Einer noch: Das Orakel von Lamprechtshausen

03.08.2013 17:31 von /cbx, derzeit 0.15116 Kommentare

Send to Kindle

Es war einmal, in einer Zeit, die überhaupt nicht so viel anders war als die unsere, ein mächtiger Herrscher, der Kaiser von Lamprechtshausen. Der Kaiser herrschte mächtig und prächtig über sein Kaiserreich Salzberg sowie all seine über die Erdscheibe verteilten Hegemonien. Er war ein stolzer und sehr auf sein An- und Aussehen bedachter Kaiser und sein Auftreten war so prächtig, dass die Untertanen in Salzberg sehr sehr stolz waren auf ihr Kaiserreich. So stolz waren sie, dass sie das Kaiserreich immer wieder Gottes eigenes Land nannten, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass Gott persönlich nicht auch am liebsten ein Untertan des Kaisers von Lamprechtshausen gewesen wäre.

Doch so eitel und selbstgefällig der Kaiser auch war, so war er doch nicht vollkommen dumm. Er wusste eine treue Schar weiser Einflüsterer an seiner Seite, die – entsprechende Vergünstigungen vorausgesetzt – halfen, dem Kaiser seine Macht auch dann zu erhalten, wenn er etwas tat, was den Untertanen überhaupt nicht behagte.

Vor langer Zeit schon hatte einer dieser Einflüsterer eine Idee, die sich für lange, lange Jahre als wahrer Glücksgriff erweisen sollte. Er erfand das Orakel, eine große und unheimliche Macht, die alles Wissen der Welt über alle Dinge und alle Menschen an einem Orte zusammen zu tragen wusste und deshalb immer alles über alle und alles wusste. Das Orakel war schier allmächtig, es wusste stets, was jeder Untertan und auch jeder Nicht-Untertan, was jeder Freund und jeder Feind dachte, plante und machte. Das Beste an dem Orakel aber war, dass es dem Kaiser treu ergeben war und ihn alles wissen ließ, was diesem beliebte.

Für viele lange Jahre konnte der Kaiser nun die Söhne und Töchter (denn er war ein sehr fortschrittlicher Kaiser) seiner Untertanen zum Sterben in Kriege an weit entfernten Orten schicken, wo sie “die Werte” des Kaiserreiches verteidigen sollten, noch bevor diese von den fremden Barbaren angegriffen würden – einfach weil das Orakel das so vorhergesagt hatte. Was das Orakel genau gesagt hatte und dass es sich bei “den Werten” des Kaiserreiches hauptsächlich um eine klebrige, stinkende Masse aus toten Tieren und Pflanzen handelte, das blieb den Untertanen lange verborgen.

Mit dem Orakel an seiner Seite hätte der Kaiser von Lamprechtshausen noch viele weitere Jahre unbehelligt vom Unmut seiner Untertanen regieren können, wenn, ja wenn da nicht einem anderen seiner Einflüsterer ein kleiner Fehler unterlaufen wäre. Der Kaiser wollte – schließlich war er inzwischen ja auch schon etwas älter geworden – ganz besonders sicher gehen, dass keiner seiner Untertanen heimlich ein Komplott gegen ihn schmiedete, denn unglücklicherweise ging es den Menschen im Kaiserreich mittlerweile nicht mehr so gut wie früher. Ein anderer, viel größerer Kaiser mit einer unvorstellbaren Menge an arbeitswilligen und billigen Untertanen, dessen Reich auf der anderen Seite der Erdscheibe lag, schickte sich an, Rechenschieber, Droschken, Brote, schlicht all das zu verkaufen, was das Kaiserreich bisher mit großem Gewinn an alle Reiche der Erdscheibe verkauft hatte – nur viel billiger.

So fürchtete der Kaiser den Zorn seiner Untertanen, weil er sie nicht davor geschützt hatte und der Einflüsterer ließ mitten im Herz des Kaiserreiches ein großes Spektakel veranstalten, bei dem sogar einige eigene Untertanten getötet wurden. Dann führte er der zornigen Menge ein paar fahrende Teppichhändler mit Teppichmessern vor und erzählte, diese hätten den heimtückischen Anschlag im Herz des Kaiserreiches ausgeführt, es gäbe aber noch viele dieser fahrenden Teppichhändler mit Teppichmessern, welche dem Volke nach dem Leben trachteten und man müsse nun zusammen halten und alles unternehmen um die bösen fahrenden Teppichhändler mit Teppichmessern zu finden, wo auch immer sie sich versteckten.

In ihrer Panik und blind vor Wut gegen die fahrenden Teppichhändler mit Teppichmessern stellten sich die Untertanen hinter ihren Kaiser und jubelten auch noch dann begeistert, als der Krieg gegen die fahrenden Teppichhändler mit Teppichmessern darauf hinaus lief, dass an jeder Ecke des Kaiserreiches nun Schergen des Kaisers standen, die jeden argwöhnisch betrachteten, durch Fenster schielten, Gespräche belauschten und alles, was sie sahen oder hörten sofort den Einflüsterern des Kaisers mitteilten. So hatte der Kaiser Gewissheit, dass ihm seine Untertanen nicht nach dem Leben trachteten und die Untertanen wussten sich in guten Händen, die sie vor den allgegenwärtigen fahrenden Teppichhändlern mit Teppichmessern beschützten.

Das hätte nun ewig so weiter gehen können, bis zum “und wenn sie nicht gestorben sind…” und darüber hinaus, wenn nicht eines Tages ein paar abtrünnige Untertanen sich weigerten, sich noch länger vor den fahrenden Teppichhändlern mit Teppichmessern zu fürchten und begannen, nachzudenken und Fragen zu stellen. Warum, so fragten sie, hatte das allwissende Orakel eigentlich nichts von dem geplanten Spektakel gewusst, wo es doch sonst immer alles schon vorher wusste? War es am Ende gar nicht allwissend? Oder hatte gar ein Gehilfe des Kaisers das Spektakel absichtlich veranstaltet um den Untertanen etwas schmackhaft zu machen, was sie sonst niemals freiwillig angerührt hätten?

Zuerst fragten das nur wenige und sie wurden als Spinner belächelt. Die kaiserlichen Herolde und Stadtschreiber wurden angewiesen, lustige Geschichten über die Spinner zu erzählen, damit das Volk sich an ihnen belustigen konnte. Doch die Spinner hörten nicht auf zu fragen und das Volk begann langsam, sich über die Geschichten der Herolde nicht nur zu langweilen, nein, immer mehr begannen, lieber die Geschichten der Spinner zu glauben als jene der Herolde.

So ward dem Kaiser ob der wieder schwindenden Loyalität seiner Untertanen doch ziemlich bang ums Herz und er rief die Einflüsterer zusammen, die Suppe nun auszulöffeln, die sie ihm eingebrockt hatten.

Und wirklich – ein junger, frisch von der kaiserlichen Universität entlassener Einflüsterer hatte eine geniale Idee, wie man den Kaiser ohne Blessuren aus dieser Geschichte heraus manövrieren konnte. Er sprach:

»Oh Kaiser, für viele, lange und erfolgreiche Jahre hast Du das Volk mit Hilfe des Orakels regiert. Waren es nicht die schönsten, besten und erfolgreichsten Jahre? Das Orakel hatte damals nur einen kleinen Schönheitsfehler. Wir, Deine Berater hatten es nur erfunden. Und als das Volk begann, die Existenz des Orakels anzuzweifeln, hatte es seine Macht verloren. Doch das Spektakel, das Du jetzt für den ganzen Schlamassel verantwortlich machst, trägt den Keim der Genesung schon in sich. Denn bedenke, oh mächtiger Kaiser, all die praktischen Gesetze und all die nützlichen Vereine, die wir nach dem Spektakel geschaffen haben – sie sind jetzt das Orakel! Es gibt das Orakel nun wirklich!«

Der Kaiser nickte langsam und seine Mundwinkel begannen sich zu heben: “Und wie willst Du nun den Untertanen den Glauben in die Allmacht des Orakels zurück geben?”

»Nichts leichter als das« meinte der junge Einflüsterer, »Lass jenen Einflüsterer aus dem Kerker holen, welcher Dir damals den Rat mit dem Spektakel gab, biete ihm die Freiheit, lass ihm einen Stapel Depeschen von Deinen spionierenden Schergen aushändigen und jage ihn fort aus Deinem Reich. Sobald er unser Reich verlassen hat, wird er die Depeschen an die Herolde der fremden Reiche weiter geben und die werden sich eine Freude daraus machen, über die ganze Erdscheibe zu verbreiten, was darinnen zu lesen steht. So, mein Kaiser, wird auch Dein Volk erfahren, dass es unser Orakel wirklich gibt und dass es wahrhaft allwissend ist. Und wenn dann das Orakel wieder zum Kriege ruft, werden alle wissen, dass es immer recht hat.«

Der Kaiser lächelte zufrieden in sich hinein und bot dem jungen Einflüsterer einen Platz zu seiner Rechten an.

[Was eine bei dieser Hitze doch für ein vollkommen zusammenhangsloser Scheiß einfällt…]

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos -

 

Eigener Senf dazu?

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen.