The Shanghai wedding - Orgie mit Quickie (2009-10-17)

19.10.2009 02:34 von /cbx, derzeit 0.49391 Kommentare

Send to Kindle

Der Kulminationspunkt unserer asiatischen Bemühungen ist erreicht! Der Tag der Hochzeitszeremonie ist da. Das Datum ist gut ausgewählt, 7 ist eine recht gute Zahl und alle Termine mit 8 (Happyness) sind in Shanghai auf mindestens 2 Jahre im Voraus ausgebucht. Insofern haben wir noch einen guten Termin ausgefaßt. Für sehr kurzfristige Hochzeiten oder Scheidungen eignen sich hingegen Termine wie der 4, 14 und der 24 (mit der Todeszahl 4).

Für eine Hochzeit in Shanghai nehme man:

  • Ein Brautpaar, gerne auch gemischt
  • Mindestens 100 Verwandte
  • Einen Fotografen
  • Ein Filmteam
  • Einen Saal in einem 5-Sterne Hotel
  • Einen launigen Profi-conferencier
  • Eine große Portion american style
  • Einige Hände voll chinesischen Kitsch
  • Einen gehäuften Teelöffel Tradition

und rühre alles im Lauf eines Tages gründlich durcheinander. Und das geht so:

Vormittags wird der Bräutigam von seinem best man mit einem großen geschmückten Boma (BMW) abgeholt. Er und seine “Familie” (das wären dann wir) fallen im Haus der Brauteltern ein, wo schon Braut, die bride’s maid und Massen von Verwandten warten. Der Bräutigam wird mit Feuerwerk empfangen (“Feuerwerk” nennt man in diesem Zusammenhang übrigens eine Geräusch- und Rauchentwicklung neben der sich die Explosion von Tschernobyl wie ein staubiger Mückenfurz in Sibirien ausmacht). Die “Familie” des Bräutigams (das wären dann wir) wird mit Djao zi verköstigt, während der Bräutigam seiner neuen Mutter rituell Tee serviert und seinem neuen Vater (rituell) eine Zigarette anzündet. Dann bekommt das Brautpaar eine Suppe mit der es sich gegenseitig füttert. Müßig zu erwähnen, dass all dies im Beisein der Massen von Verwandten sowie im Scheinwerfer- und Blitzlichtschein der Film- und Fototeams geschieht. Das ganze dauert kaum eine Stunde.


[Das offizielle Mutimedia-Team]

Dann beginnt der wichtigste und zugleich mühsamste Teil: Die Fotostrecke. “Strecke” ist dabei auch im üblichen Sinn zu verstehen. Quer durch die (nicht so richtig kleine) Stadt geht es auf der Suche nach pittoresken Orten. Wie leicht das in einer Stadt ist, deren Seinszustand die Baustelle ist, dürfte einleuchten. Ein nicht unerhebliche Tross um Braut und Bräutigam sowie in diesem speziellen Fall die exotische “Familie” des Bräutigams (das wären dann wir) staut sich so durch die permanent verstopften Straßen der Stadt um sich dann durch die permanent verstopften Promenaden auf die permanent verstopften Plätze zu rempeln, wo dann (quasi zwischen den Menschenmassen durch) die typischen Hochzeitsfotos gemacht werden. Allerdings nicht 30 oder 50, sondern eher 300 bis 500. Dieses Procedere nimmt dann mühelos den Rest des Nachmittags ein und ist wirklich sehr sehr sehr ermüdend. Das war die Orgie.


[Brautpaar vor einer scenic location]

Der schlimmste Teil ist überstanden, jetzt geht es im großen Tross weiter zum Luxushotel, wo ein Saal für die rund 100 Gäste und die Prozedur angemietet ist. Dass zu diesem Datum mit nur einem Jahr Vorlauf überhaupt noch ein Saal zu kriegen war, mag daran liegen, dass unserer im 14. Stockwerk liegt (oder nach europäischer Zählweise im 13!).

Um 18:30 beginnt das, was uns Andy, der best man als “this is not a party, this is a procedure” erklärt. Die Gäste werden auf die Tische verteilt und glücklicherweise sitzen Braut- und Bräutigamsfamilie (das wären dann wir) auf jeweils eigenen Tischen, sodass die Lagnasen unter sich bleiben dürfen. Nur Chen Dong hat wieder die Arschkarte gezogen und bemuttert uns vorbildlich, indem er Vorgänge, Speisen und Wortmeldungen (so weit möglich) erklärt. Speisen (18 stehen auf der Liste) und Getränke (und natürlich Zigaretten) werden aufgetragen (alles was gut und teuer ist, wobei sich “gut” dann manchmal doch eher am chinesischen Geschmack orientiert). Mit nur 4 Minuten Verspätung ergreift der Conferencier das Mikrofon und büllt (der Wesenszustand des Chinesen ist die Lautheit) eine launige Anmoderation, gefolgt von salbungsvollen Worten in der Tradition großer amerikanischer Fernsehprediger womit er die Feier straff am roten Faden hält. Mit dem Auftritt der Braut (im 1. Kleid) beginnt die Übergabe durch den Vater, gefolgt von einer “Willst Du?” – “Willst Du auch?” Ansprache des Moderators. Beide stimmen zu und der erste Teil der Zeremonie ist erledigt.


