Fáilte! Fáilte?

05.09.2013 22:16 von /cbx, derzeit 2.32858 Kommentare

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Fast die Hälfte meiner Leser drängt mich, endlich ein paar erleuchtende Worte über unseren Urlaub in Irland zu schreiben, der Entwurf liegt auch schon seit über einer Woche herum – und ich sträube mich, ihn fertig zu schreiben und zu veröffentlichen. Aber warum? War es denn nicht schön? Hat es mir nicht gefallen?

Interessanterweise ist meine passendste Antwort auf diese Fragen kein spontanes: “Doch! Natürlich!”, sondern eher etwas wie: “Hm, naja, doch, doch”. Und warum? Nun, vermutlich bin ich ein Opfer meiner eigenen romantischen Wunschvorstellungen geworden.

Ich war ja 1984 schon als 16-jähriger per Interrail in Irland und hatte ein sehr klares Bild davon mitgenommen. Irland war damals noch eine merkbar arme Insel, der Geruch von Kohelrauch hing in jeder Siedlung und auch in Dublin konnte man sehr sehr lange nach modernen Glaspalästen und anderen architektonischen Meilensteinen suchen. Dafür aber waren die Menschen zwar etwas grummelig, aber durchaus immer herzlich und offen gegenüber uns kleinen Tiroler Buben – und das gefiel mir.

Bei meinem zweiten Besuch im Jahr 2013 hatte ich wohl vergessen, dass inzwischen 30 Jahre vergangen waren und auch ich die 16 lange hinter mir gelassen hatte. Diesmal nämlich war die Haltung der Iren uns gegenüber viel professioneller – und das meine ich nicht ausschließlich positiv. Ich erlebte die selbe freundlichkeitsbegrenzte Höflichkeit, die man in fast allen touristisch erschlossenen Gegenden dieses Planeten erfährt – an touristisch besonders attraktiven Orten wie Dublin oder Bantry (warum eigentlich Bantry?) ging die Freundlichkeitsbegrenzung so weit, dass ich einige der Menschen dort als wirklich unfreundlich bezeichnen würde. Die Menschen in den kleineren B&Bs hingegen waren eigentlich immer sehr nett und aufgeschlossen. Das muss man wohl auch sein, wenn man sich entscheidet, regelmäßig fremde Menschen in seinem Haus zu beherbergen.

Nun ja, wo mein Denkfehler liegt, habe ich ja bereits festgestellt. Es sind 30 Jahre vergangen, in denen der Tourismus zu einer wichtigen Einnahmequelle und (als Tiroler kenne ich das) ebenso zu einer veritablen Plage geworden ist. Und außerdem sind zwei junge Tiroler damals ein weitaus interessanteres Phänomen gewesen als zwei alte Deutsche es heute sind. Aber schon über meinen letzten USA-Besuch habe ich ja geschrieben, dass ich nicht primär wegen der Menschen hin fahre.

Das Land nämlich hat sich in den letzten 30 Jahren wohl eher zum Besseren verändert. Das Klima ist (noch) weitgehend unverändert und für meinen persönlichen Komfortbereich geradezu perfekt. Während der ganzen zwei Wochen konnten wir uns durchgehend über Temperaturen zwischen 17 und 24 Grad freuen und mussten nur zwei Tage mit anhaltendem Regen erleben. Unsere Reise führte uns ausgehend von Dublin über Glendalough nach Kilkenny und Cork, über den Ring of Beara nach Bantry, den Ring of Kerry nach Killarney, nach Clifden und über Ennis zurück nach Dublin. Besonders der Ring of Beara hat es mir dabei sehr angetan, denn anders als der bekanntere Ring of Kerry bietet diese (auch etwas kürzere) Strecke fast noch berauschendere Impressionen zwischen Sandstränden und Hohlwegen durch geradezu urwaldartigen Bewuchs, steile Küsten und Passstraßen. Diese Strecke würde ich auch zu Fuß (oder notfalls mit dem Rad) in Angriff nehmen und keine Angst haben, mich dabei zu langweilen.

Der Süden Irlands ist schon ein Bild für sich, mit seinen als Unkraut wuchernden Fuchsien, Montbretien und anderen bunt blühenden Pflanzen, mit den in unzählbaren grünen Farbtönen leuchtenden Wiesen und den gelegentlich ganz nonchalant dazwischen stehenden Palmen. Ich konnte mich kaum satt sehen an dieser Inflation floralen Wachstums und vermute, dass auch der unglaublich üppige Blumenschmuck in den meisten irischen Städten primär der Tatsache geschuldet ist, dass dort einfach alles geradezu explosiv zu wuchern beginnt, sobald man auch nur einen Samen in die Nähe von Erde bringt.

Ganz anders hingegen war das Bild schon wenige (vielleicht 200) Kilometer weiter nördlich in Connemara, wo mich die Landschaften dann weit mehr an Island erinnerten – rundliche Hügel, teilweise überzogen mit einem dünnen grünlichen Teppich und dazwischen stoisch grasende Schafe. Auch diese karge Stimmung hätte man genießen können – wenn es dort nicht wie aus Kübeln gegossen hätte. Das reduziert das meditative Potenzial doch ziemlich nachhaltig.

Dublin schließlich… Naja, Dublin ist eine Stadt, eine ziemlich große sogar – und Städte sind nicht so mein Ding. Bei unseren ausgedehnten Spaziergängen konnte man sehr deutlich erkennen, dass in der Stadt vor einiger Zeit jede Menge Geld verfügbar gewesen sein musste, denn die geschmacklosen Glaspaläste im modernen Bankenviertel künden ebenso davon wie die aufwändig renovierten Wohnstraßen in der Umgebung. Genau so deutlich aber fällt auf, dass dieser Geldfluss schon vor einiger Zeit versiegt sein muss, denn schon zeigen sich wieder überall die Spuren des Verfalls. Damit ich nicht falsch verstanden werde. Im Vergleich mit einem ekelhaften Drecksloch wie Berlin ist Dublin eine sehr schöne und saubere Stadt – auch wenn ich dort nicht wohnen möchte (in Göteborg, Oslo oder Vancouver hingegen schon).

Das also war der Bericht aus Irland. Es war ein sehr entspannter und erholsamer Urlaub und ich habe jede Minute davon genossen – natürlich auch, weil ich zwei Wochen durchgehend mit meinem Zentralgestirn verbringen konnte. Als Urlaubsziel aber haben mir Island oder Kanada besser gefallen, doch das ist natürlich eine ganz und gar persönliche Einschätzung.

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos -

 

Eigener Senf dazu?

  1. arboretum gab am 6. September 2013, 11:41 folgenden Senf dazu:

    Das Verkehrsschild ist großartig. Wäre auch etwas für SchilderBilder: http://sees.antville.org.

    /cbx meint dazu:

    Insofern das allerdings Kunst ist, dürfte es in der Anschaffung gar nicht mal so billig sein. Mein Foto ist übrigens CC-lizenziert und das Kunstwerk stand im öffentlichen Raum - man darf es also durchaus verwenden...

  2. oachkatz gab am 8. September 2013, 12:13 folgenden Senf dazu:

    Da bin ich nun aber froh, dass sich der Herr Inschenieur noch vor meiner Irlandreise dazu durchringen konnte, etwas zu seinem kürzlich verbrachten Urlaub zu berichten. Und zwar vor allem, um meine eigenen Erwartungen noch einmal ein bisschen zu dämpfen, damit ich bei den ersten zwei Tagen Dublin nicht in ein großes Loch der Traurigkeit und Desorientierung falle.
    Ich war oft da, habe in der Stadt seinerzeit zwei Semester meines Studiums verbracht, der letzte Besuch liegt allerdings nun auch über 10 Jahre zurück, also noch vor dem “Keltischen Tiger” mit seinen immensen Was-auch-Immer-Blasen. Ich habe fast Angst vor den Veränderungen in der von mir sehr geliebten Stadt (aber ich lebe ja auch voller Überzeugung im Drecksloch Berlin). Jetzt bin ich noch ein bisschen vorsichtiger.

    /cbx meint dazu:

    Hm. So ganz wollte ich Dir die Vorfreude jetzt nicht verleiden. Meine Beobachtung war ja, dass die normalen Menschen immer noch fast genau so sind wie ich sie in Erinnerung hatte. Nur haben der "Wirtschaftsboom" und der Tourismus ihre Spuren an den Professionellen hinterlassen. Ich bin aber sehr gespannt auf Deinen Bericht, der aufgrund Deiner Vorgeschichte sicher deutlich anders ausfallen wird.

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