How to survive in a shitstorm

06.02.2013 16:50 von /cbx, derzeit 5.8460 Kommentare

Send to Kindle

Oder: Was man tut, wenn am Ende von “Da muss man doch bloß…” noch zu viel Problem übrig bleibt.

Draußen herrscht Winter und das vorherrschende Wetterphänomen für diese Zeit sollte bestenfalls der so genannte Schneesturm sein. Gleichzeitig aber herrscht auch schon seit längerem das Netzzeitalter und das dort vorherrschende Phänomen ist unter dem eingängigen Namen Shitstorm bekannt. Während der gemeine Schneesturm einem mit Faustschlägen aus eisiger Luft den Atem nimmt, während sich gleichzeitig scharfkantige Eiskristalle in die Haut einfräsen, besteht der gemeine Shitstorm primär aus einem großen Wirbel, der mit zunehmender Dauer des Sturms immer mehr übelriechenden Dreck aus der Umgebung ansaugt und mit Vehemenz über jenem ausgießt, das das Pech hat, in dessen Zentrum zu stehen.


[So oder so ähnlich ist es nicht. Aber trotzdem liebe ich dieses Bild]

Hui, was wurde mir heute auf die Finger geklopft, anlässlich des kurzen Rants, mit dem ich mir gestern Abend noch einen heftigen Grollanfall von der Seele schreiben musste. Da hatte ich mich dieses Mal wohl für das Gros meiner Leser auf die falsche Seite gestellt. Und das, obwohl mir an der Person der Annette Schavan absolut nichts gelegen ist.

Wie so oft, wenn das Bauch das Gehirn überholt (beim Mann sind die beiden ja bekanntlich direkte Nachbarn), habe ich es wohl an klar verständlichen Argumenten vermissen lassen. Doch das sollte man einer Polemik verzeihen können – gestern ging es mir nicht um tiefschürfende Überlegungen und wohlüberlegte Abwägungen. Genau so wenig wie der Kommission der Universität Düsseldorf. Nein, das stimmt so nicht – die haben mit ziemlicher Sicherheit sehr umfassend abgewogen – aber nicht, wie die ihnen vorgelegte Dissertation zu bewerten sei.

Doch halt! Da will ich nicht schon wieder hin. Ich fasse ganz grob zusammen, was bisher geschehen ist: Anlässlich der Demontage des Herrn Guttenberg (dessen wenige Jahre alte Dissertation von Ghostwritern schlampig zusammen kopiert wurde und deren Inhalt ihm selbst kaum bekannt war) hat sich die Methode des Crowdsourcing als enorm mächtiges Werkzeug zur Textanalyse erwiesen. Die zahllosen Freiwilligen konnten in erstaunlich kurzer Zeit eine fantastischer Menge textlicher Parallelen in den Guttenberg-Texten finden. Nach anfänglichem Leugnen fielen Doktortitel und Ministeramt.

Und zu diesem Zeitpunkt war etwas Unvermeidliches passiert. Die Plagiatssucher hatten Gefallen an ihrer Tätigkeit und der damit verbundenen Macht gefunden. Deshalb wurde weiter gesucht. Mit dem bekannten Ergebnis.

Ich habe schon einige wissenschaftliche Arbeiten im Bereich Mechatronik und Informatik betreut und bewertet, sowie das Zustandekommen von ein paar geistes- und rechtswissenschaftlichen Arbeiten begleitet, sodass ich hier nicht aus dem völligen Vakuum argumentiere. Während ich als Techniker/Naturwissenschaftler einfach irgendetwas erfinden kann und dann “nur” beweisen muss, dass es mit den Naturgesetzen harmoniert und idealerweise auch irgend ein Problem löst, besteht die Besonderheit der Geisteswissenschaft ja gerade darin, dass man seine eigenen Überlegungen stets auf bekannte Thesen zurückführen muss, damit sie überhaupt als glaubwürdig gelten (Ja, das war jetzt eine grobe Vereinfachung).

Dieser Rückführungszwang macht meines Erachtens jede geisteswissenschaftliche Arbeit zum Plagiat, wenn man nur die Zitierregeln streng genug auslegt. Ein blödes Beispiel: Ich zitiere Nietzsche zuerst (korrekt), analysiere das Zitat und schreibe kurz darauf beispielsweise “Wenn Gott wirklich tot ist, dann stellt sich die Frage…”. Schon kann dies problemlos als nicht korrekt zitiertes Nietzsche-Zitat gelten, auch wenn dieser Spruch es lange schon auf die (literalen) Scheißhauswände unserer Welt (und damit ins Gemeinwissen) geschafft hat. Wenn Wissenschaft schon mit dem strengen Befolgen von Regeln erledigt wäre, könnte man Lehrstühle auch an dressierte Schäferhunde vergeben. In Wahrheit aber gehört zu jeder Wissenschaft (auch zu der im Danisch-Sinne “echten”) Augenmaß und Interpretation.

Auch über die drei unheiligen “K” namens Koinzidenz, Korrelation und Kausalität sollte man kurz nachdenken. Wer viel Literatur zu einem eng begrenzten Thema liest und sich anschließend zu ebendiesem Thema selbst äußert, läuft schon rein statistisch Gefahr, ähnliche Sätze zu verwenden um ähnliche Gedanken zu dokumentieren. Das Bild, das ich aus dem Plag-Wiki gewonnen habe, sieht nach ganz harmlosen Schleißigkeiten aus, wie sie in der Prä-Google-Ära ganz normal waren. Das ist vielleicht nicht schön, aber gleichzeitig auch harmlos. Der Treppenwitz am Ende dieser trostlosen Plagiatsdiskussion ist schließlich, dass nach all den Wühlen in vielleicht nicht korrekten Zitaten eines komplett auf der Strecke bleibt: Der Inhalt – also eine Antwort auf die Frage, ob im Rahmen der Arbeit neue wissenschaftliche Erkenntnis geschöpft wurde, denn darum geht es bei einer Dissertation eigentlich.

Jeder, der Texte publiziert, macht sich damit angreifbar – das habe auch ich schon oft genug zu spüren bekommen. Und wer eine normale Dissertation einreicht, hält hier und heute seinen Arsch schon viel zu nah ans Feuer.

Wenn man sich für einige Minute in die Position des Person im Zentrum eines Shitstorms versetzt, entsteht vielleicht ein Gefühl für die damit verbundene Ohnmacht. Ich denke dabei beispielsweise auch an Bettina Wulff, Jörg Kachelmann, sogar an Dominique Strauss-Kahn (Arschloch? Ja.Schuldig? Nein.). Auch in diesen Fällen wurde aus einer dürftigen Faktenlage per Shitstorm ein Faktoidengebäude erschaffen – und alle haben mitgemacht.

Was kann man als Betroffener in einer solchen Situation wirklich tun? Ich werfe dieser Frage noch eine kurze Auflistung immerwährender Weisheiten hinterher:

  1. Wer von Euch ohne Sünde, der werfe den ersten Stein
  2. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten
  3. In jeder Anschuldigung steckt ein wahrer Kern.

Jeder hat seine verwundbaren Stellen – auch dann, wenn man (was eher unwahrscheinlich ist) sein ganzes Leben lang ausschließlich nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat. Ob das die übers Wochenende aus der Firma mitgenommene Bohrmaschine ist oder ein unter dem Tisch zugesteckter Hunderter – wer sich sicher ist, in seinem Leben keine potenziellen Stolpersteine liegen zu haben, der darf mich gerne hier und jetzt einen Vollpfnürpfel (oder noch Schlimmeres) nennen.

Wenn aber der Sturm erst tobt, ist es völlig egal, was man selbst noch dazu sagt, denn dann gibt es keine richtigen Antworten mehr. Das Dröhnen des Wirbels übertönt alle Geräusche aus der Mitte und die Begleitmusik der Armee jener, die laut ihr eigenes Lied singen (heute beispielsweise besonders schön: Frau Nahles und Herr Trittin) übertönt sogar noch das.

Frau Schavan hat 1980 als relativ kleines Licht an der Universität Düsseldorf promoviert und für über 30 Jahre gab es keinen Grund, an dem Votum des Promotionsausschusses zu zweifeln. Dann haben die ge-crowdsourcten Plagiatssucher aus dem Web diese alte Dissertation öffentlich in Frage gestellt und damit die Universität in Zugzwang gebracht. Ganz naiv gefragt: Was hätte der Fakultätsrat denn herausfinden sollen? Vielleicht etwas wie: “Das geht schon in Ordnung, diesen schlampigen Standard haben wir in den 80ern generell angelegt” Was hätte das wohl für die Universität bedeutet? Man soll ja nicht immer diese alte cui bono Frage stellen, aber wer hätte ein Interesse daran, die Vorwürfe als überzogen zu bezeichnen und Annette Schavan als normal schlampig arbeitende Studentin zu rehabilitieren? Und wer hat ein Interersse daran, sie jetzt als vorsätzliche Betrügerin und Alleinschuldige zu opfern?

Nochmals: Diese Überlegungen sind jetzt bereits völlig unabhängig davon, ob die Anschuldigungen berechtigt oder weit überzogen sind, denn auf den aktuellen Sturm der allseitigen Vorteilsnahme hat all das schon lange keinen Einfluss mehr.

Wenn der Sturm erst tobt, gibt es keine guten Antworten mehr. Wer auch immer dann in dessen Auge steht, hat verloren.

Und ja – hier fehlt der schlaue Schlussatz, was man denn gegen die Inflation der Shitstürme unternehmen könnte.

/cbx, Kategorie: Rant & Grant - Netz Dschungelcamp

 

Eigener Senf dazu?

