Mein überaus teurer Frend Peter

25.07.2012 21:35 von /cbx, derzeit 2.10122 Kommentare

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Nein, ich bin nicht tot. Nicht einmal mundtot. Ich war nur zu tiefenentspannt um ein Blogbedürfnis zu haben. Jetzt aber hätte ich sogar schon wieder ein echt meinungsfreudiges und weitgehend unreflektiertes Stück Texkrement in Petto, das ich in der Reihe Aus dem Feuilleton-Fauteuil auf meine wehrlosen Leser loslassen will. Derzeit aber habe ich noch nicht die Muße gefunden, einen Brocken dieser Größenordnung (das wird sicher ein LONG VEHICLE) meinen Lesern mittels des von mir nur unzureichend beherrschten Werkzeugs “Sprache” zugänglich zu machen. Deshalb werde ich mit leichtem Jammern und Greinen beginnen und mich erst in den folgenden Tagen zum Predigen, Pöbeln, und Polemisieren fortentwickeln. Ganz langsam und entspannt – so, wie ich das eben in Schweden gelernt habe.


[Vorwiegend entspannt: Land und Leute in Schweden]

Ja, der Urlaub war begeisternd. In Schweden passen Land und Leute zusammen und verbreiten eine Ruhe, die auf uns gestresste Südeuropäer (südlich des Seitenwurschtäquators) fast schon wieder beunruhigend wirkt. Neben Kanada und Norwegen könnte ich mir jetzt auch Südschweden (insbesondere Göteborg) als alternativen Lebensort vorstellen.

An dieser unheimlichen Ruhe und Gelassenheit hätte ich dann auch beinahe verzweifeln können, wäre da nicht mein guter Freund Peter gewesen. Peter hat mich freundlicherweise unregelmäßig aber häufig über wichtige Entdeckungen am Laufenden gehalten. Und zwar per SMS:

Von: +4915739204083
Hallo, du musst dir unbedingt die Seite anschauen. www.autokette.de Hab ich neu entdeckt. Gruss Peter

Wie überaus rücksichtsvoll von Peter, mir seine phänomenalen Entdeckungen aus dem Reich des weltweiten Web sofort mitzuteilen – sogar während ich im Urlaub und im Ausland bin! Nun kostet das Empfangen von SMS entgegen meiner ursprünglichen Befürchtung innerhalb der EU schon länger kein Geld mehr, trotzdem war ich mehr als erregt – und zwar über die Wichtigkeit dieser Information, die wohl von derart enormem Ausmaß sein musste, dass Peter sich absolut sicher war, dass etwaige Roamingkosten angesichts der unvorstellbaren Möglichkeiten nicht ins Gewicht fallen würden.

Und – was soll ich schreiben? Meine Erregung kannte wirklich kein Halten mehr, als ich das nachgerade gehirnzertrümernde Angebot unter http://www.autokette.de mit eigenem Auge sah. Es war mit Sicherheit nicht weniger als der Heilige Gral jedes Menschen, der die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch nicht völlig aufgegeben hatte. Auf autokette.de konnte man nicht nur kostenlos, gratis und ohne zu bezahlen seine alte erdölsaufende Rostmöhre zum Verkauf feilbieten – nein, man konnte darüber hinaus auch unter – äh – Dutzenden anderer alter erdölsaufender Rostmöhren wählen um diese zu kaufen – und zwar kostenlos, gratis und ohne zu bezahlen.

Ups? Da ist wohl wieder die mangelnde Werkzeugbeherrschung mit mir durchgegangen. Der kleine Rest klaren Menschenverstandes in mir vermutet, dass der faktische Erwerb der alten erdölsaufenden Rostmöhren, im Gegensatz zur Nutzung des Grals Portals, wohl eher nicht kostenlos, gratis und ohne zu bezahlen stattfindet. Doch egal – ich danke meinem unbekannten Freund “Peter” dennoch allerherzlichst für seinen großartigen universell nützlichen Tipp. Wie wäre mein weiteres Leben wohl ohne diese Information verlaufen?

Dennoch möchte ich mit einen kleinen, ja geradezu winzigen Hinweis an “Peter”, meinen unbekannten Freund, nicht hintan halten:

Lieber Peter, wenn Du glaubst, Dein ohnehin extrem philantropisches Angebot an die Menschheit wirklich mit massenhaft an beliebige Telefonnummern verschickten SMS bewerben zu müssen, dann stelle bitte sicher, dass diese SMS nicht um 5 Uhr Morgens eintreffen. Menschen, die einer geregelten Arbeit nachgehen – oder gar Urlaub haben – könnten nämlich an einer regelmäßig unregelmäßigen Störung ihrer Nachtruhe durchaus Anstoß nehmen. Und dann könnten sie durchaus ungehalten sein. Und dann wiederum könnten sie sich zu nicht ganz so freundlichen Schlusssätzen hinreißen lassen.

Wer wirklich glaubt, seinen verschissenen Drecksladen mit unaufgeforderten SMS-Terror “bewerben” zu müssen, der soll mit seiner hirn- und hoffnungslosen Produktkopie so schnell und rückstandsfrei untergehen, dass die Druckwelle noch Stunden später im Cern die Bosonen zum Hüpfen bringt. Denn wer mit Spam beworbene Produkte nutzt, wird immer selbst zum Teil des Problems.

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos - Rant & Grant

 

Eigener Senf dazu?

  1. Peter Suxdorf gab am 26. Juli 2012, 06:25 folgenden Senf dazu:

    Ähm, nur um das eigene Gewissen zu beruhigen, ich war´s nicht…

    /cbx meint dazu:

    Nur, um mein Gewissen zu beruhigen: Das hätte ich auch nie angenommen :-)

  2. Kraska ltd, gab am 26. Juli 2012, 10:43 folgenden Senf dazu:

    Mein Pseudonym ist auch nicht “Peter”. – Ich gebe aber zu bedenken, dass wir zehn Minuten nach Globalisierung haben und es WORLD WIDE web heißt. Nicht überall in der Welt ist es gerade “fünf Uhr Morgens”…

    /cbx meint dazu:

    Wohl wahr, werter Magister. Allerdings erwarte ich von einem Diplom-Spammer, der mit gefälschter deutscher Telefonnummer per SMS an deutsche Telefonnummern eine deutsche WORLD WIDE Website bespammt, dass der sich nicht nach der Zeit in Lagos oder Waikiki Beach richtet. Naiv, ich weiß...