Was arbeiten die eigentlich so den ganzen Tag?

24.07.2014 19:47 von /cbx, derzeit 3.28897 Kommentare

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Ich denke, dass so mancher meiner verbliebenen Leser das eine oder andere Mal schon mit der Frage konfrontiert war, “was er in der Arbeit denn eigentlich den ganzen Tag so mache”. Wohl dem, der dann etwas sagen kann wie: “Ich bin Bauer. Um halb fünf stehe ich auf und gehe in den Stall….” und so weiter.

Ich für meinen Teil bin zwar immerhin kein Facility Manager – ein Berufsbild dessen Stellenbeschreibung auch bei kompaktester Darstellung ins romanhafte abzugleiten droht und dabei vom Informationsgehalt dennoch stets sehr übersichtlich bleibt – dafür aber Zitronenfalter in Personalunion mit Softwareentwickler (sowie Elektronikentwickler, Maschinenbauer, IT-Leiter, Troubleshooter… aber das tut gerade nichts zur Sache).

Gerade aber die Tätigkeit des Softwareentwicklers ist dabei für Nichteingeweihte mit durchschnittlicher Abstraktionsfähigkeit eher schwer vermittelbar. Ja, ich gebe es zu – glamurös ist sicher etwas Anderes. Es ist mir beispielsweise noch nie gelungen, meine Begeisterung über das (gelegentlich vorkommende) perfekte Zusammenspiel verschiedener Module von verschiedenen Entwicklern verständlich zu machen, oder meine Freude über eine besonders effiziente und/oder orthogonale Lösung.

Außerdem wollte ich mir auch selbst immer wieder mal einen generellen Überblick verschaffen, wie so ein Projekt eigentlich funktioniert, wie die einzelnen Entwickler so zusammenarbeiten und zu einem Projekt beitragen, welch Module als stabil gelten können und an welchen permanent gearbeitet wird.

Mir das aus den im Trac aufgelisteten Commits in unserem zentralen Subversion Repository zusammen zu klauben, ist auch weit mehr mühsam als glorreich. Deshalb war ich sofort hellauf begeistert, als mein Kollege Thorsten das Tool Gource auf den Tisch brachte. Dieses Tool stellt grafisch sehr ansprechend dar, wann und wie wer was in einem Projekt geändert hat.

Aus der seit 2007 lückenlos verfolgbaren Geschichte unseres größten Projekts “fab” konnte ich bei maximaler Geschwindigkeit einen zweistündigen Full-HD Spielfilm erzeugen und beim Überfliegen desselben entfuhr mir so manches laute Lachen angesichts der Darstellung diverser Ereignisse. Der Upgrade auf eine neue LabVIEW-Version beispielsweise zog eine vollständige Neukompilierung aller (damals rund 2000) LV-Module nach sich, was sich grafisch als mittlere Atomexplosion zeigte. Und auch die permanent vorbei huschenden Namen (wie z.B. →SetDildoTemp.vi) deuten an, dass es bei uns nicht nur mit professionellem Ernst zugeht.

Als Kostprobe habe ich hier die letzten 1000 (von 14000) Revisionen des fab-Projekts umgesetzt und ein 100MBytes schlankes Video daraus gemacht.

Zur Sicherheit hier noch ein Downlaod-Link.

Eine eingehende Analyse der drei Hauptbeiträger (thora, olir und cbx) zeigt zu meiner Überraschung, dass dieses an sich recht reduzierte Werkzeug trotz seines sehr beschränkten Horizonts ein sehr passendes Bild der allgemeinen Realität bei uns im G’schäft zeichnet. Während nämlich thora und olir stets geschäftig herum wuseln und permanent mit großen Datenmengen jonglieren, kommt der kleine cbx-Avatar alle paar Minuten vorbei, schießt auf ein paar Daten, die sonst keiner anrührt, bleibt dann noch ein Weilchen unbeteiligt daneben stehen, bevor er wieder unauffällig verschwindet.

Ich könnte mir vorstellen, dass anhand dieses Videos auch Außenstehende problemlos erkennen können, wer in diesem Team der Zitronenfalter ist…

/cbx, Kategorie: Aus der Schule - Linux LeidenSchaf(f)t

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 25. Juli 2014, 16:27 folgenden Senf dazu:

    Nach der Konsultation der Laufbildabfolge habe ich zwei Fragen:
    1. Was zum Teufel ist ein WafflePack?
    Ist das irgendein Materialträger der wie eine Waffel aussieht?
    2. Was hat es denn mit den ganzen “Expert” und “VIP” Sachen auf sich?

    Die freudig anstößige Namensgebung gefällt mir aber sehr. Meine erklärte Absicht, mir das aus pseudo-Professionalität zu verkneifen, wurde ab und an auch schon als eher politische Aussage entlarvt.

    Was die Schwierigkeit angeht psychisch nicht auffälligen Leuten zu erklären, was Softwareentwicklung bedeutet, kann ich nur zustimmen. Die notwendigen Pathologien sind allem Anschein nach ziemlich zahlreich und/oder tiefgreifend.
    Immerhin ist das nicht nur ein Problem der Informatik. Auf Ausführungen aus dem Bereich der Finanzderivate reagieren Leute ähnlich. Hmm, ob das jetzt Softwareentwicklung nach einer sinnvollen und substantiellen Tätigkeit klingen lässt?

    Immerhin gibt es bei Dir noch richtige Entwickler, und nicht nur Architekten und Offiziere.

    /cbx meint dazu:

    Mit Deiner Vermutung zu Wafflepacks hat t Du recht. Das Erste, was bei einer Gugel-Bildersuche auftaucht deutet es schon an. Es sind gerasterte Magazine in 2x2 und 4x4Zoll Größe, die in der Halbleiterei das Brot-und-Butter Transportformat für vereinzelte Chips sind.

    Experten sind bei uns das, was woanders "Assistent" heißt. Und genau deshalb heißen die bei uns eben nicht so... Was VIP ist, könnte Dir unser gemeinsamer Bekannter Hubert bis in die letzte Zeile C-Code erklären.

    Zur Schwierigkeit: Interessanterweise fällt es mir besonders schwer, Außenstehenden zu erklären, dass Softwareentwicklung und Programmierung (bei uns geht das immer Hand in Hand)

    1. interessant sein kann und trotzdem auch
    2. schwierig sein kann

    Da erinnere ich mich an den Juristen, der mir einmal erklärt hat, nur Juristen wären wirklich kreativ, weil sie die immer gleichen Gesetze immer neu auslegen würden und wir Inschenjöre ja nur ein paar Zahlen in Formeln einsetzen und richtig rechnen müssten.

    Nebenbei: Ich würde Softwareentwicklung nicht als "sinnvolle und substantielle Tätigkeit" bezeichnen. Aber sie macht mir (meistens) Spaß - das muss genügen.

  2. The Angry Nerd gab am 25. Juli 2014, 18:40 folgenden Senf dazu:

    Damit, nicht einfach die Bildersuche anzuschmeißen, habe ich mich jetzt wahlweise als Depp, Faulpelz oder gleich beides geoutet…

    Begeisterung für Softwareentwicklung zu wecken ist ja nochmal eine Stufe schwieriger. Softwareengineering mit Programmierung in einen Topf zu werfen war durchaus bewusst. In der Praxis kleinerer Softwareprojekte habe ich noch nie erlebt oder gehört, dass das ernsthaft getrennt ist oder man weit damit käme, nicht beides ein wenig zu beherrschen.
    Und persönlich würde ich aus dem “trotzdem” fast schon ein “weil” machen. Tagein tagaus immer die gleiche Form von Software zusammen zu nageln, mit den altbekannten Werkzeugen, fände ich so spannend wie Fließbandarbeit.

    Hinsichtlich Juristen kennst Du meine Meinung glaube ich. Aber Kreativität würde ich ihnen sogar zugestehen. Wenn man zu den ganz Kreativen, den Künstlern, schaut wird offenbar, dass man auch mit Fäkalien malen kann. Sich die Farbe ins Gesicht, statt auf den Pinsel, zu schmieren ist dort auch schon ein alter Hut.

    Und in dem Kontext würde ich sogar sagen, dass Softwarekram sinnvoll und substantiell sein kann. Ich mach’s aber auch nur, weil es mir Spaß macht.

    /cbx meint dazu:

    Ich bin sehr froh, dass bei uns Entwurf und Implementierung eigentlich immer in einer Hand liegen. Wobei meine eigenen Designs gelegentlich meine Fähigkeiten als Programmierer übersteigen - dann bin ich noch froher, gute Leute zu haben :-)

    Um als reiner Programmierer langfristig Spaß an der Arbeit zu haben, muss man, glaube ich, pathologischer Akribiker oder sonst irgendwie recht speziell veranlagt sein. Bekanntlich aber gibt es für jede Perversion einen, der sich daran - hm - erfreut...

  3. joggl gab am 28. Juli 2014, 10:14 folgenden Senf dazu:

    Wow, die letzten 100 Commits hätten ob dieser Spannung wohl auch gereicht… ;-)

    Wenn ich mir die VIs so ansehen, sieht das für mich so aus, als hätten einfach alle anderen keine Ahnung von Hardware.

    /cbx meint dazu:

    Dazu zwei Dinge:

    a) Du Nintendo-Kind! Schau Dir mal einen Film von Wim Wenders an (z.B. "Falsche Bewegung" nach einem Drehbuch von Peter Handke) und Du wirst die Ästehtik der gepflegten Langeweile erkennen.

    b) So ganz kann ich mich dieser Annahme nicht verweigern...

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