Der Markt regelt alles!

10.08.2012 16:04 von /cbx, derzeit 3.27152 Kommentare

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Das ging ja gerade noch so über die Ziellinie. Kurz (oder lang?) vor der Ratifizerung des Steuerabkommens mit der Schweiz hat Nordrhein-Westfalen noch schnell eine der einst so in Mode gekommenen Steuersünder-CDs gekauft. Damit hat sich die rot/grüne Regierung natürlich prompt den Anfeindungen der schwarz/gelden Bundesregierung ausgesetzt, die diese Aktion als schädlich für das demnächst abzuschließende Klientelrettungsprogramm Steuerabkommen brandmarkt.


[Der Himmel hängt voller Daten. Oder sind es doch verbotene Früchte?]

Interessant ist für mich dabei nicht so sehr das alte Sandkastenspiel “Wer drischt die Steuerflüchtlinge”, bei dem die (offiziell so genannten) altkonservativen (im Vergleich zu konservativ wie SPD oder neukonservativ wie Grüne) Parteien immer so gerne vornehme Zurückhaltung üben, sondern viel mehr die Berichterstattung der einheitsschlägigen Medien. Entweder berichten die nämlich überhaupt nur, dass schon wieder eine solche CD gekauft wurde, oder sie geben sich wenigstens betont kritisch und hinterfragen, ob es denn eine gute Idee sei, solche Daten mit Steuergeldern zu kaufen.

Die Antwort auf die kritische Frage steht indes längst fest und wird im Paket mitgeliefert. Natürlich ist das eine ganz großartige Idee, denn die lächerliche Summe, die für derartiges Diebesgut bezahlt werden muss, wird von den zu erwartenden Steuer- und Strafeinnahmen um einen Faktor zwischen 100 und 1000 übertroffen. Dagegen sähen selbst griechische Staatsanleihen blass aus.

Die Frage, die konsequent nicht (mehr) gestellt wird, ist die nach der rechtlichen Grundlage, auf deren Basis ein angeblicher Rechtsstaat Diebesgut kaufen und als Beweismittel in Prozessen verwerten darf. Nun hat zwar im November 2010 das Bundesverfassungsgericht die Nutzung ebensolcher Daten mit einer äußerst weit ausholenden und kurvenreichen Begründung (meine Kurzfassung: “es ist halt irgendwie trotzdem OK, weil es so verdammt zweckmäßig ist”) erlaubt, über die Legalität des Ankaufs hingegen meines Wissens überhaupt nicht entschieden.

Dennoch wird dieser Aspekt nicht mehr öffentlich thematisiert, sodass Behörden weiter munter mit Steuergeldern gestohlene Daten kaufen dürfen. Dazu bedarf es nicht einmal – wie es beispielsweise in primitiven Staaten wie China nötig wäre – einer Zensur, nein, bei uns regelt auch das der Markt – und zwar vollautomatisch, wenn man an den richtigen Rädlein zu drehen weiß.

Die Legalitätsdebatte wurde bereits 2010 in der Politik derart exzessiv (und gleichzeitig nervtötend langweilig) breitgetreten, dass kein Nachrichtenkonsument mehr etwas davon hören (bzw. lesen) wollte. Die Nachricht hingegen, dass tausende Steuerhinterzieher (allgemeiner: Geldsäcke) im Sog der gestohlenen Daten empfindlich zur Kasse gebeten wurden, führte beim 99%-Volk zu nachhaltiger Begeisterung.

Weil Information aber auch nur eine Ware ist, die auf unseren Märkten gehandelt wird und weder Verlage noch Rundfunksender non profit Organisationen sind, wird demzufolge auch nur das berichtet, was der Kunde zu erfahren wünscht. Kraft der segensreichen Wirkung des Heiligen Marktes erfolgt das Mainstreaming der Berichterstattung auf den erwünschten Mehrheitsgeschmack ohne vordergründige Einflussname durch Partei und Politik. Jeder Machterhalter, der nicht komplett verblödet ist, wird recht schnell verstehen, wie dieses System des Zerredens unerwünschter und Herbeiredens erwünschter Themen funktioniert und schon nach kurzer Anlernphase eifrig Gebrauch davon machen.

Und ich verstehe so, warum Nachrichten bei mir so oft zu allgemeiner Übelkeit führen.

/cbx, Kategorie: Rant & Grant - Andere Betrüger

 

Eigener Senf dazu?

  1. Hanz Moser gab am 10. August 2012, 16:33 folgenden Senf dazu:

    Ein von mir immer wieder gern hingeschmissenes Zitat, dass mir vor langen Jahren das alles auf einen Schlag klar und transparent vor Augen geführt hat.

    “Das System der Massenmedien agiert im Hinblick auf seine Wahrnehmung” – Niklas Luhmann

    /cbx meint dazu:

    Huch? Luhmann? So schnell? Das scheint wohl die irgendwasmitmedien-Menschen-Variante von Godwin's law zu sein, oder?.

    Was allerdings nicht heißen soll, dass Luhmann in diesem Fall nicht recht haben würde. Man hätte das allerdings auch auf Deutsch formulieren können...

    EDIT: Da hat die Kommentar-kommentier-Blondine wohl geschlampt. Ich habe ein fehlendes "nicht" eingefügt.

  2. Hanz Moser gab am 11. August 2012, 01:35 folgenden Senf dazu:

    Irgendwas-mit-Medien-Menschen?
    Willst du mich etwa in die Ecke stellen?!?
    Pass bloß auf, sonst eitert dir demnächst eine alte Immatrikulationsbescheinigung (m)einer Fakultät für Maschinenwesen aus dem Auge!!!
    Und ein Schein für Experimentalphysik aus dem Arsch!!!!!

    Es ist aber interessant, dass dir Luhmannzitate scheinbar bei solchen Themen häufig über den Weg laufen. Mir passiert das nicht, obwohl da garantiert vgrep anschlagen würde. Selbst gelesen haben ihn die Wenigsten, was man idR schnell merkt und herrlich viel Angriffsfläche bietet.

    Selbst lesen ist übrigens keine gute Idee. Der Satz ist nämlich leider noch völlig harmlos und wenn ihm jemand vorwürfe, sich oftmals ohne Not kompliziert auszudrücken oder Begriffe umzudefinieren, stände ich nur nickend daneben. Ist halt doch ein Soziologe…

    /cbx meint dazu:

    Nix für Ungut, bitte :-)

    Ich bin mir über Deinen Background durchaus im Klaren. Gerade deshalb war ich ja so erstaunt, gerade von Dir ein Luhmannzitat zu bekommen (auch wenn's passt). 2012 ist Luhmann wohl das, was 1980 noch Nietzsche war. Einer, von dem man für jede Gelegenheit ein passendes schwer verständliches Zitat parat hatte.

  3. Kraska ltd, gab am 11. August 2012, 09:25 folgenden Senf dazu:

    Die ewige Koketterie der Ingenieure! “Hach, Luhmann, was ist das bloß kompliziert und schwierig!” – Euer Maschinenbauer-Slang ist nicht weniger kompliziert und schwierig. Kommt nur drauf an, ob mans kapiert…

    Im Übrigen – Du hastdoch nicht etwa ANGST vor der CD? Ich meine, wegen der Übelkeit? Warst Du gar nicht in Schweden, sondern vielleicht in Zürich? Na?

    /cbx meint dazu:

    Aber Herr Magister!

    1) Wäre der Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschafft erst planiert - es wäre das Ende von Allem, das Ende der Welt. (nach P. Handke)

    2) Ich war doch nicht in Zürich! Ich war in, äh, HUST, Vaduz...

    PS: Die Verunglimpfung als Maschinenbauer nehme ich jetzt aber wirklich persönlich!

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