Im falschen München gelandet?

18.11.2013 21:29 von /cbx, derzeit 4.49639 Kommentare

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Es ist nicht leicht, derzeit etwas zu schreiben – noch dazu, wenn die Stammleser verlangen, es müsse »bissig, böse, intelligent, sarkastisch, aber auch lustig, interessant und spannend« sein, denn, was auch immer die Daily News Soap derzeit so an Faktoiden proklamiert, es schürt bei mir nur mehr eine Reaktion: “Ärger-Puff!-Gleichgültigkeit”1 Und das ist nun mal ziemlich genau das Gegenteil von lustig, interessant und so weiter.

Deshalb habe ich beschlossen, jetzt immerhin etwas abzubloggen, was mich in der vergangenen Woche ziemlich irritiert hat. Ich habe ja (bekanntlich?) fünf wertvolle Tage meiner durchaus endlichen Restlebenszeit vollkommen sinnfrei auf der menschenleeren Fachmesse Productronica in München verplempert. Ostentativ mühsame Zeitvernichtung während sich gleichzeitig daheim die Arbeit von Mittel- zu Hochgebirgen aufzutürmen beginnt, ist normalerweise absolut nicht dazu angetan, meine Stimmung auch nur in die Nähe des grünen Bereichs zu bringen. Insofern waren die Voraussetzungen für eine freudige Überraschung nicht eben günstig. Genau deshalb sind mir dann wohl aber sogar zwei überaus positive Überraschungen passiert.


[Eine Fachmesse fast ohne Fachbesucher. “Was macht diese Maschine?”]

Die erste Überraschung hatte ich am Mittwoch Abend, als wir vom stundenlangen Stehen ermattet ein Lokal suchten, in dem wir unseren Kalorienbedarf decken und – nach einem solchen Tag weitaus wichtiger – unser seelisches Equilibrium wieder herstellen konnten. Nachdem uns die Suche schon ergebnislos bis zum Sendlinger Tor getrieben hatte, auch, weil sich niemand schon wieder mit “Bayrischen Schmankerln” mästen wollte, fiel uns ein relativ unspektakuläres Lokal auf, das sich mit seinem schnörkellosen Design schon von Außen etwas von der sonstigen lokalen Gastronomie abhob. Dass das Jack Glockenbach auch noch Vietnamesische Küche anbot, gab schließlich den Ausschlag. Wenigstens keine Schweinshaxe.

Schon wenige Sekunden nachdem wir das Lokal betreten hatten, hatten wir den Endruck, uns goldrichtig entschieden zu haben. Ein sehr moderner und übersichtlicher Raum, leise Loungemusik, coole LED-Beleuchtung und ein blitzsauberes Ambiente sorgten für ein sofortiges grundlegendes Wohlbefinden. Und dann trat der Namensstifter und Chef des Hauses auf. Jack kümmerte sich mit ehrlich wirkender Begeisterung um seine Gäste, gab Tipps zur Wahl der Speisen und Getränke, erklärte nicht nur, wie die einzelnen Gerichte zubereitet werden, sondern auch noch, wie und womit man sie am besten essen sollte.

Und die Empfehlungen trafen ins Schwarze. Schon der Haus-Eistee war ein Gedicht (und nach den diversen Bieren eine nette Abwechslung) doch der gemischte Vorspeisenteller brachte alle vier Mitglieder unserer kleinen Gruppe ins Schwärmen. So herrlich geradlinige Aromen, frische Kräuternoten und stimmige Zusammensetzungen waren mir in einem asiatischen Restaurant in Deutschland überhaupt noch nie untergekommen. Allein daran hätte ich mich schon satt essen können. Doch auch die anschließend servierten Nudelteller (“Sein Nudel Teller” und “Wir Nudeln”) waren an Köstlichkeit nicht zu überbieten. Die feine Schärfe, die kräftigen Kräuternoten, die exakt à point gebratenen Fleischstücke und Garnelen die zarten Reisnudeln, allein darüber zu schreiben lässt mir schon wieder das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Dass auf einem sehr großen TV-Schirm während des Essens auch noch Videos über die Vietnamesische Küche gezeigt wurden, manchmal sogar genau jenes Gericht, das man gerade vor sich hatte, rundete das Erlebnis ebenso ab, wie Jacks abschließenden Empfehlungen für ein passendes Dessert.

Nach diesem Erlebnis hätte ich meine schlechte Meinung über die legendäre nicht existente Freundlichkeit der Münchner schon beinahe revidiert, wenn mir nicht gerade noch rechtzeitig eingefallen wäre, dass ein Jack jetzt nicht direkt als Prototyp des Münchners durchgehen würde. Dann aber…

Dann aber passierte, womit ich wirklich nicht gerechnet hatte. Ich habe in vielen Jahren schon viele Bayerische Brauhäuser besucht und dort meist recht gut gegessen und getrunken. Oft bin ich auch sehr professionell bedient worden, das Gefühl aber, wirklich ein willkommener Gast zu sein, hatte sich dabei nie eingestellt. Wenigstens bis zu jenem Abend im Paulaner Bräuhaus am Kapuzinerplatz. Wir hatten diesmal für unser traditionelles Treffen mit unseren internationalen Repräsentanten dort reserviert und eine professionelle Abfertigung wie im Hofbräuhaus erwartet. Doch schon bei der Reservierung wurden wir gefragt, ob wir vielleicht eine kleine Führung durch die Hausbrauerei buchen wollten. Auf unsere Frage, ob das angesichts der internationalen Natur unserer Runde auch in Englisch ginge, entgegnete die freundliche Dame etwas wie “da wear ma schon was finden”

Und so war es dann auch. Die Führung, geleitet von einem sehr bayerischen Bayern war “a echt Viecherei”. Zwar sprach der Mann nur bruchstückhaft Englisch, aber mit vereinten Kräften von Belgiern, Franzosen und Russen konnten wir letztlich unter erheblichem Gelächter jedes Worträtsel auflösen. Jetzt weiß ich jetzt beispielsweise auch, dass Hopfen auf Russisch “Хмель” heißt, was die Russentruppe nämlich angesichts der – einem Blitz gleich – eingeschlagenen Erkenntnis wie einst das historische “Heureka” freudig erregt wieder und wieder skandierte. Mit dem Probieren verschiedener Malze und Biere war die gerade mal 15-minütige Besichtigung schon eine sehr nette Einstimmung.

Das anschließende Essen konnte qualitativ problemlos daran anknüpfen und Gaumen aus ganz Europa überzeugen. Es war beeindruckend, in welcher Geschwindigkeit die gesammelten Schmankerln in den internationalen Mägen verschwanden – genau so wie die ausgezeichneten Biere.

Was mich von Allem aber am meisten beeindruckt hatte, war die wirklich nette Bedienung. Alle, die sich um unseren Tisch kümmerten, waren nicht nur “höflich” oder sogar “freundlich”, sondern wirklich “nett”. Sogar ich, der seinen Mitmenschen prinzipiell nie Gutes unterstellt, hatte das Gefühl, dass diese Menschen (genau so wie Jack am Vortag) ihre Arbeit mit Freude machen. Auch unsere internationalen Gäste bemerkten übrigens, dass man dort more friendly than usual gewesen war.

Ist das nicht schön? So eine erfreulich positive Erfahrung? Gibt es hier doch noch Menschen, die ihre Arbeit gut und gerne machen? Ein Lichtblick für Deutschland?

Oder war ich doch einfach nur komplett besoffen?


1…Dieses “Puff” ist bitte onomatopoetisch zu verstehen, und nicht bordellös.

/cbx, Kategorie: Aus der Schule - Schöngeistlos

 

Eigener Senf dazu?

  1. Peter Suxdorf gab am 19. November 2013, 06:21 folgenden Senf dazu:

    Danke! Forderung erfüllt.
    Interessant geschrieben über spannende Lokalitäten, die bissige Spezialitäten anbieten.
    Aufgrund des womöglich minder erfolgreichen Messestandes verzeihe ich großzügig fehlenden Witz und akzeptiere angedeuteten Sarkasmus.
    Und auch danke für die Schlemmertipps. Sollte es mich zufälligerweise oder absichtlich in diese Gegend verschlagen, weiß ich dann wenigstens meinen Magen zu füllen.

    /cbx meint dazu:

    Danke Peter, sehr großzügig! Diese Woche kommt auch noch was weniger Triviales. Vielleicht.

  2. Volker gab am 20. November 2013, 06:50 folgenden Senf dazu:

    Super Tipp mit Jack.
    Wenn ich mal wieder in München bin, schau ich da mal vorbei ;-)

    Mit den Brauhäusern in München habe ich auch so meine Erfahrungen, deshalb schön zu lesen, das es auch anders geht ^^

    /cbx meint dazu:

    Ich wäre ja auch nicht sooo überrascht gewesen, wenn meine Erfahrungen bisher nicht auch eher in die andere Richtung gegangen wären...

  3. oachkatz gab am 25. November 2013, 13:58 folgenden Senf dazu:

    Ja, die Münchner. Gibt also auch solche … Manchmal ist es arg praktisch aus Bayrisch-Schwaben zu stammen, da kann man die Betonung so verändern, dass das jeweilig andere fast wegfällt. Allerdings: freundlich sind die Augsburger jetzt auch nicht unbedingt.
    PS: Schön, mal wieder von Dir zu lesen.

    /cbx meint dazu:

    "Bayrisch-Schwaben"-Mimikry - hm, da muss ich direkt an "Zelig" denken. Kennst Du den Film?

  4. oachkatz gab am 27. November 2013, 09:39 folgenden Senf dazu:

    Ja, kenne und liebe ich.

    /cbx meint dazu:

    Ein Woody Allen, den sogar ich vertrage..

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