Diese verdammte Grasfresserei...

27.03.2013 21:57 von /cbx, derzeit 5.20027 Kommentare

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…hat endlich ein Ende. Am Freitag, dem 29.03.2013 endet mit dem Beginn unserer österlichen Städtereise endlich unser vegetarisch-veganes Experiment, über das ich vor einigen Tagen kurz berichtet hatte. Selten zuvor habe ich das Ende eines Experiments so sehr herbeigesehnt wie jetzt, denn mit der traumwandlerischen Sicherheit eines unbedarften Idioten habe ich für die heiße Endphase einen Zeitraum gewählt, der mich auch ohne zusätzliche zweckfreie Späßchen an die Grenze meiner nervlichen Beastbarkeit (und natürlich auch darüber hinaus) gebracht hätte.

Ja, genau deshalb hat es hier auch seit beinahe zwei Wochen auch kein Posts mehr gegeben. Nicht dass ich nichts gefunden hätte, worüber ich mich aufregen konnte – ganz in Gegenteil – doch, auch wenn meine Stammleser hier die Stirn in tiefe Furchen falten werden, sogar ich kenne eine Grenze jenseits derer ich auf öffentliche Darstellung meiner Meinungsfreude verzichte.


[Vegan und mit Bedienungsanleitung: Die Orange]

Sei’s drum – heute wittere ich seit langer Zeit wieder homöopathische Potenzen von (freilich eisig kalter) Morgenluft, vielleicht, weil sich das apokalyptische Chaos im G’schäft langsam wieder auf den ganz normalen Irrsinn zu reduzieren beginnt, vielleicht auch, weil mir ein paar arbeitsfreie Tage mit meinem Zentralgestirn bevorstehen – ganz sicher aber, weil ich weiß, dass ich mich ab Freitag endlich wieder normal ernähren darf.

Ich kann es kaum erwarten, mich zu laben an bis vor kurzem leichtfertig gering geschätzten Köstlichkeiten wie:

  • Butter statt Margarine
  • richtiger Milch statt Sojamilch
  • richtigem Joghurt statt Sojaschlonz
  • echten Eiern
  • Käse
  • Kuchen
  • Keksen
  • Schokolade

Das wird ein Fest! Wenngleich der kleine katholische Tiroler, der noch immer in mir steckt ganz enorme moralische Blähungen bekommen wird, am strengsten Fastentag des Kirchenjahres überhaupt irgend etwas Genießbares zu essen. Doch mit diesem Dilemma, nein, besser Dilämmchen werde ich zu leben lernen.

Na, liebe Leser, ist Euch bei eingehender Betrachtung der losen Aufzählung meiner feuchten Futter-Fantasien da oben etwas aufgefallen? Na?

Richtig. Die Produkte von toten Tieren stehen bei mir ganz klar erst in der zweiten Reihe. Wenn, oder besser, falls ich (für mich natürlich) überhaupt eine Erkenntnis aus diesem exaltierten Experiment ziehen möchte, dann wäre es wohl diese:

“Vegetarische Ernährung ist machbar – auch für längere Zeit und ohne Ermüdungserscheinungen. Vegane Ernährung hingegen ist ohne die passende religiöse Überzeugung nicht machbar”

Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich nach Beendigung des Experiments noch weniger Fleisch und Fisch essen werde als zuvor, obwohl ich noch nie der in meiner alten Heimat weit verbreiteten Auffassung war, dass etwas, wofür kein Tier gestorben ist, keine Mahlzeit sein könne.

Ich hätte es mir vorher nie träumen lassen, dass Milch und Eier in unserem (europäischen?) Nahrungskanon eine derart fundamentale Position einnehmen, dass ohne diese Zutaten gefühlte 130% der als allgemein genießbar anerkannten Nahrungsmittel nicht hergestellt werden können. Irgendwann – und zwar sehr, sehr schnell ist der Punkt erreicht, wo man erkennt, dass Soja und Tofu zwar sehr leistungsfähige Eiweißlieferanten sein mögen, ansonsten aber keinerlei Chance haben, auch nur ansatzweise die geschmacklichen (Soja? Geschmack? Da schmeckt ja kein Schluck Wasser noch intensiver!) oder haptischen Qualitäten von Milchprodukten oder Fleisch zu erreichen.

Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, meine morgendlichen Haferflocken mit Rosinen (→Warmduscher-Müesli) mit Sojamilch und Sojajoghurt (und viel Zucker!) zu essen. Ich kann abends (wenn auch nicht zertifiziert veganes) Brot mit Margarine, Marmelade oder Erdnussbutter essen. Was ich aber nicht kann, ist, mich auf Dauer mit der verschwindend winzigen Auswahl an richtigem Essen abfinden.

Sogar unser Besuch in dem ansonsten sehr empfehlenswerten Coox & Candy in Bad Cannstatt, wo mein Zentralgestirn und ich unseren Jahrestag feierten, ließ mich diesbezüglich ratlos zurück. Es ist keine Frage, wir haben dort in sehr angenehmer Atmosphäre ein durchaus wohlschmeckendes dreigängiges Menü (zu einem sehr vernünftigen Preis) zu uns genommen, doch sogar dort fokussierten die angebotenen Speisen geradezu den Blick auf das, was eben nicht auf dem Teller lag. Schnitzel und Bouletten, die keine Schnitzel oder Bouletten waren, Spätzle, die gerade mal grob annähernd wie solche aussahen, kurz, eine Auswahl an Gerichten, die auch nur wieder versuchte, etwas nachzubauen, was mit den verfügbaren Zutaten nicht nachzubauen war. Sogar der herrlich anzusehende Cappuccino (unglaublich, wie gut sich Sojamilch aufschäumen lässt) schmeckte letztlich wie schwarzer Kaffee mit – hm – aufgeschäumter Luft.

Nicht einmal den Profis scheint es zu gelingen, aus den restlichen erlaubten Zutaten etwas auch nur ansatzweise Interessantes oder gar Neues zu kochen. Neben einigen wenigen Klassikern wie Risipisi, Bratkartoffeln (aber immer schön in Pflanzenöl braten) und Nudeln (mit Tomatensauce aber ohne Parmesan bzw. mit Öl und Knoblauch) endet das Repertoire dessen, was nicht irgendwie asiatisch und immer scharf schmeckt sehr sehr schnell.

Für mich kam dann noch erschwerend hinzu, dass es so gut wie keine genießbaren veganen Fertiggerichte gibt (die meisten, die ich für sehr teures Geld gekauft und probiert habe, schmeckten nach gemahlenem Besenstiel) und ich deshalb in unserer winzigen Teeküche so etwas wie “Kochen” improvisieren musste. Wenn nach mindestens 20 Minuten mein “Essen” fertig war, konnten meine Kollegen schon ihre leeren Teller in die Spülmaschine räumen. Und auch wenn ich dabei noch mindestens doppelt so viel Geschirr gebraucht hatte, so waren die Ergebnisse zu diesem Aufwand meist indirekt proportional. Sogar unsere großen Kochversuche am Wochenende produzierten zwar deutlich schmackhaftere, letztlich jedoch auch geschmacklich nicht viel abwechslungsreichere Resultate. Über den kulinarischen Totalausfall im Bereich veganer Kekse und Kuchen möchte ich gar nicht erst anfangen.

Und genau deshalb werde ich mich so lange nicht mehr auf vegane Ernährung einlassen, bis ich entweder vom erforderlichen religiösen Eifer befallen werde, oder jemand ein paar wirklich kreative und pfiffige Gerichte entwickelt. Immerhin kann ich genau das jetzt aufgrund fundierter persönlicher Erfahrungen behaupten.

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos - Rant & Grant

 

Eigener Senf dazu?

  1. Volker gab am 28. März 2013, 07:16 folgenden Senf dazu:

    Ich finde es beachtenswert, das du es durchgezogen hast! Ich habe schon nach ein paar Tagen das Handtuch geworfen, es war mir einfach zu blöd.
    Dann sage ich mal: Guten Appetit! (Ab Morgen)

    /cbx meint dazu:

    Ja, danke! Ich habe mich noch nie zuvor so auf den Karfreitag gefreut...

  2. Simon Voggeneder gab am 28. März 2013, 09:04 folgenden Senf dazu:

    So, wie sich dein Erfahrungsbericht liest, scheint euer größtes Problem darin bestanden zu haben, aus keinem reichen Fundus an sättigenden, schmackhaften und gesunden (was immer das genau heißen mag) Rezepten schöpfen zu können.

    Was ist mit Hülsenfrüchten? Was ist mit vielerlei Getreidesorten? Was ist mit Kokosprodukten? Was ist mit Reis- oder Hafermilch? Was ist mit Avocados? Was ist mit Nüssen, Samen und deren Mus?

    Willst du mir erzählen, dass du ein veganes Ernährungsexperiment durchgeführt hast, ohne einmal z.B. Hummus zu essen?

    So wenig ich mir vegane Ernährung für mich vorstellen könnte – auch ich halte sie vom Körpergefühl her für widernatürlich und würde mich enorm beraubt aller kulinarischen Genüsse fühlen, die die Welt von Milch und Eiern zu bieten hat – so sehr scheitern angehende Veganer auch gern daran, keinen Fundus an brauchbaren Gerichten zu haben, aus denen sie schöpfen.

    Kennst du den Begriff des Puddingvegetariers? Solche Puddingvegetarier werden dann auch zu Puddingveganern. Und ich kann mir wenig ungesündere Ernährungsformen vorstellen als den Puddingveganismus.

    Wenn ich an vegan denke, dann denke ich in erster Linie an die vielen Sorten Gemüse und was sich daraus machen lässt, dann denke ich an alle die Getreidesorten, die sich verarbeiten lassen und die Hülsenfrüchte. Später denke ich dann auch noch an Nüsse und Öle und reichlich Gewürze. Wenn ich an vegan denke, dann versuche ich mich von Soja möglichst fern zu halten. Wenn ich an vegan denke, dann denke ich an eine Ernährung, die auf Milchersatzprodukte (aus Soja) zum größten Teil verzichtet. Für eine Episode könnte ich mir so eine Ernährung vorstellen. Aber niemals für immer. Sonst muss ich in Tränen versinken, sobald ich das nächste Mal ein Stück Butter vor mir sehe.

