Von der Pfanne in die Tonne?

13.03.2012 21:38 von /cbx, derzeit 2.49389 Kommentare

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Oh, wir Deutschen, was sind wir für ein schreckliches Volk. Kaum haben wir das Judenmorden kurzzeitig unterbrochen, gefährden wir den Planeten, indem wir zu wenig(!) Wasser verbrauchen und zu viele Lebensmittel (unverdaut) wegwerfen.

Den ganzen Tag schon frage ich mich, wie es sein kann, dass wir Deutschen “größtenteils noch genießbare Speisen im Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro” unbenutzt an die Entsorgungsunternehmen übergeben, während ich mir bei jedem verschimmelten Stück Brot noch auf dem Weg zur Biotonne lange und breite Vorwürfe mache.


[Wer würde denn davon etwas wegwerfen?]

Die Meinungsmaschine dröhnt schon wieder auf der höchsten Stufe über unsere Ohren und Augen direkt auf unser permanent schlechtes Gewissen ein. 65 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel sollen dabei – so die Studie der Universität Stuttgart noch genießbar (47%) oder bedingt genießbar (18%) sein.

Sieht man sich die Studie (bzw. deren Zusammenfassung) etwas genauer an und sieht dabei über den ziemlich armseligen Sprachstil hinweg, so verlieren auch die Zahlen etwas an schockierender Strahlkraft. Die Streubreiten sind recht beachtlich (z.B. zwischen 5.8 Mt und 7.5 Mt Jahresgesamtmenge) und die empirische Basis der Untersuchung stammt so gut wie ausschließlich aus Literaturrecherchen und Extrapolation der Daten aus Nachbarländern. Das letzte Kapitel schließlich, das sich mit Ursachen und Lösungsansätzen beschäftigt, kommt über vage Andeutungen überhaupt nicht hinaus.

Dennoch hat die Berichtsöffnetlichkeit schon eine klare Marschrichtung von der Ursache zur Lösung eingeschlagen. Im geistigen Windschatten der Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner muss nun dringend zweierlei passieren:

  1. Bewusstsein geschaffen werden – und zwar (wieder einmal)
  2. über das Mindeshtaltbarkeitsdatum.

Davon abgesehen, dass mich die rührend naive Eindimensionalität dieser Analyse wieder einmal mitten in die 1980er zurück katapultiert, finde ich es lustig, hier anmerken zu können, dass die Studie sogar ziemlich explizit das Gegenteil behauptet:

Die Bedeutung einer möglichen gesetzlichen Neuregelung des Mindesthaltbarkeitsdatums wird in der öffentlichen Diskussion überschätzt. Bis dato liegen keine Untersuchungen vor, dass ein fehlendes Verständnis des Begriffs in direktem Zusammenhang mit einer hohen Wegwerfrate von Lebensmitteln im Haushalt steht.

Davon abgesehen, dass ich durchaus akzeptiere, dass ein Teil dieses Nahrungsmülls ein Produkt unseres eskalierten Wohlstands ist, so möchte ich doch zumindest zwei Punkte anreißen, die aus meiner Sicht einen nennenswerten Beitrag zu diesem unerwünschten Zustand leisten.

Einerseits ist da die Lagerung und Präsentation von Lebensmitteln im Einzelhandel zu nennen, denn immerhin entfallen laut Studie 44% der vermeidbaren Abfälle auf Obst und Gemüse. Ich muss mich regelmäßig sehr beherrschen, beim Einkaufen nicht in den Kettensägenmassaker-Modus zu schalten, wenn ich sehe, wie ganze Horden antisozialer Arschgeigen jeden Salatkopf, jede Zitrusfrucht und so gut wie jedes andere Obst oder Gemüse auf der Suche nach der besten Qualität in die ungewaschenen Hände nehmen und so lange daran herum drücken, bis alles das, was diese Prüfung nicht besteht (also mehr oder weniger alles), nach dieser Behandlung auf jeden Fall schnell verdirbt. Aufgrund der positiven Rückkopplung dieses Verhaltens (das Finden von zerquetschtem Salat führt zielsicher dazu, dass auf der Suche nach dem letzten unzerquetschten Kopf auch noch die restlichen zerstört werden), reicht schon eine kleine Gruppe solcher Profieinkäufer, um die Obst- und Gemüseabteilung eines mittelgroßen Supermarkts nachhaltig zu verwüsten.

