Computerwissen zahlt sich aus!

10.10.2012 19:03 von /cbx, derzeit 3.42213 Kommentare

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Wie schrecklich! Schon wieder stehe ich vor den Trümmern meiner Lebensplanung. “Hätte ich doch etwas G’scheites gelernt!” Anstatt Jahre meines Lebens mit einem Elektriker-Studium zu verplempern, hätte ich mir in ein paar Monaten die nötigen MCP-Zertifikate (MCSE, MCSA usw.) verschaffen und damit schon wenige Wochen später einen unschätzbar wertvollen Beitrag zum Wohle der Menschheit im Allgemeinen und meines privaten Geldbeutels im Besonderen leisten können – anstatt irgendwo mitten in der Badischen Provinz mit mäßigem Erfolg überflüssige Maschinen zu bauen, mit denen bestenfalls unnütze, oft genug aber auch ethisch fragwürdige Produkte hergestellt werden.


[Ein erster Schritt zu finanziellem Erfolg und… “…Weltfrieden”]

Doch der Reihe nach. In der letzten Woche hatte ich ein Telefonat mit einer sehr gehetzt wirkenden Callcenter-Mitarbeiterin, über das ich mich dann am Sonntag ausgelassen hatte. Ebendort hatte ich auch versprochen bzw. angedroht, über den weiteren Fortgang der Ereignisse zu berichten. Ich kann nun vermelden, dass inzwischen allerlei diesbezügliche Ereignisse eingetreten sind. Eines dieser Ereignisse war das Eintreffen von gleich zwei Emails am Dienstag. Schon der erste barg eine kleine Überraschung:

Bonn, den 09.10.2012

Telefonat vom 05.10.2012 um 8:50:00 Uhr mit Lisa D.

Sehr geehrter Herr Bucher,

zunächst möchten wir uns bei Ihnen bedanken, dass wir Ihnen unsere Fachzeitschrift „Windows Server“ vorstellen und Ihnen ein Angebot unterbreiten durften. Den Inhalt unseres Angebots fassen wir noch einmal kurz zusammen, damit Sie in Ruhe alle Punkte überprüfen können. Missverständnisse wollen wir in jedem Fall vermeiden. Sollte der eine oder andere Punkt noch unklar sein, so rufen Sie uns doch einfach unter der Nummer 0228 – 9 55 04 99 an.

Zum Angebot: Wie telefonisch am 05.10.2012 um 8:50:00 Uhr vereinbart, erhalten Sie von uns die neueste von „Windows Server“ gratis zum risikofreien 30 Tage-Test. Diese Ausgabe dürfen Sie in jedem Fall behalten. Wenn wir innerhalb der nächsten 30 Tage nach Erhalt der Ausgabe nichts Gegenteiliges von Ihnen hören, erhalten Sie 26 Mal pro Jahr + 6 Sonderausgaben die neueste Ausgabe von „Windows Server“ zum günstigen Vorzugspreis von nur 24,95 Euro je Ausgabe zzgl. MwSt. und 1,66 Euro Versandkosten. Eine Kündigung dieser Vereinbarung ist jederzeit möglich.

Bereits während Ihres 30-Tage-GRATIS-Tests sind Sie berechtigt, die Zusatzleistungen zu nutzen:

o den E-Mail-Hotline-Service für Ihre persönlichen Fragen an die Redaktion
o den kostenlosen E-Mail-Newsletter “Netzwerk-Secrets” für aktuelle Meldungen rund um Windows-Netzwerke und Windows-Server-Systeme.

Die Berechtigung für diese Leistungen beginnt mit dem Tag der Zustellung; sie endet an dem Tag, an dem Sie mitteilen, dass Sie Windows Server” nicht beziehen möchten oder Ihr Bezug beendet ist.

Ab heute werden Sie Ihren Windows-Server (SBS, Standard, Enterprise) schneller und günstiger administrieren. Deshalb schneller: Bewährte Praxis-Tipps (inkl. Scripting-Beispielen), die Sie in keinem veralteten Fachbuch finden, nicht dokumentierte Windows-Funktionen und die wichtigsten Anleitungen aus dem Microsoft-Zertifizierungsprogramm (MCSA). Deshalb günstiger: Wir nennen Ihnen kostenlose Tools- und Plugins, die Ihren Windows-Server um weitere Funktionen ergänzen.

Mit “Windows Server” werden Sie Ihre Systeme stabiler, einfacher und sicherer administrieren – davon bin ich überzeugt.

Mit freundlichen Grüßen
Fachverlag für Computerwissen

Lisa D.

Jeder, der den ersten Teil der Geschichte gelesen hat, oder gar regelmäßiger Leser hier ist, wird den klitzekleinen Fehler erkennen, der Lisa D. hier unterlaufen ist. Ich zitiere mich mal eben kurz selbst:

Diese Expertin hat mir, nachdem ich ihre Angebote kompetenzsteigernder Periodika zum Thema Windows Server mit schallendem Gelächter abgelehnt habe, ein garantiert absolut kostenloses, kostenfreies und mit keinerlei Kosten verbundenes Gratisexemplar der im selben Verlag erscheinenden Schrift zum Thema “Linux” versprochen.

In ihrem Bemühen, möglichst mehr als drei Worte pro Sekunde über die Telefonleitung zu quetschen, hat die freundliche Callcenteragentin wohl übersehen, dass an Unternehmen natürlich nur der Informationsdienst “Windows Server” versendet wird. Denn richtige Unternehmen verwenden natürlich ausschließlich “Windows Server”. Womit auch wieder bewiesen wäre, dass die AMADYNE GmbH eben kein richtiges Unternehmen ist.

War das ein Wink des Schicksals? Sollte ich anstatt wertloser Trivialitäten über Linux jetzt unschätzbare Informationsjuwelen zum weltweit führenden Serverbetriebssystem erhalten und damit meine morsche, kurze Karriereleiter ins Nirgendwo durch einen Expresslift in die Eliteetage ersetzen können? Sollte sich am Ende der von mir einst so bekrittelte Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG etwa jetzt als Katapult in das obere Prozent der Gesellschaft erweisen?

Nun war ich aber wirklich gespannt, was mich da erwarten sollte. Immerhin würde mich (oder – rein theoretisch natürlich – die Firma) der Spaß im Jahr nicht weniger als 850€ kosten. Dafür müssten schon ein paar dicke Magazine vollgestopft mit wirklich einmaligen Tipps, Tricks und Geheimwissen drin sein. Die beste Computerfachzeitschrift Europas, die c’t kostet bei einem Umfang von rund 200 Seiten knapp 4€, deshalb erwartete ich für knapp 25€ ein Werk vom Umfang des (die Älteren werden sich noch erinnern) Quelle-Katalogs. Auch wenn man berücksichtigt, dass sich die c’t hauptsächlich durch Werbung finanziert, sollte ein werbefreies Periodikum in dieser Preisklasse auf rund 100 Seiten redaktionellen Inhalts kommen. Ich richtete mich also darauf ein, in den nächsten Tagen ein dickes Kuvert mit der ersten Ausgabe von “Windows Server” in Händen zu halten.

Nun, glücklicherweise wurde meine Geduld nicht sehr lange auf die Probe gestellt. Schon heute (Mittwoch) übergab mir der Postman ein DIN-C4-Kuvert mit dem oben gezeigten, viel versprechenden Aufdruck. Dessen Dicke (genauer ausgedrückt, dessen mangelnde Dicke) indes irritierte mich schon, bevor ich mit einem beherzten Schnitt das Kuvert öffnete. Darin fand ich schließlich dies:


[Information ist das Gold des 21. Jahrhunderts. Allerdings lange nicht so schwer ]

Ich fand ein Anschreiben (1 Seite), eine CD (ein einmaliges Begrüßungsgeschenk) sowie ein “Heft” mit insgesamt acht (in Zahlen: 8) Seiten. Bei acht Seiten (wovon gut 30% der Fläche von Schreeshots belegt werden) für fünfundzwanzig Euro pro Stück dürften sogar gestandene zertifizierte Hardcore-Übersetzer feuchte Augen bekommen. Das ist – um mich nicht in die Nähe zivilrechtlich relevanter Aussagen zu manövrieren – auf jeden Fall ziemlich kühn kalkuliert.

Und – ja – ich habe den redaktionellen Inhalt auf dem dokumentarischen Foto verpixelt, weil allein diese Seite schon einen Wert von über 3€ hat und ich mich nicht in einen Urheberrechtsprozess über illegal veröffentlichte Top-Geheimnisse erfolgreicher Windows-Admins verwickeln lassen möchte.

Ich habe knapp 60 Minuten nach Erhalt dieser erschütternden Nicht-Information das im Hintergrund lauernde lebenslängliche Abo (wir erinnern uns: 850€ pro Jahr) widerrufen – und zwar per Email und Fax. Mal sehen, ob das wirklich so reibungslos abläuft, wie mir das (gefühlte 735 mal) am Telefon versprochen wurde.

Einstweilen lerne ich wieder einmal, dass so gut wie ausgeschlossen ist, mit ehrlicher Arbeit und seriösen Angeboten ernsthafte Mengen an Geld zu verdienen – weil das große Geld eben doch mit dem Gegenteil davon verdient wird.

/cbx, Kategorie: Rant & Grant - Andere Betrüger

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 11. Oktober 2012, 01:38 folgenden Senf dazu:

    Grundsätzlich würde ich sagen, dass der Preis für 8 richtig gute Seiten in Ordnung geht. Das werden aber nach meiner zählweise keine 3 Seiten sein, wenn ich da ein Editorial, Screenshots und dicke Überschriften sehe!

    Von der Kopfzeile ausgehend wird das aber auch mit drei guten Seiten nichts. Benutzer anlegen und Rechte vergeben per Skript?
    Da reden wir hoffentlich von 50ct oder weniger pro werbefreier Seite, und auch nur, wenn das wirklich gut aufbereitet ist…

    Warum steht in der Kopfzeile eigentlich nur Server 2003 und 2008? Gut 2008R2 ist technisch nicht viel anders. Aber wenn man schon Editionen listet, warum fehlt u.a. Datacenter?
    Mal ganz ehrlich, so im Rahmen der subjektiven persönlichen Meinungsäußerung und abseits jedes Preises, wie nah ist der Wert des Inhalts am Papierpreis?

    Und diese Geschichte, dass die Amadyne GmbH kein Unternehmen ist, das sag mal bloß nicht dem Finanzamt. Wenn das einer von denen spitzkriegt wird das teuer :D

    /cbx meint dazu:

    Ich kann den Inhalt ja fachlich wirklich nicht beurteilen. Es kann natürlich sein, dass eine längere Powershell Kommandozeile den gewöhnlichen Windows Admin überfordert. Dann wären die Tipps schon "wertvoll".

    Und was das Finanzamt betrifft - bei denen stehen wir eh schon lange auf der Watchlist...

  2. Peter Suxdorf gab am 11. Oktober 2012, 14:26 folgenden Senf dazu:

    Ich kenne diese Späße dieser Werbestrategen auch zur Genüge. Nachdem ich Gutgläubiger in der Vergangenheit mal auf die Polizeigewerkschaft e.V. hereingefallen war – Polizei war damals kein geschützter Begriff, ich weiß nicht, ob Vater Staat bis heute dazugelernt hat – und mich mein Vergehen der Treuherzigkeit einen Anwaltsbesuch gekostet hat, bin ich heute sehr viel entspannter. Ich höre mir die Hektiker vorm Herrn, sofern ich Zeit und Muße habe, an und entscheide danach zu 100%, daß ich keinen Bedarf habe. Weder Gold noch Diamanten, keine Immobilien, keine Aktienempfehlungen, keine Beteiligungen – auch nicht im Centbereich – keine Zeitschriften, keine Wasseraufstellgeräte, alternativ Kaffeemaschinen und weitere Dinge des nutzlosen täglichen Lebens.
    Natürlich haben die Damen und Herren am anderen Ende des Telefonates gelernt auf keinen Bedarf entsprechend zu reagieren, sie drücken schon mal gerne und mutlose Menschen, Leichtgläubige und hirntechnisch Versehrte können in Anbetracht der ausgestoßenen Drohungen schon mal gerne zusammenbrechen. Wenn etwa der Goldhändler mir suggeriert, daß wenn ich nicht heute noch Gold kaufe, meine Familie spätestens morgen nachmittag nicht mehr lebensfähig ist, dann bekomme ich Angst. Angst davor, daß die Menschheit tatsächlich vom Aussterben bedroht ist, wobei, manchmal wäre es für Mutter Erde nicht unbedingt zum Nachteil.
    Jedenfalls kann man den Kolonnenführern entgegenkommen. Wenn sie werthaltige Dinge anbieten, dann habe ich grundsätzlich kein Geld dafür (wie eben im echten Leben), auch hilft die Frage, wenn die Waren und Zertifikate so todsicher sind, warum er/sie noch mit mir telefoniere…
    Ruft einer wegen Wasser an, trinke ich nur Cola, bei Kaffee trinke ich nur Tee, bei Zeitschriften bin ich Analphabet und bei Aktien frage ich immer, ob sie mir die Aktien mal erklären könnten, davon hörte ich zum ersten Mal.
    Da Zeit Geld ist – weswegen sie so schnell sprechen – sind sie ganz kurz danach weg und kommen hoffentlich nie mehr wieder.
    Christian, ich empfehle zu Fax und Mail zwingend einen eingeschrieben Brief. Kostet, hält aber tatsächlich den Ärger, der garantiert jetzt auf Dich zukommt, fern.

    /cbx meint dazu:

    Auch wenn ich mich bei "hirntechnisch Versehrte" durchaus angesprochen fühle, so bin ich diesmal in voller Absicht auf diesen Deal einstiegen, weil ich schon lange keine diesbezügliche Geschichte mehr hatte und der vnr bisher immer mit grenzwertigen, nicht aber illegalen Mitteln gearbeitet hat. Ich möchte wissen, ob man, wenn man rechtzeitig kündigt, aus der Sache raus kommt oder eben nicht. Insofern bin ich noch recht entspannt.

  3. The Angry Nerd gab am 12. Oktober 2012, 01:22 folgenden Senf dazu:

    “auch hilft die Frage, wenn die Waren und Zertifikate so todsicher sind, warum er/sie noch mit mir telefoniere…”

    Ja, ein mir persönlich bekannter, hier m.W. nicht aktiv kommentierender, Leser des Blogs macht das in leicht anderer Form. Er schlägt vor, die Rechnung hinterher zu bezahlen. Mit den super Gewinnchancen hätte er dann ja auch garantiert das Geld.

    Ich hatte mal einen von der NKL oder SKL dran und hab mich doof gestellt. Nachdem er mir von den 92% Gewinnchance erzählt hat, wollte ich wissen wie sie Gewinn definieren, wie gering der kleinste Gewinn ist, sowie den Lospreis. Schließlich sei es ja kein Gewinn, wenn ich 50 Euro bezahle und 20 zurück bekomme.
    Das ging über ne halbe Stunde und er hat 2-3 Mal einen Kollegen gefragt. Am Ende hat er auf meine Frage, ob er das nicht Betrug nennen würde, lange geschwiegen und am kleinlaut gesagt, dass er mir durchaus recht geben würde, das mann das so nennen kann. Entweder der war echt gut und hat mich nach Strich und Faden verarscht – oder umgekehrt.

    /cbx meint dazu:

    Was dann wohl so oder so ein klarer FTW war...

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