinsam eine Minute lang nachdenken.]

Es war, bitteschön, folgendes: Am Wochenende las ich, wohl geb’ ich’s zu – vorab schon Übles ahnend, bei Heise/Telepolis einen Text (das war noch die neutralste Formulierung, die mir dazu einfiel) unter der intellektuell prickelnden Großhirnrindenkitzler-Überschrift “Windows reboot / Linux be root” Ich erhoffte mir wenig und erwartete das Schlimmsite. Und meine Erwartung wurde – ganz im Gegensatz zu meiner Hoffnung – nicht enttäuscht.

Thema war – wie originell – einmal mehr ein Brauchbarkeits-Vergleich zwischen einer Linux-Distribution (Debian) und irgendeiner nicht näher bezeichneten Windows-Version. Nach Jahrzehnten hitzigster Flamewars hätte ein fairer und sauber recherchierter Text an dieser Stelle es vielleicht geschafft, für einige Tage einen Funken von Vernunft zwischen den verhärteten Fronten der fanatischen Glaubenskrieger, Fundamentalisten und militanten Agnostiker aufglimmen zu lassen.

Doch der Text erreicht das genaue Gegenteil indem er vollkommen unreflektiert Halbwahrheiten, uralte, lange nicht mehr gültige Feindbilder und (höflich formuliert) schräge Vergleiche weitgehend zusammenhangslos aneinanderreiht – womit zwar keinerlei Information oder Verständnis vermittelt, dafür aber ein gut gefülltes Schatzkästlein mit Ansatzpunkten für weitere fruchtlose Trollschlachten präsentiert wird.

Wer jemals wirklich seine gesamte PC-Tätigkeiten unter GNU/Linux abwickelt, wird das Schwärmen von überragender Stabilität, überlegener Benutzerfreundlichkeit und herausragender Geschwindigkeit je nach Naturell mit sanftem Kopfschütteln oder einer eindeutigen Mittelfinger-Geste zu kommentieren wissen.

Mein Resumee nach rund 30 Jahren Computerbenutzung ist: Betriebssysteme stürzen ab, sobald man aktuelle Treiber verwendet, Anwendersoftware stürzt ab, sobald man länger ernsthaft damit arbeitet und jeder Computer nervt, wenn man konkrete Ziele damit erreichen muss. Durch die Wahl von Betriebssystem und Anwenderprogrammen kann man sich lediglich aussuchen, womit und wie man genervt wird. Seit mittlerweile zehn Jahren setzen wir bei AMADYNE flächendeckend nur mehr Linux ein und niemand dort wird ernsthaft behaupten, dass unsere Systeme stabiler, schöner, schneller oder überhaupt irgendwie besser wären.

Noch vor ein paar Stunden hätte dieser Rant hier geendet, verbunden mit dem Tipp, dass doch bitte einfach jeder mit seinem Windows, MacOS, Ubuntu oder was auch immer nach eigenem Ermessen unglücklich werden und niemand anderen missionieren soll.

Heute hingegen hat sich das Blatt gewendet.

Unter dem Pflaster
ja da liegt der Strand
komm reiß auch du
ein paar Steine aus dem Sand.

Wir hatten ein ziemlich lästiges Problem auf unserem neuen EMU. Sobald die USB-Kommunikation mehr als einmal transient gestört wurde (und das kann in einer Maschine schon mal vorkommen), verfiel das damit verbundene Interface in nachhaltige Katatonie. Mit den älteren Kernelversionen, die wir auf der älteren Maschine (fab) einsetzen, war diese Verhalten nicht zu beobachten. Und an genau dieser Stelle konnte ich dann doch noch einen enormen Vorteil von Linux nutzen. Einmal kurz die beiden Versionen des Treibers ftdi_sio.c in Kompare geladen und nachgesehen, was sich geändert haben mag. Wenige Minuten später war klar, was passiert war. Diese raffinierte Optimierung war (unter Anderem) dazugekommen:

	if (old_termios->c_cflag  termios->c_cflag
	    && old_termios->c_ispeed  termios->c_ispeed
	    && old_termios->c_ospeed  termios->c_ospeed)
		goto no_c_cflag_changes;
	/* NOTE These routines can get interrupted by
	   ftdi_sio_read_bulk_callback  - 
           need to examine what this means -
	   don't see any problems yet */
	if ((old_termios->c_cflag & (CSIZE|PARODD|PARENB|CMSPAR|CSTOPB)) 
	    (termios->c_cflag & (CSIZE|PARODD|PARENB|CMSPAR|CSTOPB)))
		goto no_data_parity_stop_changes;

Sieht man großzügig über die beiden goto hinweg, die in der Kernelprogrammierung durchaus zum guten Ton gehören, stellt man fest, dass hier die Hardwarekonfiguration nur mehr initialisiert wird,wenn der Treiber der Meinung ist, dass sie sich wirklich geändert hat. Fällt aber das Gerät am anderen Ende des Busses kurz aus, so kann (in unserem Fall wird) es seine Konfiguration vergessen, ohne dass der Treiber das bemerkt. Es wird anschließend zwar wieder mit dem USB-Subsystem verbunden, aber nicht mehr korrekt initialisiert – und dann funktioniert es halt nicht mehr.

Komm laß dich nicht erweichen,
bleib hart an deinem Kern,
rutsch nicht in ihre Weichen,
treib dich nicht selbst dir fern.

Der Rest war eine Sache von drei Minuten. Ich habe vorerst diese Optimierung einfach raus gepatcht, den Treiber compiliert und das Problem zum Verschwinden gebracht.

Und sowas geht halt nur, wenn die Quellcodes des Betriebssystems offen liegen.

/cbx, Kategorie: Linux LeidenSchaf(f)t -

 

Eigener Senf dazu?

  1. Simon Voggeneder gab am 1. Februar 2012, 08:11 folgenden Senf dazu:

    Wer jemals wirklich seine gesamte PC-Tätigkeiten unter GNU/Linux abwickelt, wird das Schwärmen von überragender Stabilität, überlegener Benutzerfreundlichkeit und herausragender Geschwindigkeit je nach Naturell mit sanftem Kopfschütteln oder einer eindeutigen Mittelfinger-Geste zu kommentieren wissen.
    Ach, herrlich gelacht.

    Ein Monat Linux für alles zu verwenden hat mich mehr Zeit für System-Administration gekostet als meine gesamte Windows-Zeit zusammen. Und dabei kannte ich mich gar nicht schlecht aus. Aber wenn jedes dritte Update irgendwas im System zerschießt, weil es einfach nicht ausreichend getestet ist – dann kann das schon mal zu einem genervten Grummeln führen.

    Mein All-Time-Favorite: Updates, die XOrg crashen lassen.

    Aber wenn es einmal läuft, kann Linux ein wunderbares Betriebssystem sein. Vermisse unter Windows einige seiner Vorzüge. Aber nie so sehr, dass ich mir den Plattformwechsel noch einmal antun würde – wenn es um den Produktivbetrieb geht.

    /cbx meint dazu:

    Wie geschrieben: "...dass doch bitte einfach jeder mit seinem Windows, MacOS, Ubuntu oder was auch immer nach eigenem Ermessen unglücklich werden und niemand anderen missionieren soll." Das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

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