Ist Ertrinken besser als Verdursten?

21.02.2013 20:56 von /cbx, derzeit 2.14030 Kommentare

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Oder umgekehrt? Wer weiß das schon. Und auch ausprobieren kann man höchstens eines von beidem. Welch ein Dilemma. Was? Die stets businessorienterite Tabellenkalkulation (für Normalmenschen: Excel / für Kommunisten: Calc / für Harcore-Kommunisten: Gnumeric) hätte bereits vor ungefähr 37 Worten mit einem zugleich fragenden wie auch anklagenden #BEZUG? seiner Ratlosigkeit Ausdruck verliehen.


[Mehr Meer. War darin nicht ertrinkt, kann immer noch verdursten]

Ich versuche ja gerade (nicht sehr erfolgreich, versteht sich), abseits vom medialen Mainstream und den aktuell wiehernden Dorfschweinen dennoch die unheimliche Leere der Bildschirmseiten zu bezwingen und meinem endokraniellen Vakuumresonanzraum erhellende, erläuternde und bisweilen erheiternde Elaborate zu entlocken, aber die Top-Meldung aus dem amtlichen nachrichtentechnischen Faktenerzeugungskombinat (Aktuelle Kamera oder wie das jetzt heißt) hat mir dann doch ein schiefes Grinsen auf die Lippen gespannt.

Die stets um objektive Aufklärung bemühten Majoritätsmedien stellen derzeit den Stromtarif-Vergleichsportalen im Internet geschlossen ein schlechtes Zeugnis aus. Nein, wie überraschend. Alle diese tollen Vergleichsportale funktionieren so schön, und ausgerechnet beim Strom klappt das nicht – wie kann das denn passieren?

Nun – richtig geraten – das kann nicht passieren, das muss passieren, denn in Wahrheit funktioniert natürlich nichts von alledem. Vergleichsportale, Testplattformen, Kundenbewertungen, all diese vermeintlichen Errungenschaften unseren modernen Zeiten (der gleichnamige Film von Charles Chaplin stammt übrigens aus dem Jahr 1936) haben letztlich nur dafür gesorgt, dass wir nicht mehr nach Information dürsten, sondern stattdessen darin ertrinken. In letzter Konsequenz haben sich unsere Entscheidungen dadurch nicht verbessert, sondern lediglich die Entscheidungsprozesse verkompliziert.

Auf Preisvergleichsportalen (auch solchen wie geizhals.de) tummeln sich schon seit Jahren ganz oben in den Listen die immer gleichen Unternehmen, die unter immer neuen Namen wahlweise Produkte billigst anbieten, die sie dann monatelang nicht liefern oder hinter vollkommen abstrusen Nebenklauseln horrende Kosten verstecken. Sogar ich habe das auf die harte Tour gelernt, als ich einmal zehn USB-Sticks zu 2,50€ pro Stück und 5€ Versandkosten bestellt habe. Beim Erhalt der Rechnung lernte ich dann, dass die Versandkosten auch per Stück anfallen. Das war ja richtig billig! Naja, der Trick war genau genommen sogar sehr billig – grrr!

Gugelt man irgend einen Gebrauchsgegenstand, so stolpert man auf den ersten Ergebnisseiten nicht selten über hunderte von so genannten Testportalen, die, wenn man sich traut, den Links zu folgen, ein und den selben Artikel mit ziemlich unterschiedlichen Daten und ziemlich unterschiedlichen Kriterien ziemlich unterschiedlich bewerten. Wie sehr ist mir da geholfen!

Wo auch immer man etwas erwerben will (egal ob Weltreise, Klapprechner oder Eierwärmer), kann sich dazu bereits vor dem Kauf literal hunderte von Kundenbewertungen durchlesen, die in so gut wie allen Fällen alle Klassen von “absolut super” bis “totaler Mist” abdecken. Daraus kann man dann genau die Schlüsse ziehen, die man daraus ziehen möchte – nur eben keine besseren als ohne die gesammelte Textwüste. Wieder einmal bringt xkcd es mit einem Bild auf den Punkt.

xkcd tornado guard comic

Dabei sind in dieser Betrachtung die ganzen Massen von gekauften und gefälschten Lobhudeleien und Verrissen noch gar nicht berücksichtigt.

Für mich ist das allseitig schon so lange totgeredete Informationszeitalter erst dann überhaupt angebrochen, wenn die Erkenntnis allgemein akzeptiert ist, dass mehr Information nicht automatisch besser ist als viel Information und der wahre Stein der Weisen keine unerschöpfliche Datenquelle sondern ein perfekter Filter ist.

Dass das zu meinem Lebzeiten noch passieren wird, scheint mir angesichts der aktuellen Datenlage jedoch mehr als unwahrscheinlich.

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos - Netz Dschungelcamp

 

Eigener Senf dazu?

  1. Peter Suxdorf gab am 22. Februar 2013, 06:47 folgenden Senf dazu:

    Kenne das vom Erwerb eines Fernsehers. Da die Fernsehprogrammauswahl keine Tiefe mehr hat, entschloß ich mich einen passenden flachen Fernseher zu kaufen. Nicht daß ich einen benötigte, aber mein Zentralgestirn war der Ansicht, daß wir Geld übrig hätten (wo immer sie diese Information her hatte). Nach gefühlt 300 Testberichten und der exponentiell dazu anwachsenden Kundenbewertungen, wählte ich drei potentielle Geräte aus und fuhr zum örtlichen Elektronikriesen.

    Der hatte keines der drei Geräte, dafür aber eines mit einem schicken Bild, Superdupersonderausstattung und einem Preis, der 50% unter dem Budget lag.

    Der tuts auch.

    Bislang war ich ein absoluter Verfechter des nichtgläsernen Menschen. Die Abwehr dessen misslang mir jedoch, mittlerweile bekommt jede Behörde die Information, die sie benötigt und noch tausend andere hinzu.

    Lustig ist es, wenn man in Formularen seinen Vornamen angibt und sich noch ein gutes Dutzend dazu ausdenkt. (So wie Gutti)
    Das bekommt die Behörde nicht geprüft und wenn sie dich anschreibt, braucht sie ein Sonderformergänzungsblatt alleine für die Vornamen. So macht Sammelwut Spaß, sollen sie doch dran ersticken…

    /cbx meint dazu:

    Das ist ja Guerillataktik! Pass bloß auf, dass Du dafür nicht demnächst ins Hotel Gulagantanamo wanderst...

  2. Samtiger gab am 22. Februar 2013, 12:08 folgenden Senf dazu:

    Vielleicht bin ich zu einfach gestrickt, aber ich schau eh nur noch, ob es genügend gute Bewertungen gibt und lese dann ausschließlich die schlechten Bewertungen. Dann gilt das Invesionsprinzep:

    fundierte schlechte Bewertung → Hände weg
    dummdreiste schlechte Bewertung → kaufen

    /cbx meint dazu:

    Das mache ich auch gelegentlich. Besonders die Nützlichkeit positiver Bewertungen tendiert meist gegen Null. So signifikant besser wird meine Trefferquote dadurch allerdings nicht.

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