Abenteuer Kommunikation

08.09.2013 12:22 von /cbx, derzeit 2.58270 Kommentare

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Den Franzosen (insbesondere den Parisern) unterstelle ich ja gerne und häufig, dass eine verbale Kommunikation abseits der eigenen Landessprache für sie vollkommen abwegig, ja schier unvorstellbar scheint. Versucht man erfolglos, den Worten eines eingeborenen Parisers mithilfe des eigenen, armseligen Schulfranzösisch zu folgen und zeigt dies auch, so wird dieser typischerweise in das immer gleiche Reaktionsmuster fallen:

  1. Er wiederholt seine Aussage in völlig unveränderter Form und Geschwindigkeit
  2. Er wiederholt seine Aussage in völlig unveränderter Form und Geschwindigkeit, aber lauter
  3. Er wiederholt seine Aussage in völlig unveränderter Form und Geschwindigkeit, aber brüllend
  4. Er wendet sich mit einem nonchalanten Schulterzucken ab, weil mit einer derart minderbemittelten Person ohnehin keine sinnvolle Kommunikation möglich ist.

Seit einigen Wochen kann ich allerdings beobachten, dass diese kommunikative Einbahn der Borniertheit beileibe nicht auf unser westliches Nachbarland beschränkt ist. Und das ist die Geschichte.

Seit vielen Wochen hängen am schwarzen Brett “unseres” Wohnhauses in unserem Geddo, das wir mit 21 weiteren Parteien bewohnen, diverse Inkarnationen eines Zettels, auf dem die Hausverwaltung ursprünglich nur darauf hinwies:


Пожалуйста, не выбрасывайте еду в мусорных баках!

Nun, so könnte man denken, wäre diese Botschaft weder übermäßig komplex noch besonders unlogisch. Allein, der erwünschte Erfolg schien auszubleiben, denn schon nach kurzer Zeit wurde man deutlicher:


Пожалуйста, не выбрасывайте еду в мусорных баках!

Schon zwei Wochen später wurde auch dieser Aushang ersetzt:


Пожалуйста, не выбрасывайте еду в мусорных баках!!!

Seit drei Wochen schließlich hängt an der selben Stelle ein längliches Anschreiben, das – wohl um seine enorme Wichtigkeit auch für den hinterletzten Dorfdeppen klar zu machen – vollständig mit orangem Leuchtmarker angestrichen ist.


Уважаемые жильцы,
по-прежнему существуют значительные биологические отходы неподходящие предметы нашего Мусорные баки. Поэтому мы просим снова срочно …

Von der Wirksamkeit des Textes konnte ich mich dann auch umgehend überzeugen, als ich beim Versuch, meinen regulären Müll in den dafür vorgesehenen Container zu entsorgen, von ganzen Horden aufgebrachter Wespen, Schmeiß- und Fruchtfliegen bedrängt wurde, die sich lieber ungestört an dem genüsslich vor sich hin gärenden Biotop aus Kartoffelschalen, Obst, Gemüse und sonstigen Speiseresten gütlich tun wollten.

Ja, warum bin ich nur nicht überrascht? Meine Zitate dürften deutlich genug verraten, wo ich das Problem sehe. Jeder kann in Fernsehansprachen und Wahlkrampfveranstaltungen so viel frei drehenden Unfug über Immigration und Integration verzapfen wie er (oder natürlich sie) will – außerhalb des politischen Klorollenturms jedoch wären die Leister und Entscheider gut beraten, sich lieber an den Realitäten unseres Alltags zu orientieren. Und die besagen nun einmal, das in meinem Geddo mehr als 80% der Menschen hauptsächlich Russisch oder Türkisch sprechen und schon allein deswegen mit deutschsprachigen Aushängen nur schwer erreicht werden können – und zwar völlig unabhängig davon, was in diversen Integrationsdebatten gefordert oder geplant wird.

Dass sich unter den wenigen verbleibenden Deutschen in diesem Viertel noch geschätzte 50% funktionale Analphabeten befinden dürften, wird der Sache auch nicht gerade dienlich sein.

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos -

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 8. September 2013, 18:58 folgenden Senf dazu:

    Ich verstehe glaube ich das Kernproblem noch nicht so ganz. Wenn ich irgendwelche Lebensmittel habe, die verdorben sind, wo sonst als in die Mülltonne kann ich sie werfen?
    Werfen die das Zeug in die falschen Tonnen? Kaufen die alle so viel Lebensmittel, dass die Hälfte davon im Müll landet?

    Naja, es wird jedenfalls Zeit, dass du ein paar Prozesse optimierst und die sich ergebenden Synergien nutzt. Dann kannst du dein Unternehmergehalt verdoppeln und in eine bessere Gegend ziehen. Und dann kannst du diese gesellschaftlichen Probleme endlich auch ignorieren.

    /cbx meint dazu:

    OK, mein Fehler. Das Problem war, dass meine Nachbarn diesen Biohazard-Sondermüll in die dafür vorgesehene BIO-Tonne werfen sollten und eben nicht in die Restmülltonnne. Das ging aus dem(russischen) Text ja "ganz klar" hervor.

    Und was die "bessere" Nachbarschaft betrifft: Bevor ich mir hier in BW "bessere" Nachbarn antue, gehe ich lieber direkt ins Asylantenviertel. Von der gehobenen Schicht eingekesselt könnte ich mich nämlich mit absoluter Sicherheit nicht wohl fühlen...

  2. Nordlicht gab am 8. September 2013, 19:36 folgenden Senf dazu:

    Ähem – Ein wenig Übersetzung wäre schon hilfreich, um die Pointe zu finden.

    Gruß
    Nordlicht

    /cbx meint dazu:

    Dann weißt Du ja jetzt, wie es meinen russischen Nachbarn dabei gehen muss. Mit dem kleinen Unterschied, dass die den Aushang nicht einfach in den Gugel-Translator clipboarden können. Der Original-Aushang war natürlich in bestem Verwaltungsdeutsch...

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