Wer dabei nicht den Verstand verliert...

30.08.2015 13:42 von /cbx, derzeit 1.38761 Kommentare

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…darf sich mit Recht einen Pragmatiker nennen. Dieser Planet quillt geradezu über von Pragmatikern und – ja – ich bin wohl auch einer von denen. Ganz pragmatisch habe ich vor längerer Zeit beschlossen, mir die Schmerzen, welche die Schere in meinem Kopf immer dann verursacht, wenn sie sich wieder ein Stück weiter öffnet, nicht mehr abzubloggen, sondern unter – haha – Wachstumsschmerzen zu verbuchen und weiter meinem wenig sinnstiftendem Alltagsleben nachzugehen.

Nun aber begab es sich, dass ich unlängst meinem Bruder das Buch “Digitale Demenz” von Manfred Spitzer (auf totem Baum!) geschenkt habe (genauer “geschenkt haben werde, aber das ist eine andere Geschichte) und im Zuge dessen für mich selbst die Kindle-Version erworben habe. Und weil ich schon mal im Kaufrausch war, habe ich anlässlich des 65. Geburtstags von Steve Wozniak auch noch dessen “Autobiographie” mit dem “lustigen” Titel “iWoz” hinterher geschoben.


[Peinlich, aber wahr. Meine Bibliothek…]

Inzwischen habe ich beide Bücher gelesen und muss – was mich sehr erstaunt – immer noch darüber nachdenken. Insbesondere die Wozniak-Geschichte lässt mir keine Ruhe. Während des Lesens hatte ich permanent das Gefühl, hier würde sich ein Held meiner jungen Jahre aktiv als der größenwahnsinnige Vollidiot outen, als den ihn so viele gerne in den überlebensgroßen Schatten des Heiligen Steve Jobs gestellt hatten. Denn einerseits schreibt er mit großer Ausdauer darüber, dass er (zumindest damals in den 70ern und 80ern) sicher der größte und beste Schaltungsdesigner dieses Planeten gewesen sein musste und dass er über einen ganz fantastischen Sinn für Humor verfügt. Andererseits stellten sich seine großartigen “Pranks” in meinen Augen als kindische und dümmliche Nerdspielereien heraus (→TV-Störsender) und seine “Karriere” scheint mehr als einmal äußerst eigentümliche Wege genommen zu haben. Allein die Aussage, dass er, als Apple schon hunderte Millionen Dollar mit dem Apple II verdiente, als mehrfacher Millionär einen ganz gewöhnlichen Fußgängerjob als Hardwareentwickler (mit drei Hierarchieebenen über sich) inne hatte, ließ mich mit dem Kopfschütteln nicht aufhören.

Erst mit einiger zeitlicher Distanz kamen mir gewisse Zweifel, wer in dieser Autor-Leser-Beziehung jetzt eigentlich in Wahrheit der größere Trottel war. Für mich war es anscheinend unvorstellbar, dass jemand, der mit seiner Arbeit quasi im Alleingang den kometenhaften Aufstieg eines Weltunternehmens begründet hatte, sich nun einfach als kleines Rädchen im stetig wachsenden Uhrwerk mitdrehen wollte, anstatt in der dünnen Luft ganz oben die ganz dicken Bretter zu bohren (Na? genug dümmliche Bilder?),

Also mein Ego wäre damit sicher nicht zufrieden gewesen. Je länger aber die Essenz dieses Büchleins im mir weiter gärte, um so mehr wurde mir klar, dass das grundlegende Problem vielleicht doch viel eher bei mir als bei Herrn Wozniak zu suchen war. Der Mann war damals schon ein verdammter Multimillionär, frei von jedweden materiellen Sorgen und durfte sich den ganzen Tag mit der einzigen Sache beschäftigen, die ihn immer begeistert hatte und in der er wirklich einer der Weltbesten war. Was hätte der in Boardmeetings, an den Schalthebeln der Macht verloren gehabt? Wem hätte das genutzt? Indes verlangt, das einzusehen und dann auch noch umzusetzen, ein erhebliches Maß an Erkenntnis und innerer Reife, die mir offenbar fehlen.

Was diesen Teil betrifft, ist mir inzwischen einigermaßen klar, dass der Gewinner eindeutig Woz heißt und nicht /cbx.

Dann war da noch das ziemlich populäre (wenn auch schon ältere) Werk des Herrn Spitzer, das ich mit großem Interesse gelesen habe und das mich schon währenddessen in noch ärgere Zwiespalte stürzte. Denn zweifellos liest sich praktisch der gesamte Text über die Defizite, die (digitale) Medienberieselung und die ständige Verfügbarkeit von “Wissen”, “Information” und Ablenkung(!) in den Gehirnen der (vor allem jungen!) Anwender hinterlässt, wie das grantige Grummeln eines alten Mannes im Stile von “Früher war mehr Lametta”. Gleichzeitig aber scheinen all seine Argumente sowie die zugrunde liegenden Studien durchaus stichhaltig und – was für mich noch mehr zählt – kongruent mit meinem Erfahrungshorizont.

So, das war jetzt aber mal eine wirklich lange Einleitung. Ich habe seit Monaten nichts mehr zur “Zeitgeschichte” geschrieben, weil

  1. mir mehr und mehr davor graust, was da an den verschiedensten Kriegssenschauplätzen so abgeht,
  2. mir klar ist, dass auf diesem Planeten niemand auf meine erhellenden Kommentare gewartet hat und
  3. ich wirklich nicht mehr weiß, wie ich all das einordnen soll.

Eine der letzen Online-Quellen für wirklich nützliche und sinnvolle Inhalte – und das meine ich absolut ernst – Der Postillon hat es wieder einmal perfekt auf den Punkt gebracht:

Wer das makaber findet, hat vielleicht einen Schritt zu wenig weit nachgedacht. Denn dass mittlerweile seit Jahren tausende Hoffnungslose unter unseren Augen im Mittelmeer ertrinken, haben wir gelernt zu akzeptieren wie Bankenrettungen, Korruption und schlechtes Wetter. Die Dorade mit Menschenfleisch ist inzwischen in jeder Hinsicht fester Bestandteil unseres Speiseplans geworden.

Dass nun schon mitten im neuen “vereinten” Europa überall die Zäune in die Höhe schießen um jene von unseren reich gedeckten Tischen fern zu halten, deren Lebensgrundlage wir kurz zuvor in für unsere eigenen Wirtschaftsinteressen (und die unserer “Freunde” natürlich) in Grund und Boden gebombt haben (und dies im Dienste der “Freiheit” weiterhin tun), nehmen wir leicht beunruhigt zur Kenntnis. Nein, da muss schon jemand mit einer zum Himmel stinkenden Fuhre echter Todesopfer unsere heiligen Autobahnen besudeln, dass wir überhaupt noch wach und ein paar Tage lang von unseren eigenen brennenden Existenzsorgen (→Wann kommt das neue iPhone?) abgelenkt werden.

Wen ich – als Kind der 80er Jahre – dann so richtig in diesem Gedankenstrudel rotiere, dann muss ich quasi automatisch an die in den 80ern sehr beliebten alarmistischen Dokumentationen aus der Zukunft denken, in denen alle möglichen dystopischen Szenarien adrett aufbereitet präsentiert wurden – zum gemeinsamen Gruseln für die ganze vor dem Fernsehaltar versammelte Familie.

Schon damals waren da erschreckende Bilder zu sehen, von einem im Jahr 2010 vollständig entwaldeten Deutschland (wir erinnern uns →Waldsterben) oder vom Zusammenbruch der Zivilisation nach einem Unfall in einem Atomkraftwerk., aber auch von einer Welle afrikanischer Flüchtlinge, die über Europas üppig gedeckte Tische und ordentlich gemähte Vorgärten hereinbrechen werde.

Nun, inzwischen wissen wir alle, das unsere Wälder noch viele lange Jahre weiter vor sich in sterben werden, ohne dass es uns kümmern würde und dass so ein kleiner Atomunfall lediglich einige unwesentliche Komforteinbussen in der unmittelbaren Umgebung sowie ärgerliche Verwerfungen im Fernsehprogramm nach sich zieht. Doch beim Bild der Flüchtlingswelle, das mir damals übrigens auch schon in meinem (für Tiroler Verhältnis) linksintellektuellen Gymnasium vorgemalt wurde, kräuseln sich schon gerade ein paar Nackenhaare.

Ein Ausschnitt aus einer günstig gewählten aktuellen Tagesschau unterscheidet sich praktisch in Nichts von den Schreckensszenarien, die man damals erfand um die Menschen aufzurütteln und bei ihnen das in den 80ern alles entscheidende Problembewusstsein zu wecken. Um das Bild abzurunden, hätte auch damals schon ein Bericht über gewalttätige Proteste, Ausschreitungen und natürlich auch Brandstiftungen nicht fehlen dürfen. Man kann ohne große Übertreibung behaupten, dass unsere derzeitige Nachrichtenlage weitestgehend kongruent mit den dreißig Jahre alten Dystopien ist.

Genau deshalb weiß ich jetzt überhaupt nicht mehr, wie ich die Situation wirklich einschätzen soll. Klar ist, sagt meine “Lebenserfahrung”, dass der Großteil aller angekündigten Katastrophen nicht statt findet und alte Menschen seit mindestens 10000 Jahren jammern, dass die Generation der Jungen verkommen, faul und unfähig sei, ergo diese Welt in den Abgrund führen werde. So versuche ich also, mich dem Altmännergejammer nicht blindlings hinzugeben.

Andererseits aber wurde uns beigebracht (ich glaube mich zu erinnern, dass Holocaustleugner sich vor einer Verurteilung gerne in die Aussage “mir wurde in der Schule beigebracht…” flüchten), dass es noch nicht so lange her ist, dass wirtschaftliche Turbulenzen, “klare” Feindbilder, Verteilungskämpfe, schließlich Aufmärsche (→Spaziergänge) und brennende Häuser die Vorboten einer Entwicklung waren, die wenig später einen ganzen Kontinent tief, sehr tief in die Scheiße geritten hat.

“First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win.” Das ist auch so ein Sinnspruch, von dem ich befürchte, dass er beängstigend viel Wahrheit beinhaltet. In etwas abgewandelter Form kann man das Wirken dieser Strategie derzeit gut beobachten. Lange genug wurde das Problem der Flüchtlinge und der unschönen Reaktionen, die ihr Eintreffen bei uns auslöst, mit aller Macht ignoriert. Was jene betrifft, die planmäßig im Meer ersaufen, gilt dies sogar bis heute.

Jetzt aber sind genug von denen hier, um die hässliche Reaktion der kultivierten Abendländer nicht mehr unter den Teppich kehren zu können. Und was passiert? Nun, Teile unserer gewählten Regierung leisten den dümmsten vorstellbaren Offenbarungseid ihrer vollständigen Hilflosigkeit und bezeichnen jene Bürger, die da ihren Unmut und ihre Angst, endgültig zu den Verlierern zu gehören, primitiv und brutal artikulieren, als “Pack” und “Abschaum”. Wer als Regierung seine eigenen Bürger so bezeichnet, hat längst aufgegeben und alles verloren.

Tja, genau das ist es, was mich heute hier an die Tastatur getrieben hat. Wenn ich mir ansehe, wohin wir uns gerade bewegen, einen nicht versiegenden Strom von Flüchtlingen, die wir – das kann man nicht oft genug wiederholen – selbst aus ihrer Heimat ausgebombt haben, eine wachsende Anzahl von Bürgern hier, die bereit sind, das wenige, das ihnen geblieben ist, mit allen vorstellbaren Mitteln zu verteidigen, eine Finanzkrise, aus der kein kontrollierter Weg mehr heraus führen kann und ein Rudel Politiker, die sich nicht einmal mehr die Mühe geben, den Eindruck zu erwecken, sie würden damit irgendwie umgehen können, dann fällt es mir schwer, das als Lametta-Lamento eines alten Mannes abzutun.

