Gefährlich ist's, den Leu...

07.01.2015 19:36 von /cbx, derzeit 1.15860 Kommentare

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…zu necken – so etwas in der Art hat Herr Schiller vor einigen Jahren in ein bleischweres Stück Deutscher Lyrik gepresst. Und das ist’s, was von meinem Plane blieb.

Ich hatte einen ziemlich breiten und umfangreichen vollapokalyptischen Rant so gut wie fertig im Kopf und jetzt müssen da doch tatsächlich zwei halbwilde Vollidioten mitten in Paris die Redaktion eines Magazins stürmen und mal eben zwölf Menschen umbringen, weil – so wird kolportiert – diese wohl den Allerbarmer und/oder seinen Privatsekretär Propheten beleidigt hätten.

Zu dieser “Begründung” von mir nur so viel: Entweder man glaubt an diesen Hokuspokus und akzeptiert, dass der eine, wahre Gott eben das ist – nämlich ein Gott oder man lässt es bleiben. Also wenn ich ein Gott wäre (so wie beispielsweise in meiner Firma), dann wäre es mir reichlich egal, was irgendwelche Würstlgriller über mich spotten (wissen schon: ich: Gott, die: Würstlgriller). Vor allem aber bräuchte ich keine barfüßigen Intelligenzidiosynkratiker, die meinen, meine Angelegenheiten in ihre ungewaschenen Hände nehmen zu müssen.

[Allah ist groß genug, um Mohammed selbst zu verteidigen, verstanden?]

Nicht umsonst haben in historischen Zeiten Monarchen ihren absoluten Status dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie keinerlei Schamgefühl zeigten (und beispielsweise inmitten der versammelten Festtafel ausgiebig den Leibstuhl benutzten). Wer glaubt, “seinen” Gott verteidigen zu müssen, hat ein sehr eigenartiges Bild von ihm. Aber egal.

Während gerade eine Welle der Empörung und “Solidarisierung” durch das globale Dorf getrieben wird, tun mir die Angehörigen der zwei getöteten Polizisten leid. Die sind nämlich die einzigen wirklich unschuldigen Opfer. Ich vermute zwar, dass auch in Frankreich das Töten von Menschen generell eher verboten ist (also nur erlaubt, wenn ausreichende politische Gründe vorliegen), trotzdem würde auch ich beispielsweise einem schlecht gelaunten Türsteher keine Unflätigkeiten ins Gesicht sagen, wenn ich auf die Beibehaltung meiner körperlichen Unversehrtheit Wert lege. Die Satiriker von Charlie Hebdo haben sich ganz bewusst mit einer extrem gewaltbereiten und der sachlichen Argumentation keineswegs zugänglichen Horde von Wahnsinnigen (das gilt selbstverständlich für Religionsfanatiker jeder Coleur, egal ob Gott, Allah, Steve Jobs oder Emacs) angelegt und heute (nochmals) die Rechnung präsentiert bekommen.

Und wenn die politische Opportunität es nicht verböte, könnte man sich natürlich schon fragen, ob das jetzt wirklich Märtyrer der Meinungsfreiheit oder doch nur leichtsinnige Idioten waren…

/cbx, Kategorie: Rant & Grant -

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 8. Januar 2015, 02:14 folgenden Senf dazu:

    Bei der Frage ob Märtyrer oder Idioten fällt mir ein alter Witz aus dem Dritten Reich (1941 oder später) ein:
    Unterhalten sich zwei Häftlinge im KZ, fragt der eine den anderen, weswegen er verurteilt wurde: “Ich hab am 5. Mai gesagt, dass der Heß völlig verrückt sei.” Der andere entgegnet darauf: “Ich hab am 15. das Gegenteil behauptet.”

    So ähnlich sieht das auch mit Charlie Hebdo aus. Jetzt, wo man ein paar davon erschossen hat, sind es Helden, die ihr Leben für die Meinungsfreiheit und die demokratischen Grundrechte gegeben haben. Als sie nur bedroht wurden oder man ein bisschen in ihrem Büro gezündelt hat, da wurden sie aus der gleichen Ecke noch sehr kritisch gesehen und man hat ihnen vorgeworfen, Öl ins Feuer zu gießen, zu provozieren und einer Verständigung abträglich zu sein.

    Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in einer Superposition. Natürlich ist es leichtsinnig sich mit Extremisten anzulegen, besonders dann, wenn die einen schon auf eine Abschussliste gesetzt haben. Der Vergleich mit einem Türsteher ist aber fast schon zynisch, weil er nahelegt, dass verballhornende Zeichnungen in einem Satiremagazin ähnlich einzuordnen wären, wie Diskussionen mit jemandem, der das Hausrecht auf seiner Seite hat und den Zugang zu privaten Veranstaltungen regelt. Richtiger wäre ein Vergleich mit ein paar Mafiosi.

    Ich lehne mich bei der Sache zurück, gratuliere Dir zum Eintreten der Prophezeiung, dass 2015 ein leuchtendes Jahr wird und genieße das absurde Theater. Wenn die Aussage aus zweiter Hand stimmt, war im ZDF bereits die Rede davon, dass das ein rechtsradikaler Anschlag unter falscher Flagge gewesen sein könnte. Und einer der Täter soll seinen Ausweis im Fluchtwagen verloren haben. Da kann man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Vor allem dann nicht, wenn die Franzosen selbst schon von ihrem 11. September sprechen.

    Was die Angehörigen der Polizisten angeht fühle ich ganz mit Dir. Schließlich hat es mit denen echte Menschen getroffen. Und dann wurden die Polizisten auch noch erschossen, anstatt einfach zu verhungern oder zu ertrinken. Das ist schon besonders schlimm.

    /cbx meint dazu:

    Wow, Du bist ja wirklich ganz schön zynisch geworden. Das Beispiel mit dem Türsteher war übrigens durchaus überlegt gewählt. Wer sich im Besitz der einzig wahren Wahrheit wähnt, hat nämlich auch alle Rechte auf seiner Seite.

    Wie das in Paris weitergeht, werden wir eh erleben - und praktischerweise wird sich auch da kaum jemand an Fakten stören. Und natürlich sind die Polizisten echtere Menschen. Sie sind Leistungsträger und keine Wirtschaftsflüchtlinge, die trotzdem ein paar tausend Dollar für eine Mittelmeerkreuzfahrt bezahlen können...

    Zynisch genug?

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