Wer nicht ins Wasser springt...

02.03.2010 07:29 von /cbx, derzeit 1.46974 Kommentare

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…wird nie erfahren wie sich Nässe anfühlt. Diese unfassbar philosophische und weise philosophische Weisheit hat wohl in meinem Hinterkopf für das nötige Grundrauschen gesorgt, um auf eine sehr schräge Idee meines liebsten Zentralgestirns einzusteigen.

Sie verfolgt ja schon seit Anbeginn (wenn auch meist nicht sehr begeistert) meine Blogaktivitäten und hat sich, vielleicht auch davon etwas angestachelt, angemessen über die unter dem Stammtisch Hirnfürze eines Guido Westerwelle zum Thema Hartz-IV geärgert. Wobei ich mich gerade frage: Aus welchem Körperteil sollen bei Herrn Westerwelle eigentlich die Hirnfürze stammen? Aber das gehört nicht hier her.

Zu meiner erheblichen Überraschung wurde ich im Gefolge dieser Ereignisse vor gut 2 Wochen mit einer Idee konfrontiert, die so verrückt und krank ist, dass sie eigentlich von mir stammen müsste. Die Grundidee passt (was immer sehr gefährlich ist) in einen Satz:

“Warum leben wir nicht mal für 3 Monate vom Hartz-IV Regelsatz?”

Im Zuge dieses Experiments würden wir schon die Andeutung eines Gefühls dafür bekommen, wie man wirklich von dieser “Existenzsicherung” leben kann. Dazu muss allerdings auch gesagt sein, dass wir letztlich doch Feiglinge sind und es vermieden haben, das Szenario zu realistisch zu gestalten. So haben wir weder unsere Jobs noch unsere Wohnungen gekündigt und werden auch die Autos behalten. Konkret gelten folgende Ausnahmen:

  1. Wir behalten die Jobs und die Eigentumswohnung. Die Kosten einer Mietwohnung werden entsprechend berücksichtigt.
  2. Wir behalten die Autos zum beruflichen Gebrauch, die Kosten gehen am Budget vorbei. Dafür stehen sie nicht zum privaten Gebrauch zur Verfügung.
  3. Unkosten, die aufgrund beruflicher Verpflichtungen entstehen, gehen am Budget vorbei.
  4. Unkosten, für einen Besuch bei den Familien in Österreich (die sollen schließlich nicht darunter leiden) gehen am Budget vorbei.

Weitere Ausnahmen haben wir bisher nicht definiert. Die gesamte Lebenshaltung, einschließlich Nahrung, Hygiene, Strom, Kleidung, Haushalt usw. wird von der Existenzsicherung bestritten. Wir beginnen ohne Reserve (was relativ realistisch ist) und müssen uns größere Investitionen ersparen.

Natürlich starten wir dennoch unter unrealistisch günstigen Bedingungen. Wir verfügen über einen sehr gut ausgestatteten Haushalt, ein umfangreiches Repertoire an Kleidung und “Luxusgegenständen”, die im echten Hartz-IV Haushalt entweder nicht in diesem Maß vorhanden oder außerhalb des Schonvermögens zur Leistungskürzung führen würden. Mein Zentralgestirn (und oft auch Zentralgehirn) hat bereits umfangreiche Berechnungen angestellt, welche Summe uns so zur Verfügung steht. Diese werden wir am Anfang des Monats in Bar vom Gemeinschaftskonto beheben und davon “wirtschaften”. Dies erübrigt komplexe Rechenspiele, man kann sehr klar erkennen, wann das Geld zu Ende ist bzw. wie viel am Ende des Monats übrig bleibt. Was allerdings passiert, wenn am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig sein sollte, das wird sich erst noch zeigen.

Völlig klar ist, dass wir dabei die – meines Erachtens noch gravierenderen – psychischen Probleme nicht einmal ernsthaft streifen werden. Wir haben Arbeit, die den wesentlichen Teil des Tages in Anspruch nimmt und mit (teilweise, meist…) erkennbarem Sinn füllt. Gerade die Tatsache, für den längsten Teil des Tages beschäftigt zu sein wird jeder, der schon einmal einige Monate arbeitslos war als den beinahe wichtigsten Zweck eines Arbeitsplatzes erkennen. Diese Spannungen und Stressfaktoren bleiben uns wahrscheinlich komplett erspart.

Nach einigen Diskussionen und (naja) reiflicher Überlegung haben wir uns entschieden, den Versuch jetzt zu wagen und seit dem 1. März läuft er nun. Noch kann ich keinen großen Unterschied erkennen, auch wenn ich schon seit zwei Wochen viel aufmerksamer auf Kosten und Preise achte (ja, liebe Kollegen, daran lag das – der Firma geht es bestens!). So weit zu Tag 1 von 92.

Wir werden beide ausführlich (?) darüber berichten. Ich bin schon sehr gespannt.

Ach ja: Kann das bitte mal jemand kommentieren?

Und hier geht’s weiter.

/cbx, Kategorie: Hartz-IV Tagebuch -

 

Kommentare (anyone?)

  1. wolf gab am 3. März 2010, 15:28 folgenden Senf dazu:

    Ich finde ja eine Idee (teilweise bei Leo Szilard axolotlt) ganz nett, dass jeder Entscheider eine ihm nahestehende Geisel unter den moeglichen Opfern haben sollte:

    Eine Schwester lebt von Hartz 4. Ein alter Freund ist Wind und Solarbauer. Ein anderer Fruehrentner.
    Wenn er keine Geisel hat, darf er nicht mitabstimmen. Dieser Politiker duerfte dann ueber Rente, Soziales und Energiepreise, Kontrolle abstimmen.

    Der Vorschlag deshalb, weil wir selber den
    Zustand trotzdem nur “spielen” wuerden. Ich habe letztes Jahr 6 Wochen von Resten und 200EU gelebt (hatte keine Lust mich mit der Bank wegen der EC Karte auseinanderzusetzen).
    Die tiefsitzende Unsicherheit die ich als junger Traveller hatte mit noch 100$ Rest kam nie auf…

    Szilard: Die Stimme der Delfine
    Alt, aber lesenswert

    Gruss und Erkenntnisgewinn wuenscht
    Wolf

    P.S: Kam ueber die gelbeseiten Masche hierher. Hab gerade E-Muell weggeraeumt und noch mal gecheckt wo die Kerle aufgefallen sind