Wenn die Filterblase zur Biosphäre wird

02.12.2014 19:42 von /cbx, derzeit 3.29259 Kommentare

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Ja, diese Überschrift ist mir gerade auf dem Klo eingefallen. Und weil die Überschrift schon mal da war – so dachte ich – könnte ich mir doch vielleicht den (bei mir traditionellen) schweren Dezemberblues von der Seele bloggen.

Und sollte das (erwartungsgemäß) nicht klappen, (Utlängan/Schweden) kann ich es ja noch mit der Kontemplation lang vergangener Urlaubsbilder versuchen.

Falls sich jemand fragen sollte, warum ich jetzt wieder Zeit zum Bloggen habe. Nun, wir haben in diesem Jahr sehr viel Zeit, Geld und Mühe investiert, uns einen sehr guten Namen in Russland zu erwerben. Jetzt gibt es dort mehrere sehr interessante Projekte, die bestellfertig sind. Nur leider dürfen wir aufgrund der “Sanktionen” jetzt nicht liefern! Ja, diese verdammten Russen werden sich schwarz ärgern über diesen Umsatzausfall!

Moment mal, das sind ja wir…

Ich hatte vor nicht all zu langer Zeit (also genau genommen gleich hier drunter) geschrieben, dass es mir derzeit nachgerade physische Schmerzen verursacht, mich den offiziellen Wahrheiten auszusetzen, wie sie von den staatstreuen (andere gibt es hier ja nicht mehr) Propagandamedien verbreitet werden.

Einen heftigen Stich hat mir beispielsweise gestern diese Meldung im Radio versetzt:

»Der Gesetzentwurf des Bundesfinanzministeriums zur unter dem Namen “Infrastrukturabgabe” geplanten PKW-Maut bestätigt nun offiziell, was bereits seit Monaten in der Bevölkerung als Gewissheit gegolten hat. Der Gesetzestext lautet: “Künftige Änderungen der Infrastrukturabgabe erfolgen losgelöst von der Kraftfahrzeugsteuer”, was klarstellt, dass zukünftige – und das heißt in der Praxis selbstverständlich demnächst anstehende – Erhöhungen dieser Gebühr auch deutsche Autofahrer direkt belasten werden. Denn nur so kann sich dieses Projekt natürlich überhaupt irgendwann einmal rechnen.«

Nun, ich sollte mich etwas klarer ausdrücken. Der heftige Stich rührte daher, dass – ebenso wenig überraschend – absolut niemand diese Meldung so formuliert hatte. Stattdessen durfte man allenthalben lesen und hören, dies sei unerwartet, eine Überraschung, gar eine “Gesetzliche Hintertür”.

»Nein!«
»Doch!«
»Oooh!«

Diese Form der Berichterstattung ist für mich ein Faustschlag ins Gesicht jedes Menschen mit mehr als zwei funktionierenden Resthirnzellen. Und zwar mit einer Panzerfaust.

In einer davon total unabhängigen Meldung informiert uns der kleine Energieriese E.ON, sich fürderhin ganz dem wertvollen neuen Kerngeschäft mit Erneuerbaren Energien widmen zu wollen und zu diesem Behufe die Sparten für Gas- Kohle und Atomkraftwerke in eigene Bad Banks Subunternehmen abzuspalten. Meine legendären hellseherischen Fähigkeiten sagen jetzt schon voraus, dass zumindest die Atomenergiesparte pünktlich mit der Abschaltung des letzten AKW völlig überraschend auf schicksalhafte Weise in eine so nicht vorherzusehende Insolvenz schlittern wird, wodurch wir, das Bundes-Wahl- und Zahlvieh, ein paar strahlend schöne (wie auch schön strahlende) Kraftwerksruinen erben.

Dass inzwischen en passant an die Öffentlichkeit sickert, dass wir hier in Deutschland für Rechtsbeugung und Verfassungsbrüche im galaktischen Ausmaß keine NSA benötigen, weil der brave BND dies schon seit Jahren beinahe noch besser beherrscht, rundet das Bild ab, nach dessen Betrachtung ich eigentlich den Rest des Tages nur mehr »WTF!?« schreiend im Kreis laufen möchte.

Daraufhin lese ich auf der Suche nach etwas Ablenkung diese sehr kurze, harmlose und meiner unmaßgeblichen Meinung nach relativ schlaue Geschichte von Harald Martenstein, denke mir noch, dass da allerhand Anknüpfungspunkte zum selbstständigen Weiterdenken zu finden wären und beginne gerade, mich ein bisserl darüber zu freuen…

…bis ich die Kommentare dazu lese.

Und jetzt frage ich mich wieder Ob ich auf dem selben Planeten lebe wie diese Menschen – und – falls ja – ob ich dort allen Ernstes leben möchte.

/cbx, Kategorie: Rant & Grant -

 

Eigener Senf dazu?

  1. oachkatz gab am 3. Dezember 2014, 12:32 folgenden Senf dazu:

    Naja, Martenstein…und sein Text…aber da begebe ich mich jetzt nicht rein.
    Zu den Kommentaren: ich glaube fest daran, dass es sich um ein ganz kleines Grüppchen Durchgeknallter handelt, die für das Übermaß an strunzdummen Kommentaren auf aller Welt verantwortlich zeichnen. Weil sie damit so viel zu tun haben, sind sie mir auch noch nie begegnet und werden es auch nie, außerdem haben sie keine Zeit, tatsächlichen Blödsinn anzurichten bei der ungeheuren Menge Stuss, den sie jeden Tag ins WWW hinausposaunen. Deshalb kann ich weiterleben mit dem Rest hier auf diesem Planeten, mit der vernunftbegabten Mehrheit sozusagen. Verdrängung ist alles.
    In diesem Fall könnte es allerdings gut sein, dass wir diesem Grüppchen gar nicht dieselben Kommentare zuschreiben würden …?

    /cbx meint dazu:

    Man muss weder den Martenstein mögen, noch seine Texte. Doch wenn uns andauernd erklärt wird, dass Sex und Gender total voneinander unabhängige Dinge sind und sich alle Gleichstellungsbemühungen an Gender (und eben nicht an Sex) zu orientieren haben, dann müsste das was Martenstein hier skizziert als valides Szenario gelten dürfen.

    Zur "vernunftbegabten Mehrheit": Diese Vorstellung finde ich (passend zur Zeit) recht romantisch. Vielleicht gibt es die sogar wirklich - nur wird, wer nicht spricht, auch nicht gehört. Wer schreit, hingegen schon.

    Ich bin durchaus für Meinungsfreiheit, deshalb lese ich auch immer noch solche Kommentare, auch wenn ich selbst beiden Seiten nicht zustimmen will. Meinungs- und Redefreiheit hat immer etwas mit Erdulden zu tun. Und das tue ich. Es heißt aber nicht, dass ich die Leute, die solche Meinungen vertreten auch noch für zurechnungsfähig halten, oder gar mögen muss.

  2. ernst gab am 4. Dezember 2014, 15:44 folgenden Senf dazu:

    Jawoll – Risikosparten abkapseln, so wird’s gemacht. Zur E-off-Nachricht fällt mir nur ein: “Wir sind doch nicht blöd!” – Wer sagt das noch mal?

    Apropos neue Abzock-Gesetze: Demnächst noch mehr Staatsknete für bewohnbares Styropor, und Gabi himself hat’s schon probiert und findet’s gut. Na, wenn der’s nicht weiß… Dafür entfällt der Steuerrabatt auf Handwerksrechnungen. – Und wieder fällt mir der blöde Werbespruch ein… Jedenfalls solide gegenfinanziert. Und den zusätzlichen Sondermüll neutralisieren Saudies, Puties und sonstige Ärsche, indem sie das gesparte Öl wieder ins Loch drücken, echt geil.

    Ach ja, Martenstein: Die Sache mit den Aufsichtsratsmit/ohnegliedern geht uns ja wohl alle an. Schließlich stellen die ja annähernd 0,0001 % der Bevölkerung, die Inter-, Trans-, Homo-, Neger-, Indianer- und sonstige Quoten nicht mitgerechnet. – (Sorry, Sex, Gender… – arme Mutter- Sprache!) Wie wär’s denn mal mit ‘ner Normalo-Quote?

    Ehrlich, diese Symbolpolitik fürs Schaufenster erinnert mich schon wieder an Mediamarkt.

    /cbx meint dazu:

    Hm, dieser Planet könnte ein wahres Paradies (→Bayern) sein, wenn sich diese scheiß tumbe Bevölkerung nur marktkonformer verhalten würde. Aber sogar wenn man ihnen haarklein erklärt, was sie zu denken und zu meinen haben, kriegen sie's einfach nicht gerafft...

    Wär' ich Regierung, würd' ich ein neues Volk wählen.

  3. The Angry Nerd gab am 4. Dezember 2014, 18:17 folgenden Senf dazu:

    Die große Krise der Meinungs- und Redefreiheit sehe ich in letzter Zeit darin, dass es keine richtigen Meinungen mehr gibt. Sowohl bei den bezahlten als auch bei den freiwilligen Schreiberlingen scheint eine Reduktion auf das reine Werturteil stattgefunden zu haben. Man versucht sich auch nicht mehr in einem Diskurs mit Leuten anderer Meinung, sondern man versucht sich durch rhetorische Leberhaken in Richtung der Vertreter anderer Werturteile vor den Mitstreitern für die eigene Sache zu profilieren.

    Ein wichtiger Aspekt jeder kritischen Auseinandersetzung geht damit aber verloren, nämlich Toleranz. Wenn man keine Meinung, sondern nur ein Urteil, hat, dann gibt es keinen Kompromiss den man finden könnte, wenn sich die Urteile unterscheiden, weil sie ex nihilo aus dem Bauch und dem Moralempfinden entstehen, nicht aus Kognition und Argumenten. Die Bewertung verengt sich auf die Dichotomie aus “richtig oder falsch”, “gut oder böse” oder “Feind oder Freund”.
    Daraus folgt aber auch, dass man keinerlei Erkenntnisgewinn aus so einem Schlagabtausch ziehen kann. Man kann sich nur darin suhlen, dass die eigene Seite gewinnt oder sich darüber erregen, dass alles voller gröhlender, dummer Idioten ist.

    Es passt recht gut, dass wir mit dem zivilisierten Umgang miteinander auch die zivilisatorischen Errungenschaften langsam aber sicher aufgeben.

    /cbx meint dazu:

    Ja, nicht schön, Ich erkenne mich in Deiner Beschreibung ("...Man kann sich nur darin suhlen, dass die eigene Seite gewinnt oder sich darüber erregen, dass alles voller gröhlender, dummer Idioten ist...") sehr gut wieder.

    Jupp, ich sollte dieses wirkungslose Gesuhle und Geblubber wohl besser wirklich bleiben lassen.

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