Her mit der Vorratsdatenspeicherung!

24.03.2012 11:54 von /cbx, derzeit 1.30669 Kommentare

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Ich habe dieses inhaltsleere Herumeiern endgültig satt! Bei jedem quer sitzenden Schas beginnen die einschlägig Unverdächtigen (bzw. gilt die Unschuldsvermutung) mit der Reproduzierbarkeit eines japanischen Quarzoszillators nach- und ausdrücklich wieder und wieder zu fordern, die von der EU-Kommission ohnehin vorgeschriebene Vorratsdatenspeicherung endlich in geltendes Gesetz umzusetzen (ob das etwas mit Recht zu tun hat, steht freilich auf einem andern Blatt).

Nicht ohne Stolz darf ich hier auf meine österreichischen Landsleute verweisen, die inzwischen verstanden haben, dass das Unausweichliche unausweichlich und das Unabwendbare unabwendbar ist. Mit dem ersten April (welch peinlich-passendes Datum!) gilt in Österreich eine sechsmonatige Vorratsdatenspeicherung! Selten aber doch hängen die Ösis ihre großen deutschen Brüder und Schwestern in Puncto operativer Klugheit ab.


[Abschnorcheln an allem, was Daten hat. Nur so kann die öffentliche Sicherheit gewährleistet werden.]

Wer bis hier her geglaubt hat, dieser Text habe etwas mit Ironie zu tun, der möge sich bitte hier und jetzt, an genau dieser Stelle, enttäuscht fühlen. Ich meine das ernst! Her mit der Vorratsdatenspeicherung, von mir aus auch nicht nur auf sechs, meinetwegen auch auf zwölf, vierundzwanzig oder sechzig Monate. Und gerne auch nicht nur für – was auch immer man unter dieser Leerphrase konkret verstehen mag – “Verbindungsdaten”, nein warum nicht auch für sämtliche Inhalte?


[Hier ein kleiner Freiraum zum Luftholen]

Habe ich mir jetzt endgültig die letzte Sicherung abgeschalet, das Licht im Oberstübchen ausgeblasen, die letzte Gehirnzelle herausonaniert (geht anatomisch nur bei Männern)? Vielleicht. Nein, ziemlich sicher sogar. Dennoch stehe ich zu dieser Aussage, weil ich inzwischen – auch durch jahrelange berufliche Erfahrungen – zu der Überzeugung gekommen bin, dass eine bekannte Gefahr wesentlich weniger gefährlich ist als eine unbekannte.

Wenn man sich vergegenwärtigt, was in den letzten Monaten so an grauslich unappetitlichen Fakten über das geheime Wirken diverser (teils vollkommen unnötiger, aber das ist ein anderes Thema) Polizei- und Geheimdienste an die Öffentlichkeit gekommen ist (ja, ich meine auch die Geheime Staats Polizei, die unter dem euphemistisch-kontradiktorischen Decknamen “Verfassungsschutz” wütet), so hege ich wenig Zweifel, dass auch jetzt schon jeder noch so unbescholtene Bürger in eine umfassende Datansammlung diverser Behörden geraten – und darin auch zu Schaden kommen – kann.

Zahlreiche schlampig recherchierte Massenabmahnungen, die nach einem Zahlendreher in der IP-Adresse beispielsweise auch einem 75-jährigen Menschen ohne eigenen Computer Filesharing hunderter “Musikstücke” aus den aktuellen Pop-Charts unterstellen, skizzieren, was ich dabei meine. Dass gewiefte Abmahnanwälte damit auch noch vor Gericht durchkommen, zeigt ein weiteres, davon weitgehend unabhängiges Problem unseres Rechtssystems.

Genau deshalb fordere ich eine möglichst flächendeckende und umfassende verpflichtende Speicherung aller irgendwie greifbaren Daten für eine möglichst irrational lange Zeit. Denn davon verspreche ich mir folgende Effekte:

  • Die umfassende Datenspeicherung ist öffentlich bekannt, womit die Ausrede “wer würde denn an meinen Daten Interesse haben?” obsolet wird.
  • Mehr und mehr Menschen werden sich deshalb für den Schutz ihrer Daten und damit ihrer Privatsphäre entscheiden.
  • Lösungen zur Verschleierung und Verschlüsselung von Kommunikation werden einfach verfügbar und nutzbar.
  • Massen an windigen Geschäftemachern werden auf den Privacy-Zug aufspringen und die selben Idioten wie jetzt schon mit neuen Maschen nach Strich und Faden abzocken (muss ja nicht alles nur positiv sein…)
  • Und schließlich – und das ist nicht zu unterschätzen – würden die nicht so arg kompetenten Experten auf Seiten der Überwacher sehr schnell in dem Tsunami an täglich auf sie einstürzenden Daten schlicht ersaufen.

Die – in dieser Hinsicht deutlich besseren – Faschisten Sicherheitsexperten von der NSA haben den letzten Punkt schon verstanden und bauen wahrscheinlich deswegen gerade ein neues Super-Rechenzentrum.

Also her mit der Vorratsdatenspeicherung, besser gestern als morgen! Die Zeit ist längst reif dafür, denn die echten Bösewichte können darüber schon lange nur mehr lachen. Sie haben ihre Infrastruktur in Ländern stehen, in denen gegen ein gutes Bakschisch noch über Jahre hinweg jede kriminelle Internet-Aktivität geflissentlich übersehen wird (und damit meine ich jetzt nicht nur Großbritannien und die USA) und kommunizieren längst über Kanäle, die sich einer Vorratsdatenspeicherung noch lange entziehen werden.

Ich hingegen lasse jetzt schon mein Handy (ja, das Unsmartphone ohne GPS und Internet) liegen, wenn ich mich privat bewege, verschlüssle meine private Mailkommunikation (Enigmail), verschlüssle sämtliche Server-zu-Server-Kommunkation unserer Firma und verschleiere die Kommunikation von Mark Sander per Webmail über anonymisierende Proxies. Wenn die VDS erst offiziell installiert ist, werden auch die Privacy-HowTos allerorts aus dem Boden schießen.

Wer all das als wahlberechtigter, mündiger Bürger dann weiterhin ignoriert, der darf sich gerne in die Liste der Kollateralschäden eintragen…

/cbx, Kategorie: Rant & Grant - Netz Dschungelcamp

 

Eigener Senf dazu?

  1. oachkatz gab am 26. März 2012, 10:39 folgenden Senf dazu:

    Sehr interessanter Aspekt. Ich befürchte nur, Du verlangst zu viel vom Einzelnen. Und überschätzt ihn eventuell auch. Das gibt einiges an Kollateralschäden…

    /cbx meint dazu:

    Schon sehr wahr. 99.99% werden dieses Thema weiterhin genauso ignorieren wie viele andere Gefahren des Alltags. Und 99.97% werden - wenn man ehrlich ist - in ihrem Leben nie mit der VDS in Kontakt kommen. Es ist halt doch primär ein politisches Thema und eine prinzipielle Frage.