Mein Abo für moralische Überlegenheit...

25.11.2013 21:17 von /cbx, derzeit 4.23721 Kommentare

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…ist offenbar inzwischen ausgelaufen – und das ist natürlich ein enormes Hindernis für einen ehemals ambitionierten Blogger wie mich. Gerade wurde mir in der Tagesschau die allgemeine Erschütterung und moralische Entrüstung nahe gebracht, die ich als braver Deutscher (hihi!) zu empfinden hätte, angesichts der Tatsache, dass nicht nur deutsche Unternehmen, sondern auch deutsche Universitäten in der Spitzengruppe jener zu finden sind, die im Dienste weltweiter Mord- und Totschlagskräfte nicht nur produzieren und lukrativ verkaufen, sondern auch noch forschen und entwickeln!

Allein, die moralische Entrüstung mag ihr zartes Aroma von süßer Überlegenheit diesmal nicht recht entfalten. So begeistert ich mich echauffieren kann, wenn es beispielsweise um den Privatbesitz von Schusswaffen geht, so schnell bleibt mir der Klugschiss diesmal in der dafür zuständigen Ausscheidungsöffnung stecken.

Unsere kleine Firma ist nämlich inzwischen – und das kann man jetzt durchaus auch als Werbung und/oder Angeberei verstehen – in die Liga derer aufgestiegen, die praktisch alle großen Namen der modernen Mordwaffenbauer mit delikatem Produktionsequipment beliefern. Wenn ich jetzt also laut Tagesschau meinen soll, dass an den Händen derer, die im Auftrag der US Army Explosivstoffe oder nukleare Seifenspender erforschen, das Blut von Unschuldigen klebt, dann müssen wir, auf deren Maschinen Avioniksysteme des Eurofighters gefertigt werden (um ein – hm – fiktives Beispiel zu nennen), wohl in deren Blut schwimmen.

Tick, tick, tick…

Sekunden später folgt dann natürlich das unvermeidliche “Gegenargument”, dass dieses Zeug ja ohnehin gebaut würde – im Zweifelsfall halt auf anderen Maschinen. Und zweifellos wird dies zutreffen – doch was ändert das eigentlich? Es bleibt für mich leider ein erheblicher Unterschied, ob ich selbst oder ein Unbekannter dem Skinhead den Baseballschläger überreichen.

Dann wieder habe ich in den letzten 20 Jahren Entwicklertätigkeit gelernt, dass praktisch jede Erfindung über kurz oder sehr kurz als Waffe (gegen Leib, Leben, Freiheit usw.) oder wenigstens als Mittel zum kriminellen Zweck endet. Auch das mag ein legitimer Einwand sein, mit einem Kampfjet oder einer Mittelstreckenrakete jedoch wurde der Menschheit noch selten Gutes getan.

Tja, das gibt mir in dieser vorweihnachtlichen Zeit der Besinnung und Einkehr (“BRUHAR!”) halt gerade etwas zu denken. Ich würde mich viel besser fühlen, wenn unser letzter kleiner Auftragspeak eben nicht von der Totschlägerfraktion gekommen wäre, sondern von denen, die harmlose Drucksensoren, Elektronik für Mobilfunknetze oder gar neue medizinische Diagnostik und Analytik (ja, auch so was findet sich unter unseren Kunden) bauen.

Aber soll ich deswegen eine Arbeit aufgeben, die mir (überwiegend) Freude macht und die eines er wenigen Dinge ist, die ich einigermaßen beherrsche? Für die Müllabfuhr bin ich nämlich inzwischen auch schon viel zu alt.

/cbx, Kategorie: Aus der Schule - Rant & Grant

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 26. November 2013, 02:05 folgenden Senf dazu:

    Es läuft auf den alten Balanceakt zwischen Fressen und Moral hinaus.

    Oder wie ein Bekannter einst sagte, der für einen Waffenhersteller arbeitete: “Ich habe Kinder und erbe nichts. Ich habe kein Geld für Ideale und Moral!”

    /cbx meint dazu:

    Ja, stimmt, das "kein Geld"-Argument kommt noch erschwerend hinzu... :-)

  2. Peter Suxdorf gab am 26. November 2013, 07:01 folgenden Senf dazu:

    Hm, das Thema Waffenlieferant oder Zulieferer ist eine Endlosschleife. Wenn es im G´schäft gerade nicht rundlaufen würde und ein Waffenzulieferer würde gerne eine Eurer netten Maschinen haben wollen, würdest Du aus Gewissensgründen Nein sagen?

    Nein würde eventuell bedeuten, daß Du womöglich ein oder zwei Mitarbeiter entlassen müßtest oder sogar Dein eigenes Wohl und Wehe finanzieller Art bedroht wäre. Käme da wirklich ein Nein?

    Ich glaube nicht. Ehrenvoll, wenn es einer kann. Ich persönlich würde nicht Nein sagen.

    Hat einen banalen Grund, beruhigt ungemein mein Gewissen und was andere denken ist deren Problem:
    Sollen sie diese Dreckswaffen eben nicht einsetzen. Gib dem Skinhead den Schläger und es ist in seiner Verantwortung den zu nutzen oder nicht.

    Natürlich kann es, wie z.B. im Falklandkrieg geschehen, sein, daß die verkauften Waffen ein eigenes Schiff versenken, aber ganz ehrlich, interessiert das heute – außer den Hinterbliebenen – eine Sau? Der Großteil der Menschen ist nun einmal evolutionär egoistisch veranlagt, da nützt auch das beste schlechte Gewissen nicht.

    Sorry für die krude Logik, habe heute morgen Wortfindungsstörungen, die Worte mußten trotzdem raus…

    /cbx meint dazu:

    Wir haben noch nie einen Auftrag aus "ethischen Gründen" abgelehnt - das könnten wir uns gar nicht leisten. Und obwohl die Rüstungsfuzzies alles andere ans angenehme Kunden sind, tragen sie doch immerhin als ziemlich krisensicherer Auftraggeber zu unserem Überleben bei. Es ist nur so, dass ich mir das in den bewusstseinsschwangeren 1980ern nie gedacht hätte, mal die großen Werkmeister des Todes mit eigener Kraft zu unterstützen. Aber Du hast natürlich ein Stück weit recht - niemand muss die Waffen einsetzen. Es stellt sich allerdings auch niemand einen Panzer als Deko in den Garten, oder?

  3. Volker gab am 26. November 2013, 08:50 folgenden Senf dazu:

    Ja, die moralische Überlegenheit. Einfach, wenn man es sich leisten kann.

    Das Problem an der Überlegung, sich aus dem Wettrennen der Rüstung raus zu halten (als Staat/Volksgruppe) ist, dass man zurück fällt in einer Welt, in der es nun mal nicht zugeht wie im Walldorfkindergarten.
    Nur weil wir in einer längeren Periode ohne Krieg (finde ich echt gut!) dürfen wir es uns nicht leisten, wehrlos zu werden. Quasi ein Mitnahmeartikel, wenn man schon mal in der Gegend ist.
    Dafür gibt es zu viele andere Völker, die weniger moralische Probleme (oder gar der Meinung sind, dass es ihr Auftrag ist) damit haben, andere zu Überfallen.
    Deswegen bin ich froh, wenn zwischen dem bösen Mann und uns eine Mittelstreckenrakete, mit Produkten von dir bestückt, steht.
    Zwar besteht Aktuell keine Gefahr, das wir von unseren Nachbarn oder deren Nachbarn überfallen werden, aber innerhalb von 10 Jahren kann sich eine Menge ändern.

    Quotetime:
    “wenn es beispielsweise um den Privatbesitz von Schusswaffen geht”
    - Warum hast du damit ein Problem?

    “Es stellt sich allerdings auch niemand einen Panzer als Deko in den Garten, oder?”
    - Nun….doch. Denn das ist das, was die meisten Armeen der Welt machen.
    Waffen kaufen und sie in den Garten stellen, damit jeder sehen kann “oh, lieber nicht mit anlegen”. Denn wenn dein Stock deutlich größer ist als der von deinem Nachbarn, kann man schon mal auf dumme Ideen kommen. Leider.

    /cbx meint dazu:

    Ja, das Verteidigungsargument, das wird immer gerne genommen. Die (auch jüngste) Geschichte hat allerdings immer wieder gezeigt, dass die Industrie ein massives Interesse daran hat, dass die teuren Defensivsysteme auch regelmäßig verbraucht werden, damit die Folgegeschäfte nicht uns Stocken kommen. Da passiert schon mal die eine oder andere Präventivvertridigung. Siehe auch das "Deko-Panzer"-Argument.

    Und rein privat habe ich (→Meinungsfreude) ein Problem mit Privatpersonen, die mit Ferntötungssystemen herumlaufen. Eine U-Bahn Fahrt in einer beliebigen Deutschen Großstadt genügt um heilfroh zu sein, dass hier eben nicht jeder (insbesondere auch ich!) mit einer geladenen Schusswaffe herumlaufen darf.

  4. The Angry Nerd gab am 26. November 2013, 15:33 folgenden Senf dazu:

    “Es stellt sich allerdings auch niemand einen Panzer als Deko in den Garten, oder?”

    Doch. Ein ehemaliger Freund und Geschäftskollege meines Großvaters hat sich irgend einen deutschen Panzer beschafft und auf sein Privatgrundstück gestellt. Ich war damals noch ein Knirps, habe aber irgendwie im Hinterkopf, dass da viel Mauschelei und Gefälligkeiten mit Genehmigung und dergleichen notwendig war. Der Mann hatte wohl auch den Spitznamen “Tintenfisch”…

    Was die moralische Seite als Zulieferer der Waffenindustrie angeht, sehe ich eigentlich drei Möglichkeiten:
    1. Die Ideale über dem materiellen Wohlstand ansiedeln und damit Leben, dass einem Geld durch die Lappen geht oder es eng damit wird.
    2. Die Ideale dem materiellen Wohlstand unterordnen.
    3. Die Sache grundsätzlich nicht schlecht finden, damit nicht “der böse Mann” die guten Waffen hat.

    Sich aber irgendwie herauszureden, weil es ja ein anderer machen würde oder weil man ja nicht die Verantwortung für den Einsatz hat, ist schlicht verlogen. Mit der Argumentation könnte man auch Besoffenen oder Touristen die Geldbörse klauen, wenn keiner dabei ist, oder alte Omas abzocken. Dafür wird sich auch immer jemand finden. Und in der Realität ist eine abstrakte Handlungsoption für die Zukunft (“dann kauf ich mir einen Schläger und hau ihm in die Fresse”) etwas anderes, als eine konkrete Handlungsoption in der Gegenwart. Wer hier hat an seiner Haustüre außen eine Klinke, weil er auf die Vernunft und Ehrlichkeit Anderer vertraut?

    Nein, man kann die Moral hinter’s Fressen stellen, aber dann sollte manns genug sein, sich das auch selbst einzugestehen.

    /cbx meint dazu:

    Was Du für Leute kennst... Aber OK, ich werde nie wieder "niemand" schreiben ;-)

    Zum Rest: Das wollte ich damit eigentlich aussagen: Im Lauf der Jahre sterben alle Ideale der Jugend an akuter Realität. Ich wollte sicher nie der Rüstungsindustrie dabei helfen, kostengünstiger noch tödlichere Waffen zu bauen. Insofern ist es nur gut, dass ich zum Thema Waffenexport bisher schon immer gemeint habe, dass es hirnrissig wäre, gerade dort, wo derzeit Waffen verbraucht werden, keine hin zu verkaufen...

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