Mission accomplished

25.11.2014 22:30 von /cbx, derzeit 5.51349 Kommentare

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»Der bloggt ja überhaupt nicht mehr.«

»Ja. Worüber auch?«

»Das hat ihn doch sonst auch nie davon abgehalten«

»Naja, der wird halt auch älter und…«

»…seniler?«

»milder, wollte ich sagen. Naja, kann wohl beides stimmen.«

»Und gerade wo man glaubt, da kommt nie mehr was, da schreibt er wieder«

»Dann muss es ja einen wirklich guten Grund dafür geben.«

»Ich würde sagen: Einfach mal lesen…«

Nun, einen wirklich guten Grund gibt es eigentlich nicht. Mir war nur ausnahmsweise wieder danach, etwas zu schreiben – und damit implizit auch erklären, warum ich so lange nichts mehr geschrieben habe und das wohl auch nicht mehr tun werde.

Schon im Jahr 1977 hat Martin Hellman eine der zentralen Figuren im Kampf um die öffentliche Verfügbarkeit starker Kryptografie in einem Schriftwechsel sehr bedeutungsschwere Worte niedergeschrieben:

there is a commercial need today that did not exist in the 1940’s. The growing use of automated information processing equipment poses a real economic and privacy threat. Although it is a remote possibility, the danger of initially inadvertent police state type surveillance through computerization must be considered. From that point of view, inadequate commercial cryptography (which our publications are trying to avoid) poses an internal national security threat.

Seit einigen Monaten nun wissen wir, dass die remote possibility eines totalitären Polizeistaates auf völlig unerschreckende Art und Weise zur gängigen Realität geworden ist und die einzige schwache Hoffnung, etwas vor der allgegenwärtigen Bespitzelung zu verbergen eben (im weiteren Sinne) die damals von Hellman und Konsorten publizierten Algorithmen sind.

»Bullshit!«

»Was? Wie bitte?«

»Bullshit! Das ist der dünnhirnige Bullshit den Du doch selbst lange nicht mehr glauben willst. Da täusche ich mich doch nicht?«

Nach diesem rüden Einwurf und einigem Nachdenken muss ich zustimmen – wenigstens teilweise. Ich glaube – wie angeblich auch Edward Snowden – nicht, dass die unzähligen Fraktionen der geheimen Staatspolizeien dieser unserer “zivilisierten” Welt gut gemachte unsymmetrische Kryptographie mal eben knacken können. Ich glaube, dass der Inhalt eines GPG-verschlüsselten Emails geheim bleibt, so lange die privaten Schlüssel nicht kompromittiert werden. So weit, so hoffnungsvoll.

Wer mich aber etwas besser kennt, weiß, dass ich nur äußerst selten etwas schreibe, um dadurch einen Eindruck von Hoffnung zu erwecken. So ist es natürlich auch hier. Ich glaube nämlich, dass Martin Hellman in seinem Schreiben 1977 die falsche Zukunft vorhergesehen hat und dass heute seine Kryptographie im Grunde die Lösung für ein Problem ist, das wir gar nicht haben.

Nein, das möchte ich besser formulieren. Kryptographie schützt – bestenfalls – und meiner Meinung nach wohl eher nur – vielleicht – die Interessen der Wirtschaft an Geheimhaltung. Geheimhaltung vor der Konkurrenz und natürlich auch – ganz besonders sogar – vor dem Staat, der ja zumindest formal die Einhaltung von Gesetzen und das Eintreiben von Steuern (…) garantieren sollte.

Für die Souveränität des gemeinen Wahl -und Zahlviehs gegenüber dem Staat indes hat all das kaum eine Bedeutung – und zwar nicht, weil bis heute ziemlich genau 0% der Bevölkerung ihre Daten verschlüsseln.

Die NSA und deren GeStaPo-Partnerorganisationen im Auftrag der Machterhalter hatten fast 30 Jahre Zeit, sich an die Gegebenheiten anzupassen und ein paar alternative Ideen aus dem Arsch zu ziehen – und diese Zeit haben sie nicht untätig verstreichen lassen. Man hat gelernt – auch aus dem Scheitern der letzten offiziellen totalitären Staaten.

Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen und das ganze Volk einen Teil der Zeit. Aber man kann nicht das gesamte Volk die ganze Zeit täuschen.

Bisherige Diktaturen begingen den Fehler, durch Zensur im großen Stil unerwünschte Meinungen zu unterdrücken und inkompatible Informationen auszublenden – mithin eine Methode, die einen enormen Bedarf an Ressourcen erzeugt, ohne eine entsprechende Wertschöpfung zu bringen. Deshalb sind so viele “Unrechtsstaaten” (wie die DDR) letztlich durch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch untergegangen.

Die modernen totalitären Diktaturen, wie jene, in der wir jetzt leben (bzw. worauf wir unaufhaltsam zusteuern) haben aus diesem Kardinalfehler gelernt. Nicht Verknappung und Filterung sind die Lösung, sondern – im Gegenteil – Überschwemmung. Wie bei Schwiegermutters Geranien und Wasser ist es auch bei Menschen und Informationen egal, ob man zu wenig oder zu viel davon bekommt – das Ergebnis ist in beiden Fällen letal.

Unsere moderne Informationsgesellschaft schafft – gerade auch dank Internet und 24/7 Kommunikationsmöglichkeiten – eine vollständige und allumfassende Überflutung Aller mit “Informationen”, die praktisch zu jedem relevanten Thema jede vorstellbare Position abdecken. Und die Menge an “relevanten Themen” wird in inflationäre Höhen getrieben, quasi stündlich werden neue Hypethemen erfunden, nur, um mit dem nächsten Trend wieder in der Versenkung zu verschwinden (erinnert sich noch jemand an “Ebola”?). Wir werden ohne Unterbrechung auf allen Kanälen (und das werden immer mehr) mit einem niemals endenden Stakkato von einander und auch sich selbst ganz offen widersprechenden Hiobsbotschaften bombardiert, bis auch der letzte Zweifler frustriert von Hinterfragen und Selbstdenken zurückzieht. Als Neil Postman 1985 schrieb, “Wir amüsieren und zu Tode”, hat er vermutlich mit viel harmloseren Konsequenzen gerechnet, den Kern der Sache aber erschreckend genau erfasst.

Das Resultat? Jene, die sich nicht informieren wollen, bleiben seit eh und je uninformiert. Jene, die sich informieren wollen, finden genau die “Information”, die zu ihrem Weltbild passt in der allgegenwärtigen Filterblase und sind beruhigt. Jene, die den Dingen auf den Grund gehen wollen, entdecken die volle Bandbreite an einander widersprechenden Darstellungen, die grob choreographierte Eskalation der niemals endenden Schreckensmeldungen. Irgendwann aber wird aber auch deren Empörung einer stumpfen Apathie weichen und aus den kritischen Denkern wird die zweite Kohorte der Uninformierten (Und dort reihe ich mich nun ein).

Letztlich entsteht daraus eine ganz wunderbare win-win-win Situation. Das Spiel mit Pseudo-Informationen, Sensationen und Meinungsvielfalt sorgt für kräftige Umsätze – wenn auch vielleicht nicht mehr bei der klassischen Presse, so doch bei deren designierten Nachfolgeorganisationen. Die Mehrheit des Wahl- und Zahlviehs fühlt sich informiert und hinreichend sicher, konsumiert brav und gibt sich ansonsten unauffällig. Und die Regimes freuen sich, dass wir nicht nur freiwillig im großen Stil Standort- und Standpunktsdaten (→Bloggen) in die übernationalen Spitzeldatenbanken einspeisen, sondern sogar noch dafür bezahlen. Diesmal wird kein totalitäres Regime an wirtschaftlichen Problemen scheitern.

Denn wir sind die erste Generation von Idioten, die wohl auch noch die Fahrkarte zu ihrer eigenen Deportation bezahlen werden.

/cbx, Kategorie: Rant & Grant -

 

Eigener Senf dazu?

  1. Peter Suxdorf gab am 26. November 2014, 09:33 folgenden Senf dazu:

    Das ist schade. Auch wenn es Dich womöglich nicht weiter bringt, außer den Schund von der Seele geschrieben zu haben, ich habe Dich trotzdem gerne gelesen.

    /cbx meint dazu:

    Danke. Und - wer weiß - endgültig ist ja heutzutage auch schon lange nicht mehr so endgültig wie früher....

  2. Thora gab am 28. November 2014, 22:07 folgenden Senf dazu:

    Also wer dich kennt weiß, dass du nicht so einfach aufgibst. Wenn Eltern auf Ihre Kinder und deren Fehler schimpfen so hat es auf den ersten Blick keine Wirkung. Die Kinder machen trotzdem was sie wollen. Die Kinder denken aber darüber nach was du gesagt hast und werden dir vielleicht etwas später – wenn sie erwachsen sind – recht geben.

    Der eine oder andere wird auf der Suche nach dem einen oder anderen Thema auch auf deine Sichtweise in diesem Blog stoßen. Auch wenn er eventuell auf dem ersten Blick nicht reagiert, er wird darüber (unbewusst) nachdenken. Ich finde es immer wieder spannend, wie du uns das Weltgeschehen auf eine andere Sichtweise präsentierst und bin dir dafür sehr dankbar!

    Die Welt ist viel komplizierter als das wir diese wirklich verstehen könnten. Wir sind auf dieser Welt alle Kinder. Niemand weiß was wir wirklich hier eigentlich sollen. Aber wenn man die Kinder beobachtet, so haben diese damit kein Problem. Sie tanzen fröhlich um ihren Apfelbaum. Natürlich ist es spannender in den Apfel zu beißen, aber die Folgen sind ja bekannt… Um dich zu beruhigen: Ich esse auch lieber als zu tanzen :-)

    /cbx meint dazu:

    Hm, Gut geschleimt :-)

    Es geht ja eh nicht darum, dass es überhaupt niemanden gäbe, der ähnlich denkt oder gar zum Weiterdenken angeregt würde. Nur kommt auch der Dümmste irgendwann zur Erkenntnis, dass, um einen Ozean leer zu schöpfen, ein Kaffeelöfferl ein denkbar ungeeignetes Werkzeug ist.

  3. The Angry Nerd gab am 30. November 2014, 20:16 folgenden Senf dazu:

    Ich habe den Verlust meines am liebsten gelesenen Bloggers als solchen schon vor einer Weile beklagt. Insgeheim hatte ich aber die Hoffnung, dass Du nach einer Weile die Lust am Schreiben wiederfindest. Jetzt bleibt mir nur noch mit meiner Vermutung, dass das nicht passieren wird, doch recht gehabt zu haben.

    Ich kann es aber sehr gut verstehen. Neben ein bisschen Stress und der üblichen, generellen Unlust irgendetwas zu tun ist so ein diffuses Gefühl der Hoffnungslosigkeit, dass die ganze Scheiße dabei ist vor die Hunde zu gehen und es keine Sau interessiert, etwas, dass meinen Eifer zur Kommunikation im Keim erstickt.
    Von links haben wir Weltverbesserer, die ihre Idealvorstellungen mit der Moralkeule in Gesetze gegossen haben wollen, von rechts rückt unterdem klassische Ausländerfeindlichkeit mehr und mehr zur Mitte vor. Einen wirklichen politischen Dialog scheint es nicht mehr zu geben, stattdessen die ewig gleichen Totschlagargumente. Und während mehr und mehr Leuten dämmert, dass die Presse von der Position eines neutralen Beobachters und kritischen Hinterfragers hin zu einer Meinungsschleuder mit Sendungsbewusstsein geworden ist und ob dessen ihre Neutralität aufgegeben hat, meint der Journalismus seine derzeitige Krise durch stärkere Meinungen und Ausblendung des Lesers überwinden zu können.

    Es war noch nie Zeichen guter Zeiten, wenn die Rollen von Satire und Journalismus dabei waren zu wechseln.

    Immerhin, ich kann Dich in den bloggenden Ruhestand mit dem Hinweis verabschieden, dass Du nicht der einzige bist, dem der Zeitgeist als Gespenst erscheint. Und Du bist auch bei weitem nicht der Einzige, von dem ich guten Gewissens vermuten kann, dass er es ähnlich sieht.

    Danke für einige Jahre interessanter Beiträge.

    /cbx meint dazu:

    Hm, Auch gut geschleimt :-)

    Deinen passenden Worten habe ich nur Eines hinzuzufügen. Ich hoffe, noch kein vollkommen vertrottelter und versteinerter Endzeitapologet (könnte man hier noch ein letztes Mal das Wort "Eschatologie" einwerfen?) geworden zu sein. Ich glaube, "die Welt" wird nicht wirklich "vor die Hunde gehen". Sie wird sich aber vermutlich in eine Richtung entwickeln, die deutlich jenseits meine Wohlfühlbereichs liegt.

    Und das wiederum ist ein klassische "Alte Männer Problem"...

  4. The Angry Nerd gab am 1. Dezember 2014, 15:44 folgenden Senf dazu:

    Von der Welt als Ganzem will ich nicht gesprochen haben. Und in einem größeren Sinne endgültig ist es auch nicht, wenn mal 2-3 Staaten pleite machen und es da intern ein paar Handgreiflichkeiten und Heilsrufe gibt. Nein, als jemand der keinen der Weltkriege miterlebt hat, noch recht selten, also nie, ausgewandert ist und dessen Horizont dementsprechend klein ist, beschränkt sich mein “alles” auf die “westliche Welt”, wo immer sie jetzt genau anfangen und aufhören mag. Und “vor die Hunde gehen” heißt auch nicht mehr, als dass sich “die Gesellschaft” in eine Richtung entwickelt, die mir überhaupt nicht gefällt.

    Insofern befürchte ich nicht den Untergang der Welt, Eschatologie ist also ein Nümmerchen zu groß, sondern nur den Untergang des Abendlandes in der gewohnten Form. Und mehr als das wollte ich Dir an Weltschmerz auch nicht unterstellen.

    Die Frage die sich mir stellt ist jetzt nur, ob ich “alter Mann” als Kompliment nehmen soll oder nicht.

    /cbx meint dazu:

    Dann sind wir uns ja quasi eh schon wieder mal einig. Und falls Dich das in Deinem Zweifelsprozess unterstützt: Mit "alter Mann" hatte ich in diesem Kontext niemand andern als mich selbst (→"mein Wohlfühlbereich") gemeint...

  5. The Angry Nerd gab am 1. Dezember 2014, 17:47 folgenden Senf dazu:

    Dass Du damit Dich meintest ist mir schon klar. Die Kategorisierung des Problemempfindens als typisch für “alte Männer” schließt mich ja aber ein, teilen wir uns doch eine Sichtweise weitestgehend.

    Damit bleibt die Frage, ob alter Mann die selbstzweifelnde Zuschreibung des Verknöcherten ist, oder das stinkende Eigenlob der Weisheit in wohlfeilerer Verpackung.
    Oder vielleicht doch nur die zutiefst sexistische Ausgrenzung von Frauen und Jüngeren aus der Gruppe derer, denen man ernsthafte Probleme zubilligt?

    /cbx meint dazu:

    Das muss es wohl gewesen sein: "zutiefst sexistische Ausgrenzung von Frauen".

    Im Ernst: (liest der eigentlich noch mit hier?) Ich weiß nicht, ob ich weise lächeln oder bitterlich weinen soll, dass ich inzwischen so vieles nachvollziehen kann, was ich noch vor - hm - 20, 30 Jahren zweifelsfrei identifiziert als Hilflosigkeit der verknöcherte Alten gegenüber einer Zeit, die sie nicht mehr verstehen. Und so ist es wohl auch.

    Schrub ich eigentlich schon mal, wie froh ich bin, mir keine Gedanken über die Zukunft meiner Kinder machen zu müssen?

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