Abenteuer aus der Zukunft: Nach Shanghai mit dem Zug

15.10.2009 04:46 von /cbx, derzeit 0.693 Kommentare

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“Ich bin noch nie im Schlafwagen gefahren. Sehen die in Deutschland such so aus?” fragt unser jüngstes Teammitglied. “Das würden sie in Deutschland in 20 Jahren, wenn sich bei der Deutschen Bahn jemals etwas verändern würde.” Ja, wir fahren mit dem Bullet Train über Nacht die 1400km nach Shanghai. Feine Sache. Das kostet ungefähr so viel wie der Flug, bietet aber dafür die Gelegenheit, mehrere Stunden im Liegen zu schlafen.

So weit klang der Plan ja auch sehr einleuchtend und charmant nach einer sehr relaxten Partie. Wieder einmal haben wir Langnasen vergessen wo wir sind. Bahnfahren in China funktioniert etwas anders. Der Taxifahrer, der uns und unsere ca. 27 Koffer vom Hotel zum Hauptbahnhof bringen soll, lässt uns gefühlte 5km vor dem Haupteingang aussteigen, die beiden Taxis wurden getrennt, sodass wir uns zuerst auch noch auf einem Plaz von Tienanmen-Platz-haften Dimensionen wieder finden müssen (das kostet einige Euro Roaminggebühr).

Weiter geht es in einer dicken Wartebrezel zum Haupteingang, wo Gepäck und Passagiere wie am Flughafen genauestens durchleuchtet werden. Mit dem Gefühl, damit das Schlimmste überstanden zu haben, trifft uns die nächste Erkenntnis wie ein Schlag mit dem nassen Handtuch. Wir sind taube Analphabeten! Bis genau jetzt waren wir von einem weltoffenen und zweisprachigen Beijing verwöhnt. Außer uns scheint aber wohl kaum ein Ausländer so mutig zu sein, mit der Bahn reisen zu wollen: Nur chinesische Schrift überall. Die einzig erkennbaren Zeichen sind die Zugnummern und Abfahrtszeiten. Das wäre in weiten Teilen Europas schon genug um das richtige Gleis und damit den richtigen Zug zu finden, hier allerdings funktioniert das Spiel ganz anders. Um letztlich in das richtige Abteil des richtigen Zuges zu kommen, muss man zuerst den richtigen Warteraum und das richtige Gate finden. Von dort aus gelangt man dann über eine Brücke zu den Bahnsteigen. Zum Zeitpunkt des check in sind alle Zugänge außer dem zum richtigen Bahnsteig durch automatische Gittertüren versperrt. Ein Idiotensicheres System – für Idioten die lesen können.

Für Idioten und Analphabeten heißt es zuerst in einer atemlosen Hetz- und Schnitzeljagd die passende Halle finden, während die Anderen auf das Gepäck aufpassen. Gut, dass wir fast eine Stunde Puffer eingeplant haben.


[Welcome to Shanghai]

Schließlich findet unser Aushilfs-Guide (latürnich am anderen Ende des sehr kleinen Hauptbahnhofs) die richtige Wartehalle und wir können gleich im Laufschritt zur Fahrkartenkontrolle und zum check in durch eilen. Im Zug angekommen hat uns das 21. Jahrhundert dann wieder.


[Unsere bescheidene Residenz, das Belgravia]

Nach 10 Stunden Fahrt kann ich den Eindruck bestätigen. Die Zugfahrt selbst ist mit Abstand das geringste Problem. Hinterher ein Taxi zu bekommen, das uns samt Koffern ins Hotel bringt, ist auch mit längerer Diskussion fast unmöglich. Ist ja auch nur eine gute halbe Stunde für 40 Yüan. Die Taxifahrer in Shanghai leiden wohl zu sehr unter akutem Reichtum.

Dann sind wir im südlich heißen Shanghai und im Vergleich zu Peking ist das wie Palermo gegen Oslo.

/cbx, Kategorie: Die China-Tagebücher -

 

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