Die Kaffeefahrt im Internet

29.02.2012 21:31 von /cbx, derzeit 4.50817 Kommentare

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Ha! Während andere noch stereotyp auf den unerträglichen Verfehlungen unseres ehemaligen und den teilweise schwer verdaulichen Aussagen unseres designierten Bundespräsidenten herumreiten, möchte ich mein Augenmerk mal wieder auf richtige Betrüger und Kriminelle lenken.


[Geschenke nicht nur für Banken. Europa schenkt mir drei Tage Urlaub!]

Gerade heute, wo ich mich ganz besonders urlaubsreif fühle, trudelt über meinen Kollegen und Vollzeit-Spammagneten Thorsten ein dazu nachgerade perfekt passendes Mail bei mir ein:

Subject: Dringende Benachrichtigung
From: Büro des Leiters <kunden-service@richtig-entscheiden.net>
To: info@gf2.de

Benachrichtigung

Wir möchten Sie informieren, dass Sie vom Europäischen Programm für die Entwicklung des Individualtourismus (EPEIT) ausgewählt wurden, in einer von Ihnen gewählten Unterkunft aus dem Bereich der kleineren und mittelgroßen Beherbergungsbetriebe drei Tage zu verbringen.

Um das Zertifikat, das Sie zu Übernachtungen berechtigt, entgegenzunehmen, loggen Sie sich bitte in die Internetplattform des EPEIT-Programms ein und bestätigen Ihre Identität mit dem unten genannten Zuteilungscode, bevor seine Gültigkeit abläuft.

Gültigkeitsdauer: 2012-03-12 23:59
Zuteilungscode: UE2CD-AXLH4

Nachdem Sie sich eingeloggt haben, füllen Sie unseren Fragebogen aus und geben Ihre Adresse ein, an die wir die Sendung mit dem Zertifikat verschicken können. Das Zertifikat ist ein Dokument, das zwei Personen das Recht auf drei Übernachtungen in ausgewählter Unterkunft gewährt, ohne nur eigene Mittel zu verwenden. Im Programm beteiligen sich 650 Hotels und Pensionen in 14 Ländern Europas.

Das Programm zielt darauf ab, kleinere und mittelgroße Unternehmen, die dem Hotel- und Gaststättengewerbe zugeordnet sind und die Hoteldienstleistungen anbieten, zu unterstützen. Die Nutzer des EPEIT-Programms wählen zu ihrem Urlaubsort das Hotel oder die Pension, die ihren Erwartungen am besten entsprechen. Dadurch, dank ihnen und dem EPEIT, werden die Unterkünfte finanziell gefördert.

Das EPEIT-Programm, wie alle bekannten Entwicklungsprogramm in Europa, liefert finanzielle und nicht finanzielle Mechanismen, die dem EPEIT-Nutzer ermöglichen, in europäischen Hotels, Pensionen und Öko-Unterkünften bei verringerter Ausgabe eigener finanzieller Mittel Urlaub zu verbinden.

Die Nachricht wurde an beliebig ausgewählte EU-Bürger zugestellt.

Sie erhalten diese Nachricht, da Sie sich an einem der Kunden- und Aktionsprogramme der Website-Verlagsgesellschaft CAPDECISION beteiligt haben. Gemäß Artikel 34 des französischen Datenschutzgesetzes (Loi informatique et libertés) vom 6. Januar 1978 haben Sie das Recht auf Zugriff, Änderung, Richigstellung und Löschung Ihrer persönlichen Daten über das Online-Formular. CAPDECISION – 1 bis boulevard cotte-95880 enghien les bains.

Welche Freude! Ein Europäisches Programm hat mich ausgewählt! Naja, wenn man es genau nimmt, natürlich nicht mich, sondern den früheren Besitzer der Mailadresse info@gf2.de, aber wer wird es denn so genau nehmen, wenn er im Internet eine Reise gewinnt?

Naja, richtig vollständig kann ich meine Skepsis natürlich nicht ablegen und so zeigt sich, dass ich offenbar deutlich zu blöd für ordentliche Online-Recherchen bin. Auch nach mehreren Anläufen gelingt es mir nicht, irgendwelche offiziellen Fakten über das Europäische Programm für die Entwicklung des Individualtourismus (EPEIT) zu finden, die nicht direkt bei der Seite http://www.epeit.eu enden. Wundern indes will mich dies nicht wirklich, denn auch von anderen wichtigen Themen wie Vorratsdatenspeicherung oder ACTA kennen wir die primäre Direktive der EU, die da lautet: “Tu Gutes und schweige darüber”

Nur der Vollständigkeit halber überantworte ich den Domainnamen “epeit.eu” auch noch robtex, meinem universellen Taschenmesser. Auch der dort erscheinende Text “Trustworthiness, vendor reliability, privacy and child safety of this site is very poor.” deutet – zumindest, was die fehlende Vertrauenswürdigkeit, Zuverlässigkeit und den jämmerlichen Datenschutz betrifft – auf einen direkten Zusammenhang mit der EU hin. Außerdem erfährt man so, dass dieses Projekt in wahrhaft europäischen Dimensionen abgewickelt wird. Der gleiche Hoster, der epeit.eu betreut, kümmert sich auch um Domains wie:

und vermutlich einige, über die robtex bisher noch nicht gestolpert ist.

So Kinners, jetz ma Butter bei die Fische!

All diesen Indizien zum Trotz glaube ich nicht, dass es sich dabei um einen Betrug im engeren Sinne handelt. Die Stolpersteine liegen nämlich weitaus offener herum als bei klassischen Betrugsschemata. Dazu muss sich der geneigte Gewinner lediglich der uralten Kulturfähigkeit des Lesens bedienen. Unter “Reglement” findet man diese Formulierungen, die erklären, was die TLG Travel Group” (19801 Wilmington, DE, 108 West 13th Street, Vereinigte Staaten) der eigentliche Betreiber dieses Systems, unter dem Begriff kostenlos versteht (darüber, dass der Betreiber eines EU-Projekts eine US-Amerikanische Firma ist, wollen wir ganz entspannt hinweg sehen):

§5.3. Die Höhe der Gebühr für das Zertifikat hängt von der Zahlungsform ab und beträgt zwischen € 17,00 und € 17,00. Die Gebühr beinhaltet die Kosten für die Lieferung und ist der einzige und endgültige Betrag für die Ausstellung und Übergabe des Zertifikates, der von Programmteilnehmern zu bezahlen ist. Die Teilnehmer wählen die für sie bequemste Zahlungsform selbst.

Naja, das geht ja noch. Von echten Vorschussbetrügern ist man ja ganz andere Summen gewohnt. Aber es geht noch besser (Hervorhebungen von mir):

§9 Hotelkatalog

9. Der Hotelkatalog enthält eine Liste aller Unterkünfte, die sich verpflichtet haben, Konsumenten anzunehmen. Der Hotelkatalog befindet sich auf der Internetseite www.epeit.eu und enthält u.a. folgende Informationen über jedes Objekt:

9.1 Die Zeiträume, innerhalb derer die jeweilige Unterkunft den Konsumenten aufnehmen kann;

9.2 Die dem Konsumenten von der Unterkunft angebotene Art der Verpflegung, sowie Anzahl der Mahlzeiten;

9.3 Die Höhe der in jedem Objekt für Konsumenten geltenden Verpflegungssätze;

9.3.1 Für die Häuser, die kostenlose Übernachtungen anbieten, sind dies Pflichtverpflegungssätze, die sich auf einen eintägigen Aufenthalt eines Erwachsenen beziehen und die vom Objekt angebotene Zahl an Mahlzeiten und Art des Service einschließen;

9.3.2 Für Häuser, die einen Rabatt für Aufenthalte mit Verpflegung anbieten, sind die angegebenen Verpflegungssätze jeweils Tagessätze. Sie beziehen sich auf einen eintägigen Aufenthalt eines Erwachsenen und enthalten die vom Objekt angebotenen Mahlzeiten und den Standardservice.

Ach. Auch das kennen wir schon von diversen Abofallen: “Die Anmeldung ist kostenlos”. Die Inanspruchnahme jedweder Leistung hingegen nicht. Hier ist es so, dass die Übernachtungen wohl kostenlos sind, die (nicht abwählbare) Verpflegung hingegen doch bitteschön zu bezahlen ist. Etwas konkreter? Bitteschön. Ich habe mir ein Hotel in der schönen Ortenau ausgesucht, wo ich notfalls vom Gschäft aus mit dem Fahrrad hin fahren könnte.


[So teuer kann “kostenlos” werden]

Extra für den Googlebot und die Wortstatistik zitiere ich hier nochmals das Highlight:

Während des gesamten Aufenthaltes im Hotel werden den Besitzern des Zertifikates keine Gebühren für die Übernachtungen in Rechnung gestellt. Das Zertifikat ist ein Eurorest-Hotelgutschein.

Aber nicht zu früh gefreut:

Pflichtverpflegungssatz, der für die Zeiträume des Sonderverkaufs von Übernachtungen gilt
03.01-30.04 € 35,00
01.05-31.10 € 37,00
01.11-23.12 € 35,00
Der Verpflegungssatz ist pro Person pro Tag angegeben. Inkludierte Mahlzeiten: Frühstück; warme Hauptmahlzeit (zwei oder mehr Gänge).

Ja und hier bröckelt dann endgültig das Blattgold von der vermeintlich geschenkten Klorolle ab. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber 37 Euro pro Nacht und Nase für ein Dreisternhotel irgendwo im Schwarzwald sind nun beim besten Willen kein Schnäppchen – eher das Gegenteil davon.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass man dank dieses “Geschenks” einen sehr kurzen und teuren “Urlaub” verbringt – zu einer Zeit, die man sonst nie geplant hatte, an einem Ort, den man sonst nie ausgesucht hätte und zu einem Preis, den man sonst nie gezahlt hätte.

/cbx, Kategorie: Andere Betrüger - Netz Dschungelcamp

 

Eigener Senf dazu?

  1. Peter Suxdorf gab am 1. März 2012, 09:58 folgenden Senf dazu:

    Hast Du Rezession oder bist Du so gut organisiert, daß Du Dich mit dem Spöcks beschäftigen kannst ? :-)

    Jeder Halbgescheite, der morgens aus dem Koma erwacht, sollte doch seine Alarmglocken läuten hören, wenn er ungefragt etwas geschenkt bekommt. Und ehrlich, wer auf so etwas hereinfällt, dem sollte man seinen Lebensberechtigungsschein entziehen und zusätzlich das Gehaltskonto pfänden, um damit Sinnstiftendes zu erreichen.

    Unabhängig davon sind dies genau die Internetbetrüger, vor denen der designierte BuPrä warnt. Wenn man denn auf “seinen” BuPrä hören mag.

    /cbx meint dazu:

    Hallo Mann, das ist mein Hobby! dazu nimmt man sich Zeit (auch um 21:30). besser als Fernsehen finde ich das allemal.

    Und was die Halbgescheiten betrifft: Auch deshalb schreibe ich so Zeug - um nämlich immer wieder erstaunt festzustellen, wie viele Menschen auf der Suche nach Aufklärung bei mir landen. Das nur zum Lebensberechtigungsschein...

  2. Kraska ltd, gab am 1. März 2012, 10:10 folgenden Senf dazu:

    Was für eine Pest, diese Bauernfänger…

    /cbx meint dazu:

    Ja. Ich stimme Dir zu. Andere hingegen nicht. Siehe dazu auch Deinen Vorposter (war noch nicht moderiert als Du diesen Kommentar gepostet hast). Ich zitiere:

    "Und ehrlich, wer auf so etwas hereinfällt, dem sollte man seinen Lebensberechtigungsschein entziehen und zusätzlich das Gehaltskonto pfänden, um damit Sinnstiftendes zu erreichen." Meine Erfahrung lehrt mich hingegen, dass eine phänomenale Menge an Leuten dann ohne Lebensberechtigungsschein und Gehalt auskommen müssten.

  3. oachkatz gab am 2. März 2012, 11:39 folgenden Senf dazu:

    Vermutlich arbeiten die auch gar nicht weiter, wenn man ihnen ihr Gehaltskonto pfändet?

    /cbx meint dazu:

    Auch das nicht...

  4. Peter Suxdorf gab am 5. März 2012, 13:42 folgenden Senf dazu:

    Das kam gerade per Mail ´rein. Inklusive der Formatierungszeichen. Wer darauf hereinfällt hat noch nicht einmal einen Anspruch auf ein Gehaltskonto…

    MIME-Version: 1.0

    Content-Type: text/html

    Content-Transfer-Encoding: 8bit

    Message-Id: <20120305115721.0C64015AFBF5@server168.star-server.info>
    Date: Mon, 5 Mar 2012 12:57:21 +0100 (CET)
    X-UI-Junk: AutoMaybeJunk -32 (BAY); V01:EskRp64h:AxzfIdSBFUnrvhfmH/c70PwJ2+xvhW8QbystGsV9fRLm7obMIxg Yg3v2dg2qwambTwkeYrb9731lmf8Fn9wve4A1zzihob5AyjB25Mkz6fZ2tacameW ciG2704qsi1nVjL+FBomwtvLPGbdkdqqlBSUKE8H7byNG1jyExw/UH19hBLmR6jT FvyJG0J4bkQp9hgt6eyGA2EltSsC9ReRn3wPPoJlHLGYia/pvDIvkNQfazxltIuL G2geHmmR2fYfXubDn6QUMK6Qcpfn93uyDTEaHV1orgBjptYDyiR4nIBl2bznunpt TkryM0ehIpMbllB1zf0aiYSC6hOINdrw77c4qvvKbUxamtzmVF3Si4qxWiWywNbb feHCul/LLakMI
    Envelope-To: info@suxdorf-werkzeugbau.de

    <p>Sehr geehrter <b>Mastercard Kunde,</b><br>

    <br>wir bedauern, Ihnen mitteilen zu mÃŒssen, dass ihre Kreditkarte aus SicherheitsgrÃŒnden gesperrt wurde.

    Um Sie gegen den Missbrauch ihrer Kreditkarte zu bewahren, hat “MasterCard Europe SPRL” neue Sicherheitsmaßnahmen eingefÃŒhrt. <br><br>

    Um diese Sicherheitsmaßnahmen zu aktivieren und gleichzeitig ihre Kreditkarte zu entsperren, bitten wir Sie, das nachfolgende Formular auf unserer Webseite auszufÃŒllen.. <br>

    http://verifikation-mastercard.net///</a><br>

    <br>Bitte beachten Sie, dass ihre Kreditkarte solange gesperrt bleibt,

    bis Sie das Formular vollstÀndig ausgefÌllt haben und dieses erfolgreich von einem Mitarbeiter geprÌft wurde.

    Dies kann im Normalfall bis zu 24 Stunden dauern.<br>

    <br>Wir bedanken uns fÌr Ihr VerstÀndniss und möchte noch einmal beteuern, dass dieser Vorgang ausschliesslich zu Ihrer eigenen Sicherheit vollzogen wird.. <br>

    <br><i>Mit freundlichen GrÃŒssen, <br>

    <br><br>MasterCard Europe SPRL Representative Office Germany<br><br>

    Unterschweinstiege 2-14 <br>60549 Frankfurt/Main<br>

    Deutschland Telefon: +49 (0)69 97 12 10 0 Telefax: +49 (0)69 97 12 10 10

    /cbx meint dazu:

    Einverstanden - insofern, dass jemand, der darauf hereinfällt zumindest keine Kreditkarte haben sollte..

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