Bei Chinesens zu Hause

15.10.2009 17:35 von /cbx, derzeit 0.30468 Kommentare

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Diese Chance hat man üblicherweise maximal ein mal im Leben. Dank der Hochzeit, die den eigentlichen Hauptzweck unseres Besuchs dort ausmacht, hatten wir die Gelegenheit, ein “zwangloses” Abendessen im Kreise der Schwiegereltern genießen zu dürfen. Dabei sind zwei Worte im letzten Satz besonders richtig: “zwanglos” und genießen.

Zwanglos ist sowas natürlich überhaupt nicht, zuerst fast 40 Minuten mit der U-Bahn in eine Richtung, dann noch länglich mit dem Taxi in eine Wohnsiedlung, eine Wohnung aus abertausenden, in der dann wie ganz normale Leute die Schwiegereltern wohnen. Auf gut 80m² lebt man hier im Grunde nicht anders als bei uns, Schlafzimmer, Badezimmer (mit West-Klo natürlich) Küche, Esszimmer und Wohnzimmer. Alles unterscheidet sich eigentlich nur im Detail von dem was wir so kennen. Der riesige 60” Fernsehaltar wird flankiert von zwei roten, üppig verzierten Vasen, auf dem Ledersofa rote Kissen mit einzelnen goldenen Schriftzeichen (die wahrscheinlich “Harmonie”, “Glückseligkeit”, “harmonische Glückseligkeit”, “glückselige Harmonie” usw. bedeuten), die Klimaanlage, der Wasserspender, der 300l-Kühlschrank, das alles im Wohn- bzw. Esszimmer, wie bei uns halt.

Einschub
Während ich das hier schreibe plätschert schon seit über 10 Minuten munter ein nicht gerade wohlriechender Wasserfall über die Stufen im Treppenhaus neben der Tür unseres Appartments im 29. Stock. Die Rezeption meint nur “We know. It’s OK. Not a Problem”.

Auch das ist China.
/Einschub

Zur Entspannung trägt bei, dass keiner von uns Chinesisch spricht und unsere Gastgeber kein Englisch. Der Empfang ist dennoch extrem herzlich (was man anhand des Tonfalls halt so beurteilen kann) und es duftet fantastisch nach Essen. Es wird auf unseren ausdrücklichen Wunsch hin grüner Tee serviert, obwohl unsere Gastgeber zu unseren Ehren extra Kaffee besorgt haben. Das lockert die Spannung ein wenig. Mit den ersten Schlucken “Great Wall Red Wine” sinkt die Anspannung weiter. Und dann kommt das Essen. Damit fallen fast alle Hemmungen. Was da aufgetragen wird, ist so unfassbar köstlich, dass sogar ich von allem reichlich nehme. Dabei sind dann auch echte Feinheiten wie Qualle mit Lauch, Haarkrabbe, Zuckererbsen, Madarinfisch und diverse Fleische und Gemüse in aufregenden Zubereitungen. Allein an der Haarkrabbe, einer unwahrscheinlich angesagten shanghainese Delikatesse scheitere ich, wie fast alle Langnasen. Es gibt ein Ritual, wie das Viech zu zerlegen und zu verzehren ist, bloß nicht die Kiemen mit essen, dafür aber die Eier in den Weibchen, die sind das Beste, das ganze sieht aus wie umgekehrtes Origami und ist auch ungefähr so einfach. Wenn man dabei zusieht – der Selbstversuch endet in einem würdelosen Gemetzel, das dem Preis dieser Tiere nicht angemessen ist. Unsere Gastgeber tragen es mit Fassung. Letzten Endes läuft es auch hier wieder auf das bereits erwähnte Lutschen und Spucken hinaus.

Dennoch kann ich mit Sicherheit behaupten, noch nie so fantastisch chinesisch gegessen zu haben und ich bin mir sicher, dass unsere Gastgeber sehr sehr lange gebrütet haben, was sie den Langnasen denn auftischen können, ohne sie zu vergiften. Diese Übung ist bestens gelungen. So ruppig und unfreundlich wir die Shanghainesen bisher kennen gelernt haben, so herzlich, warm und voller offener Gastfreundschaft war dieser einmalige Abend. Ich habe wahrscheinlich auch noch nie so viel und ausgiebig über Witze gelacht, von denen ich allerhöchstens 5% verstanden habe. Dass uns anschließend ein Neffe des Brautvaters zurück in unser Appartement bringt, geht dabei dann auch schon als selbstverständlich durch.

Siehe oben: Auch das ist China

/cbx, Kategorie: Die China-Tagebücher -

 

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