Woher weiß so ein Computer eigentlich...

19.04.2015 16:22 von /cbx, derzeit 2.48487 Kommentare

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..immer so genau, wann der beste Zeitpunkt für einen Ausfall ist? Ich suche schon lange nicht mehr nach NSA-Backdoors, versteckten Seriennummern und schwachen RNGs, aber wo sich dieser Sensor befindet, der so präzise den Zeitpunkt maximaler Unpassendheit findet, wüste ich schon gerne.

Am Mittwoch nämlich, dem 22.04.2015 soll die AMADYNE GmbH ihren Anschluss ans 21. Jahrhundert schaffen und damit quasi gleich zwei Jahrhunderte auf einmal springen. Denn bis jetzt sind wir doch wirklich – festhalten! – mit 2Mbit/192kbit ans Internet angebunden. Mehr gab’s bis vor Kurzem im Industriegebiet Süd auch für Geld und gute Worte nicht zu kaufen.

Dann aber hat sich die Telekom erbarmt und ganz Bühl – inklusive Industriegebiet auf VDSL aufgerüstet. Und jetzt sollten also sogar wir in den Genuss von 2× 100Mbit/40Mbit kommen. Falls da nicht auch noch eine Überraschung auf uns wartet.


[Nein, der was’s glücklicherweise nicht]

Die erste diesbezügliche Überraschung indes wartete schon am Freitag Morgen (genau genommen um 06:40 Uhr) auf meine koffeinunterversorgten Nerven.

Kein Internet!

Eines konnte man unserem DSL2000 nicht absprechen. Nachdem ich sämtliche (pssst! auch Telekom-)Leitungen ordentlich entrostet und verschraubt hatte, funktionierte das mit der Zuverlässigkeit eines tropfenden Wasserhahnes. Deshalb checkte ich nur kurz die LEDs der zum Modem degradierten FritzBox (alles grün) und versuchte mich dann in den guten alten Server bonaire (Baujahr 2007) einzuloggen. Es bleib jedoch beim Versuch.

Ein beherzter Hechtsprung in die Staubwogen unter dem Tisch, wo er – bis zum Umzug in den neuen Serverschrank – noch steht, ergaben ein gemischtes Bild. Die Lüfter drehten sich noch, ansonsten aber herrschte Schweigen. Ein herber Geruch von Arbeit wehte durch den Raum.

Nach einigen Minuten war der Server aus seinem Kabelgefängnis entwirrt und lag auf meinem Basteltisch. Diagnose: Ein weiteres der damals, so um 2006, gekauften High Endurance, High Reliability Netzteile hatte seinen Geist aufgegeben. Ersatzteile? Sah gerade mal wieder mau aus. Also eine zufällig herumstehende Workstation geschlachtet und den Energiespender transplantiert.

Sobald ich einen BIOS-Bootscreen sah, wanderte das ganze (schwere!) Gerät wieder an seinen Arbeitsplatz. In drei Minuten würden wir wieder online sein.

Doch weit gefehlt. Der Bootloader startete brav den archaischen Kernel (2.6.27.61-PAE), der mountete das Rootdevice und begann die Startskripte abzuarbeiten. Dabei fiel allerdings störend auf, dass der Kernel keine Module laden konnte. Keine! Damit waren mir so unwesentliche Segnungen wie LAN und USB versagt. Ein Versuch mit anderen Kernels zeigte das gleiche Bild. Na bravo! Inzwischen tröpfelten die ersten Mitarbeiter ein und entnahmen meinem Mienenspiel, das es besser war, nicht zu fragen, wann es denn wieder Internet gäbe.

Warum war das alles eigentlich so kompliziert? Nun, um mit einem Uplink von unter 200kbit/s überhaupt auch nur ansatzweise Mailversand, Fernwartung und natürlich facebook unter einen Hut zu kriegen, waren ein paar sehr gefinkelte Traffic Shaping Spielereien mit QDISC und HTB erforderlich – und das war mit der Fritzbox nicht zu machen. Deshalb musste bonaire diese Aufgabe weiterhin übernehmen. Alle anderen wichtigen Jobs hatte ich bis vor einigen Tagen endgültig auf den neuen Hobel fiji migriert. Bonaire blieb damit das Backupsystem ohne besondere (sonstige…) Aufgaben. In drei Tagen (mit dem neuen VDSL-Router) wäre es vermutlich niemandem mehr aufgefallen, wenn bonaire sich ungeplanten Urlaub genommen hätte.

Ich brauchte wohl etwas mehr Zeit, das zu fixen. Um mich vor aufkommenden Mordgelüsten der Mitarbeiter zu schützen (“ich komm’ nicht aufs Facebook!!!”), konfigurierte ich die alte Fritzbox kurzerhand wieder als Router auf der IP-Adresse von bonaire, steckte den LAN-Port an den core switch und machte mir erst mal einen starken Kaffee.

Was passiert sein musste, war, dass ich im Zuge der laufenden Verbesserungen einige Szenarien durchgespielt und dabei wohl irgendwann versehentlich den Modulloader (kmod) upgedated hatte. Bonaire hatte vor dem Ausfall eine Uptime von 403 Tagen, war also seit über einem Jahr nicht neu gestartet worden, wodurch der Fehler unentdeckt blieb. Was ich also tun musste, war, einen hinreichend alten Modulloader auf die Kiste bringen. Glücklicherweise war unser Webserver dominica genau so archaisch und so konnte ich dort ein passendes Paket packen. Dann musste ich nur noch auf bonaire einen Kernel mit integrierten Netzwerktreibern backen und schon konnte ich das alte Paket ganz komfortabel per ssh einspielen. Na das war ja einfach. Schon kurz nach zehn lief alles wieder so wie am Vorabend.

Tja, blöd gelaufen. Schon beim Aufbau von fiji hatte ich beschlossen, den mindestens einmal monatlich zu rebooten (auch wenn der vpenis dabei schrumpft), bonaire aber wurde immer nur für Hardwaretausch herunter gefahren. Warum auch nicht – der war ja stets vollkommen störungsfrei gelaufen.

Alles in allem war das eine selten sinnlose Aktion: ein Ausfall, der ein paar Tage später niemanden mehr gejuckt hätte und eine Erkenntnis, die ich ohnehin schon gewonnen hatte.

Naja, immerhin hat es noch für einen Blogpost gereicht.

/cbx, Kategorie: Rant & Grant - Linux LeidenSchaf(f)t

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 19. April 2015, 19:07 folgenden Senf dazu:

    Ah, QDISC und Traffic Shaping…
    Damit hatte ich vor einigen Jahren auch zu schaffen, als ich dafür sorgen musste, dass ein Server mit gewissen Dingen nicht das lokale Netz nicht komplett zustopfen kann.

    Na dann Glückwunsch zur neuen Internetanbindung. Jetzt kannst Du endlich Youtube in Full HD anschauen und die coolsten Videos mit Deinen Mitarbeitern auf Facebook teilen.

    /cbx meint dazu:

    Ich persönlich wäre ja schon zufrieden wenn wir dann gleichtzeitig

    1. Ein Mail mit Attachment verschicken,
    2. eine vnc-Sitzung und
    3. ein paar ssh Sitzungen betreiben
    können, ohne nach jeden Tastendruck 15 Sekunden warten zu müssen...

  2. André gab am 25. Juni 2015, 19:28 folgenden Senf dazu:

    OT:

    Dürfen Auslands-Österreicher an Österreichischen Volksbegehren teilnehmen?

    http://de.sputniknews.com/politik/20150624/302915714.html

    Hab leider keinen deutschen Presselink gefunden.

    /cbx meint dazu:

    Also ich hätte da schon was gefunden. Das Volksbegehren findet also wohl wirklich statt und natürlich darf ich daran teilnehmen.

    Es stellt sich indes die Frage, warum ich das tun sollte. Nur so als Denkanstoß: Wenn mein Flugzeug brennend von Himmel fällt, hilft es auch nichts, wenn ich dann noch aus der Passagierliste austrete...

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