Was man ist und als was man wahrgenommen wird.

31.05.2010 20:28 von /cbx, derzeit 8.11356 Kommentare

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Warnung des Autors: “Vorsicht: lang und schwer.”

Der heutige Tag hatte ja an sich schon einige interessante Ereignisse zu bieten, die mich trotz Übermüdung (mein Dank hierfür geht übrigens an die DB) wach gehalten haben.

Dann aber, so gegen 15:00 Uhr ist etwas passiert, das sich einer Kategorisierung widersetzt und meine Hände immer noch etwas zittern lässt (deshalb gibt’s heute auch 70% mehr Tippfehler gratis dazu!). Nein, keine Sorge, niemandem ist etwas passiert. Nur meinem Welt- und Selbstbild.

Und jetzt schreibe ich darüber – vielleicht um den erhofften kathartischen Effekt zu erzielen – vielleicht um mein altes Selbstbild wieder bestätigt zu finden – vielleicht auch nur um selbst zu verstehen, was da heute abgegangen ist (Kommentare sind ausdrücklich erbeten).

Ich bin in den letzten 40 Jahren von meinen Mitmenschen schon mit unzähligen bunten Substantiven und Adjektiven attributiert worden. Darunter waren massenhaft (einfallslose) Spinner, Idioten, Träumer, Arschlöcher, Hinterhofkommunisten, einige (etwas kreativere) Hirndämpfer, Dünnwortscheisser oder Abwärtsdenker und auch wirklich kreative abstrakte Begriffe wie Pfnürpfel oder Plömpel.

frowny Allein bis heute hat mich noch niemand einen Faschisten genannt. Und das kam so:

Nein, ehrlich gesagt habe ich gerade mal den Hauch eines Schimmers, wie das gekommen ist. Wir hatten (für recht kurze Zeit) einen Mitarbeiter, der in Tunesien geboren wurde (ich formuliere jetzt bewusst vorsichtig). Er hatte in den zwei bei uns üblichen Gesprächsrunden (1x Geschäftsführung, 1x Plenum der Mitarbeiter bei Pizza oder Kuchen) einen überdurchschnittlich motivierten und sehr sympathischen Eindruck gemacht und so votierte ich (ein wenig gegen den Trend der Mitarbeiter) für ihn. Wir stellten ihn ein und ich hatte das Gefühl, dass er durchaus begann, sich schnell bei uns einzuleben. Mehrmals hatte ich sogar die Wogen der Irritation geglättet, die seine wortreichen und gelegentlich schwer verfolgbaren Ausführungen hinterließen (“Er hat halt einen grundlegend anderen Kommunikationsstil”). Ich Idiot (oder doch Pfnürpfel?). Ich wäre in der ganzen Zeit nie darauf gekommen, dass da was ernsthaft schief läuft, dass er ein Problem mit mir hätte.

Mein Gefühl hatte mich scheinbar schwer beschissen. Am Freitag und heute war er ohne Erklärung nicht zur Arbeit erschienen und als er schließlich mitten am Nachmittag doch noch auftauchte, wartete eine kräftig gebaute und unfreundlich dreinblickende Person (→Bodyguard?) vor der gläsernen Türe unserer Halle. Er begann sofort, meinen Partner und mich mit einem Schwall schwer verständlicher Anschuldigungen zu überschütten und ich brauchte mehrere Minuten um auch nur semantisch zu begreifen, dass die Anschuldigungen sämtlich gegen mich gerichtet waren. Glauben konnte ich das indes immer noch nicht.

Erst als ich versuchte, dem Wortschwall basierend auf der gewonnenen Erkenntnis zu folgen, verstand ich die Anschuldigung, dass ich ihm das Leben in den letzten Tagen zur Hölle gemacht, ihn nicht respektiert, ja diskriminiert hätte.

Nun will ich sicher nicht leugnen, dass zwischen meinem Bauch und meinem Mund oft kein bremsendes Hirn eingreift, aber die letztere Anschuldigung traf mich wie ein Fußtritt in die Magengrube (oder etwas tiefer). Noch wenige Minuten zuvor hätte ich jeden Eid geschworen, dass ich mich immer unterschiedslos allen Mitarbeitern gegenüber gleich (mag sein rüpelhaft und pubertär) verhalten hatte. War das auch wieder falsch? Außerdem hatte ich mir nie gedacht, mit meinen (wie ich glaube beliebten) Hitler- und Ulbricht-Imitationen (“Diesärrr Passss-Stifft praucht mährrr Platz!” oder “Niiiiiemand had die Absischt, eeene neue Bäügrubbe zü errischdn” ) einen sozialen Flächenbrand auszulösen.

Vollends ausgestiegen bin ich dann allerdings bei der Behauptung, ich habe den Hitlergruß verwendet und würde meine rassische Überlegenheit als Österreicher durch die rot-weiß-rote Fahne in meinem Auto auf obszöne Art demonstrieren.

Ich gebe zu, ich bin beider Verbrechen voll und ganz schuldig. Ich hebe zum Gruß die rechte Hand (so wie der freundliche Herr auf dem Bild, das die Pioneer-Raumsonden in die Tiefen des Alls tragen. Ich habe auch eine österreichische Fahne in meinem Auto (mit Böblinger Nummer übrigens). Jeder hier lebende Österreicher wird sofort verstehen, wie dominant man damit in Deutschland seine rassische Überlegenheit als Ösi demonstrieren kann (Für alle anderen: “Hier ist Ironie enthalten!). Die Bedeutung des Ösi als Volksgruppe ist im Deutschland der normalen Menschen so wie ein winziger Penis: “Kann man super drüber lachen, möchte man aber selbst auf keinen Fall was damit zu tun haben.”

Egal. Wir haben das Beschäftigungsverhältnis jetzt gelöst, weil ich den Mitarbeiter mit Rassismus gemobbt habe. Er will immerhin derzeit davon absehen, mich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anzuklagen (seine Worte), in Straßburg sei er aber schon mal gewesen (ist ja nur 50km von hier). Nicht dass ich mich vor einer Anklage wirklich fürchten würde (sogar am EGMR braucht man Beweise), was mich aber schockiert ist, dass mein Verhalten offenbar einen Menschen derart getroffen hat, dass er ernsthaft über solche Schritte nachdenkt.

Und auch nach fünf Stunden schwelt in mir noch die Frage, was ich so verhängnisvoll falsch gemacht habe. Ich hatte mir nie Gedanken gemacht, Menschen rassistisch zu diskriminieren (Was ich vom Thema “Diskriminierung” generell halte, habe ich ja schon mal geschrieben), weil ich einfach der Meinung war, alle gleich zu behandeln – und zwar weil ich mir über ihre Herkunft keine Gedanken machte, sie nur an ihrem Verhalten maß. Tja, das war scheinbar weitaus zu kurz gedacht – nicht darüber nachzudenken ist nicht genug.

Andererseits ist im Zuge dieser langen Geschichte meine Stimmung irgendwie umgeschlagen. Wenn es nicht genügt, Nationalität, Farbe, Geschlecht, Herkunft, einfach nicht zu berücksichtigen, dann kann mich die ganze scheiß-deutsche gutmenschenhafte Überkorrektheit einfach kreuzweise am Arsch lecken. Wenn es nicht reicht, Menschen ohne gröbere Vorurteile entgegenzutreten, dann werde ich es in Zukunft einfach bleiben lassen.

Über unzählige Jahre habe ich beim Einstellen und in der “Führung” von Mitarbeitern (in Wahrheit eine Dienstleistungsaufgabe) sehr gute Ergebnisse erzielt (ich hoffe, meine ehemalgen Arbeitskollegen sehen das auch so, Klaus? Martin? Stefan? Renata? Wer auch immer?).

Nun habe ich dieses Mojo auch noch verloren.

Update: Hier geht’s weiter.

/cbx, Kategorie:  -

 

Kommentare (anyone?)

