Die Unmöglichkeit des Unmöglichen

13.08.2014 18:18 von /cbx, derzeit 1.64831 Kommentare

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Es ist ja nicht so, dass ich über Nacht zu einem misogynistischen Maskulisten mutiert wäre. Ich war auch nicht – auch wenn mich dieser billige Witz eben sehr in den Fingern gejuckt hat – schon immer einer, ganz im Gegenteil. Als echtes Kind der 1980er bin ich – so glaube ich – trotz meines greisen Alters ziemlich für die Sache der Gleichberechtigung eingestellt und zwar nicht nur im Kopf, sondern auch im Bauch.

Ich wäre im Leben noch nie auf die Idee gekommen, einer Frau bei einem beruflichen Gespräch andere Fragen zu stellen als einem Mann, und schon gar nicht, einen Techniker zu verlangen, wenn ich eine weibliche Stimme höre. Ich habe (beispielsweise) jahrelang sehr gut mit einer weiblichen IT-Leiterin zusammengearbeitet um verinnerlicht zu haben, dass Fachkenntnis und Erfahrung keine Frage des Chromosomensatzes sind.

Trotzten – das heißt eigentlich gerade deswegen – stehe ich beispielsweise so mancher Quotenregelung zur “Gleichstellung” (→hierzu hat Herr Danisch in seinem Buch “Frauenquote” einige sehr schlaue Gedanken niedergeschrieben) durchaus skeptisch gegenüber und deswegen verfolge ich auch die aktuellen diesbezüglichen Entwicklungen. Und deshalb habe ich – um langsam auf das eigentliche Thema zu kommen – heute einen Artikel im Standard gelesen, der ein armselig blasses Interview mit der Gründerin der Feministischen Initiative Schwedens, Gudrun Schyman wiedergibt. Anlass des Interviews war, dass die Initiative bei der letzten Europawahl in Schweden 5.3% Stimmenanteil erreicht hat.


[Knotted Gun vor dem UN-Hauptquartier, Bild © Norbert Nagel, Mörfelden-Walldorf, Germany]

Das inhaltsleere Interview zu einem wenig spektakulären Anlass (5% im Europäischen Mutterland des Feminismus?) hat mich reichlich wenig fasziniert – mit Ausnahme eines Absatzes:

Schyman: Wir sind eine politische Partei, die nicht an Militarismus glaubt. Probleme können unserer Ansicht nach nicht militärisch gelöst werden. Wir müssen hier einen zivilisierten Schritt vorwärts gehen und jegliche Form der Gewalt verbieten. Mit Gewalt will man immer in gewisser Hinsicht Kontrolle und Macht erlangen, ob im kleinen Rahmen zwischen zwei Menschen oder zwischen Staaten in militärischen Konflikten.

Was mich an diesem Absatz husten ließ war die simple Aussage: “Wir müssen hier einen zivilisierten Schritt vorwärts gehen und jegliche Form der Gewalt verbieten.” Darin steckt so viel Weisheit und noch viel mehr offensive Dummheit, dass man wohl stundenlang in den geistigen Untiefen dieses einen Satzes tauchen könnte, ohne je auf festen Grund zu stoßen.

Ja, das wäre eine tolle Welt, in der “jegliche Form der Gewalt verboten” wäre. Fraglich ist nur, wozu ein Verbot gut sein sollte, wenn Gewalt kein anwendbares Mittel wäre. Gesetze erfüllen meiner laienhaften Meinung nach nur dann einen Zweck, wenn es eine Instanz gibt, die deren Einhaltung auch sicherstellt. Und dieses Sicherstellen funktioniert in der Praxis nur, wenn mindestens ein Machtgefälle existiert, das es ermöglicht, jemanden, der die Einhaltung der Gesetze verweigert, derart zu sanktionieren, dass ein weiteres oder (idealerweise) zukünftiges Zuwiderhandeln verhindert wird.

