Der Himmel über Beijing...

14.10.2009 02:48 von /cbx, derzeit 0.64644 Kommentare

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…ist blau! Und zum ersten Mal seit ich hier bin, kann ich meinen Schatten sehen. Jetzt glaube ich, dass der stahlblaue Himmel zu den 60-Jahr-Feierlichkeiten doch nicht getürkt war. Wir nutzen das herrlich warme Wetter und fahren (nach längeren Diskussionen) mit dem Taxi quer durch die Stadt zum Sommerpalast (50 Yüan). Und das ist dann aber auch wirklich ein ganz hervorragenes Gelände mit traumhaft angelegten Wegen, sehr geschmackvollen Gebäuden (inzwischen kann ich mich an dem rot-blau-grün mit Gold gar nicht mehr satt sehen) und sehr wirkungsvoll gesetzten Bäumen. Zwischendrin stehen immer wieder berückend schöne Steine, die ob ihrer Schönheit (?!) von weit weit weg hier her gebracht wurden. Das fantastische Wetter tut ein Übriges, dass der Ort dann auch voll und ganz mit Chinesen gefüllt ist.


[Ein Stück Sommerpalast mit blauem Himmel]

Für einen Europäer ist das jetzt einerseits nicht ganz so schlimm, weil man eh recht entspannt über die meisten Chinesen drüber schauen kann. Ob man das tun sollte, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt, denn einer der Vorteile einer solchen Fernreise besteht darin, dass schon das bloße Betrachten der Menschenmassen als intellektuell anerkanntes Eintauchen in die fremde Kultur gewertet werden kann. Und es ist wirklich spannend. Als Tiroler ist einem das Thema Tourismus ja nicht gerade fremd, aber auch hier setzt China ganz andere Maßstäbe. Unzählige Brigaden von identisch bemützten Chinesen aus allen Landesteilen trotten mehr oder weniger begeistert, fast immer aber laut schwatzend hinter einer Führungsfigur her, die zum Zweck des Gruppenzusammenhalts (oder gar zur Information?) Unverständliches in ein viel zu kleines Megaphon oder ein Kopfmikrofon nuschelt, das dann unter maximaler Verzerrung verstärkt aus hunderten viel zu kleinen Lautsprechern plärrend den akustischen Gesamteindruck einer chinesischen Kulturstätte prägt.


[Einer ganz besonders schöner Stein]

Überhaupt sind das Akustische und das Chinesische zwei Töchter grundverschiedener Mütter. So subtil und fein gesponnen die klassische chinesische Musik ist, so vollkommen konträr ist das Verhältnis des heutigen Chinesen zur Gegenwartsmusik. Wenn auch in den neuen noblen Einkaufspassagen Beijings, neben denen der ganze Champs Elysees wie ein Trödelmarkt in Burkina Faso aussieht, den üblichen westlichen Standard von ohrenbetäubender Rumsbums-Lifestyle-Beschallung schon fast erreicht haben, in den kleinen Einkaufssraßen lebt hier noch das chinesische Ideal: “Wozu Qualität, wen ich stattdessen viel davon haben kann?”. Winzige Megaphone plärren an jedem zweiten Stand unermüdlich den immer gleichen gesampelten Spruch, dazwischen stehen an den Ladentüren die arg ramponierten Überbleibsel von Lautsprecherboxen, die bei uns so in den 80ern mit einer Kompaktanlage für DM 69,90 über den Tisch gegangen sind und erzeugen Lärm, der nur bei konzentriertem Zuhören gelegentlich als Musik zu erkennen ist.


[So bunt kann es in Beijing sein]

Ich weiß nicht, was das Geräusch Chinas ist, aber es ist sicher sehr laut.

/cbx, Kategorie: Die China-Tagebücher -

 

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