Unpolitischer Aschermittwoch

22.02.2012 21:16 von /cbx, derzeit 2.33118 Kommentare

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Manchmal ist es gut, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, denn dann ist man für so manche entnervende Einflüsterung wesentlich weniger empfänglich. Voll entspannter Gleichgültigkeit kann ich hier sitzen und behaupten, dass mich der ganze Eiertanz um den BILDschönen neuen Bundespräsidenten kaum tangiert.

Mit einem feinsinnig-hinterfotzigen Grinsen nehme ich zur Kenntnis, dass sich die Bananenrepublik Deutschland gerade in einer Phase der Österreichisierung befindet. Während in Österreich seit Jahrzehnten die Kronenzeitung die Bundesgesezte diktiert, wählt neuerdings in Deutschland die BILD-Zeitung den Bundespräsidenten. Bleibt mir nur festzustellen: “Willkommen dort, wo wir Ösis schon längst sind…”

Doch während die Leistungsträger der herrschenden und der schreibenden Zunft sich gegenseitig die Schauferl und Küberl über die Birnen gezogen und einander mit Sand und Gatsch beworfen haben, durfte ich mich an zutiefst technischen Dingen delektieren.


[So könnte ein richtiger Server aussehen…]

Vor einiger Zeit bin ich nämlich eher zufällig in unserem Wiki über ein Dokument gestolpert, in dem ich vor gefühlt 1000 Jahren eine Zuverlässigkeitsbetrachtung gerechnet und festgelegt habe, dass die Festplatten unseres Servers bonaire nach 20.000 Betriebsstunden ersetzt werden sollten, um eine Ausfallwahrscheinlichkeit unter 3% einhalten zu können. Ein kurzer Blick auf den SMART-Status der drei Festplatten löste einen kleinen Hustenanfall aus. Die Stundenzähler hatten bereits die 30.000 hinter sich gelassen. Nun, es geht nichts über gutes Terminmanagement.

Also besorgte ich neue Festplatten (WD-RE4 mit 1000GB) und setzte einen fliegenden Hilfsserver auf, der im Lauf einiger Tage die insgesamt 1200 GBytes Daten unseres Servers auf die neuen Platten spielte. Um die Sache nicht zu langweilig werden zu lassen, beschloss ich, die IO-Last besser auszugleichen und verschiedene Verzeichnisse neu auf die Festplatten zu verteilen. Schließlich wartete ich nur mehr auf einen geeigneten Termin, bonaire auszuschalten und mit den neuen Festplatten bestückt wieder hochzufahren.

Dieser Termin fand sich nach längerer Prokrastination schließlich am gestrigen Faschingsdienstag. Bereits um 17:20 war ich alleine im Büro und konnte beginnen. Im Prinzip ist so ein Festplattenechsel ähnlich kompliziert und risikoreich wie das Ausspucken eines Kaugummis. In der Praxis hingegen…

Es begann damit, den Server nach 867 Tagen ununterbrochenen Betriebs herunterzufahren, abzustöpseln und aufzuschrauben. Anschließend konnte ich mit Schaufel, Besen, Staubsauger und schließlich Druckluftpistole den Staub von rund 2½ Jahren Schicht um Schicht abtragen und anschließend die alten Festplatten aus dem Gehäuse entfernen. Nach einer weiteren gründlichen Reinigung wurden die neuen Festplatten eingebaut, der Rattenkönig von Netzwerk-, USB- und Stromkabeln wieder mit dem Server verbunden und der Einschalter betätigt.

Daraufhin geschah: Nichts! Ja, das war ziemlich genau das, was ich zwar nicht erhofft, dafür aber erwartet habe. Es kommt relativ oft vor, dass Systeme, die über Jahre ununterbrochen klaglos funktionieren nach einer Zwangsunterbrechung beschließen, das klaglose Funktionieren anschließend komplett einzustellen.

Nur gut, dass ich ein Ersatz-Mainboard quasi griffbereit zur Hand hatte. Da sage noch einmal jemand, Pessimismus wäre eine kontraproduktive Einstellung. Eine weitere halbe Stunde später war das neue Mainboard im Servergehäuse verbaut und ich konnte einen zweiten Startversuch wagen.

Drei Minuten später dankte ich ausnahmsweise mir selbst für die Entscheidung, unsere Server mit Linux zu betreiben. Hätte ich jetzt einen Windows-Server gehabt, wäre der Wechsel des Mainboards erst der Anfang einer echten Serie von Problemen und Katastrophen gewesen. Der Linux-Kernel hingegen verdaute den anderen Chipsatz und die neue CPU ohne zu murren, startete sauber hoch und verhielt sich, nachdem ich die MAC-Adresse des onboard LAN angepasst hatte, genau so wie sein eben selig entschlafener Vorgänger.

Dass ich dann doch noch bis nach 22:00 Uhr basteln konnte, war meiner Optimierung der Lastverteilung geschuldet, die noch des einen oder anderen Feintunings bedurfte. Naja, ähm – OK – ich hatte vergessen, einige Serverdieste vorab schon über den neuen Aufenthaltsort ihrer Daten aufzuklären…

Letztendlich aber war ich am Ende dieses Tages sehr zufrieden, auch in meinem fortgeschrittenen Alter die geplante Aufgabe trotz einiger ungeplanter Hindernisse erfolgreich erledigt zu haben – und das, ohne in hektischen Aktionismus mit begleitender Koprolalie auszubrechen.

Und übrigens: Ich habe mir den Freitag, den 20.02.2015 als Termin für den nächsten Hardwaretausch vorgemerkt.

/cbx, Kategorie: Linux LeidenSchaf(f)t - Aus der Schule

 

Eigener Senf dazu?

  1. Simon Voggeneder gab am 23. Februar 2012, 10:08 folgenden Senf dazu:

    Ich bin ergriffen von der Gründlichkeit, mit der du vorgegangen bist.

    Ist das ein Photo von bonaire?

    /cbx meint dazu:

    Ha, das wäre schön, wenn das der Bonaire wäre. Das Foto zeigt einen gewöhnlichen Industrie-PC. Bonaire hingegen steckt in einem 12 Jahre alten, fast mannshohen Towergehäuse (wie das damals so Mode war).

  2. Simon Voggeneder gab am 23. Februar 2012, 22:00 folgenden Senf dazu:

    Vielleicht bekommt bonaire statt nur einer Festplatte auch ein fesches Gehäuse spendiert :-)

    /cbx meint dazu:

    Schlechte Idee. Bonaire steht im Chefbüro und unsere IPCs erzeugen eine Geräuschkulisse die ein startendes Spaceshuttle wie einen Lercherlschas wirken lassen. Schlecht, wenn man da nebenbei noch telefonieren will. Das riesige und schwere Towergehäuse hingegen hat genug Platz für ein paar große, langsam laufende Lüfter...

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