Sparen oder die Kunst, zu sehen, was nicht da war

17.05.2010 21:03 von /cbx, derzeit 0.15940 Kommentare

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Als Empfänger eines bestenfalls mittleren Einkommens und Nicht-Besitzer eines nennenswerten Vermögens mache ich mir – gerade nach der de facto Währungsreform der letzten Woche – zunehmend Gedanken über die bevorstehende wirtschaftliche Talfahrt mit kräftiger Inflation und dem damit einher gehenden Verlust an Lebensstandard.

Dieses Thema beschäftigte mich denn auch bei einigen Gesprächen am vergangenen langen Wochenende. Und gerade von jüngeren Menschen (unter 60) war öfters zu hören, man könne unmöglich nennenswerte Summen einsparen. Das Geld reiche jetzt gerade so für das, was nötig sei und darüber hinaus bedeute jede Reduzierung der verfügbaren Geldmenge einen großen Einschnitt, erhebliche Einschränkungen. Meine Antwort darauf war stets: “Ja, ja, ja und ja.”

Zurückblickend auf die eigene Kindheit (an dieser Stelle werden Leser aus der Silberlöffelfraktion eines Don Alphons den Kontakt zu ihrem Erfahrungshorizont verlieren) kann ich bestätigen, dass man mit wesentlich geringeren liquiden Mitteln dennoch ein funktionierendes, weitgehend glückliches Familienleben und eine durchweg positive Kindheit finanzieren kann. Es steht außer Zweifel, dass unsere Eltern in den 70ern deutlich weniger Kaufkraft hatten als sie uns heute (noch) zur Verfügung steht. Waren unsere Eltern also Finanzgenies?

Sicher nicht. Auch sie haben nur mit Wasser gekocht. Das erkennt man, wenn man sich vorurteilsfrei Fotos aus dieser Zeit anschaut. Und zwar dann, wenn man versucht, zu sehen, was auf diesen Bildern nicht zu sehen ist.

Damit meine ich nicht nur Offensichtliche Geldvernichter wie Handys, Computer, Playstation, Blue-ray Player, LCD-Fernseher, Designerklamotten für 5-Jährige, und dergleichen. Auch auf den Tischen fehlen Kleinigkeiten wie Kiwis aus Australien, Erdbeeren aus Neuseeland und Perversitäten wie Äpfel aus Argentinien und Kartoffeln aus Ägypten. Wenn man die Spur einmal aufgenommen hat, lässt sie sich leicht weiter verfolgen. Alle diese lebensnotwendigen Selbstverständlichkeiten schonten in den 70ern einfach durch ihre Abwesenheit die Geldbeutel unserer Eltern. So weit – so klar – so schön.

Jetzt kommt der unerfreuliche Teil. Für uns war das Leben eine nicht enden wollende Abfolge von Verbesserungen unseres Lebensstandards, die – wie seltsam – nebenbei auch recht zielgenau die zunehmenden Beträge auf unseren Lohnzetteln wieder auffressen konnten. Weihnachten 1976 konnten wir recht problemlos akzeptieren, dass das Christkind von unseren maßlosen Wunschlisten nur einen kleinen Teil wirklich mitgebracht hatte. Wir freuten uns über die Geschenke und lernten nebenbei das Verzichten.

Weihnachten 2006 existiert kaum noch echter Verzicht. Wir alle verstehen uns als unsere vornehmste Pflicht, unser erarbeitetes Geld möglichst umfassend in das Glück unserer Liebsten zu investieren. Wir haben inzwischen verlernt, auf die Erfüllung realistischer Wünsche zu verzichten – und unsere Kinder lernen es überhaupt nicht mehr.

Jetzt werden wir es (wieder) lernen – und zwar weniger leicht als zuvor. Aus der anderen Richtung kommend wird der Lernprozess beunruhigend, ja beängstigend sein. Letztlich werden wir aber doch wieder lernen und leben. _ Wohl auch deshalb_ haben wir das Hartz-IV Experiment durchgeführt.

Wir haben schon geübt. Wahrscheinlich werden wir auch die Realität meistern. Und Sie?

Und hier geht’s weiter.

/cbx, Kategorie: Schöngeistlos - Hartz-IV Tagebuch

 

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