[Brautpaar mit best man und bride’s maid im Saal]

Kurz ist Zeit zum Essen. Dann erscheint die verschwundene Braut im 2. Kleid und die Zeremonie geht mit allerlei lustigen Späßchen über das und mit dem Brautpaar weiter.
Um zu beurteilen, wie lustig die Späßchen waren, hat mein Chinesisch leider nicht ausgereicht. Immerhin dürfen Braut und Bräutigam während keiner der Moderationen die Bühne verlassen, sodass sie vom umfangreichen und sicher teuren Menü, das inzwischen weiter serviert wird, nichts mitbekommen. Nachdem genug gescherzt wurde, ist für das Publikum wieder Zeit zu essen. Das gilt zumindest für die “Familie” des Bräutigams (das wären dann wir), die Chinesen haben kein Problem, auch während der Moderationen weiter zu essen. Ich hingegen kann nur entweder zusehen (hören bringt ja eher wenig) oder mit Kuai zi essen.

Die dritte Moderation zeigt die Braut im 3. Kleid. Hauptsächlich geht es darum, dass Braut- und Bräutigamsmutter gemeinsam eine Fackel entzünden, mit der das Brautpaar dann gemeinsam eine Kerze auf der Hochzeitstorte anzündet. Dazu gibt es für uns ein sehr teures totes Meerestier (Seeohr-Schnecke) auf Reis im Bambusblatt und einen exzellenten Fisch. Fisch, erklärt Chen Dong, ist die letzte Hauptspeise, weil das Wort für Fisch (yu) gleich klingt wie das für “Ende”. Dann muss an jedem Tisch ein Redner dem Brautpaar einen Glückwunsch aussprechen und erhält dafür von der Brautmutter ein Geschenk. An unserem Tisch trifft es mich und ich beschließe tapfer, es nicht mit Chinesisch zu versuchen, sondern englisch zu reden. Dong übersetzt ebenfalls tapfer was er verstanden hat. Vielleicht nicht mal schlecht, denn das Publikum ist kurz erheitert.


[Die Braueltern und “die Familie”]

Nach der letzten kurzen Pause geht es, mit einer Braut im 4., klassisch chinesischen Kleid, in die Endrunde. Unter dem Gebrüll des Moderators muss der Bräutgam dann mit jedem einzelnen Gast anstoßen. Wenn einer dann “Gam bei” ruf, so müssen beide ihr Glas leer trinken. Eine solche Tradition würde in Tirol jährlich zu tausenden Hochzeitstoten und Frühwitwen führen, aber vielleicht sind die Chinesen diesbezüglich einfach weniger blöd (vielleicht fürchten Sie auch nur die zu Recht legendäre Trinkfestigkeit der Europäer). Es geht jedenfalls sehr gesittet zu und der Gesundheit des Bräutigams droht keine Gefahr. Zu essen gibt es dazu süßen Suzhou Cake und süße rote Bohnensuppe mit winzigen (etwas schleimigen) Knödeln sowie eine ganz süße Hochzeitstorte. Auch das Stück von der Torte landet übrigens, wie alles andere, auf dem großen Drehteller in der Mitte des Tisches und wird auch so gegessen, dass sich jeder einen Bissen raus schneidet und isst. Als Zugeständnis an die feindliche Materie des Kuchens verwenden dafür aber sogar die Chinesen Gabeln. Zum Abschluss wird das neue Ehepaar noch offiziell von Conferencier und Publikum verabschiedet (sie verlassen den Saal in Richtung honeymoon suite) und dann ist die Fete aus. Es ist 20:07 und die Gäste gehen einfach so nach Hause.

Naja, fast. Es entsteht noch ein kleinerer Tumult, weil sich viele der Gäste Mut angetrunken haben (vielleicht auch gesehen haben, dass wir abends keine Kinder essen) und jetzt unbedingt noch ein paar Worte mit den neuen, exotischen Verwandten wechseln wollen oder sich vielleicht sogar fotografieren lassen. Doch auch das geht schnell vorbei und um 20:47 sitzen wir schon wieder in Chen Dongs Auto auf dem Weg ins Hotel.

Heiraten in China: Was als Orgie beginnt, endet mit einem Quickie.

/cbx, Kategorie: Die China-Tagebücher -

 

Kommentare (anyone?)

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen.