Kulturflatrate! [Update]

18.04.2012 20:46 von /cbx, derzeit 4.10946 Kommentare

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Ha! Während hier in Deutschland noch im Kreis diskutiert wird, während sich die etablierten Eliten (nein, Scherz – ich meine viel mehr die CDU) aus schierer Panik vor den – inzwischen auch auf ihrem stark gekrümmten engen Horizont auftauchenden – Segeln der Piraten nicht einmal entblöden, die Jungwähler mit der Aussicht auf einen Führerschein mit 16 ködern zu wollen, haben die weisen Pragmatiker in Österreich einfach mal schnell Fakten geschaffen, die sich nicht mehr so einfach wegdiskutieren lassen (naja, wenigstens so lange, bis der Oberste Gerichtshof (OGH) das Gesetz zum dritten Mal kassiert).


[Demnächst nicht nur GEZ-pflichtig, sondern auch für mehrfache Urheberrechtsabgaben gut: Unser Server]

Die bisher eigentlich noch nie eigener intellektueller Fähigkeiten verdächtige österreichische Kulturministerin Claudia Schmied (Partei egal) will schon wieder ganz schnell und unbürokratisch eine so genannte “Urheberrechtsabgabe” auf Festplatten per Gesetz einführen. Über 40€ kann diese Abgabe bei größeren Festplatten ausmachen und deshalb ist allenthalben erhebliches Wehklagen zu vernehmen – hauptsächlich natürlich aus den Kreisen der kriminellen Raubkopierer, die eine solche Abgabe für unnötig halten, weil Musik und Filme (Literatur? Im Ernst? Literatur? Wen interessiert denn sowas?) ohnehin überall und jederzeit kostenlos zur Verfügung stehen müssen (das so genannte Piratenparadigma).

[Ach ja: Wer da oben Ironie entdeckt…]

Eher wären schon die Klagen derer zu verstehen, die ganz normale Computer mit ganz normalen Festplatten betreiben und auf denen so seltsame Dinge wie Dokumente, Bilder, Pläne und Programme speichern. Nicht nur dürfen sie jetzt schon für jeden PC eine Rundfunkgebühr bezahlen, weil man damit ja prinzipiell und theoretisch auch Webradio “empfangen” könnte, nein, auch für jede CD, die mit einem Software-Update an die Kunden geht und demnächst dann auch für jede Festplatte, ohne die ein PC nun mal nicht besonders gut funktioniert, darf ein erheblicher Obolus entrichtet werden. Eine Abgabe, die, nebenbei bemerkt, ursprünglich ein Verhalten abgelten sollte (→Privatkopie), das inzwischen entweder unmöglich (→DRM) oder illegal (→Umgehen eines wirksamen Kopierschutzes) ist.

Wirklich witzig aber (so in der Art Maschinenpistole-in-der-Hand-witzig) ist, dass diese “Urheberrechtsabgabe” natürlich nicht an die Urheber geht, sondern viel mehr an die Verwertungsgesellschaften (GEMA bzw. Austro-Mechana), die sich in unserem dicht verwobenen staatspolitischen Filzgewirke eine krisenfeste Machtposition ersessen haben. Das Gros der Urheber sieht von diesen Summen üblicherweise nichts oder bestenfalls einen verschwindend geringen Teil.

Fairerweise muss man der Ministerin zugute halten, dass sie sich nicht lange mit dem Erfinden ausgeklügelter Schutzbehauptungen aufhält, sondern stattdessen mit entwaffnend planloser Ehrlichkeit und Transparenz (schon wieder von den Piraten abgekupfert?) brilliert:

Schmied verwies in diesem Zusammenhang auf die Einnahmenrückgänge bei der Leerkassettenvergütung in den vergangenen Jahren, haben diese sich doch seit 2005 mehr als halbiert (von 17,6 Mio. auf 7,9 Mio. Euro im Vorjahr). “Kunstschaffende müssen mit ihren Leistungen Einkommen erzielen”, so Schmid. […] Schmied will nun das Urheberrecht novellieren und damit eine gesetzliche Grundlage für neue Gebühren schaffen um “die Ergiebigkeit der Einnahmequellen wiederherzustellen.”

Wollen wie das nicht insgeheim alle – die Ergiebigkeit der Einnahmequellen wiederherstellen? Blöd nur, dass auch diese “Ergiebigkeit” weniger den “Kunstschaffenden” als viel mehr den Verwertungsgesellschaften helfen wird, “Einkommen zu erzielen”

Doch all das ist mir inzwischen völlig egal. Die als “Urheberrechtsabgabe” klassifizierte Festplattenabgabe war nämlich nur der letzte Schritt zur – auch von den Piraten in die Diskussion geworfenen – Kulturflatrate! In dem Moment, wo ich für jeden noch so gewöhnlichen Gebrauchsgegenstand ohnehin eine Gebühr abführen muss, die vorgeblich den, äh, naja – “Kulturschaffenden” – zugute kommt, ist damit diese Kulturflatrate Realität geworden. Endlich kann dann auch ich, der ich bisher blöd genug war, Bücher, CDs und DVDs zu kaufen, hemmungslos downloaden, filesharen, Bücher, CDs und DVDs kopieren! Da lasse ich doch gerne die Firma ein paar Euro auf die Serverfestplatten drauf legen.

So gesehen ist es eigentlich sehr schade, dass dieses wunderbare Gesetz mit Sicherheit wieder am OGH scheitern wird.

/cbx, Kategorie: Rant & Grant -

 

Eigener Senf dazu?

  1. James Barun gab am 19. April 2012, 10:04 folgenden Senf dazu:

    so ein scheis. wenns dir nicht gefällt hier in der CSU, dann geh doch zu den piraten oder gleich nach nordkorea

    /cbx meint dazu:

    Au ja! Nordkorea hat mich ethnografisch und touristisch immer schon sehr interessiert....

  2. James Barun gab am 19. April 2012, 10:06 folgenden Senf dazu:

    verdammt ich meinte BRD!

    /cbx meint dazu:

    Danke! Das macht auch alles viel klarer!

  3. Peter Suxdorf gab am 19. April 2012, 12:12 folgenden Senf dazu:

    so ein doofes. wenn du nicht willst hier, dann du wohnst besser österaisch.

    Ich glaube, so oder ähnlich war das gemeint…

    /cbx meint dazu:

    Du wirst wohl recht haben. Ja, diese verflixte Hermeneutik.

  4. ernst gab am 19. April 2012, 14:07 folgenden Senf dazu:

    Ganz ernsthaft, Dein Hinweis ist absolut korrekt: Der vorgebliche Schutz der Urheberrechte lässt uns an betrogene Kulturschaffende, Autoren, Komponisten, Musiker usw. denken, die selber unverhältnismäßig wenig vom Urheberrecht profitieren. Letzteres tun nämlich die Kulturverwerter, Musik- und Buch-Verlage, Agenturen.

    Ist es nicht so, dass die Verlage in Wahrheit nur ein veraltetes Geschäftsmodell retten wollen?

    Im öffentliche Konzerthaus muss eben nicht mehr jeder sein eigenes Orchester bestellen. Mit dem Kauf einer Schallplatte oder CD entfällt die Notwendigkeit, ins Konzert zu gehen. Mit dem Download entfällt der Gang in den Musikladen. – So gesehen, haben doch die Verwerter einfach die Enwicklung verpennt und können den Laden dicht machen, wie jeder veraltete Industriebetrieb, oder?

    Wohlgemerkt, ein Konzertabend ist für mich immer noch was besonderes, und das Buch in der Hand durchzublättern ist viel gemütlicher als den Content über das Display zu scrollen.

    Über Amazon mag man so oder so denken. Aber die haben sich was einfallen lassen: Dort wird Autoren die direkte Veröffentlichung und Vermarktung von Ebooks angeboten. – In Unkenntnis der genauen Konditionen will ich da keine Werbung machen. Aber könnte nicht so ähnlich das moderne Vertriebsmodell der Kultur aussehen? – Zu Gunsten des Erzeuger und der Verbraucher, ohne die verpennten Verwerter als zwischenhandelnde Ressourcenvergeuder?

    /cbx meint dazu:

    Tja, so könnte man das auch gut und gerne sehen, wenn nicht die verhärteten Idiotologieschranken auf beiden Seiten den Blick verstellen würden...