Sind jetzt eigentlich alle deppert geworden?

17.01.2013 20:15 von /cbx, derzeit 3.31372 Kommentare

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[Heute ausnahmsweise wieder kurz]

Diese Frage dürfte in den letzten Tagen der Einen oder dem Anderen so oder so ähnlich durch den Kopf gegangen sein. Was derzeit so an Großprojekten über unserem Wahrnehmungshorizont auftaucht, von LKW-Maut über Eurorettung und Energiewende bis hin zum kleinen Großflughafen, jedes einzelne davon bewegt sich mit aufsehenerregender Geschwindigkeit zielgenau auf den Punkt des totalen Versagens zu. Und jetzt müssen auch noch alle Boeing 787 für unbestimmte Zeit am Boden bleiben.

Dennoch möchte ich – Achtung: Spoiler-Alarm! – die im Titel gestellte Frage mit einem ziemlich entschiedenen “Nein” beantworten. Zumindest für das Flugzeug. Wenn auch an den Stammtischen landauf, landab die großen Krüge mit Spott und Hohn ergriffen und über den dummen Amerikanern ausgekippt werden, so möchte ich – auch wenn das Verspotten und verhöhnen dummer Amerikaner durchaus in meinem weiteren Kompetenzbereich liegt – mich diesem tumben Spiel heute nicht anschließen.


[De Havilland Comet 1, Wikimedia Commons, Autor: Clinton Groves]

Wobei – mir entgeht der fein gestrickte Nebeneffekt nicht, der dafür sorgt, den bisher eher ungeliebten französischen Airbus kraft des abstoßenden Bo(e)ing-Effekts letztlich doch noch in die Riege der gesamteuropäisch geschaffenen Glanzleistungen zu heben. Und schon sind sämtliche Peinlichkeiten (sowie die dazu passenden Kommentare), die den Start des A380 begleiteten, vergessen.

Dass die B-787 nicht einfach so entwickelt, gebaut, ausgeliefert und geflogen werden kann, überrascht wahrscheinlich nur (Achtung: böser und unbegründeter Seitenhieb) Diplom-Soziologen und Journalisten. Jeder, der in seinem Leben schon einmal mit eigenen Händen etwas Komplizierteres als einen Liter warmes Wasser hergestellt hat, wird wissen, dass das Schaffen von Neuem stets Risiken birgt. Das war immer so und wird wohl auch immer so bleiben.

Gerade was das Schaffen von Neuem betrifft, ist die B-787 meiner – in diesem Zusammenhang natürlich laienhaften – Meinung nach weitaus innovativer als der A380. Während letzterer eher eine wirklich große Version von mehr Desselben darstellt und die zentralen Probleme in der Konstruktion dieses Ungetüms darin bestanden, die wirklich enorme Größe zu realisieren, ohne, dass die Konstruktion schon unter ihrem Eigengewicht zerbricht (ach ja – und fliegen sollte sie auch noch), hat sich Boeing sehr aggressiv an die Grenzen des technisch Machbaren (oder anscheinend vielleicht doch nicht machbaren) heran gewagt. So konsequenten Leichtbau und einen so offensiven Einsatz von Verbundwerkstoffen hat es bisher im Bau von Verkehrsflugzeugen noch nicht gegeben.

Außerdem hat Boeing es bei der 787 als erstes großes Verkehrsflugzeug gewagt, auf Zapfluft aus den Triebwerken zu verzichten. Mit dieser, aus den Verdichterstufen der Jet-Triebwerke abgezapften Luft werden normalerweise Aufgaben wie Kabinenheizung und Druckversorgung, Enteisung und ähnliches erledigt. Allerdings senkt diese Zapfluft (bleed air) den Wirkungsgrad der Triebwerke spürbar. Außerdem sorgt ölkontaminierte Zapfluft in der Kabine seit langem schon immer wieder mal für schlechte Gerüche, schlechte Presse und beinahe-Unfälle.

Ein Bleedless-Konzept hat also entscheidende Vorteile aufzuweisen. Weil aber die Flugzugkonstrukteure auch bisher schon keine Vollidioten waren, muss es wohl auch Nachteile geben. Und diese liegen lustigerweise an genau der Stelle, wo momentan wohl gravierende und überraschende Probleme aufgetreten sind. Wenn die Hitze und Druckluft aus den Turbinen fehlt, dann muss diese auf anderen Wegen erzeugt werden – und zwar elektrisch. Dies wiederum bedeutet, dass das – ohnehin nicht ganz triviale – Bordnetz des Flugzeugs weiter an Komplexität gewinnt und auch mit drastisch höheren Leistungen belastet wird. Da kann dann schon mal eine Batterie zum Raucher werden…

Auf den beiden eben kurz angerissenen Gebieten musste Boeing Neuland betreten um überhaupt noch nennenswerte Gewinne in der Effizienz des Systems Flugzeug erreichen zu können. In den 30 Jahren davor hingegen wurde im Vergleich dazu kaum etwas Grundlegendes in der Art geändert, wie man Flugzeuge baut. Seit Einführung der Mantelstromtriebwerke beschränkte man sich auf kleine, evolutionäre Entwicklungsschritte, deren Potenzial nun aber wohl größtenteils ausgereizt war.

Nach diesem relativ großen Schritt passiert nun, was immer dann passiert, wenn man das Terrain der gesicherten Erfahrungen verlässt. Das erste in Serie gebaute Düsenverkehrsflugzeug der Welt, die im Illustrationsbild gezeigte De Havilland Comet hat eine Serie spektakulärer Abstürze (mit einer erheblichen Zahl von Todesopfern) hinter sich bringen müssen, ehe die Herausforderungen der neuen Technik beherrscht waren. Dagegen nehmen sich die bisherigen Probleme von A380 und B-787 geradezu lächerlich aus. Keines dieser Flugzeuge ist bis jetzt ernsthaft verunglückt.

Um ein Produkt zur Serienreife zu bringen, muss man es verwenden. An dieser Stelle sind die Automobilhersteller in einer viel günstigeneren Situation als Flugzeughersteller (die im selben Boot mit meiner Garagenirma sitzen). Ihre (und unsere) Produkte sind in Entwicklung und Herstellung so teuer, dass wir nicht einfach ein paar hundert davon Monate lang zu Testzwecken im Kreis fliegen (bzw. bestücken) lassen können. Deshalb muss man dann eben die ersten Kundenexemplare unter genauer Beobachtung halten und die dort gewonnenen Erkenntnisse schnellstmöglich in die Serie einfließen lassen.

Insofern kann man natürlich durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob es sehr klug war, jetzt schon unter äußerstem Zeitdruck die größte denkbare Menge dieser fliegenden Prototypen direkt aus der Fabrik in Richtung Kunden zu schießen.

Denn wenn mich jemand fragt, ob ich heute mit einer B-787 fliegen möchte, so sage ich ganz ehrlich: “Nicht, wenn es sich vermeiden lässt…”

/cbx, Kategorie: Rant & Grant - Schöngeistlos

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 18. Januar 2013, 03:03 folgenden Senf dazu:

    “beed air”
    hhnnngg…HNnnngg…HHHHNNNGGGHHH!!!
    Da fehlt ein L.
    Uff, so, Korinthe ist draußen.

    Spässle:
    Ich warte ja darauf, dass man nach dem B52 jetzt einen Drink nach der B787 benennt. Aspirin, saure Gurken, eine Multivitamintablette und Cola. Manchmal geht’s damit schief und man trinkt’s nur, wenn man besser am Boden bleibt…
    T’schuldigung, der kam mit der Korinthe mit.

    Ansonsten unterstütze ich kleine Fußtritte gegen Franzosen von Herzen und möchte anmerken, dass der Kommentar über die Abstürze mit Todesopfern hervorragend dazu geeignet ist, sich über die Wahrnehmung von Tod und Risiko Gedanken zu machen.
    Man recherchiere mal, wie viele Kinder pro Jahr an Luftballons ersticken, wie viele Leute an Hygieneproblemen in Krankenhäusern sterben oder einfach an normaler Grippe und wie viele sich totsaufen.
    Danach lächelt man über Flugzeuge selbst ohne einen Autovergleich noch.

    /cbx meint dazu:

    Ups! Das sollte natürlich "bead air" heißen, wegen der ganzen Glasperlen, die da in die Kabine rieseln, wenn das Flugzeug durch eine Wolke Vulkanasche fliegt.

    Und die Idee mit dem B-787 Drink finde ich auch herzallerliebst. Ich würde aber noch "Fanta Mango" dazu tun, damit das Material auch noch schwer zu bekommen ist.

  2. Peter Suxdorf gab am 18. Januar 2013, 07:52 folgenden Senf dazu:

    Ich denke, man (Du) tut Boeing unrecht, wenn sie mit Flughäfen, Eurorettung, Maut u.ä. verglichen wird.
    Der Unterschied liegt darin, daß ein “privates” Unternehmen – ich weiß, ich weiß, es gibt diese Subventionsgeschichte und Hauptauftraggeber ist die Regierung – seine Stellung am Markt nur behaupten kann, wenn es Umsätze und Renditen erzielt, die neue Entwicklungen ermöglichen, einerseits um eben Bestand zu haben und andererseits sich bestenfalls vom Wettbewerber abzuheben, im wahrsten Sinne des Wortes.

    Ich weiß nicht, was geschieht, wenn Boeing an dem Dreamlinerkonzept ernsthaft erkranken würde, ich kann mir aber mit wenig Phantasie ausmalen, was geschieht, wenn die Eurorettung, S21, BER, PKW- und LKW-Maut nicht so ganz hinhauen wie geplant…zahlen werde ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie.

    In meiner kleinen Welt – ich nenne sie nicht despektierlich Startrek Universum – würden alle gegen Kostenbeteiligung vom Vermeiden der bleed air profitieren, es gibt fast nichts schlimmeres^^ als in einer Druckkabine zu sitzen, zu wissen, daß man gerade Öldämpfe einatmet und man auch noch das dämliche Fachwissen hat, jetzt (JETZT) da nicht raus zu können. Man hat nur die Wahl zwischen qualvollem, langsamen oder recht schnellem mit dem Gefühl der Freiheit verbundenem Tod. Äh, ich glaube, ich bin jetzt abgewichen, schönes Wochenende.

    /cbx meint dazu:

    Das stimmt schon, die Projekte sind diesbezüglich absolut nicht miteinander vergleichbar - was aber im Medienuniversum nur schwer zu bemerken ist. Nebenbei bin ich mir aber überhaupt nicht sicher, ob nicht auch Boeing irgendwie too big to fail ist und gegebenenfalls mit (US-) Steuergeldern "gerettet" würde.

    Und was Zapfluft betrifft: Du glaubst aber nicht ernsthaft, dass die das gemacht haben, weil sie sich Vorteile für die Gesundheit der Passagoere davon versprechen? Das war halt ein gut vermarktbarer Nebeneffekt...

  3. Peter Suxdorf gab am 18. Januar 2013, 11:23 folgenden Senf dazu:

    Doch, doch, das haben die wirklich, eeeeehrlich nur wegen der Passagiere gemacht. Isch schwör.

    /cbx meint dazu:

    Gut. Ich seh' das nämlich genau so.

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