So macht man heute Spam

19.06.2012 22:22 von /cbx, derzeit 3.10644 Kommentare

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Was könnte ich heute nicht abranten. Darüber, wie alle verantwortungsvollen Politiker ebenso wie sämtliche nervösen Märkte frohlocken, angesichts der Tatsache, dass in Griechenland weiterhin das selbe korrupte Pack regiert, das den Griechen den Weg in die aktuelle Finanzkatastrophe vorher geradezu asphaltiert hat – und nicht jene Chaoten, die die Ausweglosigkeit der Situation erkannt und nach schmerzhaften Maßnahmen gerufen haben.

Oder darüber, dass unser neuer Blumenstreichel-Minister allen Ernstes meint, explodierende Energiekosten für Privathaushalte seien überhaupt kein Problem, weil man dort ohnehin mehr als die Mehrkosten einsparen könne1 – und dann revolutionäre Ideen (→Energieberatung) gebärt, die zufällig schon vor langen Jahren umgesetzt worden sind.

Oder darüber, wie sich im zivilisierten Westen langsam Panik breit macht, weil in Ägypten jetzt völlig unerwartet alle Zeichen auf eine neue Regierung hindeuten, die nicht unseren Wünschen entspricht.

Oder darüber, dass nach immerhin gerade mal einem Jahr die ersten so genannten Journalisten es wagen, zuzugeben, dass niemand hier genau sagen kann, was in Syrien wirklich passiert und deshalb das als Wahrheit verkauft wird, was besser in unser Mainstream-Narrativ passt.

Stattdessen – primär, weil es uncool ist, sich als selbstgerechter Politiker-Beschimpfer aufzuführen – kommentiere ich ein äußerst zeitgeistiges Kleinod der deutschsprachigen Spam-Literatur, welches mir gestern in die Mülltonne geflattert ist. Es passt – wie durch ein Wunder – in meine allgemeine Wutstimmung (den Link habe ich entschärft):

Hallo Hubert Cumberdale,

Vergess den ganzen Bullshit im Netz…

Es wird höchste Zeit die Technologie der Underground-Verdiener in Besitz zu nehmen.

Auch wir müssen endlich ein Anrecht darauf bekommen, sie bedienen zu dürfen…

… oder meinst Du etwa nicht! Scheiss auf geldgierige Banker, korrupte Politiker und die Pharma-Lobby.

Jetzt sind wir am Drücker!

Trenne Dich sofort von der Masse der Schafe und schnapp Dir das Geld, oder es macht ein anderer.

Ob es nun Banker, Poliker, Pokerspieler, Internetgurus, Pharmafirmen, oder diese hinterlistigen Agenturen die junge Models völlig ausbluten lassen…

…Sie greifen ohne Gnade das Geld der Schafe ab.

Und was zur Hölle ist mit Dir?

Bitte vergesse niemals: Du lebst nur einmal!

Es wird Zeit endlich aufzuwachen. Wir leben in einer grausamen Welt und wir müssen hart sein, wenn wir überleben wollen.

Bist Du hart genug dafür?

Beweise es jetzt! Und nehme die Undergroundsoftware jetzt in Besitz: Ab zur skrupellosen Software HIER KLICKEN

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PS: Schau das Video bis zum Ende an denn im letzten Drittel kommt das Beste und Wichtigste!!!

Und alle so: “YEAAHH!”

Nach der Lektüre dieser einmaligen Brandschrift war ich heiß. So richtig heiß! Was konnte wohl hinter dieser skrupellosen Software stecken? Und was genau soll eigentlich an einer Software skrupellos sein? Egal.

Könnte man damit etwa die mühsam erflogenen Freimeilen unserer EU-Parlamentsabgoordneten einstreichen? Sich Aufträge von der öffentlichen Hand zuschanzen lassen? Zinsfreie Privatdarlehen von Großindustriellen erlangen? Anwesenheitsprämien für Abwesenheit kassieren?

Oh, ich drifte schon wieder in die selbstgerechte Politiker-Beschimpfer-Ecke ab.

Wie unglaublich enttäuscht war ich, als ich erkannte, dass es sich bei dieser Software wieder einmal nur um einen direkten Zugang zu schnellem, anstrengungslosen Wohlstand handelte – und skrupellos bestenfalls jene sind, die dafür eine monatliche Nutzungsgebühr verlangen.

Konkret geht es um den MatrixBetBot, ein Webportal, über das man mit einer unfassbaren Quote von 95.43% (man beachte: Komma vier drei!) praktisch jede Fußballwette gewinnt. Na, wer nicht einmal damit reich wird, der sollte es vielleicht doch mit etwas so Uncoolem wie Arbeit versuchen. Ich behaupte nicht, die ganze Raffinesse des in vier Jahren harter Arbeit entwickelten Softwaretools verstanden zu haben, im Grunde aber läuft es wohl (ähnlich wie bei digtalen Optionen) darauf hinaus, eine fixe Summe gegen einen Gewinner zu wetten und beim ersten Tor sofort die selbe Summe mit höherer Quote dafür. Auf Basis der unterschiedlichen Quoten kann man somit etwas (→wenig) gewinnen.

Professionelle Sportwetter kennen das schon ewig als Arbitrage mit Lay- und Back Wetten. Damit kann man durchaus häufig Gewinne erzielen, diese müssen aber nicht notwendigerweise über dem Einsatz liegen (HUST). Einige Expertenmeinungen dazu habe ich im Sportwettentalk gefunden.

Was mich an dieser neuen Idiotenfalle wirklich beeindruckt, ist nicht die unfassbar raffinierte Algorithmik zum Erzwingen von Wettgewinnen, sondern viel mehr die handwerklich äußerst solide Küchentischpsychologie darum herum. Schon das Einführungsvideo (ganz oben auf der Startseite) wird nicht müde, zu betonen, dass man damit nicht reich werden, sondern nur einige tausend Euro monatlich gewinnen könne, dass das ganze nicht risikolos, sondern nur beinahe risikolos sei, aber (natürlich!) auch, dass die Zeit knapp und das Angebot begrenzt sei.

Wenn man dann versucht, im Web weitere Meinungen zum Matrix BetBot zu recherchieren, folgt die nächste Überraschung. Seitenweise finden sich nur begeisterte Lobpreisungen dieses risikolosen Wettsystems – unter verschiedenen Domainnamen, die letzten Endes aber praktisch immer beim “Betreiber” “David Blumenstein aus Sarasota” im sonnigen Florida enden.

Wenn es also kritische Stimmen geben sollte, so werden diese scheinbar entweder unter tausenden von Links zu Eigenwerbung begraben oder zum Schweigen gebracht. Sollte Letzteres der Fall sein, werde ich das wohl demnächst erfahren. Obwohl – bis jetzt habe ich gar nicht behauptet, dass das Versprechen des Matrix BetBot Lug, Trug oder Betrug sei – einfach, weil ich weder schlüssig beweisen kann, dass dieses System funktioniert, noch, dass es das nicht tut.

Ich möchte nur zwei Gedanken an den Schluss dieses Textes stellen:

  1. “Es ist mit neu, dass Wettbroker karitative Vereine sind, die auf Gewinnerzielung verzichten” und
  2. “Wenn es klingt wie ein Märchen, aussieht wie ein Märchen und riecht wie ein Märchen, dann ist es höchstwahrscheinlich ein Märchen”




1…Nicht, dass er damit nicht recht hätte. Es klingt aber ziemlich nach “…dann sollen Sie halt Kuchen essen”

/cbx, Kategorie: Andere Betrüger - Netz Dschungelcamp

 

Eigener Senf dazu?

  1. Hanz Moser gab am 19. Juni 2012, 22:58 folgenden Senf dazu:

    Woher kommt eigentlich der running gag “Und alle so: Yeeeaahhh!”?

    /cbx meint dazu:

    Das ist schon ein bissl älter: Merkel-Flashmob.

  2. oachkatz gab am 20. Juni 2012, 07:47 folgenden Senf dazu:

    Und wenn jemand auf den Einladungs-Text der Spammail abfährt, geschieht es ihm mehr als recht, nur ein paar Tausend Euro zu gewinnen oder komplett über den Tisch gezogen zu werden. Je nachdem, ob es funktioniert oder nicht. Lieber nicht.

    /cbx meint dazu:

    Das mag schon sein. Ich bin aber sehr sicher, dass es wirklich genug Leute gibt, die sich davon ganz enorm angesprochen fühlen...

  3. Kraska ltd, gab am 20. Juni 2012, 08:55 folgenden Senf dazu:

    Als Kleinsparer setz ich weiter auf Rubbellose…

    /cbx meint dazu:

    Sofortiger unermesslicher Reichtum scheint damit ähnlich unabwendbar...

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