Sir, sie haben unseren Danisch versenkt!

23.06.2013 19:42 von /cbx, derzeit 5.24619 Kommentare

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Nach relativ kurzem, schweren Leiden ist er nun wohl endgültig von uns gegangen – und das erfüllt mich mit etwas Trauer wie auch Sorge. Schon seit einigen Jahren lese ich nun schon seinen Blog und durfte ich mich dabei an so manchem erstklassigen und höchst kompetenten Juwel delektieren, wie beispielsweise seinen länglichen Rants über IT-Sicherheit und die spezielle Situation in Deutschland oder die absolut genialen Berichte über die vorläufig gescheiterte Kinderpornosperre der Ursula von der Leyen.

Dann aber wurde seine Verfassungsbeschwerde ohne Angabe von Gründen abgeschmettert – und das war dann der Punkt, an dem sein eigentlich messerscharfer Verstand (wiewohl getragen von einem mittelgebirgsgroßen Ego) wohl eine – ich schreibe mal – andere Abzweigung genommen haben muss. Seit diesem Moment hat er offenbar – beginnend mit seinem durchaus faszinierenden Buch Frauenquote – dem aktuellen Mainstream-Genderismus und Gender Mainstreaming den Krieg erklärt.

Dazu so viel von mir. Ich habe in den letzten knapp 15 Jahren die (etwas ältere aber durchaus umfangreiche) feministische Bibliothek meines Zentralgestirns frequentiert und in letzter Zeit auch zeitgeistiger diesbezüglicher Literatur zugesprochen (wie “Delusions Of Gender”, “The End Of Men”, “Der falsche Feind”, “Heterophobia”, “Professing Feminism”…), würde mich also nicht als diesbezüglich vollkommen blank bezeichnen. Wiewohl ich zum Thema Feminismus – inzwischen Genderismus – natürlich keinerlei signifikanten Beitrag leisten kann, da ich nun mal ein weißer, heterosexueller Mann und damit der alleinschuldige universelle Unterdrücker ohne Mitspracherecht bin.

Auch ich bin der Meinung, dass im Rahmen der Popularisierung von Gender Studies im akademischen Bereich und der allgemeinpolitischen Begeisterung für Gender Mainstreaming – gerade so wie bei jeder anderen Mode-Religion – weit mehr Missbrauch als Nutzen erkennbar sind und zumindest davon auszugehen ist, dass dort enorme Mengen an Geld versenkt werden, die durchaus besser hätten investiert werden können. Den Untergang von Männerland, wie Hanna Rosin ihn in ihrem (angenehm leicht zu lesenden) Buch beschreibt und wie ihn anscheinend auch Hadmut Danisch mittelfristig befürchtet, will ich indes noch nicht kommen sehen. Andererseits haben die Meisten die größten Katastrophen auch immer erst hinterher schon vorher kommen gesehen (zuletzt PRISM & Co).

Trotz dieser entspannten Haltung werde ich, sobald ich mit “Professing Feminism” fertig bin, meine literarische Aktivität zu diesem Thema drastisch zurückfahren – und zwar gerade im Interesse dieser entspannten Haltung. Denn – und das habe ich auch schon bemerkt – wenn man nicht absolut vollständig immunisiert ist, dann kann es schon passieren, dass man in dem Denkansatz der radikalen Genderisten ein Modell erkennt, das – gemäß seiner eigenen Parameter und Axiome – widerspruchsfrei ist. Im Gegensatz zur klassischen logisch-(natur)wissenschaftlichen Herangehensweise ist diese Widerspruchsfreiheit sogar weitaus leichter zu erreichen – bedarf sie doch keiner Beweisführung sondern lediglich der Einordnung des Widerspruchs in die Kategorie “patriarchalisch”. Auch konkrete Probleme müssen – gerade so wie in großen Unternehmen – nicht mehr gelöst werden, es genügt, einfach deren Lösung zu fordern und ansonsten die Schuld daran immer den Patriarchen (→Männern) zuzuschreiben.

Das liest sich jetzt wie eine polemische Satire? Das klingt, als müsse man erheblich einen an der Waffel haben, um das als geschlossenes Weltbild akzeptieren zu können? Nun, ich befürchte, dass man, sobald man nur tief genug in die Materie einsteigt, fast unvermeidlich in den Sog dieser selbsterfüllenden Erklärungen gezogen wird und nach relativ kurzer Zeit Teile dieser Axiomatik in sein eigenes Denkschema übernimmt. Denn sogar ich möchte nicht ausschließen, dass unsere Welt auch nach diesen Prinzipien funktionieren könnte. Wie gut und wie lange, bleibt dabei freilich noch zu beantworten.

Wenn ich jetzt Danischs relativ aktuellen Text zu PRISM und der allgemeinen “Überraschung”, die die Existenz dieser Programme hervorgerufen hat, durchlese, so finde ich in den ersten zwei Dritteln genau den Blogger und echten Experten wieder, der mich seinerzeit zum Stammleser gemacht hat. Spannend, stringent, immer auf den Punkt und mit reichlich Hintergrund- und Fachwissen garniert. Im letzten Drittel aber nimmt der Text eine 270°-Wendung und zieht die Genderpeitsche aus der Tasche, benennt Genderismus und Quotenfrauen als Hauptschuldige für das totale Versagen der deutschen IT-Politik und zertrümmert somit den ganzen Post mit einem peinlich stereotypen Ende, das von der Logik her geradewegs aus dem Rechner einer Genderbeauftragten stammen könnte.

Nun gut – es ist sein Blog, somit sein Königreich. Davon abgesehen, dass meiner unmaßgeblichen Meinung nach die Verdummung der heimischen Universitäten auch ohne Gender und Frauenquoten schon bestens funktioniert hat, wundert es mich, warum ausgerechnet er hier einfach so impliziert, dass dieses gesamte Bespitzelungs- und Industriespionageprogramm eigentlich nicht im Interesse unserer “Regierung” gewesen sein soll. Warum sollte die “Bundesregierung” nicht wissen wollen, was “ihre” Bürger und Industrie (also jener Teil der Industrie, der nicht selbst die Gesetzestexte diktiert) so treiben?

Aber ich bin ja kein Experte. Auf keinem der betroffenen Gebiete. Außer dem verarscht werden natürlich.

/cbx, Kategorie: Netz Dschungelcamp - Rant & Grant

 

Eigener Senf dazu?

  1. oachkatz gab am 24. Juni 2013, 09:28 folgenden Senf dazu:

    Für die beste Analyse von Joyces Ulysses, die ich gelesen habe, zeichnet Fredric Jameson, verantwortlich, d.h. wenn man die Teile überliest, in denen er das Werk fast obsessiv auf den Klassenkampf herunterbricht. Ich habe Danisch nie gelesen, werde ich auch nicht, weil ich besser mit obsessivem Marxismus als mit obsessivem Quotengegnertum umgehen kann. Aber so was passiert auch guten Denkern. Ich versuche immer noch, Hanna Rosin zu lesen – es fällt mir schwer. Aber dazu wann anders.

    /cbx meint dazu:

    Der eine ist Rassist, der andere ein Frauenmörder, der dritte ein - wie heißt es heute - Maskulist; trotzdem können diese Leute hervorragende Experten auf anderen Gebieten sein und trotzdem kann man mit denen möglicherweise fachlich ganz fantastisch zusammenarbeiten. Die - immerhin gut begründete - Einstellung des Herrn Danisch stellt für mich keinerlei Problem bei der Rezeption seiner technischen Texte dar. Allerdings nur bis zu dem Punkt, wo der Fanatismus an völlig unpassender Stelle im klassischen "ceterum censeo"-Stil Einzug hält.

  2. oachkatz gab am 24. Juni 2013, 15:59 folgenden Senf dazu:

    Wobei ich anmerken möchte: Experte sein und gut denken können muss nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen.

    /cbx meint dazu:

    Wobei allerdings beide Zuordnungen in diesem Fall von mir stammen. Ebenso wie die Einschätzung, dass starke Emotionen sich bei jedem Menschen auf die Denkfähigkeit auswirken.

    Wenn ich es mir recht überlege, musste man bei Herrn Danisch allerdings schon immer das eine oder andere Häuferl kräftig dampfender Meinungsfreude überlesen um an die Perlen zu kommen...

  3. The Angry Nerd gab am 24. Juni 2013, 20:01 folgenden Senf dazu:

    “Wenn ich es mir recht überlege, musste man bei Herrn Danisch allerdings schon immer das eine oder andere Häuferl kräftig dampfender Meinungsfreude überlesen um an die Perlen zu kommen…”

    Bei wem muss man das nicht?
    Gut, bei mir, weil nicht nur meine Argumente erschöpfend und zielgenau sind, sondern auch meine Schlüsse immer stringent und logisch zwingend. Ich verbreite ja nicht meine Meinung, sondern praktisch die Wahrheit! hust röchel spuck

    Seinen Schluss, dass die Deutschen hier komplett hinten dran hängen, halte ich aber auch für gefährlich. Wenn man sich anhört welche Meinung die Amerikaner von ihrer Regierung, ihren Behörden und Politikern haben, dann müsste dort auch ein sehr großer Teil der Bevölkerung PRISM für unmöglich gehalten haben, weil die alle zu inkompetent sind. Und das scheint mir so zu sein.
    Die Frage ist jetzt, ob BND, MAD unc Co auch nur solche Tanzbären wie Joost, Ziercke und Steinmeier haben, bei denen man ein Schweppsgesicht zieht weil man sich nicht sicher ist, ob man über ihr hilfloses Straucheln weinen oder lachen soll. Die Vermutung liegt nahe, aber zumindest ich weiß wesentlich zu wenig über diese Büdchen um auch nur vernünftig raten zu können. Und das kann genausogut das Ergebnis davon sein, dass sie unfähig sind oder eben ziemlich gut.

    Ein anderer Ansatz wäre hier eine politische Zusammenarbeit zu vermuten. Wer sagt denn, dass die deutsch-amerikanische Freundschaft nicht so weit reicht und es dort eine Form von Kuhhandel gibt?

    Was die Widerspruchsfreiheit der Gender-Weltsicht angeht hast du Recht. Es ist aber keine Kunst in sich selbst konsistenten Schwachsinn zu konstruieren, wenn man sich seine Axiome aussuchen kann. Aus falschen Voraussetzungen alles Mögliche zu folgern funktioniert in der Aussagenlogik und im Bereich der Esoterik gibt es eine ganze Menge merkwürdiger Ansichten, die in sich schlüssig sind aber bei Kontakt mit der Realität zuammenklappen wie ein Souflet beim frühzeitigen Öffnen des Backofens.

    @ oachkatz
    Wie definierst du denn Experte?
    Für mich setzt Experte, im Sinne von Expertenwissen besitzend, nicht als hohle Kompetenzzuschreibung die keinen begrifflichen Schutz besitzt, “denken können” in überdurchschnittlichem Maße voraus. Eigentlich besitzt ein Experte nämlich zu seinem Themengebiet nicht nur quiztaugliches Wissen, so dass er auf Reizworte Worthülsen auswerfen kann, sondern besitzt extrem stark vernetztes Wissen und eine hohe Abstraktions- und Lerntransferfähigkeit. Das ist eigentlich “gut denken können”.

    Wie aber /cbx schon angemerkt hat ist “Expertentum” nichts universelles und man kann in einem Gebiet eine Koryphäe sein, während man in einem anderen “zu dumm zum Scheißen” ist.

    /cbx meint dazu:

    1) Das war dann also der erwartete Rundumschlag vom Angry Nerd. Besten Dank dafür.

    2) Meinungsfreude? Also mir ist dieser Begriff wahrhaft fremd. Ich brauche nämlich - ähnlich wie Du - keine Meinung, da ich selbstverständlich im Besitz der absoluten Wahrheit bin

    3) Die Geschichte mit den vordergründig dummen Strohpuppen habe ich mir auch schon öfters durch den Kopf gehen lassen. Wie ich aus eigener Praxis weiß, ist es strategisch weitaus günstiger, vom Gegner unterschätzt zu werden. Andererseits aber habe ich bisher auch nie beobachtet, dass große Macht und Reichtum positiv auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit ausgewirkt hätten.

    4) Je mehr ich mich mit der Gender-Logik beschäftige, um so praktischer finde ich sie...

    5) Experten? Nah, geschenkt. Wie auch der gebildete Genderist sagt: Der (was sonst?) schlimmste Sexist ist jener, der behauptet, keiner zu sein!

  4. The Angry Nerd gab am 25. Juni 2013, 02:46 folgenden Senf dazu:

    1: Gern Geschehen. Wenn hier die Glocke läutet bewegen sich die Fingerchen halt von alleine. Man wird ja dafür auch immer so schön gestreichelt…

    2: Insofern du meine Meinung vertrittst hast du recht.

    3: Ja, nachdem ich immer wieder gehört habe, dass ich freundlich und harmlos wirke, so lange ich bloß den Mund halte, weiß ich recht gut um diesen Vorteil :D
    Ich glaube grundsätzlich nicht, dass die immer gern und groß porträtierten demokratisch gewählten Vertreter all zu tragende Rollen in der “echten” Politik haben. Die Einblicke, die ich in größere staatliche Institutionen hatte, legen den Schluss nahe, dass die in einer Hinsicht eher funktionieren wie das Militär: Generäle sieht man nicht auf dem Schlachtfeld und die Leute, die den Kopf hinhalten, sind ziemlich unwichtig. Die Repräsentationspolitiker, die formell den Kopf darstellen sollen, sind da fast eine andere Kaste, die man halt gewähren und reden lässt, ansonsten aber möglichst weitgehend ignoriert.
    In einer Reportage über Lobbyismus in Berlin hat einer der porträtierten Lobbyisten diese Trennung auf den Punkt gebracht als er meinte, er habe sich bei dem Theater lieber dafür entschieden Regisseur zu sein, als Darsteller.

    Von daher mögen die Strohpuppen durchaus dumm sein. Die Frage ist ja auch nicht, worüber geredet, sondern was gemacht wird. Wenn ich das mit meinen Erfahrungen bzgl. größerer Firmen vergleiche passt das auch sehr gut. Drei Stufen höher kommt ein neuer Häuptling, hat Visionen, und die Ingenieure murmeln “dann soll er zum Arzt gehen”, während sie ihren Wein in einen neuen Schlauch füllen und Zitronensaft draufschreiben.

    5: Was mich an der Verwässerung des Expertenbegriffs stört ist dass sich hier die sprachliche Verarmung Bahn bricht. Heute heißt Experte nur noch, dass der so Titulierende dem Titulierten irgendetwas Positives hinsichtlich des Sachgebietes zuspricht.
    Die Möglichkeit so die tatsächlich vorhandene (im vgl. zur formal vorhandenen) Kombination von Wissen und gleichzeitiger struktureller, intellektueller Durchdringung des Sachgebietes kurz und prägnant zu beschreiben geht so langsam verloren.

    4: Wenn ich etwas in die Richtung lese, Theorie primär an ihrer Nützlichkeit für den “Hausgebrauch” zu orientieren und das zu lobpreisen, schnappt mir das wissenschaftstheoretische Messer in der Tasche auf.
    Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich meinen, Punkt 4 zielt punktgenau darauf ab mich genau dazu hinsichtlich dem Genderkram salivieren zu lassen, weil Danisch den Aspekt eigentlich fast nur polemisch und extrem oberflächlich beschreibt, aber bspw. nicht beleuchtet, wie der gedankliche Fehler entsteht, Sprache als konstituierend für physische Dinge zu sehen.

    /cbx meint dazu:

    Schön ausgeführt. Ich möchte nur zweierlei dazu anmerken. 4) Es genügt, wenn die meisten Menschen glauben, die Qualität einer Ideologie ließe sich daran messen, wie praktisch sie ist - und 3) Verschwörungstheorien? Dazu später mal wieder mehr...

  5. Peter Suxdorf gab am 25. Juni 2013, 06:22 folgenden Senf dazu:

    Ich bin mir tatsächlich nicht mehr ganz sicher, ob Hadmut Danisch nicht so ganz Unrecht hat mit seinen scheinbaren Übertreibungen. Er sieht mittlerweile hinter jedem Busch eine Feme und auf fast jedem Unistuhl eine echte oder eine verkappte Gendertante – ob herrlich oder dämlich bleibt sich gleich.

    Wenn man nun die Auswüchse der Resultate seiner Beschreibung sieht, dann ist da m.E. was dran. Die Radfahrenden nun als Gesetzestext, die verschwurbelten Leipzigerinnen Professorinnen…

    Ich für meinen Teil halte HD für grenzwertig pathologisch, aber ohne diese deutlichen Überspitzungen wird es kaum einem anderen auffallen, zumal, wie ich hörte, niemand auch nur eine in seinem Bekanntenkreis hat, die diesen Genderquatsch umgesetzt haben möchte.

    Ich sehe es insgesamt aber auch noch relativ entspannt, denn dadurch dass alle Nase lang irgendeine Feme eben aus einem Busch springt und Forderungen aus dem Gendersumpf bei den meisten als selbsterfüllender Niedergang herbeigesprochen und -gesehnt werden, kann es nur zu einem guten Ende führen.

    Das hat man in der Vergangenheit aber auch bei anderen Bewegungen gedacht und heute haben wir die Scheisse in Tüten in Form von Trittin und Roth.

    Von daher bleibt zu hoffen, dass HD nicht doch ein wenig Recht hat mit seinem wildem Blick hinter jeden Busch.

    /cbx meint dazu:

    Yup. Wie heißt es so schön? »Nur weil Du paranoid bist, heißt das nicht, dass SIE nicht hinter Dir her sind...«

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