Wen das keine Askese ist...

30.07.2013 20:15 von /cbx, derzeit 6.8280 Kommentare

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Anlässlich des nicht gerade kleine Triumpfs (wow, das liest sich komisch…), welcher mir da letzte Woche eher unabsichtlich passiert ist, wollte ich mich für die langwierige, harte Arbeit, die meine Kollegen da geleistet hatten, doch ausnahmsweise ganz fürstlich belohnen, wie das unter Geschäftsführern, Popänzen und Zitronenfaltern halt so Ouzo ist.

Weil es eine ebenso unverdiente wie unverhältnismäßige Belohnung sein sollte, habe ich deutlich über eintausend Euro für ein neues, zweckfreies Spielzeug ausgegeben. Ich habe mir den nagelneuen SONY Vaio Pro 11 Ultrabook gekauft.

Am Wochenende habe ich dann das Linux meiner Wahl (Gentoo natürlich, was sonst?) installiert, ein wenig damit herum gespielt, das teure Wunderwerk wieder in sein Schächtelchen gepackt und beschlossen, es erst nach unserem Urlaub (also Ende August) wieder daraus hervor zu holen. Bis dahin wird mein treuer (und um fast 800€ günstigerer) eeePC-1005PE mir weiter gute Dienste leisten.

[Wer hier kurz innehält und ein dreifaches “WTF?” durch seinen Kopf hallen hört, hat Tendenzen zum Geek]

[Oder er ist ein Mann]

WAS?” Der kauft sich ein maximal teures Gadget, dessen Aktualität und Coolness eine mittlere Halbwertszeit von gerade mal 5 Tagen hat und dann lässt er es einen Monat in der Schachtel liegen? Hat sich in der Hitze der letzten Woche die letzte lebende Gehirnzelle verabschiedet?

Nun, vielleicht ist das so. Vielleicht aber verfüge ich auch nur über die heutzutage großteils unbekannte Eigenschaft der so genannten Geduld. Ich habe nämlich beschlossen, zu warten. Ich werde warten, bis dieses wahrhaft geile Stück Hardware vom Linux-Kernel wirklich gut unterstützt wird. Und das wird vermutlich bis Kernel 3.12 dauern. Und ich warte gerne, denn was der Vaio Pro 11 bietet, ist fast genau das, was ich mir von einem Notebook wünsche.

Er ist wirklich winzig, gerade mal ein paar Millimeter breiter als mein eeePC, aber er wiegt nur ein Drittel und ist ein Viertel so dick. Das Display löst (endlich) vernünftige 1920×1080 auf – damit kann man sinnvoll arbeiten. Mit 4GB RAM und einem Core i5 Prozessor aus der Haswell-Generation ist er mehr als gut motorisiert und die 128GB große SSD legt ein Tempo an den Tag, dass mir schier Hören und Sehen vergeht. Die direkt vom eeePC übernommene Installation startet (via openRC, nicht Upstart oder systemd!) innerhalb von 3 Sekunden zum kdm-Login und weitere vier Sekunden später läuft mein KDE4 mit allen Programmen (Firefox, Thunderbird, Shell, gkrellm, Skype). Derlei habe ich nie zuvor erlebt.

Mit zwei USB-3.0 Ports, HDMI, 802.11abgn WLAN, Bluetooth-4.0, Kartenleser, NFC und beleuchteter Tastatur ist er für seine Größe ausreichend ausgestattet und wird so schnell keine Wünsche bei mir aufkommen lassen. Allerdings erst, wenn all das funktioniert – und das ist der Punkt. Im Prinzip funktioniert eh schon fast alles, aber für im Prinzip bin ich inzwischen etwas zu alt. In der Praxis ist die Funktion des nagelneuen Intel-7260 WiFi noch ziemlich instabil, suspend und resume führen zu kreativen Effekten, das eingebaute Mikrofon funktioniert nicht und die sensationellen Energiesparfunktionen der Haswell-Chips liegen brach, sodass man der Akkuanzeige derzeit beim Sinken zusehen kann.

Ich habe aber nach dem, was ich auf der LKML gelesen habe, keinerlei Bedenken, dass die Kernel-Hacker sich sehr schnell dieser Themen annehmen werden und der Pro 11 schon in wenigen Wochen das rundum stabile und performante System sein wird, wie ich es mir als würdigen Nachfolger meines eeePC (stabil und absolut nicht performant) wünsche. Bis dahin übe ich mich in Geduld und beschäftige mich mit Arbeit und (haha!) Urlaub!

Damit übrigens nicht der Eindruck entsteht, SONY würde mich für diese Lobhudelei bezahlen – es gibt durchaus ein paar Kritikpunkte anzuführen, die auch der beste Linux-Kernel nicht beheben kann.

