Geschätzte Leser, es ist wieder einmal an der Zeit, die intellektuelle Brille mit der schweren Fassung zur Hand zu nehmen (das wirkt beinahe ebenso intellektuell und auf die Nase kommt mir das schwere Monster nicht…) und ein gewichtiges kulturelles Kulturthema thematisch zu thematisieren. Ich sehe mich dabei – auch wenn dies die Latte sehr hoch legt – stark der Tradition von André de Exassó und Bürzel Stumpf verpflichtet.
Wie? Unbekannte Kognition?
Na dann wird’s wohl doch nicht so schwer werden. Nachdem die Geschäftsführung meiner Firma sich durchgerungen hat, mir nach längerer Abstinenz mal wieder ein Gehalt auszuzahlen, konnte ich nicht an mich halten und musste dieses Ereignis sofort mit einem Anfall hemmungslosen Konsumrausches feiern. Ich habe mir zu einem vollkommen irrationalen Apothekenpreis die neue CD von Rumer gekauft.

[Wenn das als Kultur gilt, dann ist das Abendland wohl schon untergegangen]
Ich habe mich anlässlich des SWR3 New-Pop Festival 2011 spontan in die Musik von Rumer verliebt und mir sofort die CD gekauft. Das erste Album “Seasons Of My Soul” hat mich dann auch von der ersten Minute an begeistert. Herrlich leichten Pop gab es da zu hören, handwerklich äußerst solide eingespielt und technisch sehr sauber aufgenommen. Über allem schwebte die einmalige Stimme von Sarah Joyce, die jedem Vergleich mit jener der unvergessenen Karen Carpenter stand hält, in ihrer zeitgemäßeren Akzentuierung und entspannteren Modulation aber auch deutlich darüber hinaus geht.
Zehn der 13 Tracks auf der CD sind Eigenkompositionen und das ist gut so, denn sie passen einfach nur ganz hervorragend zu der Band und der Stimme davor. Mit den Coverversionen “Goodbye Girl”, “Alfie” und “It Might Be You” zeigt Sarah Joyce dann, dass sie auch modernen Klassikern problemlos gewachsen ist.
Deshalb erwartete ich das neue Album mit Spannung – immerhin scheitern nicht wenige Künstler an dem Versuch, an einen bestehenden Erfolg anzuknüpfen. Zu meiner Überraschung findet sich auf der neuen CD “Boys Don’t Cry” keine einzige Eigenkomposition. Das ist eines der kaum lösbaren Probleme mit der Kreativität – man kann sie nicht nur nicht erzwingen, meist verflüchtigt sie sich unter Druck sogar besonders nachhaltig. Vermutlich auch deshalb bekommt man nicht weniger als 16 Titel zu hören, die allesamt Covers von mehr oder weniger bekannten Songs aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts sind. Unter den Spendern finden sich bunt gemischt Leute wie Isaac Hayes, Daryl Hall und John Oates, Ron Wood, Terry Reid, Gilbert O’Sullivan, Bob Marley und Neil Young.
So bunt gemischt wie die Aufzählung klingt dann auch die CD. Ob es einen roten Faden gibt, weiß ich auch nach mehrfachem Durchhören noch nicht. Ich bin inzwischen aber für mich selbst zu dem Schluss gekommen, dass mir die alte CD besser gefällt. Einerseits, weil die Musik handwerklich besser gemacht ist und andererseits, weil mich das schlichte aber sehr geradlinige und transparente Mastering des alten Albums viel intensiver angesprochen hat. Wenn ich den Sound der Siebziger hören will, dann höre ich Musik, die in den Siebzigern aufgenommen wurde. Aufnahmen aus 2012 dürfen durchaus auch so klingen; Das war ja gerade einer der der Reize von “Seasons Of My Soul”, dass man dort quasi eine verbesserte Karen Carpenter, teleportiert nach 2010, hören konnte.
Trotz dieser Worte soll das kein Verriss sein. Ich kann mich immer noch (wie auch bei Lizz Wright) in dieser einmaligen Stimme verlieren – und das ist Genuss genug. Rumers Musik wirkt – auch auf der neuen CD – derart unmittelbar entschleunigend, dass ich mich auf meinem gestrigen Heimweg in Richtung Stuttgart von einem termingeplagten LKW-Fahrer anhupen lassen musste, weil sich beim Hören wohl nicht nur mein Kopf, sondern auch mein Auto massiv entschleunigt hatte.
Auf der nächsten CD wünsche ich mir dennoch wieder mehr Eigenkompositionen (bzw. überhaupt welche), weil ich finde, dass Singer-Songwriter eben genau dann am besten und authentischsten sind, wenn sie eigene Werke interpretieren – wie beispielsweise auch – und hier schließt sich der Kreis zum Bild weiter oben – Madeleine Peyroux.
Diese – also Madeleine Peyroux – ist primär für ihre charakteristische Stimme bekannt. Wer sie zum ersten Mal singen hört, wird einen Vergleich mit Billie Holiday unmöglich vermeiden können. Auch wenn Madeleine Peyroux selbst behauptet, es würde sie inzwischen sehr nerven, immer auf ihre Billie Holiday-Stimme reduziert zu werden, hat es doch sehr lange gedauert, bis sie es geschafft hat, sich vom Reproduzieren alter Standards zu lösen und ein Album mit ausschließlich eigenen Werken herauszubringen. Dieses Album “Bare Bones” wurde dann auch prompt von weiten Teilen der amtlichen Kritik verrissen; Ich hingegen halte es für die mit Abstand beste CD, die Madeleine Peyroux bisher produziert hat, denn erst mit diesen Kompositionen konnte sie sich von dem Billie Holiday Fluch lösen und ihren charakteristischen Gesang – und damit sich selbst – in den Kontext des 21. Jahrhunderts führen.
Zum Abschuss hier drei Empfehlungen, um im Fall akuten Geldüberschusses die Not leidende Musikindustrie zu fördern:
- Diana Krall: “The Girl In The Other Room”
- Rumer: “Seasons Of My Soul”
- Madeleine Peyroux: “Bare Bones”
Na also. Damit habe ich nun auch eindrucksvoll bewiesen, dass ich nicht nur von Politik, Juristerei, Literatur, Elektronik und IT, sondern auch Musik herzlich wenig Ahnung aber jede Menge Meinung habe.
Es lebe die Meinungsfreude! Und – nimmt mir jetzt endlich jemand diese verdammte Intellektuellenbrille ab?





oachkatz gab am 24. Juni 2012, 15:58 folgenden Senf dazu:
Hast Du jemand gefunden? Steht Dir doch ganz gut…ich gehe jetzt zu YouTube, Rumer hören.
/cbx meint dazu:
Na dann gute Unterhaltung. Mal sehen, ob Rumer vielleicht doch nicht nur etwas für Männer im vorgerückten Alter ist.