Degiwa - oder "Das muss das Boot abkönnen"

13.12.2014 13:16 von /cbx, derzeit 2.47005 Kommentare

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Genau so stellt man sich die besinnliche Adventszeit vor. Im tiefen Osten marschieren die DEppenGEgenIrgendWAs durch die nächtlichen Straßen und grölen in ihrem kaum verständlichen Idiom auch semantisch Unverständliches von der Islamisierung des Abendlandes. Also nicht, dass ich glauben würde, die Mehrheit der marschierenden Pöbulanten hätte eine gefestigtere Ahnung davon, was man sich so unter abendländischen Werten vorstellen sollte…

Einige Kilometer weiter südlich brennen mal wieder Asylantenheime – auch wenn man diesmal peinlicherweise vergessen hat, mit dem Anzünden zu warten, bis auch echte Asylanten drin sind. Ja, die völkischen Zündler waren – auch und gerade wenn es ums echte Zündeln ging noch nie die hellsten Lichter…

Noch ein paar Kilometer weiter südlich im selben Land wollen die politischen Führungseliten den zugewanderten Staatsbürgern und Staatsbürgerschaftskandidaten per Gesetz (und vielleicht überwacht durch den Verfassungsschutz?) das Verwenden der Deutschen Sprache auch am heimatlichen Küchentisch (sowie aus dem Sofa und im Bett) vorschreiben. Mehr als pikant erscheint mir dabei auch die Tatsache, dass besagte politische Eliten dieses kuriosen Landes samt und sonders meilenweit davon entfernt sind, die geheiligte Muttersprache auch nur im Ansatz unfallfrei zu beherrschen. Der Nachweis wird täglich im Staatsrundfunk erbracht.


[erinnert sich noch jemand?]

Irgendwann lässt dann mein gutmenschen-Würgreiz nach und die wenigen verbliebenen Gehirnzellen beginnen wieder zu arbeiten. Und wenigen Sekunden, ja gut – Minuten – man wird ja auch älter, später beginnt es mich zu frösteln. Ich fühle mich wie Leutnant Werner in der legendären Szene aus dem Film “Das Boot”, als der Alte auf 160m tauchen lässt. Werner dürfte schon mit seinem Leben abgeschlossen haben und auch der L.I. wird sichtlich nervös, aber der Alte meint ganz entspannt: “Das muss das Boot abkönnen”. Fakt ist (so weit in einer fiktiven Geschichte Fakten eine Rolle spielen können): Er konnte nicht wissen, ob das Experiment klappen würde.

Ich hingegen sitze hier in der warmen Stube und echauffiere mich über die Deppen, die sich in einem Land, wo man Ausländer mit der Lupe suchen muss, vor der Islamisierung ihrer Heimat fürchten. Ach, wie lächerlich. Wir haben hier doch die Quintessenz der kulturellen Errungenschaften der letzten 2000 Jahre (davor gab’s das christliche Abendland ja noch nicht…) umgesetzt, sind ein durch und durch zivilisiertes Volk von kultivierten Feingeistern, dem die Ideale von Bergpredigt bis Aufklärung in Fleisch und Blut stecken, das seine große Freiheit als Recht wie auch als Pflicht versteht, dem die Unversehrtheit und Würde des Mitmenschen das höchste Gut bedeutet.

So (oder so ähnlich) zumindest steht es in unseren Grundgesetzen. Ja, wir haben hier eine hohe Kultur, eine moderne Zivilisation und eine wehrhafte Demokratie. Wie hat der Innenminister gestern so schön wiederholt: “Vorratsdatenspeicherung!” nein, diesmal nicht, sondern: “Wer hier bei uns lebt, muss das auch nach unseren Regeln tun”.

Das klingt erst mal gar nicht so schlecht – maßvoll, vernünftig, realistisch geradezu. Ja, klingen tut das gut. Es stellt sich nur die Frage, was passiert, wenn größere Gruppen eben nicht nach unseren Regeln spielen wollen. Und wenn die Frage dann schon im Raum steht, ist die Antwort nur einen Blick in die Nachrichten entfernt. Es passiert nichts, weil sich in Wahrheit noch nie jemand, der irgendetwas zu gewinnen hatte an die Spielregeln gehalten hat. Unsere so kultivierte und zivilisierte Gesellschaft hat nie aufgehört, allein nach dem Recht des Stärkeren zu funktionieren. Geändert hat sich nur, wer gerade aktuell den Stärkeren gibt. Aktuell sind das – richtig geraten – “die Märkte”, also all jene Personen, deren einzige Aufgabe es ist, aus wahnsinnig viel Besitz und Macht noch mehr davon zu machen.

Wir bedeutungslosen Zwutschgerl haben großteils schon verstanden, dass unsere einzige Aufgabe darin besteht, die paar realen Werte zu schaffen, die die Herrscher über unseren Planeten aufgrund ihrer körperlichen Existenz noch benötigen (weil man nicht nur Geld, sondern auch gehebelte Derivate und CDS nicht essen kann). Irgendwer muss die Maseratis und Learjets ja noch bauen. Sogar Fleisch, Milch und Getreide entstehen bis jetzt noch nicht durch Finanztransaktionen.

Der Rest ist Staffage. Menschenwürde? Freiheitsrechte? Wird abgeschafft, sobald es sich als lästig erweist. Zu beobachten ist das seit 2001 laut und im großen Stil, in den letzten Jahren dann im Zuge der “Finanzkrise” mit etwas weniger Getöse. Das Wahl- und Zahlvieh grummelt kurz und fügt sich alsbald in das Alternativlose. Was soll so etwas mit wehrhaft zu tun haben?

Im Gegensatz zu God’s Own Country gibt es bei uns so gut wie keine christlichen Hardcore-Fundamentalisten, dafür aber genug andere komplett wahnsinnige Religionsfanatiker (von Marktliberalen bis hin zu Islamisten). Und wenn die Bewahrter des Kapitals jemals zu dem Schluss klommen mögen, dass bärtige Gotteskrieger und eingesperrte verschleierte Frauen ihrem Wohlstand zuträglicher sind als ständig nörgelnde wohlstandsverwöhnte Mitredenwoller, dann sehe ich keinen Grund, warum nicht auch mitten in Europa neue Gottesstaaten entstehen sollen. Es ist ja im Grunde auch egal, ob man vorgibt Gott, Zinseszins, Allah oder dem Großen Grünen Arkelanfall zu dienen.

Conclusio: Nein, ich fürchte mich nicht vor der Islamisierung des Abendlandes. Allerdings nicht, weil ich glaube, dass sich unsere ach so großartige Kultur gegen die bärtigen Barbaren des Großen Gestrigen schon zu verteidigen wüsste, sondern viel mehr, weil wir schon jetzt mit dem Heiligen Zinseszins einen mindestens ebenso primitiven und rachsüchtigen Gott anbeten, ohne es überhaupt zu bemerken.

Deshalb werde ich in diesem Jahr zur Weihnacht auch kein kleines “Jesuskindlein” in die Krippe legen, sondern einen Josephspfennig.

/cbx, Kategorie: Rant & Grant -

 

Eigener Senf dazu?

  1. Peter Suxdorf gab am 14. Dezember 2014, 19:30 folgenden Senf dazu:

    Ähm…Nein.
    Ich bin jetzt mal wie der Mainstream vorgibt, wie ich zu sein habe.
    Ich bin dagegen und begründe es nicht.

    Ach, tut das gut. Endlich mal Meinung haben, wenn auch im fremden Blog und ungefragt, und keine Rechtfertigung dafür.

    /cbx meint dazu:

    Recht so! Ich auch!

    Also ich bin dafür! Dafür, dass Du dagegen bist!

    Oder dagegen, dafür zu sein, dass Du auch dagegen bist?

    Ach egal: "Das Unsere für uns!" Da bin ich dafür!

    Wurde mir gesagt

  2. The Angry Nerd gab am 19. Dezember 2014, 22:36 folgenden Senf dazu:

    Naja, ich glaube bei den PEGIDA-Hanseln sammelt sich vor allem ein großer Teil Leute, die deshalb demonstrieren, weil sie unzufrieden sind. Wirtschaftliche Not und diffuse Zukunftsängste sorgen dann dafür, dass man alles hernimmt, was Erklärung oder Lösung auf dem Etikett stehen hat – oder die Gelegenheit gibt, sich Luft zu machen.
    Und ich sehe den Umgang damit als eine Art Offenbarungseid der Demokratie. 15000 Menschen gehen auf die Straße und die Antwort lautet erstmal, dass man diesen Leuten nicht zuhören und nicht mit ihnen reden soll. So funktioniert Demokratie. Und so sorgt man auch bestimmt dafür, dass der braune Sumpf in dem das Pegida-Kraut gedeiht austrocknet…

    Was den Zinsgott angeht kann ich Deinem Geschimpfe nur zustimmen. Ich habe dieses Jahr auch gerade mal lausige 20% an der Börse gemacht. Darüber lachen echte Investmentbanker. Bei dem Tempo muss ich wirklich noch bis zur Rente arbeiten und kann in der Zwischenzeit nicht mal Porsche fahren.
    Immerhin, mit fleißigem Sparen trage ich hoffentlich durch den Entzug der liquiden Mittel aus dem Kreislauf ordentlich zum Einsetzen der Deflation bei. Dann wird mein Geld von alleine wertvoller… oder so.

    /cbx meint dazu:

    So lange sich die blökende Mehrheit allerdings immer noch am (ja, indirekt...) amtlich vorgegebenen Feindbild abarbeitet und sich damit automatisch auf die Blacklist aller echten Gutmenschen setzt, passiert ja genau das, was alle Besitzstandswahrer am liebsten wollen. "Nichts". Keine Veränderung der bestehenden Missstände. Und die haben so gut wie nichts mit Zuwanderern oder Moslems zu tun.

    Zu Deflation und Zins: Ich hoffe, Du hast nicht bei der AfD Gold, sondern bei der PARTEI Geld gekauft...

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