Vom Segen der Religion

08.01.2015 20:18 von /cbx, derzeit 1.19600 Kommentare

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Nein, ich will mich nicht in die endlose Kolonne derer einreihen, die dieses Massaker in Paris für ihre private Agenda instrumentalisieren – und zwar auch deshalb, weil sogar ich ein einigermaßen seltsames Magengrummeln verspüre, wenn ich feststelle, dass mich der Tod von ein paar Franzosen doch so viel mehr beschäftigt als das tägliche Massensterben das findige Geschäftsleute und die EU-Agentur FRONTEX im Mittelmeer veranstalten, um hier unseren Wohnkomfort aufrecht zu erhalten. Ist so. Bin ein zynisches Arschloch. Abgehakt.

Was mir heute – unpassenderweise während der “Arbeitszeit” – zu denken gegeben hat, war ein kurzer und simpler Post von Oachkatz. In wie weit ist “Religion” an solchen Taten schuld, in wie weit ist sie ein vorgeschobenes Vehikel?

Und ich fragte mich natürlich sofort:


»Wozu sollte irgend ein Mensch diese “Religionen” wirklich brauchen?«

Ein oft und gerne missverstandener Kenner der menschlichen Natur bezeichnete die offiziellen “Religionen” einst sehr plakativ als “das Opium des Volkes”.

Hui, an diesem Satz stimmen ja mindestens zwei Dinge nicht. Erstens war Herr Marx alles mögliche, aber sicher kein profunder Kenner der menschlichen Natur und zweitens kann “Religion” alles mögliche sein, nur “Opium” passt denkbar schlecht.

Ich glaube nämlich – bezugnehmend auf meine eben gestellte, gar nicht so rhetorische Frage – nicht, dass Menschen überhaupt auf eine Religion verzichten können. Religion ist für mich viel eher “das Wasser des Volkes”. Was? Habe ich das gerade wirklich geschrieben?

Nun gut, damit jemand wie ich, der bekanntlich dem Gott-Hokuspokus eher wenig abgewinnen kann, so etwas behaupten kann, ohne im Vortex der rekursiven Selbstwidersprüchlichkeit zu verschwinden, muss man den Religionsbegriff vielleicht ein paar µm weiter fassen.

Ich glaube (seht ihr? geht schon los!) nämlich einfach, dass jeder Mensch ein paar fundamentale Axiome braucht, auf die er sein Weltbild montieren kann, ein paar Wahrheiten, die man nicht an einem verlängerten Abend wegdiskutieren kann, die ohne langes Hinterfragen sofort und jederzeit als Leitpfosten eines Lebensweges dienen können. Vor annähernd unendlich langer Zeit hatte ich hier einen erkenntnistheoretischen Essay verbrochen, der andeutete, dass einfache Menschen letztlich ziemlich genau 100% dessen, was sie für Gewissheit halten, irgend jemandem glauben müssen. Fast alle großen Gewissheiten unserer modernen, aufgeklärten (#hust!#) Zeit lassen sich vom einfachen Fußgänger nicht selbst beweisen.

Vielleicht schaffen wir uns gerade deshalb – als Gegenpol zu all dem, was wir gezwungen werden, es als objektives Wissen zu glauben – ein religiöses Glaubenssystem, von dem wir immerhin wissen, dass wir daran nur glauben.

Und so ein Glaubenssystem hat vermutlich wirklich jeder. Sogar unter den strengsten Atheisten gibt es beispielsweise welche, die niemanden häretisch an ihrem streng positivistischen Weltbild rütteln sehen wollen (Homöopathie? → Hokuspokus!). Und auch Menschen, die ununterbrochen den Heiligen Laizismus predigen (…), verfallen in gerechten Zorn, wenn jemand Ihr [Apple/Windows/Linux/…] Gerät verspottet (Meins ist immer besser als Deins!).

Das bedeutet nun nicht automatisch, dass diese fundamentalen Axiome sich nicht auch im Laufe eines Lebens ändern können, aber wenn, dann tun sie das üblicherweise langsam und graduell (wir altern uns konservativ) – oder schnell und grundlegend als Resultat einer traumatischen Erfahrung (die militantesten Nichtraucher sind konvertierte Raucher). Um all das beobachten zu können, braucht man keine institutionalisierten Buchreligionen, dafür taugt, wie meine Beispiele andeuten sollen, jede Überzeugungsgemeinschaft.

Man wird die inhärente Sehnsucht nach Religion nicht aus den Menschen heraus bekommen – und genau deshalb ist sie ein so verdammt effektives Vehikel für jede niederträchtige Idee, von Marketing (→Apple?) bis Massenmord (→Islam?). Wenn jemand das Bedürfnis hat, ein Arschloch zu sein, dann wird er das sogar noch überzeugter sein, wenn er ein passendes “religiöses” Motiv dafür geliefert bekommt.

Umgekehrt aber bedeutet das aber – wie ich glaube – ebenso, dass man auch um ein “guter Mensch” zu sein, keine amtliche Religion braucht. Um ein nach unseren Mehrheitsmaßstäben respektables Leben zu führen, genügt es vermutlich, dem kategorischen Imperativ oder auch nur seiner Kindergartenversion (“Was du nicht willst, dass man Dir tu’, das füg’ auch keinem Anderen zu”) zu folgen, Dafür braucht es keinen ausufernden Beamtenapparat mit Immobilien in Top-Lage und angeschlossenem Fegefeuer.

Und damit komme ich zur Antwort auf meine eingangs so fett hingerotzte Frage:

»Niemand braucht Religionen, aber jeder braucht eine Religion!«

Und wenn ich mir die Bilanz so ansehe, welche Kollateralschäden die großen Buchreligionen in den letzten paar hundert Jahren so angerichtet haben, dann würde ich mir schon wünschen, dass diese mitsamt ihrem enormen gehebelten Massen-Missbrauchspotenzial verschwinden und einer individuellen Religiosität Platz machen.

Das wird allerdings nicht klappen, denn der Mensch ist – wenn schon sonst nie – in diesem Fall ein sehr soziales Wesen und eine Religion nur so viel wert, wie sie taugt, das Gefühl einer Gruppenzugehörigkeit zu erzeugen. Und schon ist der Hebel wieder da.

Tja, schade eigentlich – dann werden wir uns wohl weiter im Namen unserer allumfassend liebenden und erbarmenden Götter die Schädel einschlagen…

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos -

 

Eigener Senf dazu?

  1. oachkatz gab am 11. Januar 2015, 22:17 folgenden Senf dazu:

    Aber egal, ob individuell oder als Masse: ein damit nicht behobenes Problem ist sicher das Ausgrenzende einer jeden Religion gegenüber den anderen und die Wichtigkeit, die sie mit ihrem ausgrenzenden Charakter im täglichen Leben spielt. Oder wie ausschließlich und intolerant sie von ihren jeweiligen Anhängern gelebt wird…

    /cbx meint dazu:

    Wobei Ausgrenzung bzw. Diskriminierung durch ihren identitätsstiftenden Charakter natürlich einerseits eine der wichtigsten Funktionen einer Religion ist. Und so lange sich Ausgrenzung primär im Kopf abspielt, ist sie für mich auch kein unerträgliches Problem (ist halt keine perfekte Welt hier) - das entsteht immer erst durch Handlungen.

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