Von den Vorteilen eines "Failed State"

05.01.2015 15:00 von /cbx, derzeit 5.35297 Kommentare

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Die Wahrhaft Guten und Gerechten haben nicht nur in den zuletzt unvermeidbaren Jahresrückblicken wieder einmal mit fest geschlossenen Augen mehrere Sekunden lang gründlich nach den Schuldigen unserer derzeit so unvorstellbar misslichen Wirtschaftslage gesucht. Anschließend wurde dann mit der großen Keule ausgeholt und auf immer die Selben eingedroschen.

Abhängig von der aktuellen Fahnenrichtung wurde dann in Richtung der zockenden Banker (→Linke Bazillen), in Richtung der Griechen, Spanier, Italiener (→BILD-Leser) oder – ganz spezifisch – der Ausländer (→Idioten) geprügelt. Nachdem ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe, nicht einfach so auf Leute einzutreten, bloß weil sie denkfaule Deppen sind, möchte ich hier eine unerwartete Abzweigung nehmen und stattdessen auf die Failed States eingehen.


[“Blue Sky M” Photographer: Frank Behrends, June 29, 2013]

Dazu ist mir nämlich gerade in den letzten Tagen sehr deutlich klar geworden, dass es unter den aktuellen Umständen für viele Menschen sehr vorteilhaft sein kann, dass es in der EU eine ansehnliche Anzahl an Failed States gibt. Wobei – was ist eigentlich ein Failed State? Nun, nach meiner Beobachtung ist das primär eine abwertende Beschimpfung für einen Staat, der nicht mit den aktuell modischen Wertmaßstäben eines anderen Staates kompatibel ist.

Griechenland ist beispielsweise so ein Fall. Die Staatsverschuldung dort liegt in einer Größenordnung, dass der Staat nicht einmal mehr Kredite aufnehmen kann um die Zinsen jener Kredite zu bedienen, die aufgenommen wurden, um die Zinsen jener Kredite zu bedienen, die aufgenommen wurden, um die Zinsen jener Kredite zu bedienen, die aufgenommen wurden, um die Zinsen jener Kredite zu bedienen, die aufgenommen wurden, um… usw. Gut, das ist jetzt beileibe kein Alleinstellungsmerkmal für Griechenland, dieses Problem hat halb Europa. Hinzu kommen aber instabile politische Verhältnisse, bürgerkriegsähnliche Zustände, astronomische Arbeitslosenzahlen und ein vollständiger Zusammenbruch der Wirtschaft. Griechenland existiert nur mehr, weil ein geographischer Ort nicht einfach verschwindet und niemand ein Interesse daran hat, diese Ruine einer ehemaligen Hochkultur seinem eigenen Imperium einzuverleiben.

Doch auch die meisten anderen europäischen Staaten unterscheiden sich bestenfalls marginal von Griechenland. Was Verschuldung, Arbeitslosigkeit und politische Stabilität betrifft, so stehen Spanien, Portugal und Italien Griechenland kaum merklich nach. Auch vordergründig nicht betroffene Staaten befinden sich in einem jämmerlichen Zustand.

In Schweden beispielsweise wurde gerade ein Gesetz beschlossen, das sicher stellt, dass die Budgetentwürfe aller Mitglieder der dortigen Minderheitsregierung automatisch gebilligt werden, weil die aus einem Budgetkonflikt möglicherweise entstehende Neuwahl eine “unerwünschte” Partei an die Macht bringen könnte. Noch einmal zum Mitdenken. Die Minderheitsregierung hat sich geeinigt, nicht mehr über Geld zu debattieren, weil bei einer vorgezogenen Neuwahl vermutlich eine Partei starke Gewinne einfahren würde, die der herrschenden Minderheit nicht genehm ist. Welch ein Demokratieverständnis!

Da sind de Schweden sogar den Deutschen ein Stück voraus. Dort hat sich in den letzten (je nach Stimmungslage) 10 bis 20 Jahren eine Einheitspartei aus CDU/CSU/SPD/Grünen (und einst der FDP) gebildet, die unter völliger Aufgabe aller Parteiprogramme alles tut, um ihren status quo zu erhalten. Das hat über viele Jahre hinweg so gut funktioniert, dass jeder noch so hanebüchene Unfug bis hin zum Bruch bestehender Verträge (Atomausstieg[ausstieg], Euro-Rettungsschirme…) nach Gutsherrenart als alternativlos durchgesetzt werden konnte. Seitdem nun aus dem Ärger der verarschten Bevölkerung durch AfD und PEGIDA ernsthafte Bedrohungen erwachsen, zieht sich die Wagenburg der Besitzstandswahrer nur noch enger zusammen.

Insofern läge es durchaus nahe, ganz Europa – genau wie alle seine Einzelstaaten – als failed zu bezeichnen. Trotzdem aber gibt es noch einige Staaten, die faileder sind als andere. Und einer der failedesten Saaten in Europa ist sicherlich Italien. Die Staatsverschuldung ist schon seit Jahrzehnten absurd hoch, die Wirtschaft schwach, die Korruption blüht und spätestens seit der Ära Berlusconi fühlt sich eigentlich niemand mehr ernsthaft an Gesetze gebunden.

Und doch – nicht trotzdem, sondern, wie ich vermute, gerade deswegen hat Italien in den letzten Jahren – und ganz besonders in den letzten Tagen – einige humanitäre Leistungen vollbracht, die – da bin ich mir sicher – ein ordentliches und zivilisiertes Land wie Deutschland so nicht zustande gebracht hätte.

Schon im Zuge der Aktion Mare Nostrum hat Italien unter erheblichem Materialeinsatz wohl fast 100.000 Flüchtlinge vor dem sicheren Tod auf See gerettet. Nachdem allerdings der restlichen EU die Bedrohung durch die “Massen” geretteter Flüchtlinge zu groß geworden war, wurde Mare Nostrum zum Ende Oktober letzten Jahres durch Triton ersetzt – eine Operation, deren vordringliches Ziel es war, den Strom der Flüchtlinge erst unmittelbar vor den eigenen Küsten abzufangen – ganz klar in der Hoffnung, die meisten würden ohnehin bereits auf dem Weg dort hin ertrinken.

Die Schlepper indes lernten schnell, stellten – um ihr lukratives Geschäftsmodell zu erhalten – die Strategie um und schickten fortan sehr große, relativ seetüchtige aber führerlose Geisterschiffe mit direktem Kurs auf bewohnte Küstenabschnitte los. Während – wie im Fall des Frachters Blue Sky M – die türkischen und griechischen Behörden sich nach Kräften bemühten, nichts zu sehen, war es einmal mehr die italienische Küstenwache, die in einer filmreifen Aktion das Schiff unter ihre Kontrolle brachte und fast 1000 Flüchtlinge nach Italien in Sicherheit brachte.

Für mich ist es ziemlich naheliegend, dass diese (vernünftigen und vor allem menschlichen) Entscheidungen (in erster Näherung, versteht sich) hauptsächlich deshalb getroffen werden konnten, weil eben keine politischen Rücksichten genommen werden mussten, weil keine lange Befehlskette mit zahllosen Wichtigtuern an zweckfreien Seitenästen berücksichtigt werden wollte und weil keine intrikaten Kostenüberlegungen (Kosten? Wir haben doch eh kein Geld…) getroffen werden mussten. Hier konnten Entscheider sehr nahe an der Sache nach ihrem Gewissen handeln ohne deshalb den Zorn der amtlichen Bedenkenträger fürchten zu müssen.

Wie das wohl in Deutschland ausgegangen wäre?

Nun, vermutlich wären allein, bis da entschieden worden wäre, wohin das Schiff zurück geschickt werden soll, eh schon fast alle ertrunken oder erfroren.

/cbx, Kategorie: Rant & Grant -

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 5. Januar 2015, 19:28 folgenden Senf dazu:

    Vergiss bei der Aufzählung griechischer Probleme nicht das auseinanderfallende Gesundheitswesen.

    Ich finde es durchaus bedenklich, dass wir derzeit einen gravierenden Rechtsruck in Europa haben. Das einzige was mir noch wesentlich bedenklicher erscheint ist, wie darauf reagiert wird. Einerseits von Seiten der “herrschenden Klasse”, die, wie schön beschrieben, eine Wagenburg baut, anstatt das zu tun, was man uns immer als Demokratie verkauft hat: Nämlich einen sachlichen Diskurs zu führen. Stattdessen wird der andersmeinende zur persona non grata erklärt: Mit Nazis spricht man halt nicht.
    Wenn man lange genug den Kopf in den Sand steckt und den Leuten sagt, dass ihr Islamhass (“Hass” – das neue doppelplusungut) ein Zeichen von Dummheit ist und sie ja alle nur Verlierer sind, dann werden die sich schon wieder einbekommen. In Schweden, in Deutschland und auch ganz sicher in Frankreich.

    Noch schlimmer macht es eigentlich nur, dass man von links fast genauso in die Zange genommen wird. Mittlerweile kursieren wohl auf Facebook Checklisten, anhand derer man die Nähe von “Freunden” zu PEGIDA erkennen können soll. Folgt dann jemand aus dem Freundeskreis dieser oder jener Seite oder ist Mitglied in irgendeiner Gruppe, soll man ihn auch ganz fix entfreunden.

    Und die “bürgerliche Mitte” hat in der Zwischenzeit die soziale Marktwirtschaft sturmreif geschossen, die bürgerlichen Freiheitsrechte ausgehöhlt und sich den Buckel krumm geschuftet, um die Umverteilung nach oben möglichst stark zu beschleunigen. Die Presse ist mittlerweile so im Eimer, dass sie sich schon selbst anfängt um den Vertrauensverlust ihrer Leser zu drehen und zwischem blinden Umherschlagen, indem Verschwörungsgeschwafel über Kampagnen gegen den ÖRR abgesondert wird, und politischem “den Sorgen der Menschen zuhören”, indem man kleine Fehlerchen eingesteht, nicht ohne zu betonen, dass der Rest des Misthaufens noch mehr stinken würde, wechselt.

    Wenn man sich anschaut welche Optionen man derzeit hat kann einem schon übel werden. Wirklich demokratisch sieht es nirgendwo mehr aus.

    /cbx meint dazu:

    Gesundheitssystem? Na das läuft bei solchen Umständen doch schon lange unter "Überflüssiger Luxus". Ansonsten: Full ACK. Ob die Wagenburgstrategie allerdings wirklich aufgehen wird, wage auch ich zu bezweifeln. Angesichts der wirklich obszön präpotenten Arroganz gegenüber den PEGIDA-Protestlern frage sogar ich mich schon seit einiger Zeit, ob das nicht die weniger gefährlichen Vollidioten sind.

    Aber man muss gar nicht spekulieren - wir werden alles live in 3D und Farbe erleben! 2015 leuchtet!

  2. Peter Suxdorf gab am 6. Januar 2015, 08:47 folgenden Senf dazu:

    Ich mußte mir gerade das Grinsen nicht unterdrücken.

    “Gravierender Rechtsruck”

    Wenn alle ausnahmslos links an der Wand stehen, ist automatisch jeder Stolperer zur anderen Seite “rechtsgeruckt” = “Nazi”

    Und – bämm – gibt es wieder einen mit der braunen Keule.

    Ich für mich stelle jedenfalls mit Schrecken fest, daß ich aufgrund meiner abweichenden Meinung vom Mainstream – selber denken, zu anderen, nicht unbedingt richtigen Schlüssen kommen – seit einigen Jahren auch Nazi bin.

    Wobei ich tatsächlich allüberall die Differenzierung vermisse zwischen Ausländern und Ausländern.
    Keine durchs Dorf getriebene Sau, die bei Pegida mitmacht, hat m.b.M.n. ein Problem mit dem Ausländer aus Spanien, Portugal, Italien, Griechenland oder sogar dem alteingesessenen Türken.

    Das nicht ausgesprochenen, weil nicht aussprechen dürfende, Problem sind doch die Ausländer mit islamischen Hintergrund aus Großarabien, Nordafrika und die Neutürken (Isch disch Messer)

    Und ja, auch ich habe ein Problem mit ihnen. Nicht wegen ihnen, sondern weil unsere Politkommissare sowohl aus Brüssel als auch aus Berlin nicht ansatzweise rechtschaffen mit Menschen aus diesem von uns deutlich unterschiedenem Kulturkreis umgehen.

    Wir haben seit Anfang der 1960er Jahre Türken, also Moslems bei uns und meist gerne (Döner, Fließband, Dreckarbeit) und never ever darüber nachgedacht Kreuze abzuhängen, Schweinefleisch aus der Kantine zu verbannen oder Schwimmbäder zu verdunkeln, damit junge Damen in Volltextil unbeblickt Schwimmunterricht geniessen dürfen.

    Warum jetzt, warum diese Forderungen von den eingeborenen Deutschen?

    Das ist Banane daran und deswegen kann ich leider die Leute von Pegida auch verstehen und damit bin ich Nazi.

    /cbx meint dazu:

    Nun, so gesehen bin auch ich in den letzten Jahren Nazi geworden. Und Sexist. Und Rassist. Und Maskulist. Und Abelist. Und noch 17 andere -isten, die ich noch gar nicht kenne. Ist grad ein bissl schwer, dabei nicht in Endzeitstimmung zu verfallen...

    Auch - und das geht an Euch beide@Angry Nerd und @Peter Suxdorf - weil ich zwei thematisch relativ breite Posts mit jeder Menge an Hooks geschrieben habe und ihr Beide die durchaus positive Grundaussage dieser Geschichte komplett ignoriert habt. Das mit dem Aufhetzen aller gegen alle scheint ja schon beängstigend weit fortgeschritten zu sein...

  3. Peter Suxdorf gab am 6. Januar 2015, 15:19 folgenden Senf dazu:

    Das mit dem Divide et impera hatte ich irgendwo auf Facebook mal geschrieben. Das versteht nicht jeder, weil die Tagesschau es nicht meldet und weder Blöd, Lokus noch Schmiergel darüber schreiben…

    /cbx meint dazu:

    Auf Facebook? Und dann auch noch Latein? Hättest mal besser auf Klopapier geschrieben, da hätten mehr Ärsche was davon gehabt...

    So lange aber dieses Aufrechterhalten sinnloser Nebenkriegsschauplätze und gegenseitige Aufwiegeln noch als Verschwörungstheorie durchgeht, müssen wir uns wohl noch keine Sorgen machen, oder?

  4. The Angry Nerd gab am 6. Januar 2015, 18:38 folgenden Senf dazu:

    @ Peter
    Du setzt Rechtsruck mit Nazifizierung gleich? Ich nicht. Ein eindrucksvolles Beispiel wie die unterstellte Indoktrination sich qua Unterstellung bewahrheitet? ;)

    Das teilweise mit hochgespülte, rechtsextreme Gedankengut gefällt mir aber in der Tat nicht.

    @ cbx
    Ist die Grundaussage denn so positiv?

    Und was die Hoffnung angeht, dass die Pegiden das kleinere Übel sind, wünsche ich mir, dass Du Recht behalten magst.

    /cbx meint dazu:

    Also ich hatte meine Grundaussage durchaus positiv gesehen. Und zwar die, dass es ein einem Failed State immer noch viele Menschen gibt, die wissen, was menschlich ist und danach handeln. Dass die italienische Küstenwache nämlich immer wieder Massen von Menschen von ihren Seelenverkäufern rettet und an Land bringt, ist nach allen Regeln des politischen Kalküls falsch und sendet auch noch die falschen Signale. Aber es ist human.

    Und ob rechts- links- oben- oder untenextrem wird schon bald kein Thema mehr sein, wenn nämlich die Scheiße den Ventilator trifft und das globale Kreditkartenhaus endgültig zusammenbricht. Dann wird es nur mehr Verlierer geben.

  5. The Angry Nerd gab am 8. Januar 2015, 02:39 folgenden Senf dazu:

    @ cbx

    Ich bin vermutlich schon zu zynisch geworden.

    Wenn Menschen sich ohne äußeren Druck nicht mehr human verhalten, dann ist das Ende nah. Kein normaler Mensch kann jemandem beim Sterben zusehen, wenn er nicht intensiv moralisch präpariert wurde. Und selbst wenn man Leuten jahrelang eintrichtert wie minderwertig und unmenschlich irgendwelche Menschen seien, regt sich bei den meisten doch noch Menschlichkeit, wenn sie Zeugen inhumaner Geschehnisse werden ohne dabei selbst unmittelbar bedroht zu sein.

    Wenn man sich aber schon darauf besinnen muss, dass die Menschen noch nicht jeden Urinstinkt verloren haben, dann steht es sehr schlecht. Das bleibt einem nämlich selbst in den schlimmsten diktatorischen Regimen noch.

    /cbx meint dazu:

    An dieser Stelle hätte ich eher der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass das Gute (...) schon noch in den Menschen steckt und auch sichtbar wird, sobald man es nicht in Befehlsketten und Verantwortungsdelegation ersäuft.

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