  1. Simon Voggeneder gab am 6. Februar 2013, 21:17 folgenden Senf dazu:

    Applaus! Dieser Artikel ist dir sehr gut gelungen.

    /cbx in Bestform, will ich meinen.

    /cbx meint dazu:

    Naja, gut eher nicht. Aber notwendig. Trotzdem danke!

  2. Peter Suxdorf gab am 7. Februar 2013, 06:48 folgenden Senf dazu:

    Mein einfacher Geist hat gestern (und heute morgen) nicht erkennen können, warum Dir die Kommentarkollegen auf die Finger geklopft haben. Vielleicht bin ich tatsächlich harmlos gestrickt oder aufgrund meiner Netzerfahrungen einfach abgestumpft.

    Mein persönliches Bauchgefühl zum Thema sagt, daß in den Fällen von Koch-Mehrin und v.u.z.Gu. Absicht bzw. absolute Blödheit/Dummheit hinter dem Plagiat stecken, bei Frau Schavan neige ich tatsächlich aufgrund der länger zurückliegenden Doktorarbeit zu Faulheit. Auf beiden Seiten des Prüfungsausschusses.

    Unabhängig davon ist es doch recht auffällig, daß mehrheitlich Politiker aus dem Umfeld der Union und der FDP betroffen sind.

    Zufall?

    Ein Shitstorm erinnert mich irgendwie immer an die Steinigung beim Leben des Brian. Jeder will der Erste sein, alle schreien und kreischen durcheinander, kaum einer versteht aufgrund des Lärmes worum es geht und zum Schluß ist einer platt, egal wer, hauptsache “guter Wurf”.

    Da hilft eigentlich nur, wie bei einer Stampede, zur Seite treten und warten bis es vorüber ist und das nächste Opfer gefunden wurde.

    /cbx meint dazu:

    Ich könnte jetzt etwas von "dichotomischem Weltbild" schreiben, primär, weil man dieses Wort offenbar momentan verwenden muss - aber das lass ich mal besser bleiben.

    Dafür, dass die Schwarz-Gelben im Zentrum dieser Diss-Storms (im doppelten Sinne) stehen, sehe ich drei Gründe:

    • Sie sind die Bundesregierung
    • Sie haben mit Abstand die meisten Doktoren in ihren Reihen
    • Sie waren schon immer die absoluten schmier- und Filzmeister

    Aber SPD und Grüne holen da immer noch stark auf.

    Ich habe das ja gestern schon geschrieben: Shitstormer und Trolle sind keine echten Menschen, sondern deren virtuelle Zerr-Abziehbilder. Dieses Wissen könnte helfen, solche Stürme besser einzuschätzen.

  3. DerIgel gab am 7. Februar 2013, 17:38 folgenden Senf dazu:

    Zugegeben: Im Normalfall sind mir solcherlei Dinge eigentlich total egal. Aber da ich deinen Blog verfolge habe ich gerade mal ein wenig im Netz recherchiert, was denn da so schlimmes gefunden wurde und.. meine Herren, einige Menschen haben wohl einfach keine Freizeit.

    Der Ton der teilweise herrscht erinnert eher an Hexenjagd, als an die Untersuchung von ernsthaften Bedenken. Wenn man dann auch noch so Listen findet wie http://politplag.de/index.php/Kandidatenliste und dann steht neben ihrem Namen “Titelaberkennung eingeleitet” als Status.. als wäre das das alleinige Ziel gewesen. Und genau das Gefühl habe ich, da wird gezielt irgendetwas gesucht um Menschen aus dem Verkehr zu ziehen.

    Okay, beim Gutti wars ja schon ne echt dreiste Nummer von ihm. Aber an dieser Stelle gibt es nur einen Shitstorm als Selbstzweck.

    /cbx meint dazu:

    In der Tat, auf solche Gedanken könnte man schon kommen...

  4. oachkatz gab am 12. Februar 2013, 15:43 folgenden Senf dazu:

    Das Internet bedient mit seinen Möglichkeiten ziemlich gut die menschliche Tendenz sich aufzuwerten indem man andere abwertet. Es fühlt sich so gut an, auf der richtigen Seite zu stehen und das kundtun zu können. Da muss man gar keine der mühsam erlernten Kommunikationstechniken wie Zuhören und Toleranz für andere Standpunkte mehr anwenden. Danke für einen Beitrag, indem formuliert ist, was seit einer Weile in mir herumwabert.

    /cbx meint dazu:

    Da kann ich auch kompetent drüber schreiben, denn so ganz fremd ist mir dieses Verhalten selbst nicht...

  5. oachkatz gab am 12. Februar 2013, 18:12 folgenden Senf dazu:

    Meinst Du, mir?

    /cbx meint dazu:

    Ein alter Man meinte unlängst dazu: "Wir dürfen der Kraft der Barmherzigkeit Gottes vertrauen. Wir sind alle Sünder, doch seine Gnade verwandelt uns und macht uns neu."

    Naja, irgendwie halt...

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen.