Drehen wir die Uhr...

11.12.2012 19:53 von /cbx, derzeit 5.48280 Kommentare

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…mal schnell 2½ Jahre zurück. Im ereignisreichen Sommer 2010 habe ich mich eher zufällig mit einer wirklich üblen Bande ziemlich erfolgreicher Anlagebetrüger – wie deren Bezeichnung ja schon nahelegt – angelegt, indem ich deren Machenschaften und Geschäftsmodelle aufgedeckt und publiziert habe. Die ganze Geschichte (die man ja immer noch fast vollständig hier nachlesen kann) hat sich damals relativ schnell so weit aufgeschaukelt, dass ich nach einem freundlichen Hinweis beschloss, das Thema nicht weiter zu verfolgen.

Damals war es darum gegangen, Menschen mit schwach ausgeprägtem Misstrauen durch Geschäfte mit nicht existenten Aktien erhebliche Geldsummen aus den Taschen zu ziehen. In der Gruppe der Geschädigten, die ich über meine Berichterstattung kennenlernte, fanden sich normale Angestellte, leitende Angestellte und auch etliche Unternehmer, die jeweils Summen zwischen 15.000€ und fast 500.000€ an die Betrüger verloren haben. Letztlich aber war sich jeder in dieser Gruppe darüber im Klaren, dass er sein Geld niemals wieder sehen würde.

Ich habe dann noch ein paar kleinere Updates zu den Nachfolgeunternehmungen dieser Boiler Room Fraudster publiziert, dies dann aber nach neuerlichen Drohungen endgültig eingestellt. Die lose Gruppe der Geschädigten, die teilweise auch durch meinen Blog zusammen gefunden hatte, hielt mich dennoch am Laufenden, was ihre Bemühungen betraf, wenigstens einen Teil des verlorenen Geldes zurück zu bekommen oder gar die Bösewichte hinter Gitter zu bringen. Aus mehreren verständlichen Gründen habe ich darüber nicht berichtet.

Lange dachte ich, die Geschichte dieses Boiler Room Fraud sei erledigt und abgeschlossen. Genau genommen dachte ich das bis Anfang dieser Woche. Da nämlich erhielt ich ein Mail des altbekannten Herrn Sokrates (von damals), das mir nur ungläubiges Staunen entlockte:

Hallo zusammen,

Seit einigen Tagen kriege ich wieder Anrufe. Meine ehemaligen shares sind jetzt sagenhaft viel wert und die wollen sie mir jetzt abkaufen. Weiß wer schon was von Bxxxxxx, Cxxxxx & Rxxxxxxx bzw. von dieser XXX-group?

Liebe Grüße
Sokrates

[Ich habe die Namen in dem Schreiben anonymisiert, weil ich nicht schon wieder in die Schisslinie dieser Abzock-Arschgeigen geraten möchte.]

Gerade dachte ich mir, der arme Sokrates sei wohl als Einzelfall auf die Liste der exraordinären Extraidioten geraten, von denen man annahm, sie würden sich glatt noch einmal mit fast der selben Masche abzocken lassen, da traf ein weiteres Mail ein.

Bei mir das selbe…

Ist der nächste Schub von der selben Gruppe, denke ich.

Seit einigen Monaten höre ich ca. 1 Min. zu dann sage ich „Not interested“, dann lasse ich den noch einen Satz sagen und hänge ab, sobald mich einer von denen anruft. Lustiger weise habe ich auf diese Weise meine „Aktien“ mehrmals verkauft und sie sind immer mehr wert geworden – habe aber natürlich nie ernsthaft etwas gemacht (und schon sowieso überhaupt natürlich nichts bezahlt).

LG Peter Cooper

Das konnte also kein Zufall sein. Diese ausgebufften Geschäftsleute schienen sich wahrhaft nicht zu entblöden, die Opfer des damaligen Betrugs ein weiteres mal über den Tisch ziehen zu wollen. Aus wieder erwachender Neugier heraus fragte ich die Gruppe, ob denn bisher jemand zum Schein auf die Angebote eingegangen war um herauszufinden, wie die Geschichte dann weiter gehen sollte. Die Antwort des zentralen Masterminds hinter der rührigen Gruppe von wehrhaften Opfern brachte dann einen Begriff ins Spiel, den ich noch nicht kannte. Sie schreib:

Hallo Zusammen,

“leider” wissen wir nicht , wie es weitergeht, weil sich keine darauf eingelassen hat.

Das ist ein sogenannter recovery room, […]

[Den Rest des Textes lasse ich besser mal weg.]

Das kannte ich noch nicht. Zu einem guten Boiler Room Fraud gehört also immer auch ein Recovery Room Fraud.. Ich hatte zwar schon im September 2010 die Theorie aufgestellt, dass man an den Opfern durchaus noch eine Zweitverwertung durchführen könnte, aber dass diese Typen das wirklich – und dann auch noch mit immerhin zwei Jahren Verzögerung – tun würden – damit hatte ich nicht gerechnet.

Die Scammer bieten – das vermute ich mangels Beweisen als educated guess – jetzt eine Auszahlung des damaligen Depots an, dessen Wert durch wundersames Wirken auf das fünf- bis zehnfache der ursprünglichen Einzahlung angestiegen ist. Und sobald der Kunde dann, trunken von der Aussicht auf eine Rückzahlung mit fettem Gewinn, dem Transfer zustimmt, wird – um wieder einmal dem bösen Finanzamt zu entgehen – dieser Transfer über einen weiteren Treuhänder erfolgen, der für sich nur 15% der Summe – zahlbar natürlich im Voraus – beansprucht. Mit Hilfe der üblichen Tricks wird es auch den Freunden im Recovery Room relativ mühelos gelingen, den Kunden davon abzulenken, dass diese 15% einer erfundenen Summe schon mehr sind als der ursprüngliche Wert des Depots. Bingo. Leicht verdientes Geld.

Ich bin mir zu 99.7% sicher, dass sich die Recovery Room Fraudster an der eingeschworenen Truppe ehemaliger Boiler-Bait die Zähne ausbeißen werden. Ich bin mir aber gleichzeitig auch ziemlich sicher, dass es diese Art der Zweitverwertung nicht gäbe, wenn da nicht genug verzweifelte und gleichzeitig immer noch enorm naive Menschen wären, die – trotz aller schlimmen Erfahrung – auch auf diesen Schwindel hereinfallen.

Ach wenn die Menschheit nur überall so kreativ, fleißig und geduldig agieren würde wie bei der Umsetzung komplizierter Betrugsschemata…

/cbx, Kategorie: Andere Betrüger - Netz Dschungelcamp

 

Eigener Senf dazu?

  1. Peter Suxdorf gab am 12. Dezember 2012, 06:43 folgenden Senf dazu:

    Wenn ein Unbekannter von mir Geld für eine noch zu erbringende Leistung haben möchte, kommt mein Kirk auf die Idee und sagt zu meinem Mr. Spock: “Roter Alarm.” Dann dimmt mein Blick ab, überall flackern rote Lämpchen und in den sonst herrenlosen Korridoren meines Resthirns laufen Figuren mit bunten Polyester-Trikots hektisch hin und her…

    Grenzenlose Neugier ob ihrer Dummheit, geboren aus ihrer Gier, erhalten die Menschen von mir, die auf so einen offenkundigen Schmock reingefallen sind.

    Vielleicht haben die finanziell geschundenen Geschöpfe in ihren Korridoren und im Außeneinsatz nur rotgewandete Trikotträger herumlaufen, die sterben bekanntlich früh.

    /cbx meint dazu:

    Im Prinzip magst Du recht haben. In der Praxis aber glaube ich: Jeder findet seinen Meister und für jeden gibt es eine Masche, auf die er herein fällt. Dummheit ist immer die Dummheit der Andersdenkenden...

  2. Peter Suxdorf gab am 12. Dezember 2012, 07:34 folgenden Senf dazu:

    Da sind wir wieder bei der Begriffsdefinition der Dummheit bzw. die Meßbarkeit der Intelligenz.

    Es ist ja nicht so, daß da nur Kelly Bundies drauf reinfallen, sondern vordergründig die Menschen, die vom Prinzip her einen relativ gesunden Menschenverstand haben, ansonsten wären sie nicht in Führungspositionen aufgestiegen. (Soviel zu meiner Ableitung Intelligenz -> Führungsposition ; Dummheit -> Tochter des Schuhverkäufers) Jedweden Vergleich mit mir lehne ich aus Überzeugung ab…

    Deswegen unterstellte ich nicht Dummheit alleine, sondern die aus Gier entstandene, die verblendende Dummheit.

    /cbx meint dazu:

    Ich glaube, dass ich schon verstehe, was Du meinst. Nachdem ich aber doch einige der Betrugsopfer kennen gelernt habe, musste ich feststellen, dass die meist nicht in meine klassischen Kategorien von "dumm" oder "gierig" fallen.

    Sind wir ehrlich, so gibt es im Geschäftsleben genügend echte Möglichkeiten, am Rand der Legalität (ich lasse mal offen, auf welcher Seite) wirklich auf seltsamen Wegen schnell zu viel Geld zu kommen - gerade mit "Wertpapieren" im weiteren Sinn. Mit der geeigneten Story und - wie ich nicht müde werde zu betonen - mit viel Arbeit lassen sich so auch relativ kritische Menschen aufs Glatteis führen.

  3. ernst gab am 12. Dezember 2012, 11:04 folgenden Senf dazu:

    Also, die Korrelation von Reichtum und Intelligenz halte ich doch für reichlich gewagt, um nicht zu sagen eher Wunschdenken. Dass dem nicht so ist (m. a. W. R² << 1), darauf fußt ja wohl das Geschäftsmodell jener Anlagebetrüger.

    Andererseits, wer will den Zahnarzt (als Prototyp des gutverdienenden und hochbesteuerten Freiberuflers) für blöd befinden, weil er sich zwar zur Zahnmedizin berufen fühlt, nicht aber zur (Finanz-) Mathematik. Mancher sagt: “Damit beschäftige ich mich nicht, ist nicht mein Fach.” Mein Steuerberater mit Bezug auf so einen Kunden: “Ob der Geld verdient oder verliert, erfährt er nachträglich, und zwar von mir.”

    Nachdem ich selbst schon immer ein kluger Bursche sein oder wenigstens werden wollte, muss ich nun feststellen: Intelligenz ist nicht einmal notwendige Bedingung für Reichtum. – Ha, welche Chance für Sakura & Co und ihre Gegner.

    /cbx meint dazu:

    Dass wirtschaftlicher Erfolg mit Intelligenz korreliert ist, stellt wahrlich eine relativ steile These dar. Wie jeder meiner Leser weiß, bin ich beispielsweise nachgerade unvorstellbar intelligent, gleichzeitig aber so was von nicht reich, dass ich schon an den Einbau eines Flattr-Buttons gedacht habe, um meine Weihnachtsgeschenke zu finanzieren. ;-)

    Meine Filosofie dazu lautet immer noch, dass man finanziellen Erfolg zwar durch "Klugheit" und "Fleiß" unterstützen kann, letztlich aber alles primär vom Faktor "Glück" abhängt.

  4. The Angry Nerd gab am 12. Dezember 2012, 22:36 folgenden Senf dazu:

    Tatsächlich korreliert der IQ mit der Dicke des Portemonnaies. Von R~~1 ist es aber doch eine Ecke weg und wenn man nur an die Enden schaut, vor allem das obere Prozent, ist das wieder was Anderes. Zudem fallen einem natürlich die Ausreißer viel eher auf, weil die in der Regel laut ihrem Hartgeld klappern.

    Intelligenz schützt aber auch vor Gier nicht und genausowenig vor Naivität und Unwissenheit in einem bestimmten Bereich.
    Einer der intelligentesten Menschen, die ich je kennen gelernt habe, konnte seine Bankgeschäfte nicht selbst machen. Vergeistigt, nicht dran interessiert. Das einzige was ihn vor dem Anlagebetrug wohl geschützt hat, war seine Risikoaversion.

    Und mal ganz ehrlich:
    Ich würde es auch genau bei den Leuten erneut probieren, die schon mal drauf reingefallen sind. Ich sehe viel zu oft, dass die Leute bei allen möglichen Dingen mehrmals gegen die Wand rennen müssen, bis der Schmerz ankommt, da wird es beim Geld nicht anders sein…

    /cbx meint dazu:

    Diese Korrelation möchtest Du wohl unbedingt haben, weil Du immer noch auf die umgekehrte Kausalität hoffst, was? ;-)

    »Ich sehe viel zu oft, dass die Leute bei allen möglichen Dingen mehrmals gegen die Wand rennen müssen, bis der Schmerz ankommt, da wird es beim Geld nicht anders sein…«

    Da stimme ich Dir zu. Aber die Leute in der von mir erwähnten Gruppe kaufen nicht mal mehr Klopapier, ohne sich vorher von der Seriosität des Angebots überzeugt zu haben...

  5. The Angry Nerd gab am 14. Dezember 2012, 02:30 folgenden Senf dazu:

    Wenn Intelligenz Prosperität wahrscheinlicher macht, hilft mir das gleich zwei Mal nichts. Ich bin ja schließlich gerade noch schlau genug zu verstehen, dass das statistische Mittel nicht den Einzelfall beschreibt…

    Und mein Kommentar war allgemein gedacht. Dass DIE Gruppe NICHT noch mal drauf reinfällt mag sein. Ich würde meinen Betrugsversuch aber nicht am seltenen Einzelfall ausrichten.

    /cbx meint dazu:

    Ja, lass mal stecken. Ich wollte das primär für alle anderen klarstellen. Und weil diese Art von Betrug eben durchaus kein Massenphänomen ist, sondern die Betrüger durchaus einige Stunden Arbeit pro Kunde und Monat investieren müssen, wundert es mich etwas, dass sie die versiegte Quellen nicht schneller aus ihren Listen nehmen.

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