Unbegrenzte Freie Energie füe alle!

25.08.2012 10:31 von /cbx, derzeit 6.41770 Kommentare

Send to Kindle

In dem legendären Filmklassiker “A Fish Called Wanda” gibt es eine Szene, in der sich John Cleese als Archie Leech gegenüber Wandas Bruder Otto (Kevin Kline) “vorbehaltlos und umfassend entschuldigt” und “sämtliche Aussagen mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns zurücknimmt”. Nachdem die Kamera eine neue Position einnimmt, erkennt man, dass diese umfassende Entschuldigung wohl auch dadurch motiviert ist, dass er von Otto kopfüber aus einem Fenster gehalten wird.

Hier und heute ist es an mir, mich vorbehaltlos und umfassend zu entschuldigen und sämtliche Aussagen mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns zurückzunehmen, mit denen ich in einem schlampig recherchierten und äußerst tendenziösen Blogpost die wertvolle und harte Arbeit ernsthafter Forscher lächerlich gemacht habe.

Es ging darin um einen so genannten Tesla-Generator, der freie Energie aus der Atmosphäre absaugt und in Form von elektrischem Strom nutzbar macht. In meiner grenzenlos arroganten Ignoranz war ich davon ausgegangen, dass dies ein dreister Betrug sein müsse.

Als ich den Post dann veröffentlicht hatte, begannen die Zweifel an mir zu nagen und der kleine Ingenieur in mir rief nach einem Beweis für die Nutzlosigkeit dieser Erfindungen. Und so baute ich die im Video der vermeintlichen Betrüger gezeigte Hardware nach. Allerdings nicht genau, sondern mit ein paar Modifikationen, die sicherstellen sollten, dass die Schaltung auf keinen Fall funktionieren würde. Ich ersetzte die schwer erhältlichen Germaniumdioden durch billige 1N4148 Siliziumdioden (2 Cent pro Stück) und passte die Werte der Kondensatoren an (330nF statt 200nF und 10µF statt 100µf). Schließlich ersetzte noch ich den speziellen Antennendraht durch eine 50m Rolle gewöhnlicher 0.5mm² Litze (allerdings die Gute von RS Components).

Mit diesem Setup fühlte ich mich sicher genug, beweisen zu können, dass die Schaltung nach dem Anschließen der Antenne keinerlei Reaktion zeigen würde. Und dann passierte dies:

Schon ohne Antenne waren rund 0.07 V zu messen. Das hätte ich noch als Relaxationsladung der Elektrolytkondensatoren erklären können. Was aber passierte als ich die Antenne anschloss, ließ meine professionelle Skepsis wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Binnen weniger Sekunden stieg die Leistung auf über 3V! So viel Leistung kommt aus den bekannten Lithium-Ionen Akkus, die Handies, Notebooks und Elektroautos betreiben! Wenn man erst mal 3V zur Verfügung hat, steht einem die ganze Welt der Energietechnik offen!

Das war der Beweis. Die Apologeten der freien Energie hatten recht und ich hatte unrecht. Nur Minuten später bestellte ich mir meinen Bauplan für einen wirklich großen Tesla-Generator für nur 29$. Und schon in wenigen Tagen werde ich dann so viele dieser Generatoren gebaut haben, dass meine Wohnung und die Geschäftsräume energieautark werden. Ich muss nur noch ein paar Heizlüfter kaufen, damit ich im kommenden Winter auch mit freier Energie heizen kann.

An dieser Stelle im Text erwarte ich von meinen Lesern eine von genau zwei möglichen Reaktionen. Entweder ein feinsinniges (optional: mitleidiges) Grinsen oder ein typisches “WTF?”-Gesicht, verbunden mit der Frage: “Hat ihn jetzt seine letzte lebende Gehirnzelle verlassen?” Wer sich mit einer dieser Reaktionen identifizieren kann, sollte weiter lesen, alle anderen sollten schnell die Pläne für den Tesla-Generator oder den Howard Johnson Permanentmagnetmotor (HoJo Motor) bestellen, bevor die Energiemafia die (seit mindestens 2010 aktiven) Seiten dieser Helden der freien Energie aus dem Netz nimmt. Das kann nämlich (seit 2010) jede Sekunde passieren!