  1. klaus gab am 1. Juni 2010, 09:33 folgenden Senf dazu:

    versuch mal, mit der linken hand zu grüssen – vermutlich ist es weniger schlimm ein stalinist zu sein :D

    übrigens wurde die voyager doch während kurt waldheims amtszeit aus UN generalsekretär ins all geschossen. da wundert mich der gruss auf der goldplatte nicht wirklich. aber ich bin mir sicher, dass auch hier sein pferd mehr erinnerungsvermögen und seine hufe finger im spiel gehabt hat.

    auch ich hab mich damals sehr verletzt gefühlt, als die ersten 3 wochen unseres gemeinsamen angestellentums aus geworfenen lochern und radiergummis bestand, nur weil nicht du mich eingestellt hast… aber – als nachfahre eines hofers und speckbachers – schliesslich hab ich dich doch noch rausbekommen ;)

    PS: “pfnürpfel” find ich übrigens ausgesprochen toll und werde deshalb diesen ausdruck in mein rhetorisches fundament einfliessen lassen.

    PPS: ein volksempfänger lässt sich übrigens geräuschtechnisch am besten mit backpapier oder der plastikhülle von zigarettenschachteln nachahmen. nützt dir aber nix, weil du a) durch dein H4O (hartz 4 operation) nichts backen kannst und b) nicht rauchst :D

  2. cbx gab am 1. Juni 2010, 09:37 folgenden Senf dazu:

    Klaus, ich weiß ja nicht, was Du derzeit so rauchst, aber bitte rauch’ weniger davon ;-)

    /cbx

  3. klaus gab am 1. Juni 2010, 09:44 folgenden Senf dazu:

    der köhler rücktritt hat mich wohl komplett aus der bahn geworfen… aber schliesslich haben wir im alpenhauptkamm ja noch unseren bundesheinz ;)

  4. mcc gab am 1. Juni 2010, 16:35 folgenden Senf dazu:

    hi brö II

    schön das dir so was passiert, bei mir würde sich keiner für so eine geschichte interesieren. uli tust du leid und sie hält den nunmehr ex-mitarbeiter für einen der es wohl ein bisschen darauf angelegt haben mag.
    ich hab den halben vm überlegt was mir da kluges dazu einfällt, mir ist nur einer der größten tiroler philosophen der neuzeit mit einer geschichte eingefallen. gerhard berger sinngemäß: “was bei uns in tirol ein spaß, eine gaudi oder hetz is, is im ganzen rest der welt, entweder eine schwere beleidigung, oder körperverletzung.” das ist mir dazu eingefallen, nicht orginell aber vielleicht hilfts. bisch hoit doch a tiroler!

  5. Zentralgestirn :-) gab am 1. Juni 2010, 17:53 folgenden Senf dazu:

    … von einem erwachsenen Mann, der euer in Tunesien geborene Ex-Mitarbeiter mit ca 40 Jahren ja eigentlich sein sollte, würde ich schon erwarten dass er zuerst ein klärendes Gespräch mit seinem Chef oder einer vermittelnden Person sucht wenn er sich gemobbt fühlt bevor er die Tür hinter sich zuschlägt. Sein Verhalten ist in meinem Augen einfach nur feiges Davonlaufen und löst sein Problem nicht.

  6. cbx gab am 1. Juni 2010, 18:06 folgenden Senf dazu:

    Danke, mein Zentralgestirn!

    Man könnte natürlich auch von dem anderen erwachsenen Mann erwachseneres Verhalten erwarten. Aber dafür kennst Du mich zu gut…

  7. Zentralgestirn :-) gab am 1. Juni 2010, 18:53 folgenden Senf dazu:

    da ist wohl kein weiterer Kommentar notwendig :-D

  8. JoDerBaer gab am 3. Oktober 2011, 16:06 folgenden Senf dazu:

    So was ähnliches ist mir auch schon passiert, mir, der personifizierten Toleranz Ausländern gegenüber, der schon ca. 1.2*10^6 Meilen verflogen hat um fremde Kulturen kennenzulernen, der als einziger von 40 Kollegen bei einem Japaner zum Übernachten eingeladen wurde usw. usf.
    Meine Erkenntnis: Die Welt ist ungerecht…

    /cbx meint dazu:

    Ach, wenn die Welt doch so wie im Fernsehen wär'...