Gewaltfreiheit lässt sich mit Freiheit nicht vereinbaren, denn eine gerechte Freiheit für Alle bedingt immer eine Einschränkung der Freiheit aller Einzelnen – und diese Einschränkung erfolgt durch (angedrohte oder umgesetzte) Gewalt.

Ich habe da unlängst ein ziemlich interessantes Buch von David Graeber unter dem Titel The Democracy Project: A History, a Crisis, a Movement gelesen, in dem er über seine Erfahrungen bei Occupy Wallstreet erzählt. Interessant an diesem Buch sind nicht einmal primär die Blicke hinter die Kulissen der Occupy-Bewegung, sondern viel mehr die detaillierten Berichte über den überraschend erfolgreichen Versuch, in einer relativ großen Gruppe einander fremder Menschen nach rein anarchischen Prinzipien zu agieren.

Der größte Erkenntnisgewinn für mich war dabei, eine geschlossene und sinnfällige Definition der Begriffe “Anarchismus” und “Kommunismus” kennengelernt zu haben. Was der Anthropologe Graeber unter “Kommunismus” versteht, habe ich ja schon in der Rezension zu Schulden, die ersten 5000 Jahre dargelegt. Wenn Graeber von Anarchie schreibt, dann meint er etwas, das am ehesten einer gewaltfreien Gesellschaft nahe kommt. Executive Summary: In einer wahren Anarchie werden der Minderheit keine Mehrheitsentscheidungen durch Gewalt aufgezwungen, sondern sämtliche erforderlichen Entscheidungen zu einem Konsens geführt.

In den umfangreichen (Merke: Graeber → immer umfangreich) Ausführungen Graebers liest sich das deutlich weniger utopisch als in dieser sinnstörenden Zusammenfassung, letztlich bleibt aber auch dort das Problem, dass eine gute Anarchie nur dann funktionieren kann, wenn fast alle freiwillig mitspielen. Und das ist die Krux einer gewaltfreien Gesellschaft – sie ist jenen quasi schutzlos ausgeliefert, die sich nicht an die Regeln halten wollen. Und sobald ein Gewaltmonopol zur Abwehr äußerer Feinde erlaubt wird, hat man die Büchse der Pandora schon geöffnet, an deren Boden schon immer die Definitionshoheit über den Begriff äußerer Feind gewartet hat.

So betrachtet ist jemand, der ernsthaft ein “Verbot von Gewalt” fordert, wohl doch mehr dumm als idealistisch.

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos - Rant & Grant

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 18. August 2014, 00:28 folgenden Senf dazu:

    Idealismus und Dummheit gehen nicht selten Hand in Hand.

    Den inneren Widerspruch und das Grundproblem hast du ja auch sehr schön herausgeschält. Aus der Möglichkeit und der Angst davor, dass der Andere nicht friedlich bleiben könnte, entstand ja auch schon das Wettrüsten im Krieg.

    Und wenn ich ein bisschen altklugen Philosophenstaub aus der Hosentasche brösele, dann scheint es mir schon immer das Problem gewesen zu sein, das notwendige Ungleichgewicht und Machtgefälle in Balance zu halten. Früher oder später wollte noch überall ein Herrscher ein bisschen Zins auf die Macht und wurde fix zum Despoten und Diktator.
    Scheint mal wieder Zeit zu werden. War da nicht auch so ein Ausspruch eines amerikanischen Präsidenten, nachdem der Baum der Freiheit ab und an ein bisschen Herrscherblut zum Gedeihen braucht?

    /cbx meint dazu:

    »Du kennst doch bestimmt den Spruch, dass Gott die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Guck dich mal um! Wenn man davon ausgeht, dass Gott ein Arschloch ist, ergibt das plötzlich mächtig viel Sinn.«
    ― Marc-Uwe Kling, Die Känguru-Chroniken: Ansichten eines vorlauten Beuteltiers

    Die Besitzstandswahrer wollen doch derzeit nichts mehr als aus der Geschichte lernen um das mit dem Herrscherblut diesmal komplett zu überspringen. Und noch nie waren die technischen Rahmenbedingungen dazu so günstig....

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