Gibt es Gott?

14.09.2013 15:41 von /cbx, derzeit 3.47313 Kommentare

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Na, was soll ausgerechnet ich jetzt wohl dazu schreiben? Richtig: “si tacuisses philosophus manisses” – also besser einfach gar nichts. Wobei – das mit dem Philosophus habe ich hier auf dieser öffentlichen Plattform schon lange vergeigt. Und davon abgesehen müssen nun auch die hartgesottensten (eigentlich härtest gesottenen, aber das hatten wir auch schon mal) Positivisten diese Frage ad acta legen, jetzt, wo doch unlängst ein waschechter Cohputer den Gottesbeweis von Gödel formal bewiesen hat. Gödel! Computer! Zwei Universitäten! Wer bin ich da, dies zu kommentieren – zumal auch bei mir der 40mm breite Rücken der weitestgehend ungelesenen Taschenbuchausgabe von “Gödel, Escher, Bach” nur einen weiteren Meilenstein einer fundamentalen intellektuellen Niederlage dokumentiert.


[Beweisfoto. Man beachte die literarische Nachbarschaft]

Und wieder einmal bin ich gelandet wo ich überhaupt nicht hin wollte. Meinen schlichten Geist bewegt derzeit ein weitaus trivialeres Thema als Gott und dessen (deren?) (Nicht)existenz. Ich schrubte ja vor einiger Zeit schon ebenso euphorisch wie elegisch (ja, in meinem Kopf geht das zusammen!) über die Obsoleszenz der bei uns aufgeführten Demokratie-Simulation. Und wie viele andere kluge Köpfe, denen ich meinungsfroh und kritiklos hinterher denke, es schon gesagt haben – eigentlich sollte es ein zentrales Wahlkrampfthema sein, wie wir “Bürger” damit weiterleben wollen, dass die Funktionsorgane dieses Staates uns alle unter den schlimmsten Generalverdacht stellen und jede irgendwie verfügbare Information über jeden sammeln und katalogisieren und dass allgemein anerkannte Grundsätze zivilisierter Staatsordnungen wie die Unschuldsvermutung und die Wahrung der Privatsphäre in den Prozessvorgaben der Geheimdienste bestenfalls als anekdotische Randnotiz taugen.

Doch nichts dergleichen passiert. Nicht nur, dass das Thema im von Themen sonst auch vollkommen freien Wahlkrampf 2013 keine Rolle spielt, nein, unsere Herrscher lassen sogar ganz entspannt und ernsthaft ex cathedra verkünden, die “Affäre” sei aufgeklärt und beendet. Und – nicht, dass es mich wirklich überraschte – der mündige Bürger schluckt die Verlautbarung und hakt das Thema ab.

Wirklich eindrucksvoll finde ich an der Aktion, mit der unsere Herrscher dem Volk wieder einmal das Nachdenken abgestellt haben, mit welcher grandiosen Chutzpe dabei von absolut allen Seiten ein Narrativ konstruiert wurde, in dem die bösen Geheimdienste eine ätherische Macht, etwas Gottgegebenes seien, etwas, das immer schon da gewesen sei und – ganz wichtig – das absolut nichts mit irgendwelchen Staaten zu tun hätte. Grandios ist, dass der mündige Bürger auch diese gellende Lüge kommentarlos geschluckt hat.

Jeder Geheimdienst ist natürlich aufs Engste mit dem Betriebsapparat eines Staates verknüpft und natürlich fließen permanent Informationen in beide Richtungen. Es sind nicht irgendwelche bösen grauen Männer in irgendwelchen geheimen Büros, die ihre neugierigen Finger bis in unsere Unterhosen stecken, nein, das sollte schon klar sein, das sind im Prinzip und auch in der Praxis ganz gewöhnliche Funktionäre in dem komplexen Apparat, den wir als “Staat” kennen und der mit einem erheblichen Anteil an unseren Steuergeldern betrieben wird.

Jene, die da eine Datenbank von kosmischen Dimensionen über den Köpfen (und zugleich hinter den Rücken) von Millionen unbescholtenen Bürgern aufbauen, sind einerseits ganz gewöhnliche Arbeitskollegen von Frau Merkel, Herrn Steinbrück, Herrn Rösner, Herrn Trittin oder auch Frau Kipping und andererseits allesamt unsere Angestellten. Man müsste es als gröbste Beleidigung auffassen, mit welcher Arroganz hier die Bürger offen belogen werden, wie kurz über das Versagen der parlamentarischen Kontrolle gemurmelt wird, während andererseits jeden Tag klarer wird, wie eng die diversen Dienste miteinander verzahnt sind und in welchem gigantischen Ausmaß da sensible Daten in alle Richtungen geflossen sind und (natürlich) weiterhin fließen. Man müsste sich beleidigt fühlen, mit welcher leidenschaftslosen Billigtaktik uns hier weisgemacht werden soll, die Politik habe mit all dem so gut wie nichts zu tun.

Ja, man müsste sich schwer beleidigt fühlen, wenn man nicht gleichzeitig sehen würde, dass knapp 100% der Bürger sich nur zu gerne diesen ausgestopften alten Hammel aufbinden lassen, von dem ihnen glaubhaft versichert wurde, dass er ein Bär sei. So beleidigen wir uns letztlich eh nur selbst. Wie hörte ich unlängst: “Ich würde ja gerne Ihre Intelligenz beleidigen, aber wie ich sehe, ist da grade niemand daheim.”

Für mich bleibt nach all dem eigentlich nur die Frage, welchen Grund ein auch nur mit Rudimenten von Selbstachtung und Kritikfähigkeit ausgestatteter Mensch haben sollte, diesen Laien-Selbstdarstellern von eigenen Gnaden (und unseren Kosten) auch nur das matte Echo eines Furzes an Vertrauen entgegen zu bringen. Meine Antwort darauf lautet schlicht und einfach: “keinen”. Und deshalb lautet meine Empfehlung für die Bundestagswahl am nächsten Sonntag, hinzugehen und dann entweder den gesamten Stimmzettel durchzustreichen oder – etwas angepasster – die Partei der Nichtwähler anzukreuzen. Wie anders sollte man den herrschenden Herrschern zeigen, dass wir ihnen nicht weiter über de Weg trauen als wir einen von ihnen werfen könnten?

So weit jedenfalls zur Vision. In der Praxis gratuliere ich schon mal Frau Merkel und der CDU zu weiteren vier Jahren in denen sie uns (an der Nase herum) führen dürfen.

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos - Rant & Grant

 

Eigener Senf dazu?

  1. Piratus gab am 15. September 2013, 01:59 folgenden Senf dazu:

    Wenn Gott existiert so ist der Mensch nur ein Diener dieses Gottes, ein Untertan ein Sklave. Will der Mensch frei sein dann darf Gott nicht existieren. In der Herrschaftsfreien Gesellschaft ist somit kein Platz für einen “Allmächtigen”.

    /cbx meint dazu:

    Also ich habe diesen Gott eigentlich immer als den Leiter des Amtes für die Erfüllung diesseitiger Wünsche erlebt, deren Erfüllung (per Definitionem) noch nie ein Mensch erlebt hat. Davon abgesehen: "Amen" und "WTF?"

  2. y19 gab am 15. September 2013, 15:14 folgenden Senf dazu:

    Ganz schön gewagt seine Buchregalzeile zu veröffentlichen! Aber da ja Amazon sowieso schon alles weiß, ist es ja eigentlich eh egal ;-) Die Frage ist eigentlich ziemlich spannend: Was sagt mein Bücherregal über mich aus? Hier ist mein Regal. Wer oder Was bin ich?

    /cbx meint dazu:

    Ich bin doch sowieso ein post-privacy Spacko. Und die Bücher sind alle legal gekauft. Wer nichts zu verbergen hat...

  3. The Angry Nerd gab am 15. September 2013, 18:31 folgenden Senf dazu:

    Schade nur, dass Gödels “Gott” nicht unbedingt mit dem zu tun hat, was man landläufig so bezeichnet, und auch seine Existenz die Religion nicht wirklich entschuldigt.

    Was die Wahl angeht schwanke ich noch zwischen der Linken, die ich grauenhaft finde, die aber bisher in meiner Wahrnehmung die beste Oppositionsarbeit geliefert haben, Nichtwahl und irgend einer Spaßpartei.
    Glücklicherweise ist eine Stimme so oder so bedeutungslos…

    /cbx meint dazu:

    Na, wenn es jemals ein Wort ohne Inhalt gegeben hat, dann wohl "Gott". Mir hat der Wahlomat ja empfohlen, unbedingt die LINKE zu wählen - nur gut, dass ich das ja nicht einmal darf. Sonst müsste ich wohl wirklich die Aktion mit dem Durchstreichen durchführen...

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