Das schöne Suzhou und die Familie der Chinesen (2009-10-16)

18.10.2009 16:30 von /cbx, derzeit 0.32887 Kommentare

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Mit unserem Eintreffen in Shanghai sind wir auch schon fest in der Hand der Familie, die sich rührend um die von Fern angereisten Langnasen kümmert. Chen Dong, ein Cousin der Braut wird uns quasi exklusiv als persönlicher Betreuer abgestellt, da er als einer der wenigen recht gut englisch spricht. Hier lauert übrigens eine üble Falle, in die ich dann auch prompt getappt bin. Chinesen, die nur im Businessumfeld englisch sprechen, haben große Probleme, die Subtilitäten westlicher Sprachen zu berücksichtigen. Wenn man englisch quasi wörtlich aus dem Chinesischen übersetzt, klingt das dann sehr schnell unhöflich (Die Chinesen haben beispielsweise kein Wort für “bitte”) und arrogant. Später erweist er sich als ganz lieber Kerl, der alles tut, um unseren Besuch so angenehm wie möglich zu machen.


[Chen Dong und Tochter]

Heute wollen wir uns das malerische alte Städtchen Suzhou mit seinen Gärten und Gässchen ansehen. Dazu holt uns Chen Dong (mit Fahrer) vormittags ab uns bringt uns in seinem Van mal schnell dort hin. Das heißt, er versucht es, denn der Verkehr in Shanghai kennt 21h am Tag nur rush hour. Und so sitzen wir dann knapp 2 Stunden im Auto, während Chen Dong versucht, eine Konversation aufrecht zu erhalten. Seine 11-jährige Tochter ist auch mit von der Partie “um ihr English zu pracitsen”, was sie mit dauerhaftem verschämten Schweigen tut. Irgendwann kommen wir dann doch an und galoppieren im Laufschritt auf den Tiger Hill, auf dessen Gipfel eine uralte (Baujahr ca. 960) schiefe Pagode steht. Unser Gastgeber will uns so viel wie möglich zeigen und verzweifelt schier an unserer Langsamkeit. Nicht mal auf den teutschen turbo-Tourismus ist mehr Verlass. Unsere Wiederentdeckung der Langsamkeit trifft den doppelt schnellen Shanghainesen wie ein Schlag.


[Die schiefe Pagode am Tiger Hill]

Doch es wird noch schlimmer. Zuerst kriechen wir schon an den Steinen und Bäumen vorbei und dann gibt’s auch noch einen altchinesischen Tirolerabend, komplett mit Drache und Löwe sowie lautem Live-Getrommel. Und die Langnasen stehen und staunen. Endlich ist die Show vorbei und wir könnten weiter gehen, da kündigt sich eine noch viel größere (und natürlich längere) Show an. Und auch die sehen wir uns an. Jedenfalls fast. Als Dong’s Tochter glaubhaft andeutet, demnächst an Unterzuckerung zu sterben, gehen wir weiter. Wir fahren in die putzige kleine Stadt (5 Millionen Einwohner) und essen dort in einer sehr schlichten Bude einen typischen Suzhou-Snack. Witzigerweise ist alles eher süßlich (mit Fleisch und Essig wohlgemerkt) aber sehr lecker.


[Schuhplatteln mit Drache und Löwen]

Wo die akute Lebensgefahr nun abgewendet ist, sehen wir uns dann noch den weltberühmten Garten an. Auch chinesische Gärten sind (wie die japanischen) Kunstwerke an und in sich. Der chinesische Garten dient der Kontemplation, der stillen Betrachtung der Natur auf dem Weg zu tieferer Erkenntnis. Im Garten in Suzhou wird man betört von den subtilen Düften der umgebenden Pflanzen während man ruhig in den Pavillionen weilt.


[Der “Garten”]

Nein, war ein Scherz. Chen Dong hatte kein Problem , uns schnell genug durch den Garten zu bugsieren, wir wurden von den Menschenmassen eh zügig durch geschoben. Glücklicherweise sagt das Büchlein, das man mit der Eintrittskarte bekommt, dass man nach Besichtigung dieses Gartens alles gesehen hat, was man an chinesischen Gärten zu sehen hat. Das erspart uns die Mühen aller weiteren Gärten und wir können einigermaßen zeitig zurückkehren.


[Der Garten in bunt mit potemkinschen Häusern]

Es ist schon interessant zu erkennen, dass täglich tausende Menschen im Laufschritt durch einen Ort hasten, dessen einziger Zweck einst Ruhe und Besinnung waren.

/cbx, Kategorie: Die China-Tagebücher -

 

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