Kurz zurück zu meinem Versuchsaufbau. Ich habe – im Gegensatz zu den Kollegen mit dem Metacafe-Video nicht getrickst. Die dritte Klemmprüfspitze in der Breadboard-Schaltung stellt nur eine vernünftige Erdung sicher. Und so war ich wirklich überrascht, welche Spannungen aus dieser Vorrichtung zu holen waren. Mit leckstromarmen Kondensatoren erreichte ich sogar über 30V. Nach der Quelle für das offenbar äußerst ergiebige elektromagnetische Feld, das diese Spannungen hervorrief, musste ich allerdings nicht lange suchen. Es war die zur Beleuchtung des Experiments herangezogene (und im Video natürlich unsichtbare) Lupenleuchte mit elektronisch angesteuerter Ring-Leuchtstofflampe. Dieses Gerät produzierte dermaßen viel breitbandigen Elektrosmog, dass ich meine “Antenne” in beträchtlichem Abstand aufstellen musste, um halbwegs glaubwürdige Messwerte zu erhalten.

Mit diesem extrem günstigen Setup habe ich dann noch einen weiteren Versuch durchgeführt, bei dem ich eine ultrahelle rote LED an den Ausgang klemmte. Diese LED sind so empfindlich, dass wir sie in unseren Maschinen mit verdrillten Leitungen verdrahten müssen, weil sie sonst aus den Magnetfeldern der (geschirmten und verdrillten) Motorleitungen so viel Energie aufnehmen, dass sie flackern, wenn sich die Motoren bewegen. Die LED aber blieb vollständig dunkel. Ich habe dies nicht als Video dokumentiert, weil sich dort immer irgendwo eine Lichtquelle in der LED spiegelte, was den falschen Eindruck erweckt hätte, die LED würde leuchten.


Zur Erinnerung: Delon Doppel-Spannungspumpe,
© Walter Dvorak, CC-3.0 BY SA

Eine kurze Rechnung zeigt, warum selbst unter diesen perfekten Bedingungen keine LED betrieben – und mit absoluter Sicherheit kein Handy geladen (→Metacafe-Video) werden kann. In meinem Video ist zu sehen, dass die Spannung nach dem Anschließen der Antenne in ungefähr 5 Sekunden von 1V auf 2V steigt. Dabei lädt sich jeder der beiden 10µF-Kondensatoren (C3 und C4) um 0.5V auf. Nach Q=CU entspricht dies einer Ladung von 5µC also 5µAs. Wenn in 5 Sekunden eine Ladung von 5µAs bewegt wird, so entspricht dies einem Strom von 1µA. Ein Mikroampere! Das ist nicht nur nicht berauschend, das entspricht, mit der Brechstange gerechnet unter einigen unzulässigen Annahmen einer Leistung von einigen Mikrowatt. Den Akku eines durchschnittlichen Smartphones (3.6V, 3Ah) damit zu laden würde gerade mal 350 Jahre dauern. So lange wartet man doch gerne, wenn die Energie frei ist.

Ich muss jetzt erst mal meine Nackenmuskulatur auskurieren, denn im Sog dieses Themas habe ich den Begriff “Free Energy” gegugelt und bin dabei in kürzester Zeit über derart unfassbare Mengen haarsträubendsten Unfugs gestolpert (der HoJo Motor ist da noch eines der seriösesten Angebote), dass ich wohl meine Kopfschüttel-Muskulatur überanstrengt habe. Wer aber weiterhin glauben möchte, dass unser Planet nicht von unbegrenzten Massen schwindelerregend leichtgläubiger Idioten bewohnt ist, der sollte niemals “Free Energy” gugeln oder auch nur die empfohlenen Links nach meinem Youtube-Video anklicken. Dabei ist übrigens dieses mein erklärter Liebling.

Denn die einzige wirklich unbegrenzt und frei verfügbare Energie im Universum scheint die hartnäckige Naivität zu sein, mit der Menschen glauben wollen, was unglaublich ist. Wohl jenen, die diese Energie monetarisieren können.

Sie sollen in der Hölle schmoren.

/cbx, Kategorie: Andere Betrüger - Schöngeistlos

 

Eigener Senf dazu?

  1. Hanz Moser gab am 25. August 2012, 15:14 folgenden Senf dazu:

    Und dann diese Feinheiten, wie eine Angabe in Volt mit “Leistung” zu bezeichnen. Chapeau!

    Mein persönlicher Tipp, falls du darauf nicht gestoßen sein solltest, ist die Felix Würth AG. Da gab es teilweise durchaus Maschinenbau zu sehen. Dumm nur, dass mit der Reduzierung aller Lagerreibung die Luftreibung an ihren Generatoren bliebe und die Dinger auch sonst nur ein Speicher und eben keine Quelle wären…

    /cbx meint dazu:

    Du ahnst nicht, wie sehr mich diese Leistung in Volt geschmerzt haben... Und danke für den Tipp mit Felix Würth. OMG.

  2. oachkatz gab am 27. August 2012, 11:58 folgenden Senf dazu:

    Wenn mir auch der Feinsinn völlig abgeht, habe ich das Wesentliche wohl verstanden und wage aber zu behaupten, dass ich auch vor Deinem Post nicht versucht hätte, einen Free Energy Generator zu bauen. Zu sehr erinnert das ganze Szenario an die Alchemisten Rudolf des Zweiten mit ihren Versuchen aus nichts Gold herzustellen. Aber verstehe ich es richtig, dass man ja immerhin Elektrosmog mit dem Teil messen kann? Wäre dies nicht auch ein würdiges, wenn auch nicht ganz so lukratives Geschäftsfeld?

    /cbx meint dazu:

    Davon, dass meine Leserinnen das Zeug nicht anrühren würden, gehe ich aus. Bedrückend genug, dass es genug Leute gibt, denen das Brett den klaren Blick nachhaltig verstellt.

    Bei Elektrosmogmessungen kommt es extrem darauf an, was Du beweisen willst. Willst Du beweisen, dass wir wirklich überall davon umgeben sind, dann reicht eine solche Vorrichtung. Wenn Du Dir wirklich Gedanken um Deine Gesundheit machst, dann musst Du schon etwas verwenden, was Dir auch andeutet, was Du da gerade misst.

  3. oachkatz gab am 27. August 2012, 13:19 folgenden Senf dazu:

    Ehrlich gesagt, ich habe mich noch nie mit Elektrosmog beschäftigt, so dass ich akut gar keinen Bedarf habe. Generell tendiere ich dazu, lieber nichts über diesen Zusammenhang und meine Gesundheit wissen zu wollen. Ich habe zu rauchen aufgehört und kaufe Bioprodukte, das Auto ist nach seinem Totalzusammenbruch nicht ersetzt worden – ich finde es schon jetzt schwer, die Balance zwischen Spaß am Leben und politisch und ökologisch korrektem, gesundheits- und umweltbewahrendem sowie sozial verträglichem Dasein zu finden. Ich mache jetzt keine weitere Baustelle auf.

    /cbx meint dazu:

    Sehr vernünftig. Mir fielen auch auf Anhieb 10 Dinge in meiner Umgebung ein, vor denen ich mehr Angst hätte als vor elektromagnetischen Wellen...

  4. ernst gab am 27. August 2012, 19:45 folgenden Senf dazu:

    Ich komme mal wieder mit dem erstens-zweitens-drittens-Kommentar. (Mir fällt eben auf, dass mir diese Form besonders oft einfällt.)
    1) Das nenne ich vorurteilsfrei, wenn auch der akademisch gebildete Ingenieur mal für ein Stündchen sein Wissen verleugnet, um die Spaßschaltung tatsächlich aufzubauen.
    2) Wirklich bemerkenswert finde ich auch die Anwendung als Elektrosmog-Reduzierer. – Die Antenne müsste dahingehend nur noch etwas optimiert werden.
    3) Am besten gefällt mir, dass du die Laborlampe als Haupt-Energiequelle identifiziert hast, ganauer die Leuchtstoffröhre darin. – Eben eine Energiesparlampe!

    /cbx meint dazu:

    1) Wenn es vor 10000 Jahren schon akademisch gebildete Ingenieure gegeben hätte, dann würden wir wohl heute noch in der Schule den induktiven Beweis für die Unmöglichkeit der Herstellung eines Rades lernen. Und alle zu Fuß gehen.

    2) Da bastle ich schon an einer kommerziellen Nutzung. So was wie ein Orgon-Akkumulator, aber mit dem Unterschied, dass mein Gerät blinkt und Batterien braucht. Ach ja - und viel teurer ist.

    3) Also dass diese Leuchtstoffdinger Teufelszeug sind, weiß heute eh schon jeder...

  5. A.Kontauts gab am 22. Januar 2013, 19:07 folgenden Senf dazu:

    Hallo,
    an alle 123865 Ungläubigen.
    Das ist wie mit der Entdeckung des Kindbettfiebers, nur heute ist das Verhältnis der Ungläubigen zu den klugen Menschen etwas besser.

    /cbx meint dazu:

    Und es steht jedem hier frei, auf Seiten der Ungläubigen zu stehen, oder nicht?

  6. hans gab am 14. Mai 2013, 02:38 folgenden Senf dazu:

    Echt super der atikel, vielen Dank

    /cbx meint dazu:

    Bitte, immer gerne!

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen.