Nicola Tesla: Eine unerschöpfliche Energiequelle! [Update]

21.08.2012 22:01 von /cbx, derzeit 4.20313 Kommentare

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Also momentan läuft es, das ist schier nicht zu glauben. Gestern ruft mich eine Vermögensberaterin von Morgan & Greenspan an und bietet mir eine Möglichkeit, meine unermesslichen Mengen an Schwarzgeld gegen jedes Währungsrisiko gesichert in Silber anzulegen. Und nicht nur das, bei Morgan & Greenspan wird sogar noch weiter gedacht. Weil Silber derzeit ja bekanntlich massiv unterbewertet ist und somit schon eine Million Euros eine sehr unhandliche Menge an Silber bedeutet, bekomme ich stattdessen von Morgan & Greenspan einfach ein paar leichte Blätter schweren Papiers, auf denen steht, dass ich Besitzer einer Tonne (nach aktuellem Kurs) Silber bin. Das klingt für mich so einleuchtend, dass ich am liebsten sofort mit einer Million einsteigen möchte. Nur schade, dass ich keine Million Euro habe.

Vielleicht aber kann ich mir dieses Geld bald zusammen sparen. Heute nämlich wurde mir ein höchst konspiratives Email zugespielt:

Dear info@amadyne.net,

your friend Nikola Tesla’s Free Energy Invention just sent you a message from Weston Airport:

Dear Enery User:

Did you know that thier is A SECRET way to get free ULIMATED ENERGY TO POWER UP OUR HOME!yes thier is one SECRET way to get free unlimated energy,infact only few people know’s about it.and use this SECRET to get FREE UNLIMATED ENERGY,so that they wont have to pay the BIG ELECTRIC COMPANY ever again,and say goodbay to the electric bill forever….Cz we all both hate BIG ELECTRIC BILL!!

If you wanna know the secret just click or paste the link to your browser below:

http://x.co/mxl7

Best Regard:

Arnil Brooksheld
SECRET ENERGY ENGINEER

Wahnsinn! Diese Email ist so konspirativ, dass es über den Freemail-Dienst eines Flughafens verschickt werden musste. Und der Verfasser der ultrageheimen Botschaft war so in Eile, dass er wohl für korrekte Orthografie und dergleichen keine Zeit hatte. Der Inhalt aber ist wirklich explosiv! Hier geht es um eine Erfindung, die der gesamten Menschheit Zugang zu unbegrenzten Mengen freier Energie verschaffen wird! Und nein, das ist sicher kein Betrug, denn niemand geringerer als Nicola Tesla persönlich hat diese segensreiche Erfindung seinerzeit erfunden. Ja, der Nicola Tesla, der den Alternativen Strom1 (AC) erfunden hat!

Ich habe mir das Video auf der im Mail verlinkten Website angesehen und keine zehn Minuten später für 29$ mein Free Energy Secret™ bestellt. Diese schlagenden Argumente, diese einleuchtenden Demonstrationen – das kann kein Betrug sein. Wer es mir gleich tun möchte, der sollte so schnell wie möglich bestellen, denn – wie auch die Website nicht müde wird, zu wiederholen – die Energiekonzerne werden jede Minute zuschlagen und den Vertrieb dieser alles verändernden Sensationsentdeckung verhindern.

Falls aber die Energiemafia zuschlagen sollte, bevor ich mein Free Energy Secret™ bekomme, habe ich die entscheidenden Teile aus dem Werbevideo kopiert, auf dass jeder meiner Leser seinen eigenen kleinen Tesla-Generator bauen und sein Hendi fürderhin mit kosmischer Energie laden kann.

Das ist die Stückliste. Mit Ausnahme der seit ca. 40 Jahren etwas aus der Mode gekommenen Germaniumdioden werden sich die Zutaten in jeder halbwegs normalen Bastelkiste finden. Die 1N34 gibt es bei Farnell zum Apothekerpreis von 1,50€ pro Stück, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass die Schaltung auch mit jeder anderen halbwegs normalen Ge-Diode funktionieren wird. Immerhin hatte Tesla selbst weder Germanium- noch Siliziumdioden zur Verfügung. Hat man die Teile beisammen, verdrahtet man sie zu dieser enorm komplexen Schaltung:

Und wenn man das ganz besonders brachial auf einer Reihe gewöhnlicher Lüsterklemmen verschraubt, dann kann das Ergebnis ungefähr so aussehen:

Voller Begeisterung übersehen wir auch geflissentlich das mühsam hinter JPEG-Artefakten versteckte “Metacafe”-Logo rechts unten in den absolut originalen Originalfotos.


[Logo des Videoportals Metacafe.com]

Update: Ich habe inzwischen vermutlich das “Originalvideo” gefunden. Die tollen Forscher hinter diesem Geheimnis haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, diesen ultrakomplexen Versuchsaufbau selbst nachzustellen.

Trotzdem. Ich bin sicher kein Nicola Tesla, aber ich kann auch ohne das konkret aufgebaut zu haben feststellen, dass der im Video demonstrierte Effekt eintreten wird und sich an den Klemmen dieser unvorstellbar revolutionären Schaltung eine Hand voll Volt messen lassen wird.

Meine Gewissheit ziehe ich nicht nur aus meinem doch einige Wochen dauernden Stupidium der Elektrotechnik, sondern auch aus der Wiedersehensfreude mit einem alten Bekannten, der Delon vierfach-Spannungspumpe.


Delon Doppel-Spannungspumpe,
© Walter Dvorak, CC-3.0 BY SA

Die beiden Schaltungen sind identisch, wenn man sich den Trafo zwischen Antenne und Erde (die Mitte zwischen den Ausgangsklemmen) denkt. Und deshalb funktioniert sie auch. Mit der Antenne wird breitbandig und unselektiv alles empfangen, was auch nur entfernt nach elektromagnetischen Wellen aussieht (man könnte es auch Elektrosmog nennen). Das reicht von Mittelwellensendern über Radio und TV bis hin zu Mobilfunk und WLAN. Diesen Feldern wird dann jene Energie entzogen, mit der die Kondensatoren des Tesla-Generators aufgeladen werden. Durch die Spannungsvervierfachung der Delon-Schaltung entsteht dabei sogar eine Spannung von einigen Volt, die auf einem Messgerät durchaus eindrucksvoll aussieht.

Und da liegt der Hase im Pfeffer begraben. Die Energie stammt leider ganz und gar nicht aus dem Kosmos, sondern wird aus den uns überall umgebenden elektromagnetischen Feldern abgesaugt. Diese Energie wurde vorher von jemand Anderem auf durchaus kostspielige Art mit einer elektrisch betriebenen Sendeanlage bereitgestellt. Wer diese Energie für andere als die vorgesehenen Zwecke abzieht, macht sich in Deutschland möglicherweise sogar strafbar, denn diese Feldenergie steht legitimen Empfängern nicht mehr zur Verfügung und verschlechtert deren Empfangsmöglichkeiten. Wenn im G’schäft jeder sein Handy per WLAN auflädt, wird wahrscheinlich niemand mehr über WLAN kommunizieren können.

Es lohnt sich aber nicht wirklich, dieses Risiko überhaupt einzugehen. Unter wirklich absolut optimalen Bedingungen könnte man mit einer wirklich riesigen Antenne vielleicht ein paar Milliwatt ernten. Und damit könnte man dann in einem Jahr doch immerhin mehrere Cent Stromkosten sparen (also, sofern man gewillt ist, auf das Laden des Handy-Akkus 3 bis 7 Wochen zu warten).

Die Überschrift hat trotzdem ihre Berechtigung. Denn angesichts der dümmst-dummdreisten, mit der Brechstange gestrickten Story wird der unschuldige Namensspender, Nicola Tesla derart in seinem Grab rotieren, dass man damit problemlos einen 1GVA Synchrongenerator betreiben könnte.



1 Der Begriff Alternative Current als Alternative zum Alternating Current wurde laut deren Video von den Wissenschaftlern hinter dem Tesla-Generator erfunden. Auch das zeigt eindrucksvoll, welche Spitzenwissenschaftler hier am Werk sind.

/cbx, Kategorie: Andere Betrüger - Schöngeistlos

 

Eigener Senf dazu?

  1. Pit gab am 22. August 2012, 12:07 folgenden Senf dazu:

    Ich hab mal gehört das Teslading wäre der Renner in Gartenlauben, die in der Nähe von Fernsehmasten stehen. Die richtige Antenne verwendet und das Inet bringt den Strom gleich mit. Cool oder?

    /cbx meint dazu:

    Ja, das geht. Lass Dich nur nicht dabei erwischen. Noch besser soll es übrigens in unmittelbarer Nachbarschaft von Amateurfunkern klappen. Da gehen bei ein paar hundert Watt CW auch ohne Teslading schon mal einige Leuchtstoffröhren an.

  2. Hanz Moser gab am 22. August 2012, 18:05 folgenden Senf dazu:

    Da stiehlt der Mann das geistige Eigentum dieser armen Leute und veröffentlicht es auch noch, so dass jeder es raubkopieren kann.

    Hmm, ich glaube aber fast, dass ich mir so ein Ding baue und mal mit auf die Arbeit nehme. Eine Kollegin dort, sehr oft mit Handy am Ohr, war eine Zeit lang sehr wuschig, weil ein WLAN AP unter ihrem Tisch stand – die Strahlung, ne?

    Wenn ich der zeige, und als technisch kompetent erkennt sie mich an, was so alles in der Luft herumschwirrt und dann noch erwähne, dass bis heute eine gesundheitliche Beeinträchtigung nicht ausgeschlossen werden kann, dreht die vermutlich völlig hohl und kommt mit einem Aluhut wieder.

    Andererseits ist sie ansonsten ja echt nett…

    /cbx meint dazu:

    Ich habe auch schon drüber nachgedacht, das Ding mal zu bauen und dann mit dem Handy eine LED zu betreiben. Mit den ultrahellen könnte das fast klappen...

    Für die Aluhüte empfehle ich übrigens Eisenfolie. Wegen der magnetischen Abschirmung...

  3. Kraska ltd, gab am 23. August 2012, 13:39 folgenden Senf dazu:

    Ich hätte nicht gedacht, dass es in der tristen Welt der Ingenieure auch was zu lachen gibt. Und das fast ohne Strom! Klasse.

    /cbx meint dazu:

    Ja, wahrhaftig. Lachende Ingenieure. Das kommt bisweilen vor, wenn sie es nicht rechtzeitig in den Keller schaffen...

  4. tom gab am 7. März 2014, 13:50 folgenden Senf dazu:

    wenn man noch ne Erdung anschliesst kann man Energie aus der Atmosphäre bekommen

    /cbx meint dazu:

    Das Ding war eh geerdet. Wäre der Aufbau nicht in einer Halle gestanden, hätte natürlich auch der Blitz einschlagen können. Das wäre eine Energieausbeute gewesen...

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