Warum "nie" niemals wirklich "nie" heißt... [Update]

02.05.2013 18:49 von /cbx, derzeit 1.43942 Kommentare

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…oder “wie man seine Zeit totschlagen kann, wenn man auch sonst genug zu tun hat.” Ja, so möchte ich diesen Bericht betiteln. Es mag dem einem oder anderen Leser schon aufgefallen sein – es war und ist doch recht ruhig in meinem Blog. Das lag und liegt immer noch daran, dass unser Laden derzeit so richtig brummt (also jetzt eher so wie ein 1958er Hanomag bergauf auf drei Zylindern, aber immerhin überhaupt), wir also durchaus gut zu tun (und natürlich das damit verbundene Chaos im Haus) haben. Außerdem lebt mein Fernseher gerade recht gefährlich, weil die tägliche Rezeption der Tagesschau ihn sehr leicht ins Schussfeld meiner materiellen Missfallensartikulationen bringt. Weil ich jedoch dereinst gelobte, mich des Tourettirens (weitgehend) zu enthalten, schrub ich also besser nichts.

Heute nun hätte ich auch während meiner kärglich bezahlten Arbeitszeit besonders viel Gründe für kreative aber dennoch vorwiegend unflätige bis fäkale Wortschöpfungen gefunden. Und das kam so.

Es begann mit dem Urknall. Dann passierte ziemlich lange nichts Wesentliches, bis wir (also die Helden der Arbeit von der AMADYNE GmbH) Ende 2010 eine ziemlich geniale Sondermaschine bauten. Es handelte sich dabei um einen Dispensautomat mit vier individuell beheizbaren Düsen und das Projekt war ein voller Erfolg.

Für die beheizten Düsen hatte ich mir eine sehr einfache aber dennoch trickreiche Transistorheizung einfallen lassen, die sowohl die Wärmeerzeugung als auch die Temperaturmessung über einen kleinen BD138 im TO-126-Gehäuse abwickelt. Mit nur drei Leitungen kann man damit Temperaturen zwischen 20 und 80°C auf weniger als 0.5° Grad genau regeln. Die Heizleistung kann über einen einstellbaren Kollektorstrom vorgegeben werden, wahrend die Temperatur über die Basisemitterspannung (UBE) erfasst wird. Dass die UBE-Messung praktisch vollkommen verzögerungsfrei die Temperatur des “Heizelements” erfasst, vereinfacht die Regelung enorm – und alles, was man dazu braucht, ist eine kleine Verstärkerschaltung.


[Es hätte so schön sein können. Die Platine DiHa-1.0, bestückt gemäß unserer Dokumentation]

Diese kleine Verstärkerschaltung hat mein damaliger Kollege in vierfacher Ausfertigung, begleitet von ein paar anderen Interfaces und aus Platzgründen in SMD-Technik auf eine Platine gequetscht und bei unserem Leib- und Magen-Platinenfertiger herstellen lassen. Dessen Mindestauftragsmenge beträgt fünf Stück und so hatten wir nach Auslieferung der Maschine noch vier Platinen am Lager, von denen ich damals (peinlicherweise vor Zeugen) behauptete, wir würden sie im Leben nie mehr brauchen.

Vor ein paar Tagen war dann “nie mehr” vorbei. Wir haben eine Dispenserheizung als Nachrüstung für eine bestehende Maschine verkauft und ich hatte mich nicht nur an meine, nun wohl widerlegte, Aussage, sondern auch an die problemlose Funktion der Platine erinnert. Also schnappte ich mir eines der vier restlichen Boards (an dieser Stelle wollen mir die geneigten Leser bitte Anerkennung zollen, dass ich diese nach fast drei Jahren auf Anhieb finden konnte), holte mir den Bestückplan aus unserem Wiki und verbrachte einen Nachmittag damit, die 0402 Bauteile und die auch nicht wirklich großen ICs von Hand aufzulöten. Das Ergebnis dieser Bemühungen darf auf dem Bild weiter oben angemessen bewundert werden.

