Beijing sehen und... (2009-10-10 20:00)

12.10.2009 04:14 von /cbx, derzeit 0.6154 Kommentare

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…auch wieder nicht. Als wir, frisch geduscht und kurzzeitig ent-jetlagged aus dem Hotel kommen, um uns ein bisschen umzusehen, fällt zu aller erst auf, dass es sehr schwer ist, überhaupt etwas zu sehen. Alles was im Westen über die Luft in Beijing geschrieben wird, ist untertrieben. Jetzt im Herbst sieht man die Häuser auf der gegenüberliegenden Seite der Ringstraße schon nur mehr schemenhaft. Die Luft ist sehr sehr sehr trüb. aber, und das ist erstaunlich, sie stinkt kaum. Ich kenne die süßliche, abgasgeschwängerte Luft in Städten wie Miami, den Kohlegeruch in englischen Städten, die schwer verdauliche olfaktorische Kakofonie im sommerlichen Paris, aber die Luft in Beijing mag ja zum Schneiden aussehen, meinetwegen auch wahnsinnig giftig sein, aber stinken tut sie nicht (sehr). Es ist eher eine würzige Kopfnote mit einer kohlerauchigen Herznote (Grenouille wär stolz auf mich).

Nach den üblichen längeren Diskussionen ergattern wir zwei Taxis, die uns zum malerischen Beihai-Park bringen sollen. Schon auf der Fahrt dort hin gibt es sehr viel zu lernen. Beijing ist eine sehr, sehr große Stadt, man verschätzt sich gerne kapital mit den möglichen Entfernungen, aber es ist eine sehr moderne und großteils sehr schöne Stadt. Entlang der breiten Hauptstraßen reihen sich neue und hohe Häuser dicht aneinander, auch kleinere grüne Flächen sind mit Blumen geschmückt und alles wirkt – nein ist – so sauber, dass Stuttgart dagegen Neapel sein könnte. Im Detail erkennt man dann, dass Massen an Chinesen permanent damit beschäftigt sind, jedes kleinste Papierchen, jeden winzigen Müll sofort verschwinden zu lassen. In weiten Teilen Beijings ist es unmöglich, auf dem Gehweg in irgendwelchen Müll zu treten (OK, dafür ist es wahrscheinlich, dass einem mehrmals täglich vor die Füße gespuckt wird).

Vor allem jetzt, nach der Olympiade muss man als Europäer schon schlucken, wenn man sich das Gesamtbild dieser Megacity ansieht. Geleckt saubere Straßen in perfektem Zustand, modernste Beleuchtungs- und Ampelanlagen und nur neue und schöne Autos. Das ist beinahe die irritierendste Feststellung: Ich habe bisher in Beijing faktisch kein Auto gesehen, das älter als 10 Jahre, verrostet oder verbeult war. Nur das ist der Unterschied zur europäischen Großstadt: Das Fehlen von alten Rostlauben, die quietschend über buckligen Asphalt holpern. Wie in Beijing gefahren wird, dazu später mehr, das ist auch eine eigene Geschichte wert.


[Beihai Park für Anfänger]

Der Beihai-Park selbst ist wohl so eine Art landschaftlich nett angelegter chinesischer 24/7 Live-Tirolerabend, es existieren einige kitschige Fotos von den Geschäften und Lokalen dort. Immerhin sind die meisten Touristen, die jetzt in dieser Falle herumhängen selbst Chinesen. Dementsprechend war unser Abendessen dann auch schon sehr chinesisch: Hot Pot (das chinesische Fondue) und Bier. In einem mit Kohle beheizten Kupfertopf siedet man sein Fleisch, Gemüse und Salat (Salat roh zu essen ist bäääh). Zuerst ist in diesem Kessel wirklich nur Wasser mit einem homöopatischen Hauch von Gewürz und Zwiebel, wodurch das Resultat im “Geschmack” dem Beijing-Chinesen sehr entgegen kommt (es ist “warm”). Je länger die Prozedur dauert, desto reichhaltiger schmeckt dann die Suppe und auch die Speisen nehmen dann etwas Geschmack an (gut für die Europäer). Über die Erkenntnisse bei der Rückfahrt berichte ich gesondert.


[Snacks für Forgeschrittene]

Ich vermute mal, dass ich hier nicht verhungern werde.

/cbx, Kategorie: Die China-Tagebücher -

 

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