Der Full HD Touchscreen beispielsweise liefert ein – nach meinem persönlichen Empfinden – sehr scharfes und knackiges Bild, richtig entspiegelt oder gar matt ist er allerdings mit Sicherheit nicht. Ich kann damit leben, weil ich mich inzwischen (wie Millionen Smartphone-Benutzer) an spiegelnde Touchoberflächen gewöhnt habe, nie in der prallen Sonne am Rechner arbeite und die Hintergrundbeleuchtung ohnehin recht hell leuchtet.

Ein traurigeres Kapitel ist die Tastatur. Die leuchtet zwar im Dunkeln und sieht im Chicklet-Design auch recht edel aus, bietet aber – im direkten Vergleich mit der des (wesentlich dickeren) eeePC-1005PE ein ziemlich armseliges Schreibgefühl. Das ist wohl ein unvermeidlicher Tribut an das ultradünne Gehäuse. Schon nach wenigen Stunden aber habe ich mich daran gewöhnt (naja, eher wohl abgefunden), denn funktionieren tut sie immerhin zuverlässig.

Die USB-3.0 Ports sind ziemlich wählerisch, was USB-2.0 Peripherie betrifft. Meine externe PLATINUM-USB-Festplatte beispielsweise hat erst mit einem sehr kurzen und dicken Kabel zuverlässig funktioniert – und das obwohl sie sich bisher einen Ruf als vollkommen unproblematisches Arbeitstier erworben hat.

Das Fehlen einer physischen Ethernet-Schnittstelle schließlich stört außer mir vermutlich kaum jemanden im wireless century. Wobei – so ganz stimmt der Begriff “Fehlen” gar nicht. In der Schachtel liegt ein kleiner Klotz mit einem USB-A Stecker und einer RJ-45 Buchse. Dieser Klotz kann an das Netzteil gestöpselt werden (dieses hat eine USB-Buchse, an der man nebenbei auch andere Geräte laden kann) und fungiert dann als WLAN-Router, der das Ethernet-Interface via WLAN an den Vaio weiter reicht. Ich habe das allerdings noch nicht getestet und werde dies gelegentlich nachreichen. Wie schrill auch immer diese – in manchen Hotels durchaus hilfreiche – Lösung auch sein mag, sie ersetzt natürlich keine echte Ethernet-Schnittstelle (Stichworte: promiscuous mode, Wake on LAN usw).

Damit aber endet meine “Mängelliste” auch schon. Jetzt werde ich mich einfach in Geduld üben und in ein paar Wochen – wenn der Linux-Kernel so weit ist – meinen eeePC durch ein geniales und wirklich geiles Gadget ersetzen.

/cbx, Kategorie: Linux LeidenSchaf(f)t - Schöngeistlos

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 31. Juli 2013, 02:38 folgenden Senf dazu:

    Na da sage ich doch Glückwunsch zum Konsumentenpopanzetikett!
    Ich habe im Alter noch keine Geduld erworben, zumindest nicht dafür, und noch immer Spaß daran irre und abstruse Dinge auszuprobieren – naja, manchmal, seltener als früher, und auch nur dann, wenn ich etwas in der Art nicht schon früher ausprobiert habe. Aber seit geraumer Zeit habe ich kein Bedürfnis mehr nach mehr neu, funkelnd oder dergleichen.
    Ich kaufe fast nur noch gebrauchte Büchsen und stopfe RAM rein, bei allem was nicht sinnvoll vom SAN bootet auch SSDs.

    Ich sehe da derzeit keinen vernünftigen Gegenwert in Form von Mehrnutzen bei neuem Zeug. Und die 1-2 Jahre abgehangenen Desktops und Laptops haben meistens ihre kritischen BIOS Updates hinter sich und ausgereifte Treiber. Das Zeug funktioniert einfach – WEIL es nicht mehr ganz neu ist. Und da “Treiberproblem” eine Form von Geschiss ist derer ich echt leid bin werde ich es vermutlich so halten.

    Vor allem wenn ich vorhaben sollte, darauf ein Linux aufzusetzen ;)

    /cbx meint dazu:

    Du hast ja recht. In letzter Zeit allerdings hat mich die "Performance" des Atom N450 dann doch so genervt, dass ich mir mal wieder einen Notebook mit CPU gewünscht habe. Und wenn's ein Full HD Display dazu gibt, dann ist mein Habenwollen-Reflex nur mehr schwer zu unterdrücken...

  2. Hanz Moser gab am 31. Juli 2013, 15:19 folgenden Senf dazu:

    Also das du den Atom loswerden wolltest kann ich gut verstehen. Die Büchsen damit sind ja auch keine richtigen PCs und der Atom keine richtige CPU, sondern ein Mikrocontroller mit x86 Befehlssatz auf Drogen.

    Daher hießen Atomgeräte ja auch schon Net-Book und Net-Top, wie in “kauf des net!”.

    /cbx meint dazu:

    Also nix gegen meinen eeePC! Der war für 90% meiner Anwendungen bisher fast optimal. Klein, leise, ausdauernd. Und zum Bloggen, Mailen und Surfen (was sonst sollte man mit dem Winz-Display schon tun?) war das allemal ausreichend. Nur wenn's dann mal an ein Foto oder größeres PDF ging...

    Was das Aufrüsten alter Gurken betrifft. Darin bin ich auch fast Meister. Ich habe (z.B.) gerade meine Mutter mit einem ausgemusterten PC aus dem G'schäft beglückt (Core2 E8400, 2GB RAM, 500GB SATA) und der rennt im zweiten Leben unter XP-32 wie blöd.

    Bei sehr alten und Klapprechnern allerdings ist das mit dem Aufrüsten allerdings eher Essig. Entweder man kann überhaupt nix dazu stecken (→Notebook) oder man muss historische Technologie besorgen (DDR1/2, IDE, usw.) Wenn Du das nicht herum liegen hast, sieht's auch nicht gut aus mit dem Pimpen...

  3. The Angry Nerd gab am 31. Juli 2013, 17:22 folgenden Senf dazu:

    Mit einem abgespeckten Linux gebe ich dir recht, da kann man durchaus ein bisschen Mail und Wordpress mit machen. Da kommt die Betriebsblindheit durch, da ich bei Mail an Outlook denke ;)

    Und wirklich alte Gurken lohnen sich eigentlich nicht mehr aufzurüsten. Davon rate ich auch immer wieder, erst kürzlich einem deiner Leser, ab. Jüngere Gebrauchte kosten dann so viel, oft weniger, als die historischen Ersatzteile und sind dann trotzdem erheblich schneller.

    Und bei Notebooks lohnt eigentlich nur RAM, soweit ein Sockel vorhanden, und die Festplatte. Vor allem die Festplatte!
    Man kann auch durchaus Prozessoren, miniPCIe-Karten und teilweise auch Displays tauschen, was ich oft genug gemacht habe, aber meistens ist es schon die Zeit nicht wert, vom Geld ganz zu schweigen. Wenn ich überlege wie lange ich gebraucht habe um das BIOS meiner Mobilgurke von der Whitelist zu befreien und dann noch herauszufinden wo die Steckplatzbelegung abweicht, damit das Ding nicht in einer Art Lähmung nach dem Herunterfahren erstarrt und den Akku leersaugt, nur um 802.11n zu bekommen…
    Geh mir weg!

    /cbx meint dazu:

    In meinem gesetzten Alter ist mir die unaufhaltsam verrinnende Restlebenszeit für solche Aktionen inzwischen einfach zu schade - auch wenn's früher für so manchen kleinen Triumph gut war. In meinem uralten Dell Inspiron 8600 (mit 1920x1200 Display!) ist quasi nichts mehr drin, was ich nicht getauscht hätte. Den lahmen Pentium-M aber konnte man dann nicht mehr tauschen... Und deshalb kaufe ich mir eben mittlerweile hin und wieder etwas Neues.

  4. joggl gab am 31. Juli 2013, 18:51 folgenden Senf dazu:

    hm

    /cbx meint dazu:

    Danke! Ich werte das mal als Zustimmung.

  5. gartes gab am 1. August 2013, 00:44 folgenden Senf dazu:

    lol da werden Erinnerungen wach. Vor gut 10 Jahren hattest du auch schon ein Vaio. Damals war das Problem eine Windows VM drauf zu bekommen um uns VB “programmieren” beizubringen.

    Jetzt bleibt nur noch die Frage wo du das edle Teil in den nächsten Wochen versteckst. Allein in der verlassenen Wohnung? Bei den vielen Kriminellen die hier vermutlich auch mitlesen, ist das sicherlich recht riskant. Im Gschäft bei den ganzen anderen Geeks? Vermutlich noch riskanter.

    Wünsch dir jedenfalls viel Freude damit.

    /cbx meint dazu:

    Nur zur Abrundung: Auch dieser Pentium-III Vaio aus 1999 läuft mit einem leichten XFCE immer noch als DJ-MP3-Zuspieler. So gut wie unkaputtbar das Zeug.

  6. oachkatz gab am 3. August 2013, 13:51 folgenden Senf dazu:

    Ich verstehe fast gar nichts, aber das macht nichts. Viel Spaß mit dem Gerät, möge die Entwicklung bei Deiner Rückkehr so fortgeschritten sein, dass Du maximale Freude an dem Teil empfindest. Ansonsten fordert Dein Urlaubsziel eher meinen Neid heraus – gelungene Ferien dort wünsche ich. Wo geht/ging es denn genau hin?

    /cbx meint dazu:

    Nach dem Urlaub werde ich das Ding wohl aktiv verwenden. Es ist nämlich auch ein nettes Gefühl, wenn dann mit jedem Update mehr funktioniert...

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