Meine Begeisterung indes verebbte augenblicklich, als ich Spannung an die Schaltung legte. Naja, immerhin konnte ich weder Rauch noch Flammen beobachten – irgend eine Art von Funktion allerdings auch nicht. Nicht einmal die Versorgungsspannungen hatten die erwarteten Werte. So musste ich meine ursprünglichen Schmierzettel (→Designentwürfe) aus dem Scan-Archiv hervorkramen und mich im Staunen üben. Nicht weniger als acht schwere Fehler hatten es in das vor mir liegende Layout geschafft. Nach dem Schaltplan, der dem Platinenlayout zugrunde lag, hätte das Teil nicht einmal in hyperrelativistischer positronischer Logik funktioniert – und das, so wurde mir klar, musste auch für die 2010 verbaute Platine gegolten haben. Mein Kollege, der inzwischen andere Karriererpfade verfolgt und dessen Namen ich hier nicht nennen möchte, muss also damals schon einige umfangreiche Korrekturen vorgenommen haben, da die Heizung dort ja perfekt funktionierte. Weil ich aber damals großkotzig behauptet hatte, wir würden “den Plunder im Leben nie mehr brauchen”, hatte Hannes (dessen Namen ich hier nicht nennen möchte) im (wie eigentlich immer) herrschenden Termindruck darauf verzichtet, diese Korrekturen zu dokumentieren (oder wenigstens die bösen Platinen ins Sperrlager zu stecken).


[Ein Meisterwerk manueller Brezelkunst. Hässlich, aber es funktioniert]

Heute musste ich den Preis für meine Fehleinschätzung – immerhin selbst – bezahlen und die Platine von zittriger Eigenhand umarbeiten. Wer schon einmal zwei Litzen an einen IC-Anschluss im 1.27mm-Raster angelötet hat, wird verstehen, welchen Spaß ich dabei (mehrfach!) hatte. Niemand war mehr überrascht als ich, als heute gegen 17:30 Uhr alle vier Verstärkerkanäle sich genau so verhielten wie ich das erhofft (keineswegs jedoch erwartet) hatte und die gemessene Spannung zu steigen begann, sobald ich den probeweise angeschlossenen Transistor mit meinen zittrigen (aber warmen) Händen berührte.

Ich glaube durchaus, dass man aus dieser Geschichte eine Leere (vielleicht sogar eine Lehre) ziehen kann – welche, das mögen sich meine geschätzten Leser sich selbst überlegen – und vielleicht sogar im Kommentarbereich zur öffentlichen Bewusstseinserweiterung publizieren.

Update: Ich verstehe inzwischen, warum mein Kollege damals den Schaltplan absichtlich falsch gezeichnet hat, und zwar so:


[Ein ästhetisch ansprechender aber funktional unkorrekter Schaltplan]

Damit die Schaltung nämlich funktioniert, musste ich eine Änderung einbringen, die zwar zu einer technisch korrekten Zeichnung führt, politisch aber vollkommen unkorrekt ist:


[Korrekt und doch völlig inkorrekt]

Und eine solche grafische Darstellung ist im Jahr 2013 natürlich absolut und vollkommen indiskutabel, ja – wer weiß – vielleicht sogar strafbar.

/cbx, Kategorie: Aus der Schule - Schöngeistlos

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 3. Mai 2013, 01:24 folgenden Senf dazu:

    Wenigstens waren deine Bemühungen von Erfolg gekrönt. Ich saß heute ewig vor einer uralten Hipath und habe gegen Mitternacht das Handtuch im Kampf gegen (Open)CSTA geschmissen…

    Respekt übrigens für deine Lötarbeit. Deine Hand scheint im hohen Alter ruhiger zu sein als meine nach viel Kaffee und Zigaretten überhaupt noch werden kann.

    Was die Moral ist?
    Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?
    Nichts was man schafft ist über den zweifelnden Blick der Retrospektive erhaben?
    Hinterher weiß man es besser?
    Man sieht alles zweimal im Leben?
    Wenn Siemens draufsteht schränkt es die Wahl sinnvoller Werkzeuge auf einen Hammer und festes Schuhwerk ein?

    /cbx meint dazu:

    Wow, aus diesen Moralvorschlägen spricht aber auch viel Lebenserfahrung....

    Sowie: Siemens und Telefon? Verschon' mich davon!

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