Aber wahrscheinlich irre ich mich auch hier und die Zukunft wird ganz wunderbar. Sicher sogar…

/cbx, Kategorie: Rant & Grant -

 

Eigener Senf dazu?

  1. The Angry Nerd gab am 31. August 2015, 00:09 folgenden Senf dazu:

    Spitzer?
    Ich halte den Mann für einen labernden Dünnbrettbohrer. Sein Buch “digitale Demenz” wurde mir auch mal von einem Bekannten empfohlen und ich habe dann die ersten 1-2 Kapitel online gefunden.

    Mich hat es beständig geschaudert. Jemand, der jeden zweiten Absatz betont, wie genau, sauber und wissenschaftlich sein Buch sein soll, ist ja grundsätzlich suspekt. Dann schmeißt er dauernd in Nebensätzen Dinge zueinander, die im Kontext nicht passen, wie bspw. Computer und Glücksspielautomaten, nachdem er von Bildschirmen faselt. Seitenweise ergeht er sich darin, die hohe Qualität und die positiven Eigenschaften seiner Fanpostschreiber herauszustellen, während er, statt auf ernsthafte Kritik einzugehen, so tut, als ob nur pöbelnde Idioten ihn kritisieren würden.

    Dazwischen reißt er ein Problem bei der NASA aus seinem sehr komplexen Kontext, um zu fragen, ob dort nie mal jemand über die Sachen schaue oder mal einfachstes Kopfrechnen betreiben würde. Ein paar Seiten davor oder danach war in der Leseprobe eine simple Statistik zum Medienkonsum, bei dem eine der Summen deutlich daneben lag.

    Ne, mich schauderte es bei fast jeder Aussage in der Leseprobe, weil nicht nur alles in dem Lamento eines alten, selbstrunkenen Griesgrams geschrieben war, sondern mit genau dieser analytischen Tiefe.

    Ja, es schockiert mich ein wenig, ausgerechnet von Dir etwas Positives zu genau diesem Buch zu lesen. Als alter Grantler glaube ich ja auch fest daran, dass schon zwei Generationen nach mir sich keiner mehr ohne Hilfe die Schuhe binden kann und unser Schulsystem kaputter als die Eierschalen in meinem Kompost, aber (meist) nicht an die Erklärungen des Herrn Spitzer.

    Ansonsten:
    Zustimmung. Dass wir mit der mehr und mehr zunehmenden Entfremdung zwischen der Weltsicht der Bevölkerung und der “Eliten” zielgenau auf eine Form von saftigem Rums zusteuern behaupte ich schon eine ganze Weile. Langsam wird der Konflikt immer heißer…

    /cbx meint dazu:

    Das hätte ich mir eigentlich denken können. Da schreibe ich eine riesige Textwurst über alles mögliche und auch einen Absatz über Herrn Spitzer - und worauf stürzt man sich? War ja klar. Ich möchte diesen Bestseller auch nicht als neue Bibel verstanden wissen, zu sehr klingt das alles auch nach McLuhan, Postman, Sokrates - ja - grantigem alten Mann, aber wenn man das ganze Buch liest, dann findet man zwischen dem ganzen Getöse und der Selbstbeweihräucherung halt doch ein paar gute Punkte. Beispielsweise, dass permanenter Schlafentzug, Ablenkung und Multitasking dumm machen. Dazu brauche ich keine randomisierte Doppelblindstudie, dazu muss ich nur meine Umgebung beobachten.

    Und mit Leuten, die es nie gelernt haben, sich länger als 15 Sekunden auf ein Thema zu konzentrieren kann man praktisch alles machen.

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