    /cbx meint dazu:

    Keine Sorge, nichts von dem, was Du aufgezählt hast, ist uns fremd. Mein Zentralgestirn hortet einen umfangreichen Fundus an vegetarischen und veganen Kochrezepten und wir haben natürlich auch jede Form von Gemüse, Hülsenfrüchten, Kichererbsen, Koksmilch und sogar Melanzane, ;-) die ich nicht ausstehen kann, verkocht. Auch Hafer- Mandel- und Weißgottwasnoch-"Milch" haben wir probiert. All das ändert wenig daran, dass das Zeug alles mehr oder weniger nach Mückenfurz im Wald schmeckt. Und "gesünder" ist das Zeug, wenn man es nicht im eigenen Garten anbaut, mit Sicherheit auch nicht.

    Weder an den Geschmack noch an das Mundgefühl will ich mich derzeit ohne guten Grund gewöhnen müssen.

  3. Brö II gab am 28. März 2013, 13:45 folgenden Senf dazu:

    Mir steht von fachlicher Seite jetzt auch noch ein schlauer Kommentar zu. Als einer der das Kochen gelernt hat und sich mit diesem Thema immer wieder auseinander zu setzen hatte, kann ich mir nur auf manche Sachen einen Reim machen.

    Zum ersten ist Geschmack erlernt und erlernbar, will sagen viele Gerichte und Lebensmittel sind im Kopf in Struktur und Geschmack abgespeichert. Dazu gibt es unzählige Beispiele: Weißwein der rot eingefärbt wird, ist selbst von ausgebildeten Sommeliers nicht als solcher zu erkennen - eher im Gegenteil - wird als “komischer” Rotwein interpretiert, oder der Joghurtklassiker der das Vanillejoghurt auf Grund roter Färbung nach Erdbeeren schmecken lässt. Ich selbst durfte einmal bei einem lustigen Spiel versuchen, mit verbundenen Augen verschiedene Getränke zu erkennen, darunter ein handelsübliches “Colagetränk”, das ich blitzschnell und todsicher als Zitronenlimonade identifizierte.

    Also kann man unsere Wahrnehmung nicht so leicht überlisten, zumal wenn man weiß was man isst und sich bewusst ist, dass es nicht das ist, was man erwarten darf (die Tofufalle).

    Zum anderen gibt es einfach einige technische Anwendungen von Milchprodukten und Eiern die schlecht zu emulieren sind.

    Eine Bindung mit Ei oder Sahne (Obers, Rahm) ist eben nicht adäquat zu ersetzen.

    Außerdem sind vielen unserer gewohnten nicht veganen Lebensmittel, vor allem in Conveniencebereich sehr viele “Stoffe” (nicht illegal und nicht unbedingt verdammenswürdig) zugesetzt die unser Geschmacksbild beeinflussen. Bei veganen Lebensmitteln ist der Gebrauch solcher Substanzen verpönt – dementsprechend schmecken sie dann eben auch.

    Grundsätzlich bin ich der Meinung das der völlige Verzicht auf tierisches Eiweiß in der Ernährung nicht sinnvoll ist. Sollten wir vermehrt Körner essen wäre uns ein Kropf (siehe Vögel z.B. Hühner) sehr dienlich, wären wir zum Verzehr von “Grünzeug” konzipiert hätten wir am Ende mehrere Mägen und wären vermutlich Wiederkäuer.

    Selbst ausgewiesene Veganer wie einiger unserer Verwandten der Spezies Säugetiere beginnen ihr Leben mit dem Konsum von tierischem Eiweiß in Form von Milch, und die meisten unserer nächsten Verwandten der Primaten greifen, bei sich bietender Gelegenheit gerne zu tierischem Protein (Eier, kleine Wirbellose, bis zu anderen jagbaren Säugetieren).

    Deshalb halte ich eine vegane Ernährung für ein tolles Konzept zur Askese (→Masochismus), allerdings nicht tauglich für eine Ernährungsempfehlung.

    /cbx meint dazu:

    Vielen Dank für die wie immer äußerst kompetente Abrundung meiner eigenen Beobachtungen.

  4. oachkatz gab am 1. April 2013, 19:11 folgenden Senf dazu:

    Danke fürs Teilhabenlassen an Deinen Erfahrungen, jetzt muss ich keine eigenen machen…

    /cbx meint dazu:

    Nun, diese Erfahrung muss auch ich nicht noch einmal machen...

  5. oachkatz gab am 1. April 2013, 22:55 folgenden Senf dazu:

    Das war ja, wenn ich es recht verstanden habe, mit Grund fürs Experiment? Herauszufinden, ob es was fürs Leben ist? Wenigstens so ab und zu?

    /cbx meint dazu:

    Genau das. Und ich habe gelernt, dass es ab einem gewissen Grad von Extremismus nicht mehr ohne religiöse Überzeugung geht.

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