Andererseits passen die angebotenen Mengen im Einzelhandel oft nicht zu den heute üblichen Haushaltsgrößen. 1kg Orangen, 3kg Kartoffeln, Salatgurken im Dreierpack usw. kann der heute übliche kleine Haushalt mit geringem Anteil an frisch zubereiteten Lebensmitteln in der vorgesehenen Zeit kaum verbrauchen. Und auch die typischen Sonderangebote nach dem Schema “mehr” Ware zum selben Preis laufen – sofern die Behauptung ausnahmsweise überhaupt einmal stimmen sollte – dem Bedarf eher zuwider. Verwunderlich ist für mich nur, dass der Handel, der ansonsten ja kaum eine Gelegenheit auslässt, weniger Ware zu einem höheren Preis an den Kunden zu bringen, nicht auch bei Aldi, Lidl und Co. biomüllfreundlichere (und verpackungsmüll-unfreundliche) Kleinportionen anbietet.

Vielleicht würde es aber einfach schon ein bissl helfen, wenn jeder einzelne immer von seinem Gewissen geplagt würde, sobald er Nahrungsmittel in den Müll wirft.

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos - Rant & Grant

 

Eigener Senf dazu?

  1. Peter Suxdorf gab am 14. März 2012, 06:55 folgenden Senf dazu:

    Ich habe letztes Jahr eine Brot-Studie bei mir in Auftrag gegeben und diese auch selber ausgeführt. War ganz und gar meine eigene Idee.
    Also, ich habe für mich im Büro die kleinste erwerbbare Menge Brot (sogenannte Bauernschnitten) im Folienbeutel gekauft und noch am gleichen Tag mit dem Verzehr derselben begonnen. Wie es der Zufall will esse ich – sofern ich Brot esse – eben nur eine Schnitte am Tag, was zur Folge hat, daß die montags begonnene Studie am Freitag noch zwei der sieben gekauften Schnitten übrig läßt. Am darauffolgenden Montag kann man dann diese Schnitten hervorragend zum Schutz der Schuhsohlen unter diese kleben.

    Alternativ könnten wir alle gemeinsam an jedem Nachmittag eines Montages unser in unseren dekadenten westeuropäischen Augen nicht verzehrfähiges Essen Frau Aigner zum Verteilen mit Fernziel Bangladesh zur Verfügung stellen. Wobei ich mir vorstellen könnte, daß die zuständigen Paketdienstleister diese Warensendungen nur einmalig ausführen und danach auf den Transport und den damit eingefahrenen Profit verzichten werden.

    Irgendwann in 2011 habe ich einen Joghurt genossen, der sah komisch aus, schmeckte ein bißchen seltsam und leider las ich den Aufdruck, daß das Mindesthaltbarkeitsdatum seit etwas über 4 Wochen verstrichen war nach der Ankunft des Joghurts im Magenbereich. Dies hatte zur Folge, daß ich am Folgetag dem Aufruf der örtlichen Wasserwerke nachkam und die Spültaste des Klosettes doppelt drücken mußte.
    So konnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Einmal habe ich Aignergerecht das Essen dem korrekten Wege zugeführt und andererseits Sorge getragen, daß die Abwässerkanäle länger frisch, äh ja, blieben.

    /cbx meint dazu:

    Was Du da schreibst, kommt mir sehr bekannt vor...

  2. Simon Voggeneder gab am 15. März 2012, 23:54 folgenden Senf dazu:

    Ups, erwischt. Auch ich bin einer dieser Drücker. Zumindest bis jetzt.

    Davor werde ich mich bis auf weiteres hüten.

    /cbx meint dazu:

    Ha! Erwischt! Wobei es natürlich auch darauf ankommt, wie man drückt...