Albträume, Apokalyptisches und Anderes.

29.06.2013 20:21 von /cbx, derzeit 2.49241 Kommentare

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Es ist immer noch so, dass der Umfang und die Frequenz meiner unreflektierten Ausbrüche kindlicher Meinungsfreude hierorts , welche vor etlichen Wochen in dramatischem Maße eingebrochen sind, nicht wieder an das ehemals übliche Niveau anknüpfen haben können. Und dass sich dies auf ebensolche Weise manifestiert, kann verstanden werden als Verdinglichung eines anhaltenden Stresszustandes, welcher in Spannungsfeld der persönlichen Work-Life-Balance verortet werden kann.1

In konkreter formulierten Holzhammer-Deutsch, wie ich es normalerweise zu verwenden pflege, soll das heißen, dass es im Umfeld meines Zweithobbies derzeit insbesondere ein Projekt gibt, das mir seit vielen Wochen einen bunten Strauß an Körper- und Geisteszuständen zwischen Kopfzerbrechen, Albträumen, Schlafstörungen, Resignation, Panikattacken und sogar Appetitlosigkeit(!) beschert. Am gestrigen Freitag nun durfte ich diesbezüglich (quasi unter dem Mikroskop) einen kleinen Lichtblick erleben, der es mir ermöglicht, das Folgende auch in der Kategorie “schögeistlos” zu publizieren.


[Der Blick auf das Große und Ganze. Oft genug eine trügerische Perspektive.]

Konkret geht es dabei um eine Neuentwicklung, wie sie für unser G’schäft an sich typisch ist. Wir sollten mal eben ein System entwickeln, das “alle anderen” in dieser Form noch nicht wirklich zustande gebracht hatten, das im Erfolgsfall für uns aber mit einem nachgerade unvorstellbaren Auftragswert verbunden wäre und als Türöffner zu einem sehr potenten Konzern dienen würde. Der Kunde wollte eigentlich nur mehrere Paletten mit Bauteilen aus einem Magazin in die und aus der Maschine fahren können, auf dass ihm 240 verschiedene Bauteilträger ohne manuellen Eingriff zur Produktion zur Verfügung stünden. Kenner der Materie würden sich am Ende dieses Satzes ein überlegen-gelangweiltes Grinsen ins Gesicht stecken und etwas sagen wie: “Magaziliftsystem. Was für ein alter Hut – das kann doch seit 50 Jahren schon jeder.”

Damit hätte der Kenner der Materie auch nicht einmal so unrecht, wenn es da nicht eine kleinwunzige Rahmenbedingung gäbe. In den Magazinen befinden sich nämlich etliche Paletten mit Bauteilen der Größe 200µm Kantenlänge und der Kunde erwartet von uns, dass diese sich nach einem Wechselvorgang nicht nur prinzipiell auf der Palette befinden sollen, sondern am exakt selben Ort wie vor dem Wechselvorgang. Wenn man nun zusätzlich noch weiß, dass diese winzigen Scheißdinger normalerweise bereits beim Berühren der Palette munter in der Gegend herum springen, entsteht ein grober Eindruck von der Schwierigkeit des Unterfangens.

Um die Neuentwicklung für uns nicht zu trivial werden zu lassen, wünscht sich der Kunde für das ganze Ding auch noch einen Liefertermin, der schon für eine ganz gewöhnliche Standardbaugruppe sehr ambitioniert wäre – wenn wir sonst nichts zu tun hätten. Insofern lag die Latte von Anfang an enorm hoch, wir hatten Zeit für genau einen Entwurf und Limbo war keine Option. Was dabei als Entwurf heraus kam, war in der Anzahl der Achsen (8) und der inhärenten Komplexität nicht nennenswert trivialer als der gesamte Rest der Maschine – sollte aber insgesamt in weniger als drei Monaten zum präsentablen Prototyp werden. Da kann man schon mal etwas unentspannt werden, wenn man letztlich die alleinige Verantwortung für das Projekt trägt.


[So sieht Entwicklungsarbeit aus. Was? So sieht Entwicklungsarbeit aus?]

Anfang dieser Woche nun hatten sich unsere Zulieferer (die ja auch ihren Spaß haben wollen und außerdem ähnlich anspruchsvolle Kunden haben wie wir…) endlich dazu durchgerungen jene kritische Masse an Fertigungsteilen zu liefern, die wir brauchten um mit der Endmontage zu beginnen. Mein Kollege Marcus war kurz zuvor bereits damit gestartet, eine Maschine dafür aufzubauen, deren einziger Zweck die Beherbergung des Prototyps sein sollte. Ich hatte ihm dabei geraten, es nicht so sehr auf die Ästhetik der Verdrahtung ankommen zu lassen, weil ich daran ja ohnehin noch jede Menge an Änderungen machen würde. Seine Interpretation von reduzierter Ästhetik ist im Bild weiter oben schon durchaus deutlich zu erkennen. Indes, was funktionieren musste, funktionierte. Deshalb konnte ich im Lauf der vergangenen Woche dann meine Elektronik hinzu fügen. Und weil Elektronik bei uns immer erst am existierenden Prototyp entwickelt wird (einfach weil ich weder Zeit noch Lust habe, noch in der Designphase mehrere Konzepte wieder umwerfen zu müssen, weil sich das mechanische Design ändert), fügte sich mein Werk dann nahtlos in das allgemeine künstlerische Gesamtkonzept dieser Rauminstallation ein. Ich präsentiere:

»Informationstechnologie im Rechtsfreien Raum«
Steuerleitung, Kabel, Platinen, freitragend im Raum. Löt- Schraub- und Verdrilltechnik
© 2013 Kunstkollektiv AMADYNE

Was soll ich noch darüber schreiben? Nun, vielleicht dies: Stand Freitag, 17:00 Uhr funktionierte alles, was bis dahin eingebaut war ziemlich genau so, wie ich das erhofft (nicht wie ich es erwartet) hatte.

Möge der Heilige Elektron auch weiterhin seine schützende Hand über uns, unser Projekt und auch alle anderen geistig Armen halten!



1…Ja, ich übe mich schon im Soziologendeutsch, damit ich für den Fall eines totalen Scheiterns eine alternative Karriere in Gender Studies oder alternativ der Katholischen Kirsche anstreben kann.

/cbx, Kategorie: Aus der Schule - Schöngeistlos

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 29. Juni 2013, 17:24 folgenden Senf dazu:

    Ja, so sieht Entwicklungsarbeit aus. Ich kann neben prinzipiell ähnlichem Kabelsalat in 1:10 auch noch eine kleine Sammlung Papierröhrchen anbieten. Wenn ich mir überlege, was deren Herstellung gekostet hat…

    Das Gefühl der Unentspanntheit aufgrund von Projektverantwortlichkeit kann ich sehr gut nachvollziehen. Anstatt eines engen terminlichen Korsetts ist es bei mir aber eher die Funktionalität überhaupt, die mir Sorgen macht.

    Ich sage toi, toi, toi, dass der heilige Elektron seine Hand weiter schützend über den 250kg Brocken hält, der 2,5mg Plättchen bewegen soll.

    /cbx meint dazu:

    Ich denke, das kennt jeder, der (und die) jemals etwas Nichttriviales entwickelt hat. Und was den Druck betrifft - Letztlich hau auch bei und der Erfolg viele Väter, während der Misserfolg ein Einzelkind ist...

  2. joggl gab am 29. Juni 2013, 21:45 folgenden Senf dazu:

    Schön zu sehen, dass alles beim Alten bleibt :)

    Das letzte Bild ist sehr schön. Vor allem diese ästhetisch in die Kabelschlingen eingebaute SAM-Wanne mit dem Airbrush im Hintergund, eine fotografische Meisterleistung!

    /cbx meint dazu:

    Es war auch ziemlich schwierig, das Ding (übrigens eine Haube) in die richtige Position zu bringen, damit man die Schachtel mit den Kabelresten dahinter